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Full text of "Die perigenesis der Plastidule oder die Wellenzeugung der Lebenstheilchen: Ein Versuch zur ..."

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8, ^LäfJi ci^äfi^ ^'zai'if^ez^pza . 



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i 






Die 



Perigenesis der Plastidule 



oder die 



Wellenzeuguiig der Lebenstheilchen. 



Ein Versuch zur mechanischen Erklärung der 
elementaren Entwickelnngs -Vorgänge. 



Von 



Ernst iHaeckel , /sW - /?// 



Dr. phil. et med. 

Ordentlichem Professor der Zoolof ie und Director des zoc^ogischen Instituts 

an der Universität Jena. 



. Mit einer Tafel. 



-^O-- 



Berlin. 

Verlag von Georg Reimer. 



is-re. 



UNE LIBRARY. STANFORD UNIVERSITY 



«..* 



^71 



Dem 



hochverdienten 



Curator der Universität Jena 

MexTTi fieKeimm StaatstatK 

Dr. MORITZ SEEBECK 



widmet diese Schrift am Tage der 



fünfundzw^anzigj ährigen Jubelfeier 

seiner erfolgreichen Amtsthätigkeit. 

am 9. Mai 1876, 



in vorzüglicher Verehrung 



der Verfasser, 



\ 




eit einem Decennium macht sich in der Naturwissen- 
~^W^ Schaft mit stetig wachsender Kraft eine philosophische 

Bewegung geltend, deren Wellen immer weitere Kreise 
erregen und im Reiche der Philosophie eine entsprechende 
naturwissenschaftliche Strömung erzeugt haben. Je gewal- 
tiger einerseits die Masse neuer Entdeckungen anwächst, 
welche der emsige Pleiss zahlreicher Beobachter auf allen 
Gebietstheilen der Naturwissenschaft zusammenhäuft, desto 
stärker empfinden alle denkenden Naturforscher das Be- 
dürfniss, einheitliche philosophische Gesichtspunkte für 
deren Verständniss zu gewinnen und von der Kenntniss 
der Thatsachen zur Erkenntniss der Ursachen emporzu- 
steigen. Je weniger anderseits die zahlreichen, der Empirie 
feindlich gegenüberstehenden Systeme der metaphysischen 
Speculation einen bleibenden Erfolg erringen konnten, desto 
mehr drängt sich den weiter blickenden Philosophen die 
Ueberzeugung auf, dass nur auf der sicheren Basis jener 
empiinschen Errungenschaften ein dauerhaftes System der 
Erkenntniss errichtet werden kann, und dass dabei noth- 



— 8 — 

wendig die Kenntniss der Thatsachen der Erkeimtniss ihrer 
Ursachen vorausgehen muss. 

Unter den mancherlei Umständen, welche diese erfreu- 
liche Annäherung der Philosophie und der Naturwissen- 
schaft herbeigeführt und begünstigt haben, ist unstreitig am 
wichtigsten die Umgestaltung derEntwickelungslehre, 
zu welcher Quirles Darwin durch sein epochemachendes 
Werk „über die Entstehung der Arten" den ersten Anstoss 
gab. Wenn dieser grosse Naturforscher es auch vorsichtig • 
vermied, seiner Selections -Theorie und der dadurch refor- 
mirten Descendenz -Theorie das Gewand eines philosophi- 
schen Systems zu geben und die damit verbundenen Con- 
sequenzön zu ziehen, so kann doch kein tiefer Blickender 
mehr zweifeln, dass der beispiellose Erfolg von Darwins 
Schriften nicht in dem ungeheuren Reichthum der zusam- 
mengestellten empirischen Thatsachen, sondern in deren 
geistvoller Erklärung und Verknüpfung durch das gemein- 
same Band der Entwickelungs -Theorie liegt. Diese ein- 
heitliche Erklärung der verschiedenartigsten Erscheinungen 
ist aber eine philosophische That. 

Den ersten umfassenden Versuch, die philosophischen 
Grundgedanken der neu erstandenen Entwickelungslehre 
systematisch auszubilden, imd insbesondere die Wissen- 
schaft von den organischen Formen durch die Descendenz- 
Theorie mechanisch zu begründen, unternahm ich vor zehn 
Jahren in meiner „generellen Morphologie der Organismen". 
Wie verfehlt und übereilt dieser Versuch in vieler Beziehung 
auch war, so haben sich doch manche darin niedergelegte 
neue Vorstellungen inzwischen als naturgemäss und frucht- 
bar erwiesen. Das scheint mir namentlich von meiner Auf- 



tfassiuitr der beiden liaujilzwBige der (H'gaiiischüu Ent^ 
wickeliuigsgescliiclite und des zwisüheii Beiden liesteliendttii 
ursäciiliclien Zusauiuieulianges zu gelten. 

Bisher liatte man unter „Entwickelungsgesdiiclite" 
bciüeditweg nui' ditgenige der iuilividueUen (irganischen 
formen verstanden, die sogenannte „Embryologie" und 
äie „Metamorphologie" (oder embryonale und posl«nibr.yo- 
ipale Eiitwickelung:sge8cliiclite), die beide uiitei' dem Be- 
"griffe der Keimesgescliichte oder Ontogenie zusammeii- 
gefasst werden können. Aber diese Ontogenie ist nur 
ein Uauptzweig der Biogenie oder der alluuil'asseuden 
^Entwickelnngsgescliichte der Organismen." 

ÄJh zweiter Hauptzweig steht ihr gegenüber die 
laläontologisclie Eutwickelungsgeschiclite der organisuhen 
LTten und Stämme, der Poniien-Ketten welche im unuuter- 
ßiroclieaen Zusammenhange ungezählter Generationen von 
&.uheginu des orgauisclien Lebens auf uiiHereiri i*la.neten 
Bbis zui- Gegenwart sieh entwickelt haben. Diese Eüt- 
Itvickeluugsgpschichte der Geuerationareihen, „ PaÜtontologie 
lud Genealogie" umfassend, wird am besten kuiz als 
mesgeschicUte oder Phylogenie bozeidmet. 
Keiraesgesdiiehte und Stammesgesehichle , Ontogenie 
[nd Phylogenie. sind nach nietner Aufi'assuug zwei Wissen- 
schaften, welche in dem engst«n und uumittelbarstun ur- 
B^ächlicheu Zusaumienhang stehen. Dass Beide oich in so 
jyei-schiedeuem Maasse entwickelten, dass die ältere Keiriies- 
ächicht« frUlier allein als die „eigentliche Entwickelungs- 
b;esdiichte'' galt, während die jüngere StamuiesgeKt^hichto 
rat vor zehn .Jahren zu selbständiger Geltung kam und 
elhdt heute nodi vielfach nicht anerkannt wird, da» liegt 



— 10 — 

einerseits an der verschiedenartigen empirischen Methode, 
andererseits an den ungleichen theoretischen Ansprüchen 
beider Disciplinen. Denn die individuelle Entwickelung 
der Organismen, ihre Keimesentwickelung oder Ontogenesis, 
ist ein rascher Bildungsprocess, welcher in kürzester Zeit 
unter unseren Augen verläuft, und dessen äussere Er- 
scheinungsreihe wir unmittelbar von Anfang bis zu Ende 
verfolgen können, meist innerhalb weniger Wochen oder 
Monate, selten in längerer Zeit. Schritt für Schritt, und 
Stufe für Stufe, können wir hier durch zusammenhängende 
Beobachtung die veränderliche Formenreihe erkennen, 
welche jedes einzelne Thier, jede einzelne Pflanze vom 
Ei bis zur Vollendung durchläuft. Hingegen ist die 
paläontologische Entwickelung der Organismen, ihre 
Stammesentwickelung oder Phylogenesis , ein langsamer 
Bildungsprocess, der ungeheuere Zeiträume erfüllt, dessen 
einzelne Schritte nach Jahrtausenden, dessen wahrnehm- 
bare Wegstrecken, geologischen Formationen entsprechend, 
nach Hunderttausenden und Millionen von Jahren zu be- 
messen shid. Der Unterschied zwischen einer Secunden- 
Uhr, deren Zeiger seinen Kreislauf innerhalb einer Minute, 
und einer Jahres-Uhr, deren Zeiger den seinigen im Verlauf 
von 365 Tagen vollendet, ist nicht so gross, wie die 
Differenz zwischen dem athemlosen Geschwindschritt der 
Keimesgeschichte und dem kaum wahrnehmbaren Dahin- 
schleichen der Stammesgeschichte. Was aber noch viel 
mehr ins Gewicht fällt, das ist die mangelliafte empirische 
Basis der letzteren. Die paläontologische „Schöpfungs- 
urkunde", welche uns unmittelbar in der Reihenfolge der 
Versteinerungen die Bilder- Gallerie der ausgestorbenen 



— 11 — 

Vorfahren unserer heutigen Organismen aufdecken sollte, 
ist aus bekannten Gründen im höchsten Maasse unvollständig 
und lückenhaft. Sie würde uns selbst in ihren sehr wich- 
tigen Rest -Fragmenten kaum verständlich sein, wenn 
wir nicht zu ihrer Ergänzung und Ausfüllung zwei andere, 
höchst werthvolle Urkunden besässen: Die vergleichende 
Anatomie und Ontogenie. Welche hohe Bedeutung hier 
insbesondere der „vergleichenden Anatomie" zukommt, hat 
vor Allen Carl Gegenhaur in seinen mustergültigen Arbeiten 
gezeigt. Durch die gründliche Kenntniss, die denkende Ver- 
gleichung und die kritische Benutzung dieser drei wichtigsten 
„Schöpfungs-Urkunden", der vergleichenden Anatomie, On- 
togenie und Paläontologie, wird es uns möglich, die Grund- 
züge der Phylogenie oder Stammesgeschichte zu erkennen. 
Von der höchsten Wichtigkeit dafür ist vor Allem der 
unmittelbare Causal-Nexus zwischen Ontogenie und Phylo- 
genie. Dieser bedeutungsvolle ursäcldiche Zusammenhang, 
den schon die ältere Naturphilosophie vor einem halben 
Jahrhundert ahnte, und den nächst Danoin vor Allen Fritz 
Müller betonte , lässt sich in folgendem Satze formuliren : 
„Die Formenreihe, welche der individuelle Organismus 
während seiner Entwickelung von der Eizelle an bis zu 
seinem ausgebildeten Zustande durchläuft, ist eine kurze 
gedrängte Wiederholung der langen Formenreihe, welche 
die thierischen Vorfahren desselben Organismus, oder die 
Stammformen seiner Art von den ältesten Zeiten der so- 
genannten organischen Schöpfung an bis auf die Gegenwart 
durchlaufen haben." (Vergl. die gen. Morphol., Bd. II., 
S. 295—300. Jenaische Zeitschr. für Naturw. Bd. VIII., 
S. 5; Bd. IX., S. 409; Bd. X., Suppl., S. 77.) 



— 12 — 

Mit anderen Worten: „Die Keimesent Wickelung ist ein 
Auszug der Stammesentwickelung ; um so vollständiger, je 
mehr durch Vererbung die Auszugs -Entwickelung oder 
Palingenesis beibehalten wird ; um so weniger vollständig, 
je mehr durch Anpassung die Fälschungs- Entwickelung 
oder Cenogenesis eingeführt wird.** 

Wie dieses biogenetische Grundgesetz der wahre 
Ariadne - Faden ist, der uns durch das verschlungene La- 
byrinth der Stammesgeschichte leitet, das glaube ich in 
meiner Gastraea-Theorie an dem Beispiele der Gastrula für 
das ganze Thierreich gezeigt zu haben. In meiner Mo- 
nographie der Kalkschwämme habe ich dasselbe für 
sänmitliche stammverwandte Formen dieser kleinen Thier- 
gruppe auf das genaueste im Einzelnen nachgewiesen, und 
in meiner Anthropogenie an dem besonderen Beispiele der 
Eutwickelungsgeschichte des Menschen nachzuweisen ver- 
sucht. Alle Vorgänge in der Keimesgeschichte sind ent- 
weder palingenetischer oder cenogenetischer Natur. 

Nachdem nun die Vererbung als die bewirkende Ur- 
sache der Palingenesis, die Anpassung als die „causa 
efflciens" der Cenogenesis und Beide zusammen als die 
wesentlichen Factoren der Ontogenesis erwiesen waren, 
uiusste es als nächste Aufgabe erscheinen, die Vererbung 
und Anpassung selbst als physiologische Functionen ' der 
Organismen näher zu ergründen. 

In der „generellen Morphologie** hatte ich die Ver- 
erbung mit der Fortpflanzung, die Anpassung mit der 
Ernährung in unmittelbaren physiologischen Zusammenhang 
gebracht und damit die Möglichkeit einer mechanischen 
Auffassung imd einer physikalisch -chemischen Erklärung 



— 13 — 

incli für jene beiden wichtigsten „formbildenden Functionen" 
~ Organismen dargethan. Denn wenn die heutige Phy- 
ktlogie mit vollem Rechte dem Vitalismus und der Tele- 
ologie ihre Pforte verscliliesst . wenn sie jede mystische 
und übernatürliche Action nac.b Art der „Lebenskraft" 
verwlift. und auf ilirem Gebiete nur physikalisch-chemische 
oder in weiterem Sinne „ mechanische " — Kräfte 
irken lässt. so muss sie auch für die beiden wichtigsten 
iehensthätigkeiten der Purmbildung, für die Vererbung 
bid Anpassung, eine solche meclianische Erklämng snchen. 
tad wenn unser grosser kritisclier Philosoph Immanuel Kanl 
lät vollem Rechte an die Naturwissenschaft die Forderung 
teilt, überall mechaidsche Ursachen (causae etücientes) an 
J Stelle der zweckthätigen Ursachen (cansae finales) zu 
; wenn Knut ferner behauptet, dass der Mechanismus 
"allein eine wirkliche Erklärung der Erscheinungen ein- 
schliesse, und dass es „ohne das Princip des Mechanismus 
in der Natur überhaupt keine Naturwissenschaft geben 
i^Otme", 80 werden wir auch für unsere Eutwickelungs- 
FigBachichte als echte Natiirwissenschaft diesen monistischen 
Standpunkt als den allein berechtigten anerkennen und ffir 
die physikalischen Thatsaclien der organischen Entwickelung 
auch nur nach mechanischen Ursachen suchen dürfen. 
Nun hat aber die moderne Physiologie, der eigentlich 
Bdiese Aufgabe zufilUt, bis heute noch nicht den Versuch 
fSwagt, die Vererbung und Anpassung in' diesem Sinne 
irklich in Augriff zu nehmen und die Elementar -Vor- 
gänge in beiden physiologischen Functionen aufzusuchen. 
Einen einzigen derartigen Versuch hat bis jetzt nur Oiarleg 
Dartoin unternommen, als er 1868 seine „provisorische 



— 14 — 

Hypothese der Pangenesis" aufstellte. Es geschah 
dies iin zweiten Baude des werthvollen Werkes über „das 
Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Do- 
mestication" (27. Capitel). In der kürzlich erschienenen 
zweiten Auflage dieses Werkes (1875) hat Darwin seine 
Pangenesis-IIypothese noch ausführlicher und mit einigen 
Älodificationen vorgetragen, und ich gebe hier zunächst 
ihi^en Kern mit denselben Worten, mit denen sie ihr Be- 
gründer daselbst zu^ammenfasst (Vol. 11. p. 369). „Es 
wild allgemein zugegeben, . dass die Zellen oder Einheiten 
des Körpers, sich durch Selbsttheilung oder Knospung 
vermehren, wobei sie dieselbe Natur beibehalten; und dass 
sie scldiesslich in die vei^schiedeuen Gewebe und Substanzen 
des Körpers verwandelt werden. Aber ausser diesen Ver- 
mehrungsweiseu nehme ich an, dass die Einheiten (oder 
Zellen) kleine Körnchen abgeben, welche durch das ganze 
System (des Körper) zei'streut werden; dass diese, wenn 
sie mit gehöriger Nahi*ung versorgt werden, sich durch 
Selbsttheilung vervielfältigen, und schliesslich zu Einheiten 
(oder Zellen) entwickelt weixleu, gleich denen, von denen 
sie ursprünglich abgeleitet sind. Diese Körnchen können 
«Keimchen^ (oder »(xemmules'^) genannt werden. Sie 
sanmieln sich aus allen Theilen des Körpers, um die Gre- 
schlechtiSielemeute zusammenzusetzen, und ihi^e Entwickelung 
in der nächsten Generation bildet ein neues Wesen; aber 
sie sind gleicheiweise auch fähig, in einem schluumiemden 
Zustande an künftige Generationen überliefert und dann 
ei'st entwickelt zu wenien. Ihre EIntwickelung hängt ab 
von ihivr Yeivinigung mit andea'en, theilweise entwickelten 
oder entstehenden Zellen, welche ihnen im regelmässigen 



— 15 — 

Verlaufe des Wachsthums vorausgehen. Warum ich den 
Ausdruck „Vereinigung" gebrauche, wird sich zeigen, 
wenn wir die directe Einwirkung des Pollens auf die Ge- 
webe der Mutterpflanze erörtern. Es wird angenommen, 
dass Keimchen von jeder Einheit oder Zelle nicht blos 
während ihres erwachsenen Zustandes abgegeben werden, 
sondern auch während jedes Entwickelungszustandes eines 
jeden Organismus; aber nicht nothwendig während der 
fortgesetzten Existenz derselben Zelle. Endlich nehme ich 
an, dass die Keimchen in ilirem schlummernden Zustande 
eine gegenseitige Verwandtschaft zu einander haben, welche 
zu ihrer Anhäufung entweder zu Knospen oder zu Sexual- 
Elementen führt. Daher sind es nicht die Geschlechts- 
Organe oder die Knospen, welche neue Organismen erzeugen, 
sondern die Einheiten oder Zellen, aus denen jedes Indi- 
viduum zusammengesetzt ist." 

Dies ist mit kurzen Worten die „Provisorische Hypothese 
der Pangenesis" von Charles Darwin, Ihre ausführliche 
Auseinandersetzung und Begründung, ihre Anwendung auf 
die verschiedenen Haupterscheinungen der organischen 
Entwickelung^ und namentlich ihre Benutzung zur Erklärung 
der Vererbungs- und Anpassungs - Phänomene ist in dem 
Original- Werke selbst nachzusehen; einem Werke, welches 
durch die fleissige Zusammenstellung und kritische Sichtung 
eines unendlich reichen Beobachtungs-Materials, wie durch 
die geniale Auffassung und klare Darlegung desselben uns 
den grossen britischen Forscher in seiner ganzen Be- 
deutung zeigt. 

Charles Darwin selbst hat seine „Hypothese der Pan- 
genesis" von Anfang an als eine provisorische bezeichnet, 



— 16 - 

als einen ersten Versuch, die Gesamnitheit Aev organisdien 
Entwickelimgsproccsse auf ihre elementaren Ursachen zu- 
i-flckzo^Iiren und sie so von einem einheitlichen r^usalen 
Gesichtspunkte aus zu erklären. Gleich seiner Selections- 
Tlieorie hat anch diese Pangeneais-Hypothese sofort das 
lebhafteste Interesse erweckt und vou rler einen Seite 
ebenso lebhaften Beifall, al» von der anderen entschiedenen 
Widerspruch erfaliren. Ich selbst habe in meinen bis- 
herigen Ai'beit«n dieselbe nicht berüliit und liabe so- 
wohl in der Natürlichen Schöpfungsgeschichte und in 
dei' Anthropogenie, wie in meinen übiigen Beitiägen zur 
Entwickelungslehre bis heute die Pangenesis absichtlich 
mit Stillschweigen übergangen. Ich brauclie wohl nicht 
hinzuKitfügen, dass weder Mangel an Interesse noch an 
Hochachtung vor dem schaifsinnigen Autor mich zn diesem 
Stillschweigen veranlasst hat. Vielmehr liegt der wahre 
Grund desselben in Folgendem: von Anfang an, und sofort 
nachdem ich vor acht Jahren mit der Pangenesis bekannt 
geworden, habe ich mich in entschiedenem inneren Wider- 
spruche mit dei-selben befunden ; einem Antagonismus, der 
um so stärker und unüberwindlicher wurde, je mehr ich 
durch eingehendstes Nachdenken mich mit der Pangenesis 
zu befreunden und durcli ihre Anwendung auf die ver- 
schiedensten Erscheinungen der Entwickelang ihre Brauch- 
barkeit zu erkennen suchte. Nun war ich aber stets und 
bin auch noch heute von viel zu hoher Verehmng für 
Ouirle» Darwin^ von viel zu aufrichtiger Bewundeniiig für 
seine leitenden Ideen erfüilt, als (lass ich einer so um- 
fassenden und grossartig angelegten Eypothese hätte ent- 
gegentreten und ihre Wideilegung versuchen mögen, ohne 



I irgend etwas Amleres au ihre Stelle setzen zu können. 
\ Wenu icli uun lieute (liesen Vei-sacli iiier wage, so ge- 
I scbielit es, weil einige, vor zelm Jalireu in der „(ieue- 
Lrelleu Murphülogie" niedergelegte Keime sicli inzwisclien 
. eiuer eigenen Hypotliese entwickelt haben, welche mir 
* tnehr innere Wahrscheinlichkeit als die Pangenesis zu be- 
sitzen scheint und von der ich selbst hoffen zu (lürfen 
glaube, dass sie sich zum Hange einer genetischen Mole- 
jCTilar-Theorie wird ausbilden lassen. Ich bezeichne diese 
Hypothese als die „Perigenesis der Plastidule-' oder 
j»m eine möglichst entsprechende deutsche Bezeichnung zu 
versuchen, als die „Wellenzeugung der Lebeus- 
^heilchen." 

Um Missveretäuduisse zu vemieideu und der irrij^en, 
^egen die Kohlenstofftheorie und gegen andere meiner 
1 theoretischen Speculationen geltend gemachten Ansicht 
■Torzubeugen, dass ich ein neues „Dogma" in die Natur- 
Lwiäsenschaft einführen wolle, bemerke ich zum voraus, 
sdass ich auch diese „Perigenesis der Plastidule" zunächst 
^nar als eine „provisorische Hypothese" betrachte; 
wenngleich ich die Hoffnung hege, dass darin die Keime 
zu einer umfassenden Theorie liegen, von der aus vielleicht 
kQnftig die Gesammtbeit der organischen Entwickehmgs- 
Phänomene sich streng mechanisch, ans physikalisch - che- 
mischen Elementar - Vorgängen wird erkläi'en lassen. Zu- 
gleich erkläre ich mit Bezug auf Chaihs Dar^i'ln, meinen 
hochverehi'ten Freund und Meister, dass meine Opposition 
sieh ausschliesslich auf seine „Pangenesis" bezieht, wäL- 
i-ead ich seine übrigen theoretischen Anschauungen — 
insbesondere sein eigenstes Werk, die yelectionatheorie mit 



„ 18 - 

ihren Consequenzen — nach wie vor vollständig theile 
und nach Kräften vertrete. Diese Erklärung ist sicher 
überflüssig gegenüber Darwin selbst. Denn der grosse 
britische Naturforscher, der eine neue und unendlich frucht- 
bare Epoche der Biologie einleitete, und dem ich selbst 
die grösste Anregung für meine Arbeiten verdanke, ist 
viel zu fest von meiner aufrichtigen Dankbarkeit und 
treuen Hingebung überzeugt, als dass er durch meine Be- 
kämpfung der Pangenesis und die Gegenüberstellung der 
Perigenesis irgendwie daran irre gemacht werden könnte. 
Dagegen erscheint diese Erklärung wohl geboten durch 
die Taktik zahlreicher Gegner der Descendenz-Theorie, 
welche jede, im Lager ihrer Anhänger auftretende 
Meinungsdifferenz mit Freuden als Zeichen ihrer inneren 
Unsicherheit begrüssen. Ich hebe daher nochmals aus- 
drücklich hervor, dass Darwin'^ Selections- Theorie und die 
durch letztere neu begründete Descendenz-Theorie nach 
meiner Ueberzeugung unerschütterlich feststehen und durch 
die hier folgenden speculativen Erörterungen nicht im 
Mindesten bedroht werden. Hier handelt es sich blos um 
eine Hypothese zur mechanischen Erklärung der elemen- 
tarsten Entwickelungs- Vorgänge. Mag die Pangenesis oder 
mag die Perigenesis richtig sein, oder mögen beide falsch 
sein, die Descendenz-Theorie von Lamarck und die Selec- 
tions - Theorie von Darwin werden dadurch nicht im Ge- 
ringsten erschüttert. 

Zur Begründung unserer Perigenesis gehen wir von 
derjenigen Anschauung der organischen Welt aus, welche 
sich unmittelbar auf die Natar ihrer erkennbaren Ele- 
mentartheile stützt und welche in der herrschenden Zellen- 



— 19 — 

jTheorie ihren urafassemlsten Ausdruck findet, Seitdem 

Ke Zellen -Theoiie im Jalire 1838 hier in Jena durch 

neu genialen Botaniker Bekleiden für das Pflanzenreich 

libegrllndet und im folgenden Jahre von Si-Jueaun auf das 

■ Tliierreich ausgedehnt wui'de, gilt dieselbe in der Botanik 

sie in der Zoologie, in dei' Morphologrie wie in der Phy- 

kologie der Organismen mit voUeni Rechte als die feste 

isis und als der unerschütterliche Ausgangspunkt für 

»de elementare Untersuchung. Wie selu' auch der Be- 

p-iff der „Zelle" in den seither verflossenen 38 Jahren 

sich veränderte, wie grossartig aui;h die Zellen-Theorie 

im Inneren überall ausgebaut und im Aeussere» erweitert 

wurde, ilir G-rimdgedanke ist unverändert derselbe geblieben 

md hat sich zu immer höherer Geltung erhoben. Dieser 

ßrundgiedanke liegt darin, dass wir die mikroskopischen 

eilen als selbstständige Lebewesen, als physiologisr-h 

lud morphologisch autonome Organismen anzusehen haben ; 

ÜTilcke hat sie deshalb passend als Elementar-Organismeu 

liiiezeichnet, Virchow als Lebensheerde. Darwin als Lebens- 

iaheiten; mit Beziehung auf die übergeordneten Stufen 

&er organischen Individualität (Organ, Person Stock) 

labe ich sie in der generellen Moiph^dogie als „Tndi' 

^duen erster Ordnung" unten an die Basis der ana- 

Eomischen Individualitätslehre gestellt. Vor allen an- 

tfleren Naturforsehern hat Rudolf Virchow das bleibende 

Verdienst, in diesem Sinne die Zellenlehre nach allen 

Richtungen hin durchgeffilirt und durch seine ^.Cellular- 

Patholügit?" der neueren Medicin die feste histologische 

Basis gegeben zu haben; und wenn ich selbst zum elemen- 

.taren Ausbau der Entwickelungslehre Einiges beitragen 



— 20 — 

konnte, so danke ich es zum grossen Tlieile den cellular- 
biologischen Anschauungen, mit denen mich der Unter- 
richt Virchow''^ vor zwanzig Jahren in Würzburg durch- 
dilingen hat. Seiner Anschauung folgend betrachte ich 
jeden höheren Organismus als eine organisirte sociale 
Einheit, als einen Staat, dessen Staatsbürger die einzelnen 
Zellen sind. Wie in jedem civilisirten Staate die einzelnen 
Staatsbürger zwar bis zu einem gewissen Grade selbst- 
ständig, aber zugleich durch die Arbeitstheilung von ein- 
ander abhängig und den Gesetzen des Ganzen unterworfen 
sind, so gemessen auch im Körper jedes höheren Thieres 
und jeder höheren Pflanze die zahllosen mikroskopischen 
Zellen zwar bis zu einem gewissen Grade ihre individuelle 
Selbstständigkeit, sind aber ebenso durch die Arbeits- 
theilung ungleichartig ausgebildet und von einander ab- 
hängig; zugleich werden sie durch die Gesetze des cen- 
tralisirfen Ganzen mehr oder minder beherrscht. Dieser 
vollkommen zutreffende und oft angewendete politische 
Vergleich ist kein entferntes Sinnbild, sondern beansprucht 
reale Geltung; die Zellen sind wirkliche Staatsbürger. 
Er kann auch noch weiter dahin ausgedehnt werden, dass 
wir den straffer centralisirten Thierkörper als eine Zellen- 
Monarchie, den weniger centralisirten Pflanzenorganismus 
als eine Zellen- Republik betrachten. Wie uns die ver- 
gleichende Staatswissenschaft in den gegenwärtig noch 
existirenden Staatenbildungen der Menschheit eine lange 
Reihe der aufsteigenden Vervollkommnung von den rohen 
Horden der Wilden bis zum höchst entwickelten Cultur- 
staate vorführt, so zeigt uns auch die vergleichende Ana- 
tomie der Thiere und Pflanzen eine lange Stufenleiter 



— 21 — 

snnehmeiirter VeivoUkniiiniming; im Zellen -Staate. Da 

treffen wir unten, auf der tiefsten Stufe der Association 

mrt GemeindebÜdimg der Zellen, die niederen Algen und 

le, die Scliwämme und Korallen, die mit ilirer geringen 

j'bejtsthPÜung imd CentraJisatiun sieh nicht über den Rang 

'■roher Wildenhordeu erhoben haben. Hingegen finden wir 

oben auf der Höbe der Entwickelung die gewaltige Zellen- 

Eepiiblik des Baumes, die bewunderungswürdige Zellen- 

, Monarchie des Wirbelthieres, in welchen die mannigfaltige 

I Ausbildung und Arbeitstbeilung der constituirenden Zellen 

■ Entstehung der verschiedensten Organe Veranlassung 

begeben bat, und in welchen die Coordiiiation und Sub- 

^dinstion lier Staude, das Zusammenwirken tiir die 

iTohlfabit des Ganzen, die Centralisation der ßegierung, 

mrz mit einem Worte die , Organisation", eine erstaun- 

Üche Höbe erreicht bat. Gewöhnlich nimmt man irrthüm- 

lich an, dieser grosse verwickelte Organismus mit seiner 

-zweckmässigen Emriebtung-' könne nur diuxli einen vor- 

ledachten Schöpfungpplan ins Leben gerufen sein. Und 

loch hat sieb dieser planvoll organisirte Zellenstaat im 

Aufe vieler Millionen Jahre ohne vorbedachten , Zweck'' 

'. ebenso notliwendig diu'ch das Zusammenwii'ken und 

Hie historische Ausbildung der constituirenden Zellen ent- 

^ckelt, wie sich der menscliliclie Culturstaat im Laufe 

uiger Jahrtausende Schritt fTir Scbntt durch die 

Wechselwirkung und die fortschreitende Arbeitstbeilung 

[".der Staatsbüi-ger entwickelt bat. Die Culturgescbichte 

P der Menschheit erklärt uns die Oi'ganisationsgeschichte 

[ yder vielzelligen Organismen. 

Dieser politische Grundgedanke der Zellen-Theorie, von 



— 22 — 

dem das ganze Verständniss der Biologie abhängt, wird 
durch die Entwickelungsgeschichte gerechtfertigt. Jeder 
höhere und jeder niedere vielzellige Organismus entwickelt 
«ich ursprünglich aus einer einzigen Zelle, aus der Eizelle ; 
und wie wir diesen einzelligen Ursprung an jedem Indivi- 
duum unmittelbar beobachten können, so dürfen wir ihn 
für jeden organischen Stamm, für jede Gruppe von stamm- 
verwandten Arten unbedenklich annehmen. Die empirisch 
nachgewiesene einzellige Keimform ist nach unserem bio- 
genetischen Grundgesetze die Wiederholung einer ent- 
sprechenden, ausgestorbenen, unbekannten Stammform. Die 
Beschaffenheit solcher einzelligen Stammformen wird uns 
wieder vortrefflich erläutert durch die zahlreichen, heute 
noch lebenden einzelligen Organismen, z. B. die Amoeben. 
Flagellaten, Diatomeen u. s. w. Das sind wilde Einsiedler, 
die ihr freies, selbstständiges Leben als Einzelzelle beibe- 
halten und sich nicht zur Association und Staatenbildung 
entschliessen können. 

Festhaltend an diesem cellular - politischen Grundge- 
danken, der den eigentlichen Schwerpunkt für das Ver- 
ständniss der Zellen - Theorie bildet, müssen wir nun die 
wichtigsten Wandelungen kurz berühren, welche die letztere 
in neuester Zeit erlitten hat. Als folgenschwerster Fort- 
schritt ist da zunächst die Protoplasma-Theorie zu er- 
wähnen, welche zuerst von Ferdinand Colin 1860 aufgestellt, 
dann von Max Schätze 1861 weiter ausgebildet wurde und 
i© England eine ähnliche Formulirung durch Lionel Beate 
1862 erfuhr. Ausgehend von der Aehnlichkeit, welche 
unter dem Mikroskope die Structur des gewöhnlichen 
Pflanzengewebes auf dem Durchschnitte mit einer Bienen- 



— 23 — 

wabe zeigt, hatte man die selbststandigen aber dicht an 
[einander liegenden Elementartheile des ersteren mit den 
Hon^zellen der letzteren verglichen nnd danach eben 
.Zellen'" genannt. Hier wie dort schien die „Zelle" ein 
jenes, mit Flüssigkeit erfülltes Säckchen oder 
.Bläschen zu fein. Bald aber zeigte es sich, rlass bei sehr 
vielen Zellen eine äussere, feste, nmschfiessende HlUle. 
^ne eigentliche Zellmembran, ganz fehlt; nnd dass die Zelle 
wesentlich nur ans dem weichen, nicht flüssigen, sondern 
Bestflüssigen „Zelleninhalte". richtiger der eigentlichen 
JüZellsubstanz" besteht. Diese Zellsnbstanz wii'd bald aus- 
schliesslich . bald zu ihrem wichtigsten Theile aus einem 
Eäweissartigeu Stoffe gebildet, welchen zuerst Hugo Mohl 
frkannte nnd als Protoplasma, als .das zuerst Gebildete" 
zeichnete. Das Protoplasma oder die eigentliche _Zell- 
im engeren Sinne ist überall eine stickstoffhaltige 
Kohlenstoff-Verbindung von sehr verwickelter chemischer 
Zusammensetzung: sie befindet sich an der lebenden Zelle 
tets in einem weichen, festflnssigen Dichtigkeits- oder 
^ggregats-Zustande; was aber das Wichtigste ist. sie 
PBclieiut als der eigentliche Träger der Lebens -Erschei- 
mgen. als der active Factor des Zellenlebens : das Proto- 
lasma vollzieht die Fiuictionen der Eniährnng und Fort- 
ifianznng, der Empfindung: und Bewegung: das Protoplasma 
] die eigentliche „Lebens-Substanz". oder wie Huxlen 
„die physikalische Basis des Lebens." 
Während .so das Protoplasma oder , die lebendige Zell- 
^bstanz" in den Vordergrund der Zellen-Theorie trat, 
irden durch diese primäre, active Lebens - Substanz 
Hjd alle anderen, noch im entwickelten Organismus be- 



— 24 — 

findlichen Gewebes-Elemente — insbesondere die Zellmem- 
branen und die Intercellular-Substanzen — als secundäre 
accessorische Bestandtlieile, als passive „Protoplasma-Pro- 
ducte" in den Hintergrund gedrängt. Nur ein einziger 
weiterer Bestandtlieil machte davon, eine wichtige Aus- 
nahme, der schon von Schieiden und Schwann hervorgehobene 
Zellkern (Nucleus oder Cytoblastus) : ein kleinerer, vom 
Protoplasma umschlossener Körper, welcher diesem in 
chemischer und physiologischer Beziehung zwar sehr nahe 
verwandt, aber doch wesentlich davon verschieden und 
morphologisch gesondert ist. Frülier nur für einen un- 
wesentlichen und oft fehlenden Zellbeistandtheil gehalten, 
stellte sich der Zellkern immer mehr als ein allgemein ver- 
breiteter und höchst wichtiger Zellbestandtheil heraus. 
Zuletzt ergab sich, dass jede echte Zelle entweder zeit- 
lebens oder doch wenigstens in ihrer frühesten Jugend 
einen echten Zellkern besitzt und dass dieser mindestens 
für gewisse Vorgänge des Zellenlebens, insbesondere für 
die Zelltheilung, eine ebenso grosse oder grössere Bedeu- 
tung als das Protoplasma besitzt. Insbesondere haben uns 
die ausgezeichnet sorgfältigen Untersuchungen der neuesten 

Zeit von Eduard Strasburger, Oscar Hertwig, Leopold Auer- 

lach, Otto Bütschli u. A. darüber die wichtigsten Aufschlüsse 
gegeben. Ist auch im Einzelnen die wichtige Rolle des 
Zellenkerns noch nicht ganz festgestellt, so bleibt jetzt doch 
so viel sicher, dass der Zellenkern mit und neben dem 
Protoplasma als wichtigster lebendiger Zellbestandtheil im 
Vordergrund des Zellenlebens steht. Es war daher voll- 
kommen gerechtfertigt, wenn ich in der generellen Mor- 
phologie Nucleus und Protoplasma als die beiden wesent- 



— 25 — 

;lieii, ztini Begriff der Zelle unentbehrlichen Bestandtheile 
irselben bezeichnete, und sie als active Zellbestandtheile 
passiven „Plasma-Producten" gegenüberstellte, 
Ein weiterer Fortschritt in unserer Erkenntniss der 
Elenientar-Organe wurde durch die Entdeckung der Moneren 
herbeigeführt. Im /ahre 1864 beobachtete ich im Mittel- 
meer bei Nizza zum ersten Male einen einfachsten Orga- 
nismuä. dessen ganzer Körper nicht blos während seiner 
twickelang, sou'terii auch in vollkonmien entwickeltem 
frei beweglichem Zustande ans einem homogenen und 
strncturlosen Stückchen Protoplasma ohne Kern und ohne 
alle differenten Formtheüe bestand. Dieser „Prot«genes 
primordialis" führte also zum ersten Male den Beweis, 
; noch einfachere Organismen, als die einzelligen 
ibt; Lebewesen, deren Körper noch nicht einmal den 
Pormwerth einer einfachsten Zelle erreicht, sondern in sich 
so gleichartig und homogen erscheint, wie ein Krystall. 
Schon im folgenden Jahre (1865) wurden zwei ähnliche 
Organismen von Cimkou-nki im Süsswasser entdeckt und 
1 als Vampyrella und Monas (richtiger; Protomonas) be- 
^^^ildirieben. Ich fasste darauf in der generellen Morpho- 
^^Dbgie (,Bd. I. S. 133: Bd. II. S. 22) diese niedersten Lebe- 
^^HKsen. bei denen uns der lebi^ndige Organisnms .nicht 
^^^Enr unter der einfachsten wirklich beobachteten Form. 
^^^Sondem auch unter der einfachsten überhaupt (lenkbaren 
I Form entgegentritt," unter dem Namen Moneren (oder 

, Einfache") zusammen, und wies anf die hohe Bedeutung 
hin, welche denselben gegenüber aUen anderen Organismen 
zukommt. Alle anderen Lebewesen, alle Tliiere und 
Pflanzen, und auch alle neutralen Protisten sind aus ver- 



-- 26 — 

schiedenartigen Bestandtheilen zusammengesetzt: selbst die 
einfachsten von iLnen. die einzelligen i'onnen, bestehen 
mindestens aus zwei verscliiedenen Theilen. aus dem Pro- 
toplasma und dem davon umschlossenen Zellkern. Einzig 
und allein die Moneren entbehren einer solchen Zusammen- 
setzimg vollständig; ihr protoplasmatischer Körperv ein 
einfachstes lebendiges Schleimkügelchen, hat es noch nicht 
einmal zur Bildung eines Nucleus gebracht; sie sind in 
Wahrheit .Organismen ohne Organe."" Alle Functionen 
des Lebens, Ernährung und Fortpflanzung. Eimpfiudung 
und Bewegung, werden von diesen Moneren ausgeführt, 
ohne dasa irgend welche verschiedenen Theile für diese 
verschiedenen Thätigkeiten gesonilert sind. Jedes Theilchen 
kanu Alles leisten, was das Ganze leistet. Mithin ist hier, 
wie beim Krystall, jedes kleinste Theilchen der homogenen 
chemischen Verbindung, jedes Molekül in physiologischer 
oder physikalisch-chemischer Beziehung gleich dem ganzen 
Körper. Daher stehen auch die Moneren auf der Grenze 
zwischen organischer und anorganischer, zwischen so- 
genannter ..lebendiger und todter Natur." Daher können 
sie allein uns auch eine Vorstellung davon geben, wie 
ursprünglich die erstere aus der letzteren entstanden ist, 
sie allein können uns das grosse Problem der Entstellung 
des Lebens lösen. Nur Moneren konnten ui-spriingüch durch 
Selbstzeugung oder Autogonie aus anorganischer Materie 
entstehen (Gen. Morph. V. Capitel). 

Die auBBerordentlich hohe morphologische und phy- 
siologische Bedeutung, welche demgemäss den Moneren 
zukommt und welche ich schon 1866 in der generellen 
Morphologie hervorgehoben hatte, fiiiirte ich dann weiter 



I leben, 

^KkBrd( 

Tiei 

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n* "Bez 



- 27 

aus in meiner Monograiihie der Moueren und den daran 
anschliessenden Beiträgen zur Plastiden-Tlieorie (1868). 
londere Veranlassung dazu gaben mir weitere Beob- 
achtungen über einige neue Moneren, welche ich 1867 an 
der Küste der canarischen Insel Lanzerote und an der 
Strasse von Gibraltar anzustellen Gelegenheit hatte. Auch 
einige Süsswasser-Moneren, welche in der Nähe von Jena 
leben, und welche später u. A. von Kleinenherg untersucht 
len, lieferten Weitere FJeiträge zur Naturgeschichte 
ler einfachsten Organismen. Als nierkwüidigstes und 
ichtigstes von Allen trat dann die Jroneren-Masse des 
Tiefseegrunds hinzu, welche HuAey 1868 nnter dem Namen 
ßathybius beschiieb und welche neuerdings wieder (1874) 
Betseh auf dem Tiefseegruiide des Nordpolar-Meeres, 
der Küste von Grönland, lebend beobachtet und mit 
"Bezug auf seine rliizopodenartigen Bewegungen untersucht 
wurde. Bei den früher beobachteten Moneren erscheint 
die gleichartige und formlose Protoplasma -Substanz des 
irpers meistens in der Weise individu&lisirt . dass die 
:elnen Klumpen derselben ein bestimmtes Gröseenmaass 
xh Wachstlium eri'eichen und erst, wenn dieses über- 
itteu wird, durch TheÜung in zwei oder mehrere Stücke 
,üen. Beim Bathybius Idngegen ist noch nicht einmal 
ser erste Anfang der Individuation zu bemerken; sein 
Scher formloser Protoplasma-Leib, der in ungeheuren 
[assen die tiefsten Abgründe des Meeres bedeckt, ei'scheint 
nicht individualiairt: die einzelnen Stücke desselben 
scheinen keine bestimmte Grösse zu eireichen und je nach 
Umständen sich zu vermehren, d. h. sie zerfallen in be- 
liebige Stflcke von ungleicher Grösse, je nachdem das 



— 28 — 

Wachsthum an dieser oder an jener Anpassungs-Bedingung 
eine Grenze gefunden hat. 

Schon in der generellen Morphologie hatte ich darauf 
hingewiesen, dass die Moneren (und ebenso auch die so- 
genannten „kernlosen Zellen'', die anderweitig vorkommen 
und auf die wir gleich zurückkommen werden) in die 
Grenzen der bisherigen Zellen-Theorie nicht mehr hinein- 
passen und dass diese nothwendig einer entsprechenden Er- 
weiterung bedürfe. Denn wenn man den Begriff der 
„Zelle" auch noch so sehr beschränken und aller accesso- 
rischen Nebendinge, aller unwesentlichen Accidenzen ent- 
kleiden will, so bleibt doch zuletzt immer noch die Zu- 
sammensetzung aus zweierlei Theilen von verschiedener 
morphologischer und physiologischer Bedeutung übrig : 
äussere Zellsubstanz und innerer ZellkenK Die Moneren 
aber kennen diese Differenz, diese erste Sonderung des 
Elementar - Organismus noch nicht. Ihr Körper ist also 
eigentlich weder echtes Protoplasma, noch echter Nucleus; 
vielmehr ist seine homogene Masse eine eiweissartige Sub- 
stanz, welche Beider Eigenschaften in sich vereinigt, sie 
ist gleichzeitig Zellsubstanz und Zellkern; daher wird sie 
am zweckmässigsten als Lebensstoff oder Bild ungs st off, 
als Pia SS on oder Bioplasson bezeichnet. Alle sogenannten 
„kernlosen Zellen" aber, alle Elementar-Organismen, deren 
activer Körper gleich dem der Moneren blos aus Plasson 
besteht, müssen wir von den echten, kernhaltigen Zellen 
trennen und diesen als Cytoden gegenübersetzen. 

Solche Cytoden kommen auch im Entwicklungskreise 
anderer Organismen vor. So hat namentlich Eduard van 
Beneden zuerst gezeigt, dass die Keime der einzelligen 



l^Sregarineii in ihrer ersten Jugei»! o:;uiz einfac^lu? Cytoden 
sind, Die Keimkftgelclien derselben bestehen blos ans 
homogeuem Pksson und erst nachträglich erfolgt die Son- 
dei'ung oder Differenzirnng, darcli welche der innere Zell- 
kern sich vom äusseren Zellstoff scheidet. Das „Bildende" 
, (Plasson) sondert oder differenzirt sich in das .Erstgebilde" 
Pi-otoplasnia ) und das „Kerngebilde- (Cj'toblastns). 
?'eit wichtiger und interessanter aber noch ist die he- 
rtituiigsvolle Tliatsache, dass auch jeder höhere Orga- 
rn Beginne seiner individuellen Entwicklung vtir- 
"nttergehend auf der Cytoden-Stufe sicli befindet. Entweder 
schon vor der Befnichtung oder unmittelbar nach derselben 
_ Terliert die weibliche Eizelle ihren Kern. Der Befrucli- 
tgs&ct selbst bestellt in der Verschinelzimg dieser , kern- 
ten Eizelle" mit der männlichen Spermazelle oder Samen- 
Auch der Kern der letzteren löst sich in der 
hi^hung ganz oder doch grösstentlieils auf. Das Product 
ieser Verschmelzung ist aber zunächst nicht eine echte 
Zelle, sondern eine Cytode. Da diese kernlose Cytode, 
mit der eigentlich erst der erzeugte Organismus seine 
individuelle Existenz beginnt, nach dem biogenetischen 
Grundgesetze eine durch Vererbung bedingte Wiederholung 
der uralten Moneren-Stammform ist, so habe ich diese 
entsprechende Keim form als ,, Monernla" bezeichnet. 
Erst nachträglich sondert sich das Plasson dieser Mone- 
i wieder in zwei verschiedene Substanzen ; ein Theil der 
wren Moleküle gestaltet sich zum Zellkern (Nuclens) 
ftid Sondert sich von der umgebenden Zellsnbstanz (Proto- 
plasma); so entsteht aus der ersten Cytode die erste Zelle. 
^Offenbar sind sowohl die Lebenserscheinungen jener selbst- 



~ 30 — 

stäudjgeii Moneren als aucli diese ersten histoliigisclien 
Sonderungs- Vorgänge bei der individuellen Entwickelang 
der höheren Organismen von fundamentaler Bedeutung. 
Ebenso die Physiologie wie die Morphologie, ebenso die 
Phylogenie wie die Ontogenie können daraus die wichtig- 
sten ächlüsse ziehen. Denn sie zeigen uns erstens, wie 
das Leben antänglich mit der Bildung einer homogenen, 
form- und structurlosen Masse beginnt, die in sich so 
gleichartig ist, wie ein Krystall : sie erläutern uns zweitens, 
wie eine solche Cytode trotz des Mangels aller Oi^ane 
doch sämnitliche „Lebens- Erscheinungen": Eruähiuug und 
Fortpflanzung, Empfindung und Bewegung zu vollziehen 
iu Stande ist : sie liefern uns damit drittens den klareii 
Beweis, dass das „Leben- auch im engeren Sinne nicht an 
einen bestimmt geformten und mui'phologisL'.h gesonderten 
Körper mit verscliiedenen Organen, sondern an eine form- 
lose Substanz von bestimmter physikalischer Beschaffenheit 
und chemischer Zusamuiensetzong gebunden ist; und sie 
lehren uns viertens, wie eine solche, blos aus Pksson be- 
stehende Cytode sich durch Sonderung von Keru und Pro- 
toplasma in eine echte „Zelle" verwandeln kann. 

Für die Zeilen - Theorie ergiebt sich ilaraus zunächst 
der wichtige Polgeschluss, dass die „Zelle" nicht, wie man 
gewöhnlich anuahui, der einfachste, älteste und niederste 
Elementai'-Organismus ist, sondeiii dass der echten, kern- 
haltigen -Zelle" die niedere, kernlose „Cytode- voraus- 
gehen muss. Cytoden und Zellen sind die beiden Uaupt- 
formen der „Elementar-Organismen'" oder „Lebenseiuheiten." 
Mit der Cytode. blos aus Plaason bestehend, hat das 
organische Leben auf unserem Erdball begonnen; indem 



1 



— 31 — 

laich aus diesem später Protoplasma und Nucleus sonderte, 
■sntstand die Zelle. Die Cytode ist die erste und niedere, 
Sie Zelle die zweite and höhere Form der Lebens-Einheit, 
leide zusammen habe ich in der generellen Morphologie 
inrz als Bildnerinnen oder Piastiden bezeichnet; denn 
sie allein sind in Wahrheit die plastischen Kfinstleriuneu, 
welche durch ihre Thätigkeit das ganze wundeiToUe Ge- 
bäude des organischen Lebens errichten. Alle organischen 
formen verdanken allein der bildenden Thätigkeit der 
troskopischen Piastiden ihre Existenz. So erweiteit 
1 die Zellen-Theoiie zur Plastiden-Theorie, (Ver- 
gleiche meine biologischen „Studien Über Moneren und 
ladere Protisten". 1870.) 

Wenn demnach jetzt der weitere Begriff der Plastide 
Ifcfl die Stelle des engeren Zellenbegriffes tritt, und wenn 
somit das ganze geheimnissvolle Problem des ^Lebens" 
auf die elementare chemische Thätigkeit des Plasson 
zurückgeführt wird, so muas unsere nächste Aufgabe sein, 
eine möglichst erschöpfende Kenntniss von der Natur dieses 
wichtigsten „ Lebensstoffes" , dieser wahren „physikalischen 
taliebens-Grundlage" zu erlangen. Zunächst erscheint hier 
ifie Chemie berufen, uns Aufschlüsse übei' die quantitative 
* Zusammensetzung und die ijuaiitativen chemischen Eigen- 
schaften des Plasson zu geben. Leider steht aber unsere 
ehemische Kenntniss des Plasson in umgekehrtem Verhalt- 
1 zu seiner ausserordentlichen Bedeutung. Nicht, dass 
an zahlreichen und emsigen Versuchen gefehlt hätte, 
räthselhftft chemische Constitiition der zahlreichen 
Müdificationen des Plasson, des Protoplasma und des Nu- 
! ZU entschleiern Aber die Schwierigkeiten, die sich 



— 32 — 

diesen Versuclien entgegenstellen, sind ganz ungewölin- 
liche und zum Theil unüberwindliche. Zunächst ist es 
schon unmöglich, irgend ansehnliche Quantitäten von 
Plasson in chemisch reinem Zustande zu isoliren und zu 
untersuchen, weil sowohl das einfache Plasson der Cyto- 
den, als das Protoplasma und der Nucleus der Zellen 
mit anderen, von ihnen gebildeten Substanzen zu innig 
gemengt und in einzelnen kleinen Quantitäten überall 
zwischen die anderen Gewebstheile (z. B. Zeil-Membranen, 
Intercellularsubstanzen) eingestreut und verwebt sind. 
Sodann sind aber auch die sämmtlichen Plasson-Modifica- 
tionen in noch höherem Maasse, als die nächstverwandten 
übrigen Eiweisskörper, zersetzlich und veränderlich. Und 
was vor Allem in Betracht zu ziehen ist, die Modiflcationen 
und Varietäten der Plasson -Körper sind zwar unendlich 
zahlreich und mannigfaltig, schwanken aber doch innerhalb 
verhältnissmässig geringer Breitegrade in Bezug auf die 
quantitative Zusammensetzung. Die groben und rohen 
Erkenntnissmittel der heutigen Chemie sind der Lösung 
einer so feinen und schwierigen Aufgabe nicht entfernt 
gewachsen. Jene grenzenlose Variabilität aber, in Ver- 
bindung mit ihrer leichten Zersetzbarkeit und mit der Be- 
weglichkeit der Atome in den Plasson-Molekülen, ist von 
der grössten Bedeutung für die Entwickelungslehre. Denn 
sie erklärt uns, wie das Plasson durch die unendlich 
mannigfaltigen physikalisch- chemischen Einwirkungen der 
Aussenwelt, die bei der Ernährung stattfinden, unendlich 
mannigfaltige leichte Abänderungen erleiden und dem- 
gemäss die verschiedensten organischen Formen hervor- 
bringen kann. 



— 33 — 

Vom physiologisch -chemischen Gesichtspunkte aus ist 
es daher gestattet, die sämmtlichen Plasson-Körper als 
eine einzige grosse Gruppe nächstverwandter Verbindungen 
anzusehen und als Piasso n -Gruppe zusammenzufassen. 
In dieser würden vielleicht zu unterscheiden sein: 1. das 
Archiplasson als die älteste, unmittelbar durch Auto- 
gonie ursprünglich entstandene „Lebenssubstanz"; 2. das 
Monoplasson als die Körpersubstanz der heute noch 
lebenden Cytoden, die wahrscheinlich von jenem Archi- 
plasson mehr oder minder abweicht; 3. das Protoplasma 
oder die eigentliche „Zellsubstanz" und 4. das Nuclein 
oder Coccoplasma, die Kernsubstanz, wie man die 
gesammte, chemisch differente, stoffliche Grundlage des 
Zellenkerns oder Nucleus nennen kann. Obwohl unter 
sich nächst verwandt und durch die innigsten Be- 
ziehungen verbunden, erscheinen dennoch Protoplasma und 
Coccoplasma wesentlich verschieden und besitzen charak- 
teristische, zum Theil entgegengesetzte Eigenschaften, 
welche in dem Archiplasson und Monoplasson noch nicht 
gesondert sind. 

Alles Wesentliche nun, was wir bisher von der 
Plasson- Gruppe wissen, lässt sich in folgenden Sätzen 
zusammenfassen. Die Plasson - Gruppe bildet einen Theil 
der grösseren Gruppe der Eiweissstoffe (Protein-Körper 
oder Albuminate). Gleich den übrigen Eiweiss - Körpern 
sind auch die Plasson-Körper durch ausserordentlich ver- 
wickelte atomistische Zusammensetzung ausgezeichnet. 
Immer sind wenigstens fünf Elemente in jedem Molekül 
vereinigt und zwar durchschnittlich in folgender procen- 
tischer Zusammensetzung: 52 — 55 Procent Kohlenstoff*, 

Haeckel, Perigeneais der Plastidule. 3 



— 34 — 

6 — 7 Procent Wasserstoff. 15 — 17 Procent Stickstoff, 
21 — 23 Procent Sauerstoff und 1 — 2 Procent Schwefel. 
Die Alt und Weise, in welcher die Atome dieser Elemente 
in jedem Plasson- Molekül zur Bildung einer chemischen 
Einheit zusammentreten, ist offenbar eine höchst ver- 
wickelte und eigenthümliche, und steht in directem Causal- 
Zusammenhang mit den Lebeuseigenschaften dieser wich- 
tigsten Verbindung. Denn die Summe von physikalischen 
und chemischen Processen, welche wir mit einem Worte 
„Leben" nennen, ist offenbar in letzter Instanz durch 
die Molecular-Structur des Plasson bedingt, und 
diese ist wiederum nach unserer Kohlenstoff-Theorie zurück- 
zuführen auf die einzigen und höchst merkwürdigen Fähig- 
keiten des Kohlenstoffs, mit den anderen genannten Ele- 
menten die verwickeltsten und zeri<etzlichsten Verbindimgen 
einzugehen. Mit vollem Kechte hat die neuere Chemie die 
gesammte Lehre von den sogenannten „organischen" 
Stoffen oder die früher sogenannte „organische Chemie", 
prägnant als „die Chemie der Kohlenstoff- Verbindungen" 
bezeichnet. Mit demselben Rechte aber betrachte ich die 
chemische und physikalische Natur des Kohlenstoffs als 
die letzte Ursache der Eigenthümlichkeiten, durch welche 
sich die Organismen von den Anorganen unterscheiden, 
oder mit einem Worte als den letzten Grund des „Lebens". 
Wenn man diese „Kohlenstoff- Theorie" als ein willkür- 
liches und phantastisches Dogma verwirft, so leugnet man 
damit den Causal-Zusammenhang zwischen der chemischen 
Constitution des Plasson und den physikalischen Vor- 
gängen, die wir mit einem Worte als dessen „Lebens- 
thätigkeit" bezeichnen. 



— 35 — 

Unter den pbysikalisclieii Eigenschaften iles Plasson 

allen sein starkes Quellungs-Vemiögen oder die 

mbibitioiiskraft hervorzuhebea, die Fälligkeit, Wasser in 

Wecliselnder und oft höchst beträchtlicher Quantität aiif- 

[znnelimen und gleichmässig zwischen seinen Molekülen zu 

fvertheilen. Daraas i'esultirt der eigenthündiche, weiche 

f Dichtigkeitszustand aller lebenden Gewelie, den wir ais 

L den festflüssigen Aggregatzustand bezeichnen. Er 

rscheint als eine uothwendige Vorbedingung aller der 

Ffrerwickelteu Molekularbewegimgen, als deren Gesaninit- 

pesultat das „Leben" sich darstellt. Die Leichtigkeit, mit 

welcher das Piasson unter verschiedenen äusseren Existenz- 

ßedingungen Wasser und wässerige Lösungen aufnimmt 

abgiebt, ist dabei von besonderer Bedeutung, und 

sieht minder die ausserordentliche Neigung der meisten 

plasson-Äi'ten, sich mit anderen Kohlenstoffverbindungen 

HZ. B. mit Fetten) sowie mit Salzen zu vermengen. Offen- 

1)aj beweisen diese und viele andere Eigenthümlichkeiten 

der Plassou-Gruppe, dass wir es hier mit Koblenstoifver- 

bindungen zu thun haben, deren Moleküle sieh durch eine 

ganz ungewöhnliche Beweglichkeit und Unbeständigkeit, 

Zersetzbarkeit und vielseitige Wahlverwandtschaft vor allen 

_ anderen auszeichnen. Diese „Plassou-Moleküle" sind es 

i tiberhaupt, welche sich bei jeder tieferen Untersuchung 

Hener elementaren Verhältnisse in den Vordergrund 

Wrängen und welche wir auch bei unserer Perigenesis 

. die eigenthclien activen Elementar -Factoren auf das 

Qenaueste ins Äuge zu fassen haben. 

Die Plassou - Moleküle oder die Plastidule, wie 
' sie mit Elsbn-g kurz bezeichnen wollen, besitzen zu- 



— 36 — 

nächst alle die Eigenschaften, welche die Physik den hy- 
pothetischen Molekülen oder den „zusammengesetzten Ato- 
men" überhaupt zuschreibt. Mithin ist ein jedes Plastidul 
nicht weiter in kleinere Plastidule zerlegbar, sondern kann 
nur noch in seine constituirenden Atome zerlegt werden, 
und zwar in Atome jener fünf vorher genannten Elemente. 
Die Plastidule sind wahrscheinlich stets von Wasserhüllen 
umgeben und die grössere oder geringere relative Dicke 
dieser Wasserhüllen, die zugleich die benachbarten Plasti- 
dule scheiden und verbinden, bedingt den weicheren oder 
festeren Zustand des gequollenen Plasson. Wahrschein- 
lich sind die Plastidule so klein, dass das kleinste Plasson- 
Stück, welches wir noch mit Hülfe unserer schärfsten 
Mikroskope erkennen können, ungeheure Mengen von 
Plastidulen enthält. Was vom ursprünglichen einfachen 
Plasson oder „Archiplasson", das gilt natürlich auch im 
Allgemeinen von dem Protoplasma und dem Coccoplasma, 
welche durch Sonderung aus ersterem entstanden sind. 
Man kann der Kürze halber die Protoplasma-Moleküle als 
„ Piasmodule " und die Nucleus-Moleküle als „Coccodule" 
bezeichnen. Dieselben physikalischen Eigenschaften und 
physiologischen Functionen, welche im homogenen Plasson 
der Cytoden die gleichartigen Plastidule zeigen, dieselben 
finden wir in den Zellen auf die Piasmodule und die 
Coccodule vertheilt. Die Plasmodule und Coccodule sind 
ja erst durch Sonderung oder Differenzirung aus den Plasti- 
dulen entstanden. 

Ausser den allgemeinen physikalischen Eigenschaften, 
welche die heutige Physik und Chemie den Molekülen der 
Alaterie im Allgemeinen zuschreibt, besitzen nun die 



- 37 - 

Plastidule noch besoiirtere Attribute, welclie ihnen aus- 
schliesslich eigenthümlich sind, und das sind, ganz all- 
gemein gesagt, die I/ebens-Eigenschaften, dnrch welche 
sich fiberhaupt das Lebendige vom Todten. das Organische 
vom Anorganischen in der hergebrachten Anschammg 
Y nnterscheidet. Jede genauere und tiefer gehende Ver- 
I gleichung der Organismen und der Anorgane, die sich 
tauf die breite empirische Ba^is der neuerdings ermittelten 
Tiatsachen stützt, vor Allem die unbefangene Vergleichung 
ler Moneren und der Krystalle, lehrt uns nun aber, dass 
KInft zwischen diesen beiden Hauptgrnppen von 
Natnrkörpem viel gennger ist, als man gewöhnlich an- 
nimmt. Ich kann in dieser Beziehung auf die ausführliche 
Vergleichung der Organismen und Anorgane verweisen, 
welche ich im fünften Capitel der generellen Morphologie 
gegeben habe (Bd. I., S. 111 — 16ß). Viele Eigenschaften, 
r*relche die hergebrachte obeiflächliche Naturauffassmig 
änr den Organismen zuschreibt, kommen eben so gut auch 
i Anorganen zu und sind in der That Gemeingut aller 
Baturkörper — oder um uns genauer auszudrücken: Ge- 
meingut aller Atome, aller der kleinsten discreten Körper- 
theilchen, welche die neuere Chemie einstimmig als die 
»letzten Bestandtheile aller Körper betrachtet. 

Gleichviel, wie im Einzelnen auch die Ansichten der 
iheniiker und Physiker über die Natur der Atome und 
zwischen den Massen- Atomen befindlichen Aethers 
inseinander gehen, gewisse elementare Ansichten über 
nothwendige Beschaffenheit haben heute allgemeine 
Ijeltong erlangt. Wir müssen darnach annehmen, dass 
|ie Atome kleinste discrete Masseu-Theilchen von unver- 



— 38 ^ 

änderlicher Beschaffenheit und durch den hypothetischen 
Aether von einander getrennt sind. Jedes Atom besitzt 
eine inhärente Summe von Kraft und ist in diesem Sinne 
„beseelt." Ohne die Annahme einer „Atom-Seele" sind 
die gewöhnlichsten und allgemeinsten Erscheinungen der 
Chemie unerklärlich. Lust und Unlust, Begierde und Ab- 
neigung, Anziehung und Abstossung müssen allen Massea- 
Atomen gemeinsam sein; denn die Bewegungen der Atome, 
die bei Bildung und Auflösung einer jeden chemischen 
Verbindung stattfinden müssen, sind nur erklärbar, wenn 
wir ihnen Empfindung und Willen beilegen. Worauf 
anders beruht denn im Grunde die allgemein angenommene 
chemische Lehre von der Wahlverwandtschaft der 
Körper, als auf der unbewussten Voraussetzung, dass in 
der That die sich anziehenden und abstossenden Atome 
von bestimmten Neigungen beseelt sind, und dass sie, 
diesen Empfindungen oder Trieben folgend, auch den 
Willen und die Fähigkeit besitzen, sich zu einander hin 
und von einander fort zu bewegen ? Was Goethe in seinen 
„Wahlverwandtschaften" über diese Verhältnisse sagt und 
von dem elementaren Seelenleben der Atome auf das 
höchst zusammengesetzte Seelenleben des Menschen über- 
trägt, das besitzt volle Wahrheit; und wenn in diesem 
classischen Roman die „Wahlverwandtschaft" als die eigent- 
liche Triebfeder der menschlichen Handlungen und der aus 
ihnen zusammengesetzten „Weltgeschichte " hingestellt 
wird, so ist damit von dem grossen Denker und Dichter 
in tiefsinnigster Weise die mechanische Natur auch der 
verwickeltsten organischen Processe treffend angedeutet. 
Wenn der „Wille" de« Menschen und der höheren 



- 39 - 



tTliiere frei eryclieiuf. idi GegBii^atz zu dem „i'er-ten" Willen 

« der Atome , so ist das eiue Täuscliung. hervorgerufen 

I durch die höchst verwickelt« WiUeusbewegung der erste- 

Eyen im Gegensätze zu der höchst einfachen Willensbewe- 

ping der letzteren. Die Atome wollen überall und jeder- 

(eit Dasselbe, weil ihre Neigiuig dem Atom jedes anderen 

telemeutes gegenüber eine constante und unabänderlich be- 

timmte ist; jede ihrer Bewegungen ist daher determinirt, 

ingegen erscheint tue Neigung und mllklirliche Bewegung 

Ber höheren Organismen frei tind unabhängig, weil in dem 

inaufhörliclien Stoffwechsel derselben die Atome beständig 

gegenseitige Lage und Verbindungsweise verändern, 

md daher das Gesanimtresultat aus den zahllosen Willens- 

hewegimgen der constituirenden Atome ein höchst zu- 

iammengesetztes und nnaufliörlich wechselndes ist. Daher 

Ind wii' „ein Spiel von .jedem Druck der Luft". 

ludern wir so von dem mechauischen Standpunkte des 
Eonismus aus alle Materie als beseelt, jedes Massen- 
fttom mit einer constanten und ewigen Atom-Seele aus- 
Istet uns vorstellen, furchten wir nicht den Vorwurf 
! Materialismus auf uns zu laden. Denn dieser unser 
oistischer Standpunkt ist ebenso weit von einseitigem 
Baterialismus , wie von leerem Spiritualismus entfernt, 
wir können in ihm allein die Versöhnung der rohen 
Ptomistischen und der inhaltsleeren dynamischen Welt- 
anschauung flnden, die sich bisher so heftig bekämpft, 
haben und die in ihrer Einseitigkeit Beide dualistisch 
aind, "Wie die Masse des Atoms unzerstörbar und hu- 
veränderlich, so ist auch die damit untrennbar verbundene 
Atom-Seele ewig und unsterblich. Vergänglich und sterb- 



— Jü- 
lich sind nur die zahllosen und ewig wechselnden Ver- 
bindungen der Atome, die unendlich mannigfaltigen 
Modalitäten, in denen sich die Atome zur Bildung von 
Molekülen, die Moleküle zur Bildung von Krystallen und 
Piastiden, die Piastiden zur Bildung von Organismen ver- 
einigen. Diese monistische Auffassung der Atome allein 
ist in Einklang mit den grossen Gesetzen von der „Er- 
haltung der Kraft" und von der „Erhaltung des Stoffes**, 
welche die Naturphilosophie der Gegenwart mit Recht als 
ihre unveräusserlichen Fundamente betraclitet. 

Wenn wir demnach alle Materie als beseelt, jedes 
Atom mit Empfindung und Willen begabt uns vorstellen, 
so können wir diese beiden Eigenschaften nicht mehr, wie 
es gewöhnlich geschieht, als ausschliessliche Vorzüge der 
Organismen betrachten. Wir müssen also nach anderen 
Eigenschaften suchen, Avelche die Organismen von den 
Anorganen, die Plastidule von den übrigen Molekülen 
unterscheiden und welche das Wesen des „Lebens** im 
engeren Sinne bilden. Als wichtigste dieser Eigenschaften 
erscheint uns die Fähigkeit der Reproduction oder des 
Gedächtnisses, welche bei jedem Entwickelungs -Vor- 
gang und namentlich bei der Fortpflanzung der Or- 
ganismen wirksam ist. Alle Plastidule besitzen Gedächt- 
niss; diese Fähigkeit fehlt allen anderen Molekülen. 

In einer ausgezeichneten, ebenso tief durchdachten als 
klar geschriebenen Abhandlung „über das Gedächtniss als 
eine allgemeine Function der organisirten Materie" hat 
1870 JEivald Herivg dieses wichtige Verhältniss so vor- 
trefflich erörtert, däss wir hier auf eine eingehende Be- 
gründung desselben verzichten und uns einfach auf jene 



- 41 - 

[ Abhandlung beziehen können. In der That überzeugt 
l'jnus jedes tiefere Nachdenken, daes ohne die Anua.hiiie 
Ifiines unbewussten Gedächtnisses der lebenden Ma- 
terie die wiclitigsten Lebensfnnctionen überhaupt unerklär- 
bar sind. Das Vermögen der Vorstellung und Begriff- 
bildung, des Denkens und Bewusstsems, der Uebung und 
kiGewÖhnung, der Ernähning und Fortpflanzung beruht auf 
'^r Function des unbewussten Gedächtnisses, dessen 
Thätigkeit unendlich viel bedeutungsvoller ist. als die- 
jenige des bewussteo Gedächtnisses. Mit Recht sagt 
ilering, „dass es das Gedächtniss ist. dem wir fast Alles 
tfprdanken, was wir sind imd haben." 

Nur in einem Punkte mllssen wir von der Darstellung 
Uering'h abweichen oder Tielmehr dieselbe schärfer be- 
ligrenzen. "Wir dürfen das Gedächtniss nicht als eine all- 
gemeine Function aller organisirten Materie bezeichnen, 
sondern nui' der wirklich lebenden, des Plasson. Alle 
PlasBüU-Producte, alle vom Protoplasma und vom Nucleus 
gebildeten, selbst aber nicht activ thätigen. organisirten 
Theüe des Organismus entbehren des Gedächtnisses, eben 
80 wie alle anorganischen Materien. Genau genommen ist 
(^0, unserer Piastiden - Theorie entsprechend, nur die 
ßruppe der Plasson-Körper mit Gedächtniss begabt: nur 
l^ie Plastidule sind reproductiv, und dieses unbe- 
rnsste Gedächtniss der Plastidule bedingt die charakte- 
Istische Molecularbewegnug derselben. 

Die Unterschiede, welche das Gedächtniss oder die 
teproductionskraft der Plastidule zwischen Organismen 
und Anorganen bedingt., äussern sich zuuächst in der ver- 
Bctiiedenen Art ittres Wachsthums und diese ist offenbar 



-- 42 — 

durch ihren differenteu Aggregatzustand bedingt. Die 
Anorgane wachsen durch Apposition oder durch äussere 
Anlagerung der Moleküle, hingegen die Organismen durch 
Intussusception oder durch innere Einlagerung der 
Moleküle. Die vollkommenste anorganische Individualität, 
der Krystall, wächst, indem sich Theilchen an Theilchen 
äusserlich an den festen, schon bestehenden Krystallkörper 
ansetzt. Die unvollkommenste organische Individualität-, 
das Moner, wächst, indem Theilchen für Theilchen von 
aussen in das Innere hineindringt und von dem festflüssi- 
gen Plassonkörper „assimilirt" wird. Diese Assimilation 
beruht darauf, dass zwischen den vorhandenen Plastidulen 
stets neue Plastidule aus den aufgenommenen Nährflüssig- 
keiten gebildet werden. Der festflüssige Aggregat-Zustand 
der organischen Materie ist die Vorbedingung dieses 
eigenthümlichen Wachsthums, und die Molecular-Structur 
der Kohlenstoff- Verbindungen ihre wahre Ursache. Dieses 
Wachsthum durch Intussusception, welches allen Organis- 
men zukommt und allen Anorganen fehlt, erklärt auch 
zugleich die Ernährung und den Stoffwechsel, durch welches 
sich die ersteren von den letzteren unterscheiden. Dieses 
Wachsthum durch Intussusception bedingt endlich vor 
Allem diejenige „Lebens-Erscheinung", die als der wich- 
tigste Factor der organischen Entwickelung sich geltend 
macht und die wir daher zunächst besonders betrachten 
müssen: Die Fortpflanzung und die damit zusammen- 
hängende Vererbung. 

Unstreitig ist es die Fortpflanzung, welche vor 
allen anderen Functionen die Organismen gegenüber den 
Anorganen charakterisirt. Denn durch die Fortpflanzung 



- 43 - 

linllein, fliuxh die Vererliimg die wir mir a!s eine iioth- 

t-wendige und integrirende Theilerscheiming der Furtpflau- 

mng beti-achten. wird die Erlialtung der organischen Arten 

End Stiämine mfiglich, die in der zusammenhängenden 

p^ettenreihe der Generationen trotz des hestäudigen Wech- 

E^s der Individuen bestehen bleiben. Indem kein Än- 

t^firgan der Fortpflanzimg fiihig ist, fehlt der anorganischen 

Natur überhaupt die Stammesgeschichte, die Phylogenie, 

lyelche die oi'ganische Welt charakterisirt. Die Fort- 

iflanzungsleUre oder die Gonologie ist daher der noth- 

mdige Ausgangspunkt für das Verständniss der Phy- 

tgenie. 

Was ist Fortpflanzung? Um zu einer richtigen 
Mwort auf diese wichtige Frage zu gelangen, müssen 
i vor Allem der gewöhnlichen Anschauung ent- 
, als ob die Verbindung der beiden (Seschlechter 
■ wichtigste nnd nothwendigste Vorgang der Fortpflan- 
tang sei. Diese Anschauimg, welche sich auf die ge- 
tfihnliche Fortpflanzungsweise der Personen beim Menschen 
bei den höheren Thieren und Pflanzen gründet, er- 
^eint vollkommen verkehrt, sobald wir au die nnendlich 
täuflgeren ungeschlechtlichen Fortpflanznngs - Frocesse 
Jten, die überall und jederzeit bei der Vermehrung der 
plustiden stattfinden. Im Grossen imd Ganzen betrachtet, 
scheint die geschlechtliche oder aniphigone Fortpflanzung 
nlt ihi'en sonderbaren Eigenthünilichkeiten nur als ein be- 
»nderer Fall unter der 5Ienge von Vorgängen, welche 
Wmir als Fortpflanzung oder Elternzeugimg zusammenfassen 
|od welche zum bei weitem grössten Theile ungeschlecht- 
i erfolgen. Alle die zahllosen ilüliarden von Zellen, 



- 44 - 

weldie den Körjier jedes lifilieren Tliieres. jedtT Iiöliei'en 
Pflanze zusammensetzen, entstehen niclit durch geschlecJiU 
liebe, sondern diircli ungesclilechtliche Zeugung, durch 
Theilimg. Alle oder doch die Meisten von den zalilreichen 
einzelligen Wesen, die auf der Grenze von ThieiTeicli und 
Pflanzenreich stehen, und die wir als Protisten zusammen- 
fassen, vermehren fleh nielit durch geschlechtliche, sondern 
durch ungeschlechtliche Zeugung. Aber auch viele höhere 
Thiere und Pflanzen, die sich der geschlechtlichen Beugung 
erfreuen, vermehren sich daneben auf ungeschlechtlichem 
Wege, durch Theilung, Knospeubilduüg, Sporenbildung. 
Bedenken wir. wie überall und jederzeit Unmassen von 
Plastideu zu Grunde gehen und von neuen, durch Theilung 
und Knospung entstandenen ersetzt werden, so liegt es auf 
der Hand, dass die ungeschlechtliche Fortpflanzung die 
allgemeine Regel und die geschlechtliche eine verhältniss- 
niässig seltene Ausnahme bildet. Gewiss werden wir eher 
zu Wenig als zu Viel behaupten, wenn wir annehmen, 
dass durchschnittlich auf jeden einzelnen geschlechtlichen 
Zeugnngs-Äct in der Natur mehr als Tausend, wahrschein- 
lich mehr als eine Million ungeschlechtliche Zeugungs-Acte 
kommen. 

Nun sind es aber gerade die einfachsten Formen der 
ungeschlechtlichen oder monogenen Fortpflanzung, vor 
allen die Theilung. demnächst die Knospenbildung, welche 
uns die klarsten Aufschlüsse über das Wesen der Fort- 
pflanzung überhaupt geben und zum Verständniss der viel 
schwierigeren und verwictelteren geschlechtlichen Fort- 
pflanzung hinfuhren. Von jenen einfachsten Formen der 
Monogonie ausgehend, flnden wir auf unsere Frage die 



me j 
l der I 



45 - 

Faeliste .'Antwort: Fortpflanzung ist Wachstlium 
Individuums über sein individuelles Maass 
US, Wenn eine einfachste Plastide, ein homogenes 
"oner, bis zu einer gewissen G-rösse lierangewacLsen ist, 
so zei'föllt der structurlose Plasson-Körper bei fortdauem- 
im Wachsthmn in zwei gleiche Hälfteu, weil die Cohae- 
der Plastidule nicht mehr ausreicht, um die ganze 
;se zusammenzuhalten. 
'^Ebenso beraht jede gewöhnliche Zelleiitheilung wesent- 
auf einem fortgesetzten Wachsthum über das indivi- 
dle Maas» dieser Zelle hinaia. Die merkwürdigen 
lelheiten des Vorganges, durch den hier ans einer 
iterzelle zwei gleiche Tochteraellen entstehen, sind 
erst in neuestei' Zeit durch Auerbach, BfänehU, Ihrtwig 
Strasburger gründlicliei' atudb't worden. Dass in 
sseu Fällen die beiden unter sich gleichen Tochterzellen 
die Natur ihi'er gemeinsamen Mutterzelle geerbt haben, 
^^cheint selbstverständlich ; denn sie sind ja gleiche Theil- 
len derselben und die Moleciilar-Bewegung der Plasti- 
muss in den ersteren wesentlich dieselbe seiu, wie in 
etztei'en. Die Vererbung erscheint hier als eine ein- 
fache und nothwenilige Folge der Theiluug; und zugleich 
[enbart sie hier den tiefsten Grund ihres Wesens; die 
erbung ist Ueb ertragung der Plastidul -Be- 
ung, Fortpflanzung der individuellen Molecular-Be- 
der Plastidule von der Mutter-Plastide auf die 
■Plastide. 

sind aber die Bedingungen, unter denen die beiden 

;hen TheiUiälften üu' individuelles Leben weiterführen, 

mehr oder weniger verschieden; insbesondere sind 



- 46 — 

die venvickdtt!!! VerliHltnisse , welche der KüTiipf um's 
Daseiu für die Plastideu ebenso wie llü- die gauzeii viel- 
zelligen Orgaiiisinen beding:!, fast iiiiiner für jedes Iiidivi- 
diiuin besondere. Indem diese besonderen Existenz- Bedin- 
gungen auf den elementaren Organismus einwiiken, ver- 
ändern sie seine iirsprünglicbe Ernäluung und bewirken 
eine theilweise Abandei'Ung der ursprünglichen Plastidul- 
Bewegung: diese Abänderung oder Variation nennen wir 
mit einem Worte: Animssiing. Die Anpassung ist Ab- 
änderung der Plastidul-Beweguug, in deren Folge 
die Plastide neue Eigensehalten erwirbt. Wenn nun später- 
hin die beiden, durch Theilung einer Plastide entstandenen 
Tochter- Piastiden wiederum herangewachsen sind nnd nach 
Ueberschi'eitung ihi'er indiriduelleu Wachsthumsgrenze aber- 
mals durch Theilnng in je Zwei zerfallen, so werden diese 
vier Enkel schon nicht nielir so gleichartig sein, wie ihre 
beiden Mutter -Piastiden. Zwar werden sie von diesen 
noch den grössten Theil der Eigenschaften geerbt haben, 
welche Beide von der Grossmutter ftberkommen hatten. 
Daneben wird sich aber auch schou ein Theil der Eigen- 
thümlichkeiten geltend machen, welche jede der beiden 
Mütter während ilires iudividnellen Lebens erworben hatte, 
Und endlich wird jede der vier Enkeluiuen selbst wieder 
neue Eigenheiten im Laufe Üirer individuellen Existenz 
eiTverben. Wie gering und unbedeutend nuu auch dieseneuen 
Ei'werbimgen in jedem eiiizehieu Falle erscheinen mögen, 
so ist es doch klar, dass sie schliesslich in der langen 
Kette zahlreicher Generationen sich zu sehr beträchtlichen 
Abweichungen der Plastidul-Bewegung von derjenigen der 
ui'sprünglichen Stammform anhäufen und summiren können. 



Die Vererbung der Abänderungen, auf welcher 
die ganze Stammes-Entwickelung beruht, äussert also schon 
im Piastiden -Leben ihre volle AVirksamkeit, und erzeugt 
eine unendliche Menge von individuell verschiedenen Plas'i- 
dul-Bewegungen; und jede spätere Plastidul-Bewegung — 
oder mit anderen Worten das Leben jeder späteren Plastide, 
sei es Cytode oder Zelle — setzt sich demnach zusammen 
einerseits aus der tiberwiegenden Reihe der alten Plastidul- 
Bewegungen, welche durch Vererbung getreu von Gene- 
ration zu Generation sich erhalten haben, andererseits aus 
einem geringen Antheil von neuen Plastidul-Bewegungen, 
welche durch Anpassung erworben wurden. (Vergl. die 
angehängte Tafel nebst Erklärung.) Alle diese Abän- 
derungen der Plastidule sind natürich durch Um- 
lagerungen der Atome in denselben bedingt; und bei 
der unendlich verwickelten undmannichfaltigenatomistischen 
Zusammensetzung der Plastidule, bei ihrer ausserordent- 
lichen Unbeständigkeit und Neigung zur Zersetzung wird 
sich hier der Anpassung ein unbeschränktes Feld zur 
Hervorbringung neuer Formen öfifnen. 

Indem wir so Lamarck's Lehre von der Vererbung 
der Abänderungen — dieser wichtigsten Voraussetzung 
von Da7'wins Selections-Theorie — von den grossen viel- 
zelligen Thieren und Pflanzen, an denen sie uns hand- 
greiflich vor Augen tritt, auf die Piastiden (Cytoden und 
Zellen) und von diesen wiederum auf die sie zusammen- 
setzenden Plastidule übertragen, machen wir natürlich auch 
für diese letzteren die Consequenzen geltend, welche für die 
ersteren sich aus der Selections-Theorie ergeben. Offenbar 
herrscht „der Kampf um's Dasein unter den Mole- 



_„ 48 - - 

külen'', den Pfaundler 1870 zuerst beleuchtete, im eigent- 
lichsten Sinne und vor allen unter den activen Plastidulen. 
Diejenigen Plastidule, welche den äusseren Existenz -Be- 
dingungen sich am besten anpassen, d. h. welche das von 
aussen eindringende flüssige Nahrungsmaterial am leich- 
testen aufnehmen und die dadurch bedingte Umlagerung 
ihrer Atome am bereitwilligsten vollziehen, werden natür- 
lich die stärkste Assimilation ausüben und so bei der Fort- 
pflanzung der Piastiden das Ueberge wicht erlangen. 

Die nächste Folge der natürlichen Züchtung im Kampfe 
um's Dasein ist die zunehmende Sonderung oder Diflferen- 
zirung der Formen, welche Darwin als „Divergenz des 
Charakters" bezeichnet. Ihre bekannteste Form ist die 
Arbeitstheilung oder der Polymorphismus der Personen. 
Bekanntlich liefert die Arbeitstheilung im Menscheuleben 
den wichtigsten Maassstab für die erreichte Culturstufe 
und dasselbe gilt von den merkwürdigen Culturstaaten der 
Ameisen, Bienen, Termiten u. s w. Ferner zeigt uns die 
vergleichende Angitomie, wie die physiologische „Voll- 
kommenheit" oder die Entwickelungshöhe jedes höheren 
Thieres und jeder höheren Pflanze durch die Arbeits- 
theilung ihrer Organe bedingt ist. Die verwickelte Ma- 
schinerie, welche z. B. das höhere Wirbelthier mit seinen 
Nerven und Sinnesorganen, Muskeln und Knochen, Darm 
und Blutgefässen, Drüsen und Geschlechtsorganen bildet, 
ist durch die ausserordentlich weit vorgeschrittene, aber im 
Kampf um's Dasein stufenweis und langsam erworbene 
Arbeitstheilung dieser Organe und ihrer einzelnen Stücke 
bestimmt. 

Nun beruht aber die Arbeitstheilung der Organe wiederum 



— 49 — 

auf derjenigen der Piastiden, der Cytoden und Zellen. Die 
verschiedenen Gewebe, welche jenen Organen ihre phy- 
siologischen Eigenthümlichkeiten verleihen, sind aus ver- 
schiedenen Zellenarten zusammengesetzt, aus Nervenzellen, 
Muskelzellen , Knochenzellen , Drüsenzellen , Dannzellen, 
Geschlechtszellen u. s. w. Wie alle diese verschiedenen 
Zellen - Species durch Arbeitstheilung aus einer einzigen, 
einfachen, ursprünglichen Zellenform phylogenetisch ent- 
standen sind, das zeigt uns noch heute die individuelle 
Entwickelung jedes höheren Thier-Eies. Denn die be- 
fruchtete Eizelle zerfällt zunächst durch wiederholte 
Theilung in eine grosse Anzahl von ganz einfachen gleich- 
artigen Zellen. Aus diesen „Morula-Zellen" gehen dann 
die beiden primären Keimblätter der Gastrula hervor, und 
diese Sonderung in zwei verschiedene Zellenscliichten ist 
der erste Anfang der histologischen Arbeitstheilung. In- 
dem dann die Zellen des äusseren Keimblattes oder die 
Exoderm- Zellen weiterhin in Hautzellen, Nervenzellen, 
Muskelzellen u. s. w. sich sondern, und indem aus den 
Zellen des inneren Keimblattes oder den Entoderm-Zellen 
durch Differenzirung die Darmzellen, Drüsenzellen u. s. w. 
entstehen, erfolgt die Gewebebildung oder die histologische 
DiflFerenzirung, auf der die Ausbildung der verschiedenen 
Organe beruht. Aber dieontogenetische Arbeitstheilung 
der Zellen, wie wir sie so an jedem Thier-Ei Schritt für 
Schritt unter dem Mikroskop verfolgen können, ist nur die 
rasche, nach dem biogenetischen Grundgesetze erfolgende 
Wiederholung derlangsamen phylogenetischen Gewebe- 
bildung, wie sie durch die active Arbeitstheilung der Zellen 
ursprünglich bedingt wurde. 

Haeckel, Perigenesis der Plastidule. 4 



— so- 
wie ist nun aber diese Arbeitstheilung der Piastiden 
möglich? Oflfenbar nur durch die bedingende Arbeits- 
theilung der Plastidule. Denn ganz in derselben Weise 
und ganz nach denselben Gesetzen, nach denen der Cultur- 
staat durch die Arbeitstheilung der Staatsbürger, die hohe 
Organisation des menschlichen Körpers durch diejenige 
seiner Organe und diese wieder durch die Arbeitstheilung 
der sie zusammensetzenden Zellen bedingt ist, ganz in der- 
selben Weise wird auch diese letztere durch die Arbeits- 
theilung der Plastidule bewirkt und ganz nach denselben 
Gesetzen ist auch diese durch die Wechselwirkung von 
Vererbung und Anpassung im Kampfe um's Dasein ent- 
standen. Die morphologischen und physiologischen Eigen- 
thümlichkeiten, durch welche jede Nervenzelle, jede Muskel- 
zelle, jede Darmzelle u. s. w. als solche charakterisirt ist, 
sind einzig und allein dadurch bedingt, dass ihre consti- 
tuirenden Plastidule sich mehr oder weniger gesondert oder 
differenzirt und so verschiedene Plasson- Arten hervorgebracht 
haben. Wie verwickelt und wie verschiedenartig aber auch 
die Molecular-Structur des Plasson und seine Verbindung 
mit verschiedenartige^ Plasson-Producten in den genannten 
Zellen- Arten sein mag, dennoch stammen sie nachweislich 
alle von den gleichartigen Morula - Zellen ab, wie diese 
von der befruchteten Eizelle. Die phylogenetische ur- 
sprüngliche Arbeitstheilung der Plastidule wird so nach dem 
biogenetischen Grundgesetze noch heute in der ontogene- 
tischen Differenzirung der Piastiden -Moleküle wiederholt. 
Eine besondere Form dieser histologischen Arbeits- 
theilung verdient hier unsere nähere Beachtung: das ist 
die geschlechtliche Sonderung, die sexuelle Differen- 



— 61 



einer 

I nnng 
I nber 

■ erme 



mg. Wie schon vnrlipr bemerkt, besitzt die gcsclilecht- 
ilie Zeugung niclrt entfernt die hohe allgemeine Beden- 
tng, welche man ihr noch heute in den weitesten Kreisen 
zoschreibt; und das ist um so mehr hervorzuheben, als 
einerseits dieselbe vorzugsweise gern mit dem mystischen 
Schleier eines übernatürlichen oder höchst geheimnissvollen 
•ganges verhüllt wird, und als andererseits sogar viele 
■orragende Naturforscher die Bedeutung dieser Erschei- 
nung für die Entwicklungslehre ganz unverhältnissmässig 
überschätzen. Da ist denn zunächst ausdrücklich hervor- 
leben, dass erstens eine grosse Menge von niedersten 
;anismen, namentlich die bunte Masse der Protisten, 
!le Protophyten und Protozoen, die geschlechtliche Zeu- 
gung überhaupt nicht kennen, sondern sich ausschliesslich 
auf ungeschlechtlichem Wege fortpflanzen, (vorzugsweise 
ch einfache Theilung. ausserdem auch durch Knospen- 
inng und Sporenbildung). Zweitens ist zn bemerken, 
eine scharfe Grenze zwischen geschlechtlicher Zeugung 
phigonie) und ungeschlechtlicher Zeugung (Monogonie) 
lit besteht, wie schon die unbeständige Gonjugation nnd 
ulation bei vielen jener niedersten Organismen beweist. 
:ttens ist sehi' lehrreich die zerstreute Verbreitung der 
igfemzeugnng oder Parthenogenesis hei sehr verschie- 
len Gruppen von höheren Thieren und Pflanzen; offenbar 
imen diese von Vorfahren ab, welche geschlechtlich 
terenzirt waren: im Laufe der Zeit ist das männliche 
ithlecht wieder entbehrlich geworden und verloren ge- 
igen. Nicht minder lehn-eich ist viei-teus die häufige 
Verknüpfung der geschlechtlichen und angeschle^chtlichen 
Zeugung im Generationswechsel einei; und derselben Species. 



— 52 — 

Fünftens endlich verliert der wesentliche Vorgang der ge- 
schlechtlichen Zeugung alles Wunderbare und Eäthselhafte, 
sobald wir von allen unwesentlichen und secundären Zu- 
thaten absehen, und nur den histologischen Kern des Pro- 
cesses scharf in's Auge fassen. Denn dann ist die ge- 
schlechtliche Zeugung weiter Nichts, als die Ver- 
wachsung zweier Piastiden, welche durch weit- 
gehende Arbeitstheilung ihrer Plastidule. sich 
sehr verschiedenartig entwickelt haben. 

In der That wird so das dunkle Mysterium der ge- 
schlechtlichen Portpflanzung in der einfachsten Weise auf- 
geklärt, und das „wunderbare RäthseP der weltbewegenden 
Liebe in der nüchternsten Form gelöst. Natürlich müssen 
wir dabei ganz absehen von allen jenen mannichf altigen 
und merkwürdigen Geschlechts-Einrichtungen, welche erst 
langsam und allmählich von den höheren Thieren und 
Pflanzen theils unter dem allgemeinen Einflüsse der natür- 
lichen Züchtung, theils durch die besondere Wirksamkeit 
der geschlechtlichen Zuchtwahl erworben wurden, ur- 
sprünglich finden wir weiter Nichts als zweierlei ver- 
schiedene Zellen : weibliche Eizellen und männliche Sperma- 
zellen. Diese entstehen oft nicht einmal in besonderen 
Organen, sondern liegen einzeln zerstreut in anderen Ge- 
weben, die Eizellen zwischen den Epithel-Zellen des Darms, 
die Spermazellen zwischen den Epidermiszellen der Haut: 
so bei den Gastraeaden, Spongien, vielen Hydroiden u. s. w. 
Der ganze Vorgang der sexuellen Verbindung beschränkt 
sich hier darauf, dass diese beiderlei Zellen, aus dem Ver- 
bände des vielzelligen Organismus abgelöst und zufallig 
im Wasser zusammengekommen, sich an einander legen 




' ganz 
dert 

^ Aar 



— 5n — 

mit einander zu eiaer einzigeii Plastide verschmelzen. 
innige Neigimg. welche dui'cli die cheniische „Wahl- 
■andtschaft" der beiden liebenden Zellen bedingt ist, 
fBhi't beide nothwendig zusammen. Die neu entstandene 
Zelle ist das Kind der mütterlichen Eizelle und der väter- 
;en Spermazelle: sie besteht aus den vereinigten Köi-pem 
ider. Verfolgen wir diesen höchst wichtigen, aber auch 
ilist einfachen Fundamental-Process der Amphigonie noch 
so finden wir, dass dabei eine völlige und inuige 
:ung der Plastidule stattfindet, eine vollständige Ver- 
idnug der verschiedenen SIolekular-Bewegungen in beiden 
Piastiden. Dabei sclieint gewiihjilich dem Versclunelznngs- 
process der beideilei Geschlechtszellen die theilweise oder 
vollständige Auflösung ihres Kemea voi'auszngelien ( — in 
anderen FaUeii vielleicht erst nachzufolgen — ), so dass 
also das neuerzeugte Individuum zunächst keine Zelle, 
Bondern eine Cytode ist, und sich erst durch Neubildung 
les Kemes wieder zur Zelle gestaltet. Wir haben jene 
Ode als „Mnnerula", diese erste Zelle als „Cytula" 
;eichnet. Offenbar ist die individuelle Plastidul-Bewe- 
gnng, welche dieser ersten Plastide innewohnt, und welche 
deren ganze weitere Entwickelnng bedingt, die Resultante 
.KU6 den beiden verschiedenen Plastidul - Bewegungen der 
ibliclien Ei-Plastide und der männlichen Sperma-PIastide. 
'enn wir letztere als die beiden Seiten im Parallelogramm 
der Kräfte betrachten, so ist die Plastidul-Bewegung der 
Monenila und der daraus hervorgehenden Cytula deren 
gonale. Daraus erklärt sich auch ganz einfach die 
^tsache der beiderseitigen oder amphigonen Ver- 
, die Thatsache, dass das Kind zahbeicbe Eigen- 



— 54 — 

Schäften von beiden Eltern erbt. Die kindliche Lebens- 
Bewegung ist die Diagonale zwischen der mütterlichen 
und der väterlichen Lebens-Bewegung. 

Kein morphologisch betrachtet, ist jene Vermischung 
der beiderlei Geschlechtszellen, welche einzig und allein 
das Wesen der geschlechtlichen Zeugung bedingt, durchaus 
kein ganz absonderlicher Vorgang; vielmehr fallt er unter 
den weiteren Begriff der Verwachsung oder Concrescenz 
der Piastiden, einen histologischen Vorgang, den wir auch 
sonst in vielen verschiedenen Modificationen sehr verbreitet 
antreffen; z. B. bei der Plasmodium-Bildung von Moneren 
und Mycomyceten, bei der Bildung netzförmiger Gewebe 
(Verschmelzung sternförmiger Muskelzellen, Nervenzellen, 
Bindegewebszellen u. s. w.). Besonders lehrreich ist aber 
dafür die sogenannte Copulation oder Conjugation 
zweier anscheinend gleichartiger Zellen, welche bei vielen 
Protisten (Protophyten und Protozoen) der ungeschlecht- 
lichen Vermehrung durch Theilung vorausgeht (Gregarinen, 
Infusorien, Diatomeen, Desmidiaceen etc.) Wir dürfen 
diese Conjugation von zwei gleichartigen Piastiden als 
die erste Einleitung zur sexuellen Differenzirung oder 
als den üebergang von der ungeschlechtlichen zur ge- 
schlechtlichen Zeugung ansehen. Da nach den bekannten 
Erfahrungen der Inzucht ein gewisser Grad von Verschieden- 
heit der beiden Geschlechts - Individuen für den Erfolg 
ihrer Verbindung und die Fruchtbarkeit ihrer Nachkommen- 
schaft sehr vortheilhaft ist, so wird die natürliche Züchtung 
die Ungleichheit der beiden copulirenden Piastiden begün- 
stigen und durch allmähliche Häufung und Verstärkung 
ihrer individuellen Bigenthümlichkeiten sie allmählich bis 



% 



— 55 — 

zu jenem Gegensatze entfernen, der uns in der vei-schie- 
denen Znsammensetzung der grossen amoeboiden Eizelle 
und der kleinen flagellaten Spermazelle bei den meisten 
Thieren so auffallend vor Augen liegt. Auch das ist wiedei* 
nur eine besondere und stark ausgebildete Form der Ar- 
beitstheilung. 

Wenn wir uns nun wieder daran erinnern, dass ganz 
allgemein betrachtet die Fortpflanzung nichts Anderes ist, 
als ein „Wachsthum des Individuums über sein individuelles 
Maass hinaus", so werden wir auch jene Verwachsung von 
zwei gleichartigen Zellen, welche als Oopulation oder Con- 
jugation bezeichnet wird, und welche zuerst den phylo- 
genetischen Anstoss zur sexuellen Differenzirung gegeben 
hat, nur als eine besondere Form des Wachsthums ansehen 
dürfen. Während bei dem gewöhnlichen einfachen Vorgang 
der ungeschlechtlichen Fortpflanzung das vorausgehende 
and bedingende Wachsthum ( — ein totales bei der Thei- 
lung, ein partielles bei der Knospung — ) langsam und 
allmählich erfolgt, geschieht dasselbe hier bei der Coiiju- 
gation rasch und plötzlich. So lässt sich also auch das 
Mysterium der geschlechtlichen Zeugung wieder auf 
eine besondere Form des Wa chsthums und der Arbeits- 
th eilung der Piastiden zurückführen. 

Die hier dargestellte Auff'assung der geschlechtlichen 
Zeugung scheint mir .für die niederen und einfacheren 
Formen so klar auf der Hand zu liegen, dass sie wohl keiner 
eingehenderen Begründung mehr bedarf. Aber auch für 
die höheren und verwickeiteren Formen, die zunächst da- 
durch nicht vollständig aufgeklärt erscheinen, liefert sie 
uns den Schlüssel des Verständnisses. Dazu ist erforderlich, 



— 56 — 

dass wir erstens die physiologische Individualität des 
Piastiden -Lebens und die active Bedeutung der dasselbe 
bedingenden Plastidule anerkennen, und dass wir zweitens 
dem Begriffe des Generationswechsels eine viel weitere 
Ausdehnung und allgemeinere Geltung geben, als bisher ge- 
schehen ist. Bekanntlich beruht diese „Generatio alternans" 
die wir mit Owen kurz als Metagenesis bezeichnen, auf 
dem regelmässigen periodischen Wechsel von zwei oder 
mehi^eren verschiedenen Generationen, von denen eine auf 
geschlechtlichem, die übrigen auf ungeschlechtlichem Wege 
ihre Nachkommen erzeugen. Zugleich ist mit diesem peri- 
odischen Zeugungswechsel eine mehr oder minder weit 
gehende Arbeitstheilung der Personen (oder bei den Pflanzen 
der Sprosse) verbunden, welche sich oft in einer höchst 
auffallenden Verschiedenheit ihrer Gestaltung und Organi- 
sation kund giebt. So sehen wir z. B., dass aus den 
Sporen oder Keimzellen der Farnkräuter nicht wieder ein 
Farnkraut entsteht, sondern ein Prothallium, eine niedere 
Pflauzenform ohne Stengel und Blätter, welche im Wesent- 
lichen einem Lebermose gleicht. Diese wird geschlechts- 
reif; sie bildet Eier und Spermazellen , und aus deren 
Vermischung entsteht eine neue Zelle, die Cytula. Indem 
die Cytula sich wiederholt theilt, entsteht ein kleines 
Pflänzchen, das sich durch Sonderimg vom Stengel und 
Blättern wieder zum Farnkraut entwickelt; und an der 
Unterseite von dessen Blättern entstehen später unge- 
schlechtlich die braunen Häufchen von Keimzellen oder 
Sporen. Einem gleichen Generationswechsel begegnen wir 
bei sehr vielen niederen Thieren. So entwickelt sich aus 
dem befruchteten Ei der meisten Medusen nicht wieder 



B vidni 



— 57 — 

Meduse, sumlfni ein festsitzpinlei', ganz aiidei's ge- 
lter Kydroid- Polyp, und dieser erzeugt eist wieder 
■clr iingeschleclitliclie Kiiospang) die frei schwimmenden 
[lusen, die sich geschlechtlich sondern. Die Blattläuse 
viele kleine Krehse (z. B. Daphnldeu) pliivuzen sich 
irend des Symmers ungeschlechtlich diu'ch Partheno- 
m fort, durch unbefi-ucbtete Keimzellen oder Sporen, 
im Herbste kommt eiue gesclilecbtlich differenzirte 
Leration mit Männchen und Weihchen, und aus deren 
■nchteten Eiern entsteht im Frühjahr wieder die ei-ste 
leschlechthche Generation. 

Fassen wir nun aber unsere Piastiden als autonome 
Iementar-<3rgani8men" auf, die ihre morphologische und 
rsiologische Selbstständigkeit besitzen, und betrachten 
den individuellen Entwickelungs-Process vom Hsto- 
iien Stiindpuukte der Piastiden -Theorie, so werden 
wir durch Vergleichung mit den eben angeführten Vor- 
igen zu der Anschauung gelangen, dass eigentlich der 
lerationswechsel oder die Metagenesis ein sehr all- 
lein verbreiteter Voigang ist. Denn bei der indi- 
viduellen Entwickelung jedes vielzelligen Thieres, jeder 
vielzelligen Pflanze tiitt zunächst eine geschlechtliche 
.stiden-Geueration auf, repräaentiit durch die weibliche 
;lle und die männliche Spennazelle. Aus deren Ver- 
ung entsteht wieder eine Zelle, die Oytula, und diese 
lUgt auf ungeschlechtlichem Wege, durch wiederholte 
iilung, die Generationen von gleichartigpn Zellen, welche 
iraslich die Morula und die daraus entstehende Blastula 
. Jetzt erst tritt zwischen diesen gleich- 
in Zellen der Blastula-Generation die erste Arbeits- 



logische 



— B8 — 

theilung ein, und sie sondern sich in zweierlei Zellenarten, 
in die Zellen des inneren vegetativen und des äusseren 
animalen Keimblattes. Jede von diesen erzeugt wieder 
durch fortgesetzte Theilung zahlreiche Generationen, und 
in den letzteren schreitet die Arbeitstheilung der Zellen 
um so weiter fort, je vollkommener später die völlig ent- 
wickelte Person organisirt ist. Alle die zahllosen Gene- 
rationen von verschiedenartigen Zellen, welche deren Ge- 
webe und Organe zusammensetzen, vermehren sich unge- 
sclilechtlich durch Theilung. Nur zwei von diesen poly- 
morphen Zellen-Generationen sondern sich wieder geschlecht- 
lich, die Eizellen und die Spermazellen. Kommen diese 
später im geschlechtlichen Zeugungsacte wieder zur Ver- 
wachsung, so sind wir am Anfange des Zeugungskreises 
angelangt, von welchem wir ausgingen. Der Rückschlag 
oder Atavismus der Piastiden hat uns wieder bis zur 
Oytula zurückgeführt. Es besteht also im Grunde die 
individuelle Entwickelung jedes vielzelligen Thieres und 
jeder vielzelligen Pflanze, die sich durch Hypogenesis, 
d. h. ohne „Generationswechsel" der Personen, durch 
einen geschlechtlichen Zeugungs-Act fortpflanzt, eigentlich 
aus einem höchst verwickelten Generationswechsel ihrer 
constituirenden Zellen. Der Unterschied liegt nur darin, 
dass die letzteren im vielzelligen 'Organismus eng räumUch 
mit einander verbunden bleiben, während die Personen, 
als Repräsentanten der verschiedenen Generationen bei der 
eigentlichen „Metagenesis" räumlich von einander getrennt 
und frei sind. Um diesen Unterschied auszudrücken, habe ich 
die Wechselzeuguug der Piastiden als G enerationsfolge 
oder Strophogenesis bezeichnet, (Gen. Morph. II, 106). 



— 59 — 

Begriff der Metagenesis bleibt aut (üe AVeclisel- 
lugung der Peisoiien, als ganz selbstständiger und fi-eier 
^siologisclier Individuen bestliräukt. Wie imweäeutlit^h 
"ßbrigens dieser Uutei'Scbied ist, zeigen die Siplionophoren, 
bei denen dieselben, diu'cli Arbeitstheilimg vielfacli geson- 
ßrtea Personell auf eiiiuin Stocke vereinigt bleiben, die 
anderen Hydrouiedusen getrennt ihr selbststäuiliges 
Ipben führen. Die Ai'beitstheilung der Personen, die wir 
r ebenso wie in den Culturstaaten der Ameisen, Bienen, 
^injten und Menschen finden, ist an sich betrachtet nur 
1 Grossen, was die Arbeitstheilung der Piastiden im 
nfe der Strophogenesis in kleinem Maassstabe darbietet; 
[ die letztere ist wieder im (jJrunde kein andei'er Pro- 
dis die im Miniatui'bilde uns entgegentretende Ar- 
fctstheiluug der Plastidule. Diese iat der Elemen- 
k-Factor der fortschreitenden organischen Entwickelang, 
r stetig zunehmenden Vollkoni nienheit und Maimirhfaltig- 
t der organischen Foi'iiien. Der Mikrokosmus wieder- 
L auch kiei' das Bild des Makrokosmos. 
b Suchen wir nun für die manniciifaltigen und wunder- 
fllen, hier kurz bei-üluten Vorgänge der organischen 
rung und Entwickelung einen einheitlichen aUgemeinen 
Stdchtspiinkt auf monistischer Basis zu gewinnen, so ist 
(eer jedentälls nur im Gebiete der Bewegungslehre oder 
■ Mechanik im engeren Sinne zu suchen, Denn der 
t;anze uns erkennbare Weltprocess in seiner unbegrenzten 
Ausdehnung, die Gesanuntentwickeluug der Sonnensysteme 
und Planeten nach K<int, die anorganische Entwickelung 
des Erdballs nach Li/ell und Aiv organische Entwickelung 
ao t demselben nach Darwin sind in gleicher Weise durcb 



— 60 — 

feste und unabänderliche Gesetze der Mechanik mit Noth- 
wendigkeit bedingt. Und wie die gesammte Entwickelang 
der organischen Natur auf unserer Erde, wie die Stammes- 
geschichte des Pflanzen- und Tliierreichs, so ist auch die 
Entwickelungsgeschichte der Menschheit und jedes ein- 
zelnen Menschen durch dieselben festen Gesetze der Be- 
wegungslehre geregelt. Der Unterschied ist nur der, dass 
der Entwickelungs - Process der organischen Natur im 
Ganzen, wie im Einzelnen unendlich viel verwickelter und 
daher schwieriger zu erfassen ist, als derjenige der anor- 
ganischen Natur. Aber jener beruht ebenso wie dieser 
im Grunde doch nur auf Massen-Bewegungen, und diese 
Massen-Bewegungen sind sämmtlich auf Anziehungs- und 
Abstossungs- Verhältnisse der Moleküle und der sie zu- 
sammensetzenden Atome, sowie des die Atome verbinden- 
den Aethers zurückzuführen. 

Der biogenetische Process, wie wir die Gesammt- 
heit der organischen Entwickelungs-Bewegungen auf un- 
serem Planeten kurz nennen wollen, ist im Einzelnen viel 
zu verwickelt, die Zahl, Mannichfaltigkeit und Complication 
aller ihn zusammensetzenden Einzel-Vorgänge ist viel zu 

* 

gross, als dass es möglich wäre, jetzt schon, bei unserer 
mangelhaften und unvollkommenen Kenntniss derselben, 
seinem ehernen mechanischen Gang Schritt für Schritt zu 
folgen. Trotzdem können wir behaupten, schon jetzt eine 
befriedigende monistische Einsicht in sein wahres Wesen 
gewonnen zu haben. Die Voraussetzung dieser Einsicht 
ist die Anerkennung des biogenetischen Grundgesetzes, 
welches durch den Nachweis des Causalnexus zwischen 
Ontogenie und Phylogenie allein föhig scheint, den über 



61 



I Dioger 



Ben Zweigen <lei' Biogeiiie lageinden Nebel zu zeretreuen. 
Wie man auch jenen imiigeii ursächlichen Zusammenhang 
zwischen Keuiies- und Stammesgeschichte forniuliren mag, 
besteben hleibt er für Jeden, der nicht durch Vorurtheile 
geblendet, der mit den Thatsachen der orgiinischen Ent- 
^wickelung vertrant und der zu eiuem philosüpbinchen Ur- 
[ ober ihre Bedeutung befähigt ist. 
I Wollen wir aber noch weiter in die Mechanik des 
"Biogenetischen Processes eindiingen. so müssen wii' noth- 
wendig in die dunkele Tiefe des Plastiden-Lebens hinab- 
^^^^igen und in der Plastidul-Bewegnng die wahre 
^^^Hbvirkende Ursache desselben aufsuchen. Es bleibt also 
^^^H^ scbliesslich noch die Frage zu beantworten, ob wir 
^^^Hei' die eigentliche Natur dieser molekularen Plastidiü- 
^^^^pw^egung, die unserer unmittelbaren Erkenntniss ver- 
^^^^hiossen ist, uns mit Hülfe der Vergleichnng von analogen ■ 
Bewegungsei-scheinnngen eine vorläufig befriedigende Hy- 
pothese zu bilden im Stande sind. Eine bejahende Ant- 
auf diese Frage versncht unsere Hypothese der 
ßrigenesis. 

Wenn wir zunächst vom höchsten und nmfüssendsten 

isichtspunkte ans die Gesammtheit der eben betrachteten 

^nischen Entwickelungsvorgänge überschauen, so ergiebt 

als allgemeinstes ßesultat die Ueberzengnng, dass 

' biogenetische Proceas als eine periodische Bewe- 

ng verläuft. Das anschaulichste Analogon derselben 

läen wir im Bilde einer verwickelten Wellenbewegung. 

Balten wir uns dabei zunächst nm- an die «nmittelbar zu 

ei-keunenden und unumstösslichen Thatsachen, so können 

vir von unserer eigenen Vorfahren- Kette ausgehen; gleich- 



— 69 — 

viel ob wir diese ;iiif die sfigeiiannte „liistorisclie Zeit" 
beschränken, in welclier Mensch auf Menscli nar.hweislicii 
gefolgt ist; oder oh wir unsere Ahnenreihe, der Änthro- 
pogenie folgend, nocli weiter liinah durch den Stamm der 
Wirbeitliiere bis zum Aniphioxus, und durch die Gmppe 
der Wirbellosen hindurch bis zur Gastraea, schliesslich 
liis zur Araoebe und zum Mouer verfolgen. Auf jeden 
Fall lässt sich die Entwickelnngsbewegnn;f imserer Aliueii- 
reihe unter dem einfachsten Bilde einer Wellenlinie 
vorstellen, in welcher das individuelle Leben jeder einzel- 
nen Person einer einzelnen Welle entspricht. 

Beschränken wir nun aber unseren Blick nicht auf die 
Reihe unserer directen Vorfahren, sondern erweitem wir 
ihn und fassen wir die Gesauimtheit unserer Blutsverwandten 
zusammen, so können wir bekanntlich deren Zusammenhang 
in der einfachen Foi'm eijies Stammbaumes klar ausdrückeu. 
Mit Rücksicht auf die Wellenbewegung der zusammen- 
hängenden Entwickelung können wir auch in diesem 
Stammbaum die Entwickelungs-Bewegung jeder einzelnen 
Person dui-cli eine Welle andeuten. Der ganze Stamm- 
baum erhält so das Bild einer verzweigten Wellen- 
bewegung, einer ramificii-ten Undulation. (Vergl. die 
angehängte Tafel.) Welche Vorfahren - Form wir auch 
als Stammform für die ganze stammverwandte Gruppe des 
Stammbaumes oder für einen Theil derselben wählen 
mögen, immer wii'd sie als der Ausgangspunkt einer zu- 
sammenhängenden Wellenbewegung erscheinen, welche sich, 
den Aesten und Zweigen des Stammbaumes entsprechend. 
vielfach ramificirt. 

Dasselbe Bild einer verzweigten Wellenbewegung, 



65 



(elches uns so die Entwirkelungsgescliicbte jeder menscli- 
kliun Familie, die Genealogie jeder Dynastie irn Kleinen 
irbietet. dasselbe finden wir im Grossen wieder, wenn 
wir das natürliche System der Oiganismen im LicLte der 
Descendenz-Theorie betrachten. Denn wie in jeder nienscb- 
lichen Familie, so sind anch in jeder grösseren Gruppe 
blutsverwandten Thieren oder Pflanzen „alle GestaJ- 
i ähnlich; doch keine gleichet der anderen". Das „ge- 
heime Gesetz", das „heilige Räthsel", auf welches dieser 
Gestalten-Chor nach Goeihf deutet, ist die übertragene 
-■Entwiekelungs- Bewegung, auf der die „Blutsveiwandt- 
heruht. Daher ist das „natürliche System" nichts 
öderes als der wahre Stammbaum der blutsverwandten 
Irrten, und jeder einzelne Äst und Zweig desselben ent- 
eilt einer grösseren oder kleineren Gmppe von Des- 
ssdenteu einer gemeinsamen Stammform. Diese Einheit 
Abstammung vereinigt alle Formen einer Klasse, 
Innng u. s. w. Indem sich jede Klasse in verschiedene 
iDUQgen, jede Ordnung in mehrere Familien, jede Fa- 
i wieder in verschiedene Gattungen, jede Gattung in 
"melirere Art^n und Varietäten spaltet, verzweigt sich die 
Wellenbewegung, welche von der gemeinsamen Stamm- 
a auf die ganze Nachkommen -Gruppe übertragen wurde; 
i jeder Welleuzweig pflanzt seine individuelle Bewegung 
(der in eigeuthiimliclier Form auf seine verschiedenen 
ascendenten fort. 
Nun lehrt, uns dasv biogenetische Grundgesetz, dass 
I dieser grossaitige Eutwickelungsgang der Stammes* 
»chicltte im Kleinen wiederspiegelt in der Keimes- 
ächichte jedes einzelnen Individaums. Hier sind es die 



— 64 — 

Lebensläufe der constituirenden Piastiden (Cytoden und 
Zellen) welche den einzelnen Wellen entsprechen. Die 
Cytula oder die aus dem befruchteten Ei hervorgegangene 
„erste Furchungszelle", aus welcher sich der vielzellige 
Organismus entwickelt, verhält sich zu den verschiedenen 
Zellen-Generationen, welche aus ihr durch Theilung ent- 
stehen und welche später dui'ch Arbeitstheilung die ver- 
schiedenen Gewebe bilden, ganz genau so, wie die Stamm- 
form einer Klasse oder Ordnung zu den mannichfaltigen 
Familien, Gattungen und Arten, welche von ihr abstammen 
und sich durch Anpassung an verschiedene Existenz -Be- 
dingungen verschiedenartig entwickelt haben. Der ontoge- 
netische „Zellen-Stammbaum** der ersteren hat ganz dieselbe 
Form, wie der phylogenetische „Arten-Stammbaum** der 
letzteren. Die übertragene Entwickelungs - Bewegung, 
welche hier von der Stammform der ganzen Arten-Gruppe, 
dort von der Stammzelle der ganzen Zellen-Gruppe aus- 
geht, nimmt in beiden Fällen die gleiche Form der ver- 
zweigten Wellenbewegung an. Jeder, der das biogenetische 
Grundgesetz anerkennt, wird es nur natürlich finden, dass 
der Mikrokosmos des ontogenetischen Zellen-Stammbaumes 
das verkleinerte und theilweise verzogene Abbild von dem 
Makrokosmos des phylogenetischen Arten -Stammbaumes 
darstellt. (Vergl. die angehängte Tafel.) 

Da wir uns jede zusammengesetzte und verwickelte 
Erscheinung nur durch Auflösung in ihre einzelnen Be- 
standtheile und genaueste analytische Untersuchung dieser 
letzteren zum Verständniss bringen und erklären können, 
so müssen wir noth wendig auch in der mechanischen Ent- 
wickelungs-Theorie bis in die letzten Elementar- Vorgänge 



65 



hillringen. Nun ist der ganze, biogenetische Process das 
ffichst zusammengesetzte Resnltat ans den Entwickelnnga- 
Vorgängen sämmtliclier organischen Ai-ten. Diese setzen 
sich wieder aus den Entwickeluags-Processen der Personen, 
wie die letzteren atis denjenigen der constitiiirenden Piastiden 
zusammen. Die Entwickelung jeder einzelnen Plastide ist 
■i|ß)er wieder nur das Produet aus den activen Bewegungen 
p^er constituirenden Plastidule. Nun hahen wir gesehen, 
ttass die Eiitwickelungs-Bewegung der Stämme und Klassen, 
Ordnungen und Familien, der Gattungen und Allen, 
r Pei-sonen und Piastiden immer und überall die charak- 
^tische Grundform der verzweigten Wellenbewegung 
Denmaeh kann auch die molekulai-e Plastidul-Bewe- 
gnng, welche allen jenen Vorgängen zu Grunde liegt, in 
Wirklichkeit keine andere Form besitzen. Wir müssen 
^«hliepaen, dass auch die"se Elementar-Ursache des Lebens- 
, dass anch die unsichtbare Plastidul-Bewe- 
vg eine verzweigte Wellenbewegung ist. Diese 
tehre und letzte „Causa efBciens" des biogenetischen Pro- 
sses nennen wir mit einem Worte Perigenesis, die 
periodische Wellenzeugung der Iiebenstbeilcben oder Plasti- 
dule. In der That ist diese Hypothese die einzige, welche 
.nns jenen Process wii'klich zu erklären vermag. Nehmen 
' als einfaches Beispie] zur Erläuterung der Perigenesis 
Entwiekelungsgang eines monoplastiden Protisten 
. B: eines monocytoden Moneres, oder einer einzelligen 
moebe), das sich durch einfache Theilung fortpflanzt, und 
' Te]"foIgen wir diesen auf der angeliängt.en Tafel bis zur 
Itinfteu Generation. Auf dieser Tafel ist jede entwickelte 
einfache Zelle durch eine einfache rothe Kugel und die 



— 66 — 

beiden Tocht«iv,ellen, wel(:he bei deren Fortpflanzung durch 
Theiliuig entstehen, dui-cli zwei kleinere, unmittelbar darüber 
befindliche rotbe Kugeln angedeutet. Die rothen Wellen- 
linien bedeuten den individuellen Entwicklungsgang jeder 
einzelnen Zelle mit der ihr eigenthünilichen Plastidul- 
ßewegung, deren Richtung durch einen rothen Pfeil an- 
gedeutet wird. Die kleinen schwarzen Körper von ver- 
schiedener Form bedeuten die Summe der äusseren Existenz- 
Bedingungen, welche die Ernährung jeder Zelle beeinflussen 
und durch Anpassung deren ursprüngliche Plastidal-Bewe- 
gung abändern. Die Richtung dieser Anpassuugs-Bewe- 
gung ist durch die schwarzen Heile angedeutet. Indem 
nun in jeder einzehien Zelle die ui-sprüngliclie, von der 
Mntterzelle durch Vererbung übertragene Plastidul-Be- 
wegung mit der neuen, durch Anpassung erworbenen 
Plastidul-Bewegung zusammentrifft, entsteht als Diagonale 
in diesem Parallelogramm der Kräfte eine neue Form der 
Plastidul-Bewegung, die dieser Zelle individuell zukommt: 
"lud da die Existenz -Bedingungen aller Indi\'idnen mehr 
odei' minder verschieden sind, müssen auch diese Diagonal- 
Bewegungen mehr oder minder abweichen. Daraus folgt 
die Divergenz des Charakters, welche sich bei den 
Descendenten jeder Geueration ausspricht und bei jeder 
folgenden Generation wächst. Der ganze Entwickelungs- 
Process stellt sich also als eine zusammengesetzte rami- 
flcirte Unilulation der Plastidnle dar, bei welcher die 
einzelneu Wellen mehr nnd mehi' ungleich werden. Ganz 
dieselbe Erscheinung zeigt uns der sogenannte Pur- 
chungs-Process der Thier-Eier. Auch hier zerfällt die 
Zelle durch wiederholte Theilung in 2, 4, 8, 16, 32Zellenu.s,w. 



fi? - 



Itfiwar ersüheineii diese äiisserlirh häufig gleich : allein 
9ire (ererbte) Plastidul-Bewegiing ist *leimocli individuell 
Krersehieden, wie aus ihrer späteren ungleichen Entwicke- 
lung hervorgeht. Die potentielle Ungleichheit, welche hier 
durch Vererbung übertrafen oder angeboren erscheint, 
ist in Wahrheit ursprünglich dnrch Anpassung von den 
■ Ältesten Voi-fahren des vielzelligen Organismus erworben 
yorden. 

Indem wir dergestalt eine ununterbrochene verzweigte 

iTellenbewegung der Plastidule als die bewirkende 

Prsache des biogenetischen Processes annehmen, 

äien wir die Möglichkeit ein, den anendlich verwickelten 

lang des letzteren auf mechanische Bewegung der Massen- 

^tome znrückzutüliren; nnd diese sind hier ebenso durch 

ifiemiscJi-physlkalisrhe Geaetze bedingt, wie in Bämratlichen 

fe'Sclieinnngen der anorganischen Natur. Wenn wir diese 

erzweigte Wellenbewegung der Plastidule mit einem Worte 

s „Perigenesis oder Wellenzeugiing" bezeichnen, so wollen 

damit die characteristische Eigenthümliclikeit aus- 

F&cken, welche dieselbe als verzweigte Bewegung von 

federen ähnlichen periodischen Processen unterscheidet. 

iese Eigentlinmlichkeit beruht auf der Reproductionskraft 

■ Plastidule und diese ist wieder dnrch deren eigen- 

thliinliche atoniistische Zusammensetzung bedingt. Jene 

Beprodactionskraft, die allein die Portpflanzung der Pla- 

ttiden ermöglicht, ist aber gleichbedeutend mit dem Ge- 

Lchtniss der Plastidule. Und hier kommen wir wieder 

%tif die vorher adoptirte, von Ewald IJerinr/ so vortrefflich 

begründete Anschauung zurück, dass das nnbewusste Ge- 

dficlitniss die wichtigste Character-Eigenachaft der „orga- 



— 70 — 

liegen auf Jer Ihiuil. So wesentlicli veistliiKden , wie 
JJanmn'ii „Gemmulae oder LebenskeiuicLeii" von uusereu 
,Pla*jti(iulen oder Lebeiisniolekülen" , so grundvei-sdiiedeu 
sind aucli die molekularen Bewegungen, welche unsere 
beiden Hypothesen in Anspruch nehmen. Die „Gemunüae" 
der Pangenesis sind Molekül-Gruppen, welche „wachsen, 
sich ei'nähren nnd duicli Theilung vervielfältigen können, 
gleich den Zellen selbst." Die „Pl-tstidule" der Perigeuesis 
hingegen sind Einzel-Moleküle, welche als solche alle 
diese Eigenschaften nicht besitzen. Sie können hlos ilu'e 
inilividuelle Plastidul - Bewegung auf die benachbarten 
Plastldule übertragen und dui'ch Assmiilatiou in ihrer 
unmittelbaren Umgebung neue Plastidule von derselben 
Beschaffenheit bilden, wie ein wachsender Krystall in der 
Mutterlauge; sie können femer ihi'e atoniistische Zusaninien- 
setzuug m Folge äusserer Einflüsse sehr leicht ändern 
und damit auch ihre Plastidul-Bewegimg. Varwiu nimmt 
an, dass jede Zelle Theilchen an alle Theile des Körpers 
abgiebt und dass alle Kepioductions- Zellen, sowohl die 
Eizellen und Spermazellen, welche die geschlechtliche 
Zeugung, als auch die indifferenten Zellen, welche die un- 
geschlechtliche Zeugung vermitteln, abgegebene Geianiulae 
von sämmtlichen Zellen des Organismus enthalten; nnd 
nicht allein dieses Organismus, sondern auch aller seiner 
Vorfahren. Wie diese in den Reproductions- Zellen sich 
ordnen und den neuen Organismus bilden sollen, vei'mag 
ich nicht einzusehen. Ja, mir scheint eine Eutwickelungs- 
lehi'e auf dieser Basis mit der Zellen-Theorie, mit der 
Plastiden-Theorle, mit unseren Erfahnmgeu über die sueces- 
sive Diöereuzirung und Arbeitstheilung der Zellen im 



»aufe der Oiitugeiiese überhaupt unvcreiiibar. Die Aj-- 

Bfeeitstheilnng und Geuerationsfolge der Zellen, auf welche 

Kidi das Hauptgewicht lege, und die regehnässige Periodi- 

dtät der Plastidnlbewegiing. welche diesen erworbeneu 

cess der Arbeitstheilung von Zeit zu Zeit wiederholt 

durch ueue Erwerbungen coniplicii't . haben in der 

Ibeorie der Pangenesis keinen Platz. 

Hingegen gründet sich meine Hypothese von der Pe- 

|äg;enesie der Piastidule auf das mechanische Princip 

■er übertragenen Bewegung, welches bereits Aristoteles 

f die wichtigste Ursache der individuellen Eutwickelung 

btrachtete. Dieser gi'osse Naturphilosoph lässt hei der 

sclüechtlichen Fortpflanzung den Anstoss und den Be- 

I oder die Erregung der Eutwickelungsbewegung vom 

lännlichen Samen ausgehen und von diesem auf den weib- 

äxen Zeugungsstoff übei-tragen. Auch bekämpft er aus- 

Ificklich die in der Paugenesis enthaltene Vorstellung, 

tos der Same von allen Theilen des Körpers herkomme. 

Isere Piastidule siud die constituirenden Moleküle des 

lasson , welche die Piastiden - Theorie , die erweiterte 

*rotoplaania-Tbeorie" , als die eiu7.igen activen Pactoren 

! Plastideu-Lebens anerkennt, während sie den übrigen 

'Gewebs-Molekülen dabei nur eine passive Rolle zntheilt. 

Indem die schwingende Molekular - Bewegung dieser Pla- 

itidule, oder die Plastidul- Bewegung, sich bei der Ver- 

behnrng der Piastiden als „Vererbung" auf die neuge- 

Itdeteu Piastiden überträgt, gestaltet sie sich zu einer 

zweigten "Wellenbewegung, und indem bei den ver- 

hiedenen Descendeiiten die niaiuiichfaltigen Existeuzbe- 

fDgungen einen unmittelbaren Einfluss auf die vei-schiedenea 



— 72 — 

Zweigu ausüben, entstehen durch „ Aupassuug" ueue 
Formen. Durch Vererbung dieser Aiipjssuugeii aul' die 
spätureu Descendeuten entsteht diß divergente Ärbeits- 
tlieiluüg der Plastiden, welche wir als die wichtigste 
Ursache der weiteren Entwickeluiig ansehen. So werden 
die Wellenkreise der raiuificii'teu Undulation ininiei' zaM- 
reicher, mamiichfaltiger und verwickelter, je weiter wir 
die fürtschreitende Perigenesis der Pla&tidule veriblgen. 

Alle die mannichfaltigeB, verwickelten und nierkwtii'- 
digen Erscheinungen, des biogenetischen Processes scheinen 
mii' im Lichte dieser Perigenesis einer einfachen mecha- 
nischen Erklärung von einem einheitlichen Gesichtspunkte 
aus zugänglich zu werden. Hingegen habe ich mich ver- 
geblich beniiibt, eine solche einlache mechaniscJie Erklärung 
mit Hülfe der Pangeneeis zu erreichen, welche Huvwin 
seihst als eine höchst coniplicirte Hypothese bezeichnet. 
Auch alle die einzelnen Haupt-Erschemungen der Enl- 
wickelung, welche derselbe an der Uand (lei- Pangenesis- 
Hypothese zu erklären sucht: Pwtpäanzung und Ver- 
erbung, Ernährung und Anpassung, KücksclJag und 
Generationswechsel, Hybridisnius und Uegeneratio» schei- 
uen wir duixh die Pangeuesis der Gemniiilae keine mecha- 
nische und mit den Thatsachen des Zellenlebens und der 
Keimesentwickelmig vereinbai-e Erklärung zu finden. 
Hingegen wird eine solche durch die Perigenesis dei" 
Plastidule gegeben. Darwin sagt ausdrücklich, dass „alle 
Formen der Eeproduction abhängen von der Aggregation 
von Gefumulae, welche von allen Theilen des Küri>ei's 
abgeleitet sind." AVii' sagen hingegen: „Alle Formen 
der Portptianzung hängen ab von der U eher tragung 



— 73 — 

[ der Plastidul-Bewegung, welche bloss von dem zeu- 
I gendeu Theile des Körpers auf die erzeugten Plastiden 
irect übertrageu wii-d, aber weiteihin veimöge des Ge- 
dächtnisses und der Arbeitstheilung: der Plastidule die 
[Fellenbewegung der Vorfalireo in den Nachkonunen ganz 
■ theilweise reproducii-en kann. 

Wtts ich liier gegen die geistreiche Pangenesis-Theorie 
ParteifiS einwende, das gilt zum Theil auch von der 
f »clmrfsinnigen Entwickelungs-Theorie, welche 1874 Eisberg 
i New- York als die Tlieorie von der „Hegeneration oder 
^äservation der organischen Moleküle" veröö'entlicht hat, 
?roceed. of the American Association, Hartford 1874.) 
«loch tieten hier an die Stelle der „Gemmules" in 
Uebereinstiminung mit unserer Plastiden - Theorie die 
Plastidule. In der Auffassung der Plastidule als wirk- 
ther activer Plasson-Moleküle mid in Bezug auf die fun- 
Eftuientale Bedeutung des Plasson selbst, stimmt Eisberg 
Wesentlich mit unserer Auffassung tiberein. Dagegen 
uinmit er den Grundgetlankeu der Pangenesis in seine 
Kegenerations-Tlieoiie auf. Er foruiulirt sie selbst in 
Kiiplgenden Worten: „Der Keim jedes erzeugten lebenden 
^SVesens euthält Plastidule seiner ganzen Voi fahren- Eeihe. 
nenne sie die ßegeneraüons-Hyyothese, weil ihr zu- 
blge die Vorfahren bis zu einem gewissen Grade körper- 
, und &\m auch in jeder anderen Beziehung, in ihrer 
Biaclikommenschaft wiedergeboi'en werden; oder die Ilypo- 
feese dei' Präservation der organischen Moleküle, weil sie 
annimmt, dass gewisse Plastidule, wemi auch nicht für 
iiuuier, docli für lange Zeit, aufbewahrt und von Genera- 
Ion zu Generation übertragen werden; oder ich könnte 



— 74 — 

sie die lTy[)otliese der EilmlUing der organischen Kräff« 
nennen, was nach der ebpn gegebi'nfn Deutung dasselbe 
ausdrücken würde." 

Wie hieraus und aus den weiteren Ausführungen von 
EUberij klar hei-vorgeht. stimmt er im Wesentliflisten mit 
dei' Pangenesis-Ilypothese Jjanrine ttberein. insofern hier 
wie dort die materielle Uebertragung wirklicher Moleköle 
durch die ganze Reihe der blutsverwandten Generationen 
und somit die materielle Zusammensetzung jedes Keimes 
ans körperliehen Theilchen seiner sämiutlichen Vorfahren 
behauptet wird. Gerade diesem Grundgedanken aber tritt 
unsere Perigenesis-Hypothese entgegen. Demi wir nehmen 
eine unmittelbare Uebertragung der körperlichen Moleküle 
nui- vom zeugenden Individuum auf das Erzeugte an, aber 
nicht auch von der älteren Vorfahi-en- Reihe her. Von 
dieser wird nur die besoulere Form der periodischen 
Bewegung übertragen oder ..vererbt", und nm- diese 
fortdauernde „Wellenbewegung der Plastidiüe" ist es, 
welche vermöge des Gedächtnisses derselben auch die 
Eigenschaften der älteren A'orfabren an den späteren 
Nachkommen wieder in die Erscheinung treten lässt. Das 
ist ja gerade das Charakteristiache der fortschreitenden 
Wellenbewegung, dass die Wellenformen sich vom 
Ausgangspunkte der Bewegung oder vom „En-egungs- 
ceutrum" aus über weite Strecken imd zahllose Theile der 
bewegten Masse foi'tpflaiizen können, trotzdem die beweg- 
ten Moleküle nur innerhalb sehr enger Grenzen, nur 
innerhalb einer Wellenlänge sich hin und her bewegen. 
und die Wellen selbst an Oit und Stelle bleiben; in sehr 
BJnnreicher imd bezeichnender Weise nennen wir deshalb 



— 75 — 

Bcii die Wcllcübeweguiig eine Fortpflanzung der 
Diesen Sprachgebrauch umkehrend, kann man 
ich die Fortpflanzung der Oi'gauisnien als eine eigen- 
Hi&mliche „Welleubewegung- auflassen. 

Abgesehen von dieser Differenz scheint mir Ehiierg 
darin zu weit zu j;ehen, dass er die Zellen-Theorie 
irch die histologischen Anschauungen von Beule und 
nn für überwunden erklärt und die netztünuige An- 
idnnug der Plastidulreihen im Plassou oder der „formen- 
1 Substanz" iiü- eine allgemeine und wesentliche Eigen- 
fehaft aller Flastiden hält. Ich fasse dagegen diese netz- 
[Bniiige AjKjrdiiang der Plastidul- Reihen in der „Inter- 
I plastidul-Öubstanz" als ein secandäres Phäuomen auf und 
nehme an, dass ursprünglich (z. B. in den einfachsten 
Monertm) die Plastidule allein, dicht an einander gelagert, 
den ganzen Plastiden-Körper büden. Erst in Folge ilirer 
weiteren bildenden Thätigkeit treten sie aus einander, lagern 
Interplastidul-Massen" zwischen sich ab und künneu die 
fetzförmigb Anordnung annehmen, welche wir so weit ver- 
reitet (wenngleich keineswegs allgemein) in den Cytoden 
L Zellen wahrnehmen. Jedenfalls bleibt aber Ehbet-tf 
. Bechte. wenn er die hohe Bedeutung der Plastidule 
itont und sie als die eigentlichen activen Factoren des 
jbens-Processes ansieht. 
Die grossen Grnppen von Thatsachen, auf welche wir 
unsere Perigenesis-Hypothese stützen, sind als empbische 
Gnindlagen der Entwickelungs-Lehre zum grössten Theile 
Engst anerkannt, und die darauf gegiündeten Theorien, 
i wir durch die Idee der Perigenesis zu einem Ganzen 
jrbunden haben, von den meisten Biologen gegenwärtig 



— 76 — 

welche den Keim zu einer solclien in sißli trügt.. Was 
noch besondere zu ihren Gunsten sprechen diiifte, ist ihre 
grosse Einfachheit, in der Regel das Zeichen einer natur- 
gemässen Theorie. Wie einfach sind die Örundgedanken 
der Gravitatinns-TIieorie von NetDton, der lludulations- 
Theorie von Hfli/ijlient, der Wärme-Theorie von Mayer, der 
Zellen-Theorie von Sehlüdm. der Descendenz-Theorie von 
iMmorek und der Seleetions- Theorie von Dartim! Und 
doch werden durclt diese einfachen Grundgedanken die 
grössten und umfassendsten Massen verschiedenartiger That- 
sachen zu einem einheitlichen Ganzen verbunden luid dui'ch 
eine gemeinsame Ursache erklärt. Ebenso einfach ist auch 
der Grundgedanke einer verzweigten Wellenbewegung der 
Plastidule, die wir als bewirkende mechanische Ui-sache 
des biogenetischen Processes betrachten. 

Wenn die moniatische Naturwissenschaft, der Gegen- 
wart an uns mit Recht die Anforderung stellt, alle Natur- 
Erscheinungen mechanisch zu erklären und mit Ausschluss 
jeder Teleologie auf „bewirkende Ursachen", auf „cansae 
efficientes" zurückzufuhren, so wird dieser ersten Anfor- 
derung durch unsere Perigenesis- Theorie genügt. Denn 
rein mechanisch sind die Priucipien von der übertragenen 
Massenbewegung und von der Erhaltung der Kraft, welche 
derselben zu Grunde liegen. Rein mechanisch ist auch 
das Princip dei- Autogonie, welches den ersten Anstoss zu 
dieser übertrageneu Bewegung aus jenen Atom-Bewegungen 
lierleitet, die bei der Bildung der ersten Plastidule atatt- 
flnden und deren eigentbüniliche Plastidul - Bewegung be- 
wirken. Auf die Uebertragung dieser Plastidol-Bewe- 
gung konnten wir tue Vererbung, auf die Abänderung 



— 79 — 

derselben die Anpassung zurückführen, die beiden Haupt- 
Factoren der organischen Formbildung. So fügt sich der 
biogenetische Process, als eine besondere und höchst ver- 
wickelte Form der periodischen Massen -Bewegung, ohne 
Zwang in den gesetzmässigen Gang des gesammten Welt- 
processes ein, und die bewirkende Ursache desselben ist 
die Perigenesis der Plastidule. 



-♦0- 



Erklärung der TafeL 



Das Schema der Perigenesis, das diese Tafel darstellt, soll in ein- 
fachster Form die verwickelten Beziehungen versinnlichen, welche bei 
jedem organischen Entwickelungs-Process zwischen den Descendenten 
einer gemeinsamen Stammform durch die Wechselwirkung der Vererbung 
und Anpassung bedingt werden. Die übertragene Bewegung der Plasti- 
dule, welche die Vererbung bewirkte, ist durch rothe Wellenlinien 
angedeutet; hingegen der Einfluss der äusseren Existenz-Bedingungen, 
welcher durch Abänderung der übertragenen Plastidul-Bewegung die 
Anpassung bewirkt, durch schwarze Wellenlinien. Die Verschieden- 
heit der äusseren Existenz -Bedingungen, denen jedes organische Indivi- 
duum sich anpassen muss, ist durch die verschiedene Form der schvirarzen 
Körper angedeutet, hingegen die dadurch bewirkte Verschiedenheit der 
inneren Plastidul-Bewegung durch die verschiedene schwarze SchrafQrung 
der rothen Kugeln. Je zwei kleine Kugeln sind durch Theilung der 
darunter befindlichen grossen Kugel entstanden. Dieses Verhältniss ist 
der Einfachheit halber angenommen und bis zur fünften Generation 
fortgeführt. Das Schema passt ebenso wohl auf die Furchungszellen, 
welche sich bei der regelmässigen totalen Ei-Furchung durch fortgesetzte 
Zweitheilung vermehren, wie auf die entsprechende Stammesgeschichte 
einer einzelligen Stammform. Aber auch in dem Stammbaum jedes 
höheren, vielzelligen Organismus erscheint ebenso die individuelle Plasti- 
dul-Bewegung jedes einzelnen Individuums als das Product aus der 
durch Vererbung übertragenen und der durch Anpassung abgeänderten 
Wellcnzeugung der Lebenstheilchen. 



Druck von A. Haack in Berlin. 






Die \\\\\\\ Eitwic][elMD!ilelrB 



im Verhältnisse zur 



Gesammtwissenschaft. 



Vortrag 

in der ersten offentliclien Sitzung 

der 

mnMen Tersaimlw DenMer Natnrforsclier nnd Aerzte 

ZU München am 18. September 1877 

gehalten von 

Ernst Haeckel. 



■»<» » 



Stuttgart. 

E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch). 

1877. ' 

U\NE LIBRARY. STANFORD 11U\M^\^\TH 



K. Hofbnchdruckerei Zu Guttenberg (Carl Grüninger) in Stuttgart. 




An dem festlichen Tage, der uns heute hier zur Eröffnung 
der fünfzigsten Deutschen Naturforscher-Versammlung vereinigt, 
darf vor Allem die universale Gesamnitwissenschaft ihr Verhalt- 
niss zu unseren besonderen Forachungsgebieten geltend machen. 
Indem die Gebildeten aller Kreise den erstaunlichen Fortschritten 
der Naturforschung mit regster Theilnahrae folgen, dürfen sie an 
einem solchen Tage mit besonderem Rechte die Frage aufwerfen, 
welche allgemeinen Ergebnisse dieselbe für das Gesammtgebiet 
der menschUchen Bildimg geliefert hat. Wenn ich daher heute 
der ehrenvollen, mir gewordeneu Aufforderung Folge leiste und 
mir Ihre geneigte Aufmerksamkeit für kurze Zeit erbitte, so 
glaube ich keinen passenderen Gegenstand für unsere gemeinsame 
Betrachtung wählen zu können, als das Verhältniss der Gesammt- 
wissenschaft zu dem mir am nächsten liegenden Forschungszweige. 
der Entwickelungslehre. 

Seit mehr als einem Decennium nimmt ja keine andere Lehre 
die allgemeine Theilnahme so lebhaft in Anspruch, keine andere 
greift so tief in unsere wichtigsten Ueberzeugungen ein, als die 
neu erstandene Entwickelungslehre nnd die damit verknüpfte mo- 
nistische Pliilosopliie. Denn einzig und allein durch sie ist „die 
Frage aller Fragen" zu lösen, die fundamentale „Frage von der 
Stellung des Menschen in der Natur". Wie der Mensch das 
Maass aller Dinge ist, so müssen natürlich auch die letzten Grund- 
fragen und die höchsten Principien aller Wissenschaft von der 
Stellung abhängen, welche unsere fortgeschrittene Naturerkennt- 
iijfis d»a Üeofichai selbst in der üaiai anweist. 



Bekanntlich ist e» Chaki.eb Darwin, welchem, unsere jbeulds 
Entwickelungslehre diese beherrscheDde Stellung in enter Linif 
verdankt '. Denn er war ps, der vor 18 Jaliien die starre Eisdec^ 
der herrschenden Vorurtheile zu»st durchstiess, beseelt von dem- 
selben Grundgedanken einer einheitlichen Weltcntwlckelung , w^ 
eher vor hundert Jahren unsere grössten Denker und Diditer 
bewegte , an ihrer Spitze Immanuel Kant und ViOLEGASf, 
GoBTHB*. Durch Aufetellung seiner Selectionstheorie , der Lehrp 
von der natürlichen Züchtung im Kampfe uni's Dasein, vermocht 
Dabwin uamentlich den wiclitigsten biologischen Theil der aU- 
gemelnen Entwickelungsiehre fest zu begründen, die schon im Aft* 
fang unseres Jahrhnnderts aufgetauchte Abstammungslehre odap 
Descendenz-Theorie. Vergeblich hatte damals die altere Natuiy 
Philosophie den Kampf für letztere begonnen; weder hAUAScs-* 
und Gkoffeoy S. Hiläiee in Frankreich, noch Okbjs . und 
ScHsiiLiNe in Deutschland vermochten ihr zum Siege zu veif- 
helfen. Es süid jetzt gerade fünfzig Jahre, seit Lo&enz Okhi 
hier in München seine akademischen Vorträge über Entwickelun^ 
lehre begann, und so ziemt es uns hier wohl heute, einen Lo^ 
beerkranz auf das Grab dieses tiefblickenden Zoologen und b^ 
geisterten Philosophen zu legen. War es ja doch auch Okbn, d<|l 
von wissenschafthchem Einheitsdrange beseelt 1822 von Jena nafi 
die erste Deutsche Naturforscher- Versammlung zusammen beri^ 
nnd dem schon desshalh der besondere Dank dieser fünMgstW 
Verstunmlnng gebührt*. 

Aber nur den allgemeinen Bauplan und den ersten Grundriß 
fül' den gewaltifien Bau der einheitUchen Entwickelungsiehre ver- 
mochte damals die Naturphilosophie zu entwerfen. Die Bausteün 
za. seiuer Ausführung sammelte erst der emsige j\ineisenäQi63 Aet 
folgenden halben Jahrhunderts. Eine ungeheui'e Literatur lut^ 
eine hewunderungsffüi-dige Vei-voUkommnung der Forschungsm«- 
thodeu legt von den erstaimlichen Fortscljritten der empirisches 
]!fatp'kinide .wah:ceud dieses Zeitraums dos glänzendste Zeugntff 
(«b^ j Ahevi freilich führte auch die unenn^ssUche Erweiterung dM 
empirischen Beobachtungsfeldea und die dadurch bedingte special! 



Arbeitstheilung oft zu einer verderblichen Zersplitterimg der Kräfte; 
das höhere Ziel der Erkenntniss allgemeiner Gesetze wurde über 
dem näheren Interesse an der Beobachtung des Einzelnen meist 
ganz vergessen. 

So konnte es geschehen, dass wahrend der höchsten Blüthe 
dieser streng empirischen Naturforschung, vom Jahre 1830 — 1859, 
also volle di'eissig Jahre hindurch, die beiden Hauptzweige der 
eigentlichen Natur -Geschichte von völlig entgegengesetzten 
Orondsätzen ausgingen. In der Entwickelungsgeachichte der Erde 
brach sich seit 1830, seit dem Erscheinen von Lyell 's Principien 
der Geologie, immer allgemeiner die Ueberzeugung Bahn, dass 
unser Planet weder durch einen übernatürlichen Schöpfungsact 
entstanden, noch durch eme Reihe von totalen Revolutionen mysti- 
sdien Ui-sprungs hindurchgegangen sei; dass vielmehr eine allmäh- 
liche ununterbrochene Eutwickehmg seine natürliche Ausbildung von 
Stufe zu Stufe bedingt habe. In der Entwickelungsgeschichte der 
lebendigen Erdbewohner hingegen behielt der alte vemunftwidrige 
Mjihus allgemeine Geltung, wonach alle einzelnen Thier- und 
Pflanzen-Arten, gleich dem Menschen, unabhängig von einander 
erschaffen und eine Reihe solcher Schöpfungen ohne genetischen 
Zusammenhang auf einander gefolgt sei*. Der grelle Widerspruch 
zwischen beiden Lehren, zwischen der naturgemässen Entwickelungs- 
tlieorie der Geologen und dem übernatürlichen Schöpfungamythus 
der Biologen, wnrde erst 1859 durch Daewik zu Gunsten der 
ersteren entschieden. Seitdem erkennen wir klar, dass die Ge- 
staltiuig mid Formenwandlung der lebendigen Bewohner imseres 
Erdballs denselben ewigen grossen Gesetzen mechanischer Ent- 
wiekelung folgt, wie diejenige der Erde seibat und des ganzen 
Weltsystems. 

Wir haben heute nicht mehr nöthig, wie es vor vierzehn 
Jahren auf der Naturforscher-Versammlung in Stettin geschehen 
musste, die Beweisgründe für Däbwin's neue Entwickeluugslehre 
zusammenzustellen''. In erfi-eulichster Weise hat sich seitdem die 
Erkenntniss ihrer Wahrheit allgemein Bahn gebrochen. In demjeni- 
gen Gebiete der Natiirforschuug, in welchem sich meine eigenen 



^ Arbeiten bewegen, im weiten Keiclie der organischen Formenlehre 
oder Morphologie, ist sie bereits als wichtigste Basis überall 
anerkannt. Vergleichende ^Vuatoiiiie und Keiuiesgeechichte, syste- 
matische Zoologie und Botanik können die Abstaimnungsldire 
nicht mehr entbehren. Denn nur in ihrem Lichte sind die ge- 
heimnissvoUen Beziehungen der zahllosen orRaidschen Formen zu 
einander wirklich zu erklären, d. h. auf mechanische Ursachen 
zurückzuführen, Ihre Aehnlichkeit ergiebt sich als natürliche 

_ Folge der Vererbung von gemeinsamen Stammformen, ihre Ver- 
schiedenheit als nothwendige "Wirkung der Anpassung an ver- 
schiedene Lebensbedingimgen. Nur durch die Abstammungslehre 

.j erklären sich ebenso einfach als naturgemass die Thatsachen der 
Paläontologie, der Chorologie, der Oekologie''; nur durch sie be- 
. greifen wir die Existenz der merkwürdigen nidinientären Organe, 
der Augen welche nicht sehen, der Flügel welche nicht Uiegenr 
der Muskehl welche nicht bewegen; lauter unnütze Körpertheilei 
welche die früher geltende Teleologie aufs Schneidendste widere 
legen. Demi sie beweisen aufs Klarste, dass die Zweckmässig' 
keit im Bau der organischen Formen weder allgemein noch voll- 
kommen ist; dass sie nicht der ÄusHuss eines zweckthatigea 

. Schöpfungsplanes, sondern durch das zufallige Zusammentreffen 

^, mechanischer Ursachen mit Nothwendigkeit bewirkt ist^, 

Wer diesen überwältigenden Thatsachen gegenüber i 
heute Beweise t'üi- die Destendeuz-Theorie fordert, der beweib 
damit selbst nur seinen Mangel an Kenntnissen oder au Einsicbti 
Vollends verkehit aber jst es, wenn mau dafür exacte oder gai 
experimentelle Beweise verlangt. Diese oft gehörte Forderung 
entspringt dem weitverbreiteten IiTthum, dass alle Naturwissen- 
schaft exact sein müsse; man stellt ja auch häutig alle andercal 
Wissenschaften unter dem Nameji der „Geisteswissenschaften" dei 
ersteren gegenüber. Nun ist aber in Wahrheit nur der kleinei 
Thei! der Naturwissenschaft exact, nämhch nur jener der durck 
Mathematik zu begründen ist; vor Allen also die Astronomi6 
I und überhaupt die höhere Mechanik, sodann der grösste TheÜ dei 
^ . übrigen Physik und dei' Chemie, auch ein guter Tlieil der Phyeio- 




logie, aber nur ein selir kleiner Theil der Morphologie*. In diesem 
letzteren bioloKiäclien Gebiete sind (iie Erscheinungen viel zu ver- 
wickelt und zu variabel, als daes wir überhaupt die mathematische 
Methode anwenden könnten. Wenn auch die Forderung einer 
möglichst esacten, womöglich mathematischen Begründung für alle 
Wissenschaften im Princip bestehen bleibt, so ist sie doch ftlr den 
weitaua grössten Theil der biologischen Wissensfächer unmöglich 
durchzuführen. Hier tritt ■vielmehr an die Stelle der exacten, 
mathemati-<ch-physikaüschen die historische, die geschichtlich- 
philosophische Methode. 

Vor AJlem gut das von der Morphologie. Denn das wissen- 
schaftliehe Veratändniss der organischen Formen gewinnen wir 
nur durch ilire Ent wickelungsgeschichte. Der grosse Fort- 
schritt unserer Zeit auf diesem Gebiete besteht darin , dass wir 
Begriff und Aufgabe der Entwickelungsgeschichte unendlich weiter 
fassen als es bis auf Daewin allgemein geschah. Denn bis dahin 
verstand man darunter nur die Entstehungsgeschichte des organi- 
schen Imlividuums, die wir beute Keimesgeschichte oder Onto- 
genie nennen. Wenn der Botaniker die Entstehung der Pflanze aus 
dem Samenkorn, der Zoologe die Ausbildung des Thieres aus 
dem Ei verfolgte, so glaubte er mit der vollständigen Beobachtung 
dieser Keimesgeschichte seine morphologische Aufgabe gelöst zu 
haben. Die grössten Forscher im Gebiete der Entwickelungs- 
geschichte, WoLFF, Bake, Remack, Schleiden, und die ganze 
von^hnen gebildete Embryologen-Schule, verstand bis vor Kurzem 
darunter ausschliesslich die individuelle Keimesgeschichte. Ganz 
anders heute, wo die Mysterien der wunderbaren Keimesgeschichte 
uns nicht mehr als unverständliche Räthsel gegenüberstehen, 
sondern ihre tiefe Bedeutung klar offenbart haben. Denn nach 
den Vererbungsgesetzen sind die Form Wandlungen, welche der 
Keim unter unseren Augen m küi-zester Frist dnrchlftult, eine ge- 
drängte und abgekürzte Wiederholung der entsprechenden Form- 
wandlungen, welchen die Vorfahi'en des beü'etfenden Organismus 
im Laufe vieler Millionen Jahre unterlagen. Wenn wir heute ein 
Hßhner-Ei in die Brütmaschine legen und in 21 Tagen daraus ein 




Küchlein ausschlüpfen sehen, so staunen wir nicht mehr t 
die wundervollen Verwandlungen an, welche von der ebifacbeii' 
Eizelle zur zweiblftttri{;en Gastnda, von dieser zum wurmaimlichea^ 
und schadellosen Keime und von da zu weiteren Keiiufomten' ' 
führen, die im Wesentlichen die Organisation eines Fisches, eineä'' 
Amphibiunis , eines Reptils und zuletzt erst des Vogels zeigen^'' 
Vielmehr schliessen wir daraus auf die entsprechende FormeniWhe'J 
der Vorfahren, welche von der einzelligen Amoebe zur Stammfbna'' 
der Gastraea, und weiterhin durch die Klassen der "Würmer,'* 
Schädellosen, Fische, Amphibien, Reptilien bis zu den Vögeln ge-* 
führt haben. Die Reihe der Keimfonnen des Hühnchens gibt lins '' 
Bo ein skizzenhaftes Bild von seiner wirklichen Ahnenreihe. 

Den unmittelbaren ursächlichen Zusammenhang, welcher der-'^ 
gestalt zwischen der Keimesgeschiehte des organischen Individuums'' 
und der Stammesgeschichte seiner Vorfahren besteht, formulirt- 
unser biogenetisches Grundgesetz in dem kurzen Satze: Die'' 
Keimesgeschichte ist ein Auszug der Stammesge- ' 
schichte, bedingt durch die Gesetze der Vererbung'". Km^^ 
dann erscheint dieser palingenetische Auszug wesentlich ge- 
stört, wenn durch Anpassung an die Bedingungen des embryonalen" 
Lebens cenogenetische Veränderungen Platz gegriffen haben ''.' " 

Diese stammesgeschichtliche {oder phylogenetische) Deutung d6r** 
keimesgeschichtlichen (oder ontogenetischen) Erscheinungen ist itü* 
jetzt die einzige Erklärung der letzteren. Sie erhält aber die wichtigste' 
Bestätigung und Ergänzung durch die Resultate der vergleichendefl"^ 
Anatomie und Paläontologie. Exact oder gar experimentell beweis«!'' 
läast sich das freilich nicht. Denn alle diese biologischen DiscipK- '^ 
nen sind der Natur der Sache nach historische und phiioso-' 
pMsche Naturwissenschaften. Ihre gemeinsame Aufgabe ist die-t 
Erkeniitniss von geschichtlichen Vorgängen, die sich im Laufe* 

I vieler Millionen Jahre, lange vor Entstehung 
schlechts, auf der Oberfläche unseres jugendlichen Planeten abge- ' 
spielt haben. Die unmittelbare und exacte Erkenntniss derselben ' 
liegt also gänzlich ausser dem Bereiche der MögUchkeit. 
Niu- durch kritische Benutzung der historischen Urkun-'* 
I i k 




den, (lurck ebea so umsichtige als kühne Speciilatioii ist hier 
aimähei'iiile Erkenntiiisa mittelbar mögheb. Die Stammesgeschichte 
benatzt diese Geschichts-Urkimden in derselbea Weise imd ver- 
werthet sie nach derselben Methode, wie andere historische Disci- 
plinen. Wie der Geschichtsschi'eiber mit Hülfe von Chroniken, 
Biographien, Briefen uns ein anschauliches Bild einer längst vei'- 
fiossenen Begebenheit entwirft; wie dei' Archäologe durch das 
Studium von Bildwerken, Inschriften, Geräthschafteu die Erkennt- 
niss von den Cultui'zuständen eüies langst untergegangenen Volkes 
erwirbt, wie der Linguist dui'ch vergleichende Untersuchung aller 
stammverwandten lebenden Sprachen und ihrer älteren Schrift- 
denkmalei- uns deren Entwickelunfi und Ursprung aus einer 
gemeinsamen Ursprache nachweist; ganz ebenso gelangt heute 
der Naturhistoriker dui-ch kritische Benutzung der phylogenetischen 
Urkunden, der vergleichenden Anatomie, Ontogenie und Palä- 
ontologie zur amiäherndeu Erkeimtniss der Vorgänge, welche im 
Laufe migemessener Perioden den Formenwechsel des organischen 
Lebens auf unserer Erde veranlasst haben ^^. 

Die Stammesgeschichte dei- Organismen oder diePhylogenie 
Iftsst sich daher ebensowenig exact oder experimentell begründen, 
wie ihre ältere und begünstigtere Schwester , die Geologie. 
Der. hohe wissenschaftliche Werth dieser letzteren ist aber ti-otz- 
dem jetzt allgemein anerkannt. Nur der Unkundige lächelt 
heute noch ungläubig bei der Erklärung, dass die gewaltigen 
Gebirgsmassen der Alpen, deren schneebedeckte Kämme aus weiter 
Feme uns entgegen leucliten, weiter nichts seien, als erhärteter 
Meeresschlamm. Die Structur dieser geschichteten Gebirge und 
die Bescbalfenheit der darin euigeschlossenen Versteinerungen 
gestattet keine andere Erklärung; und doch lässt sie sich nicht 
esact beweisen. Ebenso nehmen jetzt alle Geologen übereinstim- 
mend eine bestimmte systematische Reihenfolge der Gebirgs- 
schichten, entsprechend ihrem verschiedenen Alter, an ; imd doch 
ist dieses Schichtensystem nirgends aul' der Erde vollständig vor- 
handen. Denselben Werth wie diese allgemein anerkannten 
geologischen Hypothesen dürfen aber auch misere phylogenetischen 



I 




10 



Hypothesen beanspruclien, Der Unterschied ist nur der, dms 
der gewiütige Hypothesenbau der Geologie wigleich vollendeter, 
einfacher uiid leichter zu begi*eifen ist, als derjenige der jugend- 
lichen Phylogeiiie ". 

So knüpfen jetzt diese historischen Naturwissen- 
iBchaften, Greologie und Phylogenie, das einende Band zwischen 
den exacten Naturwissenschaften einerseits «nd den historischen 
Geisteswissenschaften anderseits. Die gesammte Biologie, insbe- 
sondere aber die systematische Zoologie und Botanik, wird dadurch 
zum Range einer wahren Natur-Geschichte erhoben, ein Ehrentitel, 
jiden diese Fächer langst führten, aber erst jetzt verdienen. Wenn, 
i dieselben auch lieute noch vielfach , sogar officiell " , als „be- 
schreibende Naturwissenschaften" bezeichnet und den „erklärenden" 
gegenüber gesetzt werden, so zeigt das mir, welchen falschen 
Begrifl" man bisher von ihier wahren Aufgabe hatte. Seitdem 
,das „natürliche System" der Organismen als ihr Stammbaum er- 
kannt ist, tritt an die Stelle der todten beschreibenden Systematik 
die lebendige Stammesgeschichte der Klassen und Arten. 

So hoch wir aber auch diesen ungeheuren Fortschritt der 

iMorphologie anscWagen, so würde er doch allein nicht ausreichen, 

um die ausserordentliche Wirkung der heutigen Entwickelungslehre 

auf die Öesammtwissenschaft zu erklären. Diese beniht vielmehr, 

wie bekannt, auf einem einzigen speciellen Folgescliluss der De- 

• scendenz-Theorie, auf ihrer Anwendung auf den Menschen. Die 

- uralte Frage von der Herkunft miseres eigenen Geschlechts wird 

1, dadurch zum ersten Male m naturwissenschaftlichem Sinne gelöst. 

Wenn überhaupt die Entwickelungslehre wahr ist, wenn es über- 

'haii])t eine natürliche Stanamesgeschichte gieltt, dann ist auch der* 

^.■Mensch, die Ki-one der Schöpfung, aus dem Stamme derWirbel- 

-ithiere hervorgegangen, aus der Klasse der Sftugethiere, aus 

.ider Unterklasse der Placentatthiere, aus der Ordnung der 

,;Affen, Wenn schon Linnä 1735 in seinem grundlegenden System 

i'der Natui den Menschen mit den Affen luid Fiedermausen in der 

/iOrdnmig der Primaten vereinigte, wenn alle folgenden Zoologen ihn 

nicht aus der Säugethier-Klasse zu entfernen vermochten, solOssfc 




sich diese eiiistiminig aiierltainite .systematische Stellung phylo- 
genetisch nur als Abstamiiiuiig von jener Thierklasse deuten'^. 

Vergeblich bleiben alle Versuche, diesen bedeutiuigsvonsten 
Folgeschluss der Entwickelungslehi'e zu erschüttern ; vergeblich 
sucht man dadurch eine besondere Äusnahmestellnng für den 
Menschen zu retten, dass mau für ilm eine besondere, vom Wirbel- 
thier-Stamiubaum getrennte Ahnenlinie construirt. Die phylo- 
genetischen Urkunden der vergleichenden Anatomie, Onto- 
genie und Paläontologie i^prechen zu deutlich für eine einheit- 
liche Abstammung aller Wirbelthiere von einer einzigen 
gemeinsamen Stammform, als dass wir heute noch daran zweifeln 
könnten. Kein einziger vergleichender Sprachforscher halt es für 
möglich, dass so verschiedene Sprachen wie die deutsche, russische, 
lateinische, griechische, indische aus verschiedenen Ursprachen sich 
entwickelt haben. Vielmelir gelangen alle Linguisten durch kritische 
Vergleichung des Baues und der Entwickelung dieser verschiedenen 
Sprachen übereinstimmend zu der Ueberzeugung , dass sie alle 
aus einer einzigen arischen oder indogermanischen Ursprache 
hervorgegangen sind ^''\ Ganz ebenso drängt sich allen Morphologen 
die feste Ueberzeugung auf, dass alle Wirbelthiere vom Amphioxus 
bis zum Menschen hinauf, alle Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel 
und Säugethiere ursprüngUch von einem einzigen Urwirbelthier 
abstammen. Denn es ist undenkbar, dass alle die verschiedenen 
und höchst verwickelten Tiehensbedingimgen , welche durch eine 
lange Reihe von Entwickelungs-Processen zur typischen Wirbelthier- 
Bildung führten, mehr als einmal im Laufe der Erdgeschichte 
zuiällig zusammengetroffen sind. 

Da für unsere heutige Betrachtung nur die allgemeine Vor- 
stellung vom Wirbeltliier-Urspning des Menschen wichtig ist, so 
wollen wir bei den einzelnen Ahnenstufen unseres Stammbaums 
nicht langer verweilen. Kur darauf möchten wir beiläufig noch 
hinweisen, dass mindestens die Hauptstufen desselben gegenwartig 
schon als feststehend gelten^'. Dank den gediegenen Arbeiten 
uiisei"er ausgezeiclmetsten Morphologen, vor Allen Gbgekbäuk 
und Hcxley'". Freihch wird auch lieute noch oft angenommen. 



I 






12 

dai«ä damit bloss die Entstehimg des menschüclieii Körperbaues, 
nicht aber diejenige uDSerei- Geistesthätigkeit erklärt sei 
Diesem wichtigen Einwiirfe t;egeuüber müssen wir vor Allem an 
die physiologische Thatsaehe erinnern, dass miser Seelenleben 
untrennbar an die Organisation unseres Central-Nervensystema 
geknüpft ist. Dieses letztere aber ist ebenso zusammengesetzt 
und entsteht ganz in derselben Weise, wie bei allen höheren 
Wirbelthieren. Auch sind nach Huxley's Untersuchungen die 
Unterschiede im Gehimbau zwischen dem Menschen und den 
höheren Affen viel geringer, als die entsprechenden Unterschiede 
zwischen den höhereu imd niederen Affen. Da nun die Function 
oder Arbeit eines jeden Organes ohne das Organ selbst nicht 
denkbar ist, und da sich die Function überall Hand in Hand mit 
dem Organ entwickelt, so sind wir auch zu der Annahme ge- 
zwungen, (taBs unsere Seelenthätigkeit sich im Zusammenhang 
mit der phylogenetischen Ausbildung unseres Gehirnes langsam 
und stufenweise entwickelt hat. 

Uebrigens erscheint ims heute diese bedeutungsvolle „Seelen- 
fr age" in einem ganz anderen Lichte, als noch vor zwanzig, ja 
hoch vor zehn Jahren. Gleichviel wie man sich auch den Zu- 
eammenhang von Seele und Leib, von Geist und Materie vorstellt, 
BO geht so viel aus der heutigen Entwickelungslehre mit voller 
Klarheit hervor, dass mindestens alle organische Materie — wenn 
nicht überhaupt alle Materie — in gewissem Sinne beseelt ist. 
Zunächst hat uns die fortgeschrittene mikroskopische Untersuchung 
gelehrt, dass die anatomischen ElementarÜieile der Organismen, die 
Zellen, allgemein ein individuelles Seelenleben besitzen. Seitdem 
ScHLKiDKK vor Vierzig Jahren in Jena die bedeutungsvolle Zellen- 
theorie für das Pflanzenreich begründete und Schwäsh gleich 
danach sie auf das Thierreich Übertrag, schreiben wir diesem 
mikroskopischen Lebewesen allgemein ein individuelles selbstän- 
diges Leben zu; sie sind die wahren „Individuen erster Ordnung*"', 
die „Elementar -Organismen" nach Beücke. Die groas- 
artige und höchst fruchtbare Anwendung, welche Vjechow in 
Beiner Cellular-Pathologie von der Zellentheorie auf das Gesanunt- 



13 



gebiet der theoretisclieii, Medicin ffegeben hat, beruht ja eben 
darauf, dass die Zellen nicht mehr als die todtcn, passiven Bau- 
steine des Organismus, sondern als die lebendigen activea Staats- 
bürger desselben betrachtet werdeo. 

Diese Auffassung wird eüdgütig begründet durch das Studium 
der Infusorien, Amoebeii und anderer einzelligen Organismen. Denn 
hier treffen wir bei den einzelnen, isolirt lebenden Zellen dieselben 
Aeuaserungeu des Seelenlebens, Empfindung und Vorstellung, 
Willen und Bewegung, wie bei den höheren, aus vielen Zellen 
zusammengesetzten Thierenl Nun ist aber eben so wohl bei diesen 
letzteren socialen Zellen, wie bei jenen ersteren Einsiedlerzellen 
das Seelenleben der Zelle an eine und dieselbe wichtigste Zell- 
substanz, an das Protoplasma gebunden. Wir sehen sogar 
an ' den Moueren und anderen einfachsten Organ^men, dass 
einzelne abgelöste Stückchen des Protoplasma ebenso Empfindung 
und Bewegung besitzen, wie die ganze Zelle, Danach müssen 
wir annehmen, dass die Zellseele'^ das Fundament der empiri^^chen 
Psychologie, selbst wieder zusammengesetzt ist, nämlich das Ge- 
sammtresiiltat aus den psychischen Thfttigkeiten der Protoplasma- 
Moleküle, die wir kurz Plastidnle nennen. Die Plastidul- 
seele^" wäre demuach der letzte Factor des organi- 
!>chen Seelenlebens. 

Hat aber hiermit unsere heutige Entwickelungslehre ihre 
psychologische Analyse erschöpft? Keineswegs! Vielmehr lehrt 
uns die neuere organische Chemie , dass die eigenthümlichen 
physikalischen und chemischen Eigenschaften eines Elementes, 
des Kohlenstoffes, in seiner verwickelten Verbindung mit 
aJideren Elementen es sind, welche die eigenthümlichen physio- 
logischen Eigenschaften der organischen Verbindungen, uud vor 
Allen des Protoplasma bedingen. Die Moneren, bloss aus Proto- 
plasma bestehend, schlagen hiei- die Brücke über die tiefe Kluft 
zwischen oi'gaiiischer und anorganischer Natur. Sie zeigen uns, 
wie die einfachsten und ältesten Organismen ursprünghch aus 
anorganiacben Kuhlenstoff- Verbmdungen entstanden sein müssen. 
Wenn somit bei der Urzeugung eine bestimmte Anzahl Kohlen- 




14 



tofi'-Atome sich mit einer Anzahl Atomen von Wasserstoff, Sauer- 

toff, Stickstoff lind Schwefel zu der Einheit eines Plastidules (oAei 

?rotoplaam8-MoIeküles) verbinden, so müssen wir die Plastidul- 

le, d. h. die Gesammtsumme seiner Lebensthätigkeiten, als das 

^othwendige Produkt aus den Kräften jener vereinigten Atome be- 

Itrachten. Die Summe der centralen Atom-KrJlfte aber können wir 

Lin consequent monistischem Sinne auch „Atom-Seele" nennen" 

I Durch zufälliges Zusammentreffen und mannichfaUige Verbindung 

[ der Constanten unveränderhchen Atom-Seelen entstehen tue maunich- 

t faltigen höchst variableu Plastidul-Seelen, die molecularen Factoren 

[■ des organischen Lebens. 

Angelangt an dieser änssersten psychologischen Conseqnenz ' 
f unserer monistischen Entwickehingslehre begegnen wir uns mit jmea ' 
\ alte« Yoralittangen von der Beseelung aller Materie, welche schon 
[in der PÜflosophie des Dkmokeitos, Spinoza, Beuno, Lbibniz, 
ScHOPENHAüEK einen verschiedenartigen Ausdruck gefunden haben. 
Denn alles Seelenleben lasst sich scliüesslich auf die beiden ' 
Elementar-Functionen der Empfindung und Bewegung, auf 
ihre Wechselwirkung in der Reflexbewegung zurückführen. Die 
einfache Empfindung von Lust und Unlust, die einfache Be- 
wegungsform der Anziehuns und Abstossung, das sind die' 
wahren Elemente, aus denen sich in unendlich raannichfaltiger ' 
und verwickelter Verbindung alle Seelenthatigkeit aufbaut. »Der 
I Atome Hassen und Lieben,*^ Anziehung und Abstossung der Mole- 
küle, Bewegung und Empfindung der Zellen, und der aus Zellen 
zusammengesetzten Organismen, Gedankenbildung und Bewusstsdn! 
des Menschen** — das sind nur verschiedene Stufen des uni-| 
versalen psychologischen Entwickelungsprocesses. 

Die Einheit der Weltanschauung (oder der „ 
zu welcher uns die neue Entwickelungslehi'e demgemäss hinfUhrty 
, löst den Gegensatz auf, welcher bisher zwischen den versehiedenöi' 
f dualistischen Weltsystemen bestand. Sie vermeidet die EinseitigkeiC 
\ des Materialismus, wie des Spiritualismus, sie verbindet den prac- 
I tischen Idealbmus mit dem theoretischen Keahsmus, 



Naturwissenschaft uiid Geisteswisaenschaft zu einer allumfassenden, 
einheitlichen Gesammtwissenschaft. 

Indem wir so die heutige Entwickehuigslehre als einigendes, 
einheitliches Bindemittel der ■verscliiedenartigsten Wissenschaften 
anerkennen, gewinnt sie die höchste Bedeutung nicht nur für die 
reinen, theoretischen, sondern auch für die practischen, angewandten 
Disciplinen. Weder die praetische Medicin, als angewandte Nattu'- 
■Wissenschaft, noch die practisclie Staatswisseuschaft, Jurisprudenz 
und Theologie, insoweit sie Tbeile der angewandten Philosophie 
sind, werden sich foi-tau ihrem Einflüsse entziehen können. Viel- 
mehr sind wir der Ueberzeugung, dass sie sich auf allen diesen 
Gebieten als der bedeutendste Hebel ebenso der fortschreitenden Er- 
kenntniss, wie der veredelten Bildung überhaupt bewahrai wird. 
Da nun der wichtigste Angriffspunkt der letzteren die Erziehury? der 
Jugend ist, so wird die Entwickelungslehre als das wichtigste 
Bildungsmittei auch in der Scbide ilii'en berechtigten Einfluss 
geltend machen müssen; sie wird hier iiicht bloss geduldet, sondern 
massgebend und leitend werden. 

Wenn es uns schhesslich gestattet ist, mit einigen Worten 
wenigstens die wichtigsten Punkte <lieses Verhältnisses anzudeuten, 
so dürfte wohl zunächst die hohe Bedeutung der genetischen 
Methode an sich zu betonen sein. Sowohl Lehrer wie Lernende 
werden jeden Gegenstand des Unterrichts mit unendlich grösserem 
Interesse und Verständniss betrachten, wenn sie sich vor Allem 
die Fraiie vorlegen: Wie ist das entstanden? Wie hat sich das 
entwickelt? Denn mit dieser Entwickelungs-Frage ist ja zugleich 
die Frage nach den Ursachen der Thatsachen gegeben; uiul 
schliessUch ist es ja immer die Erkenntniss der bewirkenden 
Ursachen, nicht die blosse Kenntniss der Tliataachen, weiche 
das stetige Causahtäts-Bedüi'fiiiss unserer Vernunft befriedigt. Die 
Erkenntniss gemeinsamer einfacher Ursachen füi- die verschiedensten 
verwickelten Erschehimigen fühi't ebenso zm' Vereuifachung , wie 
zur Vertiefung unserer Bildung; mir dui'ch causales Verstäuduiss 
wird das todle Wissen zur lebendigen Wissenschaft. Nicht die 
Quantität der empirischen Kenntnisse, sondern (Ue Quabtat ihres 



16 



TirsacWicheii Verstänilnisses ist der walu'e Maas.=stab geistiger 
Bildung! 

Wie weit die Grandzüge der allgemeinen Entwickelungslehr» 
schon jetzt in die Schulen einzuführen fdiid, in weicher Reihenfolgs 
ihre wichtigsten Zweige: Kosmogenie. Geologie. Phylogenie der 
Thiere und Pflanzen, Anthropogenie in den verschiedenen Klassen 
zu lehi'en sind, das zu bestimmen müssen wir den praktischen 
Pädagogen überlassen. Wir glauben aber, dass eine weitgreifends 
Reform des Unterrichts in dieser Richtung unaiisbleiblicli 
ist und vom schönsten Erfolge gelaunt sein wird. Wie anendhdi: 
wird z. B. der wichtige Spraeh-Unterricht an Bildungswerth 
winnen, wenn derselbe vergleichend und genetisch beti-ieben wird] 
Wie wird sich das Literesse an der physikalischen Geographie 
steigern, wenn dieselbe genetisch mit der Geologie verknüpft wirdt' 
Wie wird die langweihge todte Systematik der Thier- und Pflanzen-: 
Arten Licht und Leben gewinnen, wenn dieselben als verächieden« 
Zweige eines gemeinsamen Stammbaumes erklärt werden! Und welch* 
anderes Verständniss werden wir vor Allem von unserem eigenen 
Organismus erlangen, wenn wir denselben nicht mein- im trübet 
"Zauberspiegel der Mythologie als das fingirte Ebenbild emeg 
anthropomorphen Schöpfers, sondern im klaren Tageslichte deoe 
Phylogenie als die höchst entwickelte Fonn des Thierreicha er 
kennen ; als einen Organismus, welcher im Laufe vieler JahrmillioDe 
' sich alimählich aus der Ahnenreihe der Wirbelthiere hervor^ebüdi 
'und alle seine Verwandten im Kampfe uni's Dasein wert ftbcaP 
I flügelt hat 1 

Indem die Entwickelungslehre dergestalt befruchtend und flh^ 

demd auf alle Untemchtszweige emwirkt, wird sie zugleich in Lehreaik 

'und Schülern das Bewusstsein ihres einheitlichen Znsaninie: 

I ''hanges wecken. Als historische Naturwissenschaft wird sie ver- 

mittelnd und versöhnend zwischen die })eiden entgegengesetzten ßich- 

tungen treten, welche heute um die Herrschaft in der höheres 

Schulbildung ringen: einerseits die ältere, classische, historisdi« 

'philosophische, andrerseits die neuere, exacte, mathematJusch- 

" physikalische Richtung. Beide Bildungs-Richtungen halten wir 







gleich berechtigt mid (gleich unentbelirlicli ; der menschliche Geist 
wird seine volle harmonische Aiisbiidirag nur dann erreichen, wenn 
beiden gleichmäsBig genügt wird. Wemi aber* früher allgemein 
die classische Bildimg zu ausschliesshch und einseitig bevorzugt 
wurde, so geschieht das neuerdings nur zu oft mit der exacten 
Bildung. Beide Uebergriffe führt die Entwickelungslehre auf ihr 
rechtes Maass zurück, iiulem sie als einendes Band zwischen exacte 
und classische, zwisclien Natur- und Geistes-Wissenschaft tritt. 
Ueberall lehrt sie den lebendigen Fluss der zuaammenhangenden, 
einheithchen und ununterbrochenen Entwickelujig, Ueberall zeigt 
sie dem eifrigen Forscher neue wissenschafthche Ziele hinter den 
bereits erreichten und zieht so „leise den strebenden Geist näher zur 
Wahrheit hinan." Die unendliche Perspective fortschreitender Ver- 
vollkommnung, welche ims die Entwickelungslehre so -eröönet, ist 
zugleich der beste Protest gegen das leidige „Ignorabimus," 
welches ihr jetzt von vielen Seiten entgegen tönt. Denn Niemand 
kann vorhersagen, welche ^Grenzen des Natur-Erkennens'' der 

ichliche Geist im weiteren Gange seiner erstaunlichen Ent- 

:elung noch künftig überschreiten wird!** 

Die weitaus wichtigste und schwierigste Anforderung, welche 
ie practische Pliilosophie an die Entwickelungslehre stellt, scheint 
diejenige einer neuen Sittenlehre zu sein. Sicher wird nach 
wie vor die sorgfältige Ausbildung des sittlichen Characters, der 
religiösen Ueberzeugung die Hauptaufgabe der Erziehung bleiben 
müssen. Nun hielten aber bisher die weitesten Kreise an der 
Ueberzeugung fest, dass diese wichtigste Aufgabe nur im Zusammen- 
bange mit gewissen kirchhchen Glaubenssätzen zu lösen sei. Da nun 
diese Dogmen, namentlich in Verbindung mit uralten Schöpfungs- 
Mythen, den Erkenntnissen der Entwickelungslehre geradezu wider- 
sprechen, glaubte man durch die letztere auch Religion und Moral 
auf das höchste gefährdet zu sehen. 

Diese Befürchtung halten wir für inig. Sie entspringt aus 
der beständigen Verwechselung zwischen der wahren, vemunft- 
gemftssen Naturreligion und der dogmatischen, mythologischen 
Kircheureligion. Die vergleichende Eeligionsgeschichte, ein 




r wichtiger Zweig der Anthropologie, lehrt uns die grosi^e Maantch- 
' bltigkeit der äusseren Hüllen kennen, in welche die versdüedenen 

Völker und Zelten, üirem individuellen Charaiter mid Bedür&iss 
entsprechend, den religiösen Gedanken einkleiden. Sie zeigt uns, 
dass die ilogmatischen Lehren der Kircheoreligionen selbst in 

I einem langsamen, ununterbroclienen Flusse der Eutwickelung be- 

l-gritfen sind. Neue Kirchen und Secten entstehen, alte rerge^en; 
im besten Falle halt rfch eine bestiumite Glaubensform ein itaar 
Jahitausende, eine verschwindend kurze Zeitspanne in der Äonai' 
Reibe der geologiächen Perioden. Endlich lehrt uns auch die ver- 

I gleichende Cultui'geechichte, wie wenig wahre Sittlichkeit init einer 
bestimmten kirchlichen Glaubensfonn notbwendig verknüpft ist. 

[ Oft geht die grösste Rohheit und Verwilderung der Sitten Hand 
1 Hand mit der absoluten Herrschaft einer alhnächtigen Kirclie; 

I man denke nui' an das Mittelalter! Anderseits i^eheu wir die 
höchste Stufe sittlicher Vollkommenlieit von solchen MQjineni er- 

I reicht, welche von jedem Kirchenglauben sich abgelöst liaben. 

Unabhängig von jedem kirchlichen Bekenntniss lebt in der. 

l Brust jedes Menschen der Keim einer echten Naturreligion; 

I sx ist mit den edelsten Seiten des Menscbenweseus selbst un*| 
trennbar verknüpft. Ihr höchstes Gebot ist die Liebe, die Ein-i 
schrftnkung unseres natürlichen Egoismus zu Gunsten uns^^n 
Mitmenschen und zum Besten der menschlichen Gesellschaft, dereD< 

> Glieder wir sind. Dieses natürliche Sittengesetz ist viel älter ala^ 

I a^e lürchenreligion; es hat sich aus den socialen Instinct^Uf 

I der Thiere entwickelt^*. Bei Thieren sehr verschiedener Klassenn 

[vor Allen bei Säugethieren, Vögeln und Insecten, treffen wir diei 
B desselben an. Nach den Gesetzen der Gesellung (Assu-i. 
ciation) imd der Arbeitstheilung vereinigen sich hier viele Per-i 
sonen zu der höheren Gemeinschaft eines Stockes oder Staates, l 
Das Bestehen desselben ist mit Nothwendigkeit. an die Wechsd.-.. 
Wirkung der Gemeindeglieda* und an die Opfer gekii^ft, welcho.* 
dieselben auf Kosten ihres. Egoismus dem Gaiuen bringen, Daa.i, 
Bewusstsein dieser Nothwendigkeit, das FüicJitgefühl, ist niebts- 

I anderes, als ein socialer Instinct. Der lustinct ist aber inunsr eine , 



psyciiische Gewohnheit, welche iirspriinglich dnrch Anpassung er- 
worben, dann aber im Laufe der Generationen erblich geworden 
ist und ziiletzt „angeboren" erscheint. 

Um uns von der bewunderungswürdigen Macht (Ick thierinchen 
Pflichtgefühles zu überzeugen, brauclien wir blos einen Ameisen- 
haufen zu zertrüuimeni. Da sehen wü* sofort inmitten der Zer- 
störung Tausende eifriger Staatsbürger nicht mit Rettung ilires 
eigenen lieben Lebens beschäftigt, sondern mit dem Schutze des 
them-en Gemeinwesens, welchem sie angehören. Muthige Krieger 
des Ameisenstaates setzen sich zur kräftigen Gegenwehr gegen 
unseren eindringenden Finger; Pflegerinnen der Jugend retten die 
sogenannten „Ameisen-Eier", die geliebten Puppen, auf denen die 
Zukunft des Staates berulit; emsige Arbeiter beginnen sofort mit 
unverdroBsenem Muthe , die TrüJnmerhaiifen wegzuräumen und 
neue Wohnungen einzurichten. Die bewunderungswürdigen C u 1 1 u r- 
zustände dieser Ameisen , der Bienen und anderer socialen 
Thiere haben sich aber ursprünglich ebenso aus den rohesten 
Anfängen entwickelt, wie unsere eigene menschliche Cultur. 

Selbst jene zartesten und schönsten Regungen des mensch- 
lichen öemiithslebens, die wir vorzugsweise poetisch verhen-lichen, 
finden wir bereits im Thierreiche vorgebildet. Oder ist nicht die 
innige Mutterliebe der Löwin, die rührende Gattenliebe der Papa- 
geien („Inseparables"), die aufopfernde Treue des Himdes langst 
sprichwörtlich? Die edelsten Aflecte des Mitgefülds und der Liebe, 
welche die Handlungsweise bestinnneu, sind hier wie beim Menschen 
nichts anderes als veredelte Instincte. Aidtnüpfend an diese Auf- 
fassung hat also die Ethik der Entwickelungslehre keine 
neuen Grundsätze aufeusuchen, sondern vielmehr die uralten 
Pflichtgebote auf ihre naturwissenschaftliche Basis zurückzuführen. 
Lange vor der Entstehung aller Kirchen-Religion regelten diese 
natürlichen Pflichtgebote das gesetzliche Zusammenleben der 
Menschen, vrie der socialen 'lliiere. Diese bedeutungsvolle Er- 
kenntnisR sollte sich die Kirchen-Religion zu Nutze machen, statt 
sie zu bekämpfen. Denn nicht derjenigen Tlieologie gehört die 
Znkmift, welche gegen die siegreiche Entwickelungslehre einen 



fruchtioBCii Kaunif flihi-t, s^cmdeni derjenigen, welche sieh ilirei 
bemächtigt, sie anerkennt und verwertbeL 

Weit entfernt also, in dem Einflüsse der Entwickelungslehre 
auf unsere religiösen Ueberzeugungen eine Erschütterung alli 
gehenden Sittengesetze und eine verderbliche Emancipation de 
Egoismus zu fttfehten, hoffen wir davon vielmehr eine TemunH« 
gemasse Begründung der Sittenlehre auf der unerschütterlich« 
Basis fester NaturgeüetÄC. Denn mit der klaren Erkenntnis^ 
unserer wahren Stellung in der Natur eröffnet uns die Anthro;; 
pogenie zugleich die Einsicht in die Nothwendigkeit unserei- 
alten socialen Pflichtgebote. Wie die theoretische Gesammtwissen* 
Schaft, so wird auch die praktische Philosophie und Pädagogik 
von nun an ihre wichtigsten Grundsätze nicht mehr aus angeblicheii 
Offenbarungen, sondern aus den natilrhchen Erkenntnissen dei 
Entwickelungslehre ableiten. Dieser Sieg des Monismus über d( 
Dualismus eröffnet uns den hoffnungsvollsten Fernblick auf eiDf 
unendlichen Fortschritt ebenso unserer morahscben wie iii»erel 
intellectuellen Entwickeluugl In diesem Siime begrüssen wir d3 
heutige, von DaBwin neu begründete Entwickelungsle! 
als die wichtigste Förderung unserer reinen und an- 
.gewandten Geyammtwissenschaft! 



A II lu e r k 11 n g e ii. 



' (S i) Charlf^ Darwin hat m seinem Hauptwerk („Ütrer Ä 
Entstellung dei Arten durch nstiirlicho Zftchtnng") 1859 bereif alle Hooitt^ 
punkte seinei eigenen EntniLkelungslelire eiortert und klargestnllt, n 
nalmin ihrei \nwpndunR auf den MeuBchen wekhe prst 1871 m dem Wert 
, über „die AbBtammunR des Menselien und die geBclileclithclie Zucktwahl" folgtftJ 
Seine ubiigen =chnften enthatten nur weitere Belegung nnd bestimm teraj 
^osfuiiniag der in jenem Oanptwerke niedergelegten Gmndgeilanken 

' (S 4) Tiber ütis Veriiältnias -von Lmm^ntel Kant vw EntwfckelimgS 
lelire \ergl Fritz ScHcltze Kant und Daiwm, ein Beitrag zur OeschiehW 



der EiitwickelungBlehre 1875.'' Über die Bedeutung, welche Wolfhang 
Goethe für die aUgemeine Entmiekelungalehre besitzt, vergl. meine „Natürliche 
Schöpfungsgeschichte" (VI. Aufl. S. 73). 

' (S. 4.) Die Philosophie Zoftlogiqne von Lamaeck (1809 er- 
schienen, kürzlich von Abnolu Lanq in das Deutsche tibersetzt) ist die 
einzige Schrift, welche yor Dakwin {1809 geboren) das ßesammtgebiet der 
biologischen Entwickeliingalehre im Zusammenhang und auf Grund der mechaiii- 
sehen Weltanschauung darzustellen unterualim; ein höchst grossartiger, wenn 
auch verfrühter Versuch. 

* (S. 4.) LoKENz Oken's Verdienste wm die Entwickelungslehre werden ge- 
wöhnlich insofern einseitig beurtheilt, als man die phantastischen AuEwuchse 
seiner naturphilosophischen Schriften in den Vordergrund stellt. Dem gegen- 
tihcr darf daran erinnert werden, dasa er nicht nur das fundamentale Princip der 
einheitlichen Entwickelung des Weltgauzen festliiclt, sondern auch die Gnind- 
gedaulcen der Zellentheorie und Protoplasma-Theorie antecipirte, und zuerst 
in unserem Jahrhundert die beobachtende Entwickelungsgeschichte wieder 
aufnahm (Untersuchungen über die Bildung des Darmkanals, 1806). Vergl. 
„Hatürl. Seböpfungsgeschichte" VL Aufl. S. 86. 

' (S. 5.) Es gehurt sicker zu den merkwürdigsten EiBcheinungen iu der 
Oeschichte der Wissenschaft, dass thataäclilich die von Cuvier aufgestellte 
fiberrtalürliche Catastrophenlehre sich noch volle dreissig Jahre hindurch 
in Abi mächtig emporhlühenden Biologie halten konnte, trotzdem die entgegen- 
gesetzte 'natürliche Coutinuitat sichre von Lamauck gchon 1809 begründet 
und seit 1830 durch Lyell in der Geologie zur Geltung gelangt war. 
Vergl. „Natürl. Schöpfungsgeschichte" (VI. Aufl. S. 111, 115.) 

' (S. 5). Als ich vor 14 Jahren auf der 38. Naturforscherveraammlung 
in Stettin (am 19. September 1863) einen Vortrag über „die Entwickelungs- 
tbeorie Darwin's" hielt und damit dieselbe zum ersten Male zum Gegenstande 
der öffentlichen Besprechung in einer solchen Versammlung machte, wurde 
von der grossen Mehrheit ihi" die Anerkennung entschieden versagt, die sie 
heule bei allen competenten Haturforschem bereitwillig findet. Vergl. das Vor- 
wort zur vierten Aufl. der Natürl. Schöpfungsgeschichte. 

' (S. 6). Chorologie (die Lehre von der geograpliischen und topo- 
graphischen Verbreitung der Organismen) und Oekologie (die Lehre vom 
Ilaushalte, den Lebensgewohnheiten der Organismen und ihren Beziehungen zu 
einander) smd physiologische Disciplinen, welche zwar nicht so unmittel- 
bar, wie die morphologischen, die Wahrheit der Desccndeaz-Theorie 
bezeogen, deren allgemeine Erscheinungen aber auch nur durch letztere er- 
klärt werden können. (Vergl. den XIV. Vortrag der Natürl. Schöpfungs- 
geschichte.) 

' (8. 6). Dysteleogie oder „Unzweckmässigkeitslehre" nennen wir die 
Lehre von den rudimentären Organen desshalh, weil sie in einfacherer und 
klarerer Weise als alle anderen Erscheinungen die weitverbreitete, in der 
doalistlachen Philoaoplüe herrschende T eleologie oder Zweckmässigkeits- 
ehre widerlogt. Vergl. meine Generelle Morphologie, Bd. II, S. 266. 



' (S. 7). Als „esacte" Morphologie läSBt sich z. B, die Ki-ys 
rsphie und die Promorphologie der Organismen bezeichnen; ilenn 
uciit gleich der erateren die realen Körperformen (dort der KrjBtaUe, hier 
der organischen ladividiien) auf geometrische ideale Grundfarniea eutücIizu: 
füliren. ÄUein der bei weitem grössere Thei] der Morphologie, und ebenNL 
auch ein grosser Theil der PhysioIogiB (z. B. Choroiogie, Oekologie, Psjthi^ 
bgie) Hiud der mathematischen Behandlung grCsstentheils nnmigänglich, mitbin' 
nicht exact 



'. lautet in schärfe 
11 ng (OntogeneBisj isty 
mesentwickeln 
vollBtäftdiger, je mehr 



" (S. 8). Das biogenetische Grundgeaet 
Fassting folgendermaaseen ; „Die Eeimeaeatwickel 
eine gedrängte und abgekürzte Wiederholung der Stau 
(Phylogenesia); und zwar ist diese Wiederholung um so 
durch beständige Vererbung die ursprüngliche Auszugaentwickelu 
(Paliugenesis) beiliehalten wird; hingegen ist die Wiederholung u 
ständiger, je mehr durch wechselnde Anpassung die spätere Fklschungs'^ 
entwickelung (Cenogenesis) eingeführt wird." (Vergl, meine „Aathro- 
pogenie", HI. Aufl. S. 11). 

" (8.8). Die cenogenetischen „Fälschungen" (oderStüru]igen)welcli( 
in dem ursprOnglichen palingene tiscben'Entwickeluugsgange durch Axt] 
passung der Embryonen an die embrj'onalen Esistenz-Bedingungen herbat« 
gefilhrt werden, sind zum grossen Theile Verschiebungen der ortliGheP) 
und zeitlichen Entwickelungayerhältniase (Heterotopien und Heterochronien), 
zum andern Theil embryonale lieubildungen (z. B. Bildung der H^jj 
hallen, des Dottersacks u. s. w.). (Vergl. Anthropogenie S. 9.) ^* 

" (S. 9). Der historiaclie Character der morphologiaclien Natur* 
Wissenschaften (vor allen der vergleichenden Anatomie und Ontogenie, wie 
Paläontologie) kann nicht genug betont werden; möglichst exacte. 
Schreibung der empiriBchen Thatsachen ist natürlich liier, wie auch in j^d^if 
historischen Wissenschaft zu fordern; aber diese Wissenschaften selbst küun^ 
niemals exact werdeu. 

" (S. 10). Geologie und Phylogenie verfolgen nicht allein vejj^ 
wandte Ziele, sondern bedienen sich auch derselben Methoden. In bdd^ 
Discipünen gilt es, durch denkende Vergleichung zahlreicher eiuseli 
Thatsachen, kritische Beurtheilung ihrer historischen Bedeutung i 
speculative Ergänzung der empirischen Lücken den Eusammwhangeudev 
hiBtoTfficheii Entwickelungsgang (dort der Erde, hier ihrer Bewohuer) herzue 
BteUen. Vei^l, Anthropogenie (III. Aufl. S. 329, 363). 

" (S. 10). Beschreibende NatuTwisBenschaftei 
heute ofliciell (z. B. in Preuasiechen Prüfungs-Heglements) die biologisch^ 
Disciplinen im Gegensatze zur Physik und Chemie. An sich schon i 
diese Bezeichnung eine Contradictio in adjecto; denn eine wirkliche 
Wissenschaft kann niemals blos beschreibend sein; ausserdem aber ist in da 
Botanik ond Zoologie so gut wie in der Physik und Chemie, in der Morphoi 
logie so gut wie in der Physiologie, die empirische Besclireibuug der Xbah 



83 

Sachen nur die VorausBetzong, ihre causale Erklikning hingegen daa philo- 
sophlache Ziel der WissraiBChaft. 

" (S. 11). Die Abstammung des Menschen Ton anderen Säuge- 
thieren, und Kunäclist von catarhinen Affen, ist ein Deductions-Oeaetz, welches 
mit Noth wendigkeit aus dem In ductiona -Gesetze der Descendenz -Theorie folgt 
„Nafürl, Schöpfungggeachichte" VL Aufl. S. 648. 

" (S. 11). AuBUsT SuitLEaciiER , die Durwin'aohe Theorie nnd die 
Sprach wi BS enachaft. 18ß3. IKe Vergleichung der Pliylogenie mit der „ver- 
gleichenden Sprachforaehimg" iat auch in anderer Beziehung sehr lehrreich. 
Vergl. ,Anthropogeme" (Ol. Aufl. S. 392). 

" (S, 11). Die Ahnenreihe des Menachen, wie sie die „Anthro- 
pogenie" (im XVL— XIX. Vortrage) entwirft, ist nicht mehr und nicht minder 
wtEBen3chaftlich berechtigt, wie jede andere phylogenetische und geologische 
Hypothese, wenn auch die verschiedenen Ahnenstufen ungleich sicher zn 
begründen sind. Wenn Du Bois-Bevmond („Darwin versus GaÜani", 187ß) 
meint, „die von der SchöpfungsgeBcliichte entworfenen Stammbäume unseres 
Geschlechts seien etwa ebenso viel werth, wie in den Augen der historischen 
Kritik die Stammh&nme Homerischer Heiden", so beweist er damit nur seine 
auffallende UnbekanntBchaft mit den morphologischen Forschungen, auf welche 
jene Staumbäume sich gründen. Wenn derselbe ebenda die Phylogenie 
„einen Eoman" nennt, so musa er auch die Geologie so nennen. 

'* (S. 11). Für dieErkenntnisadcr Wirbelthier-AhnendesMenscIien 
sind von grösster Sedeutung die ebenso gründlichen als kritischen „Unter- 
suchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbelttiiere" von Carl Gegen- 
bai™. (Vergl. auch dessen „Grundzüge der vergleichenden Anatomie.") 

*^ (S, IB). „Zeüseele" in monistischem Sinne ist die Gesammtheit 
der Spannkräfte, die im Protoplasma aufgespeichert sind. Die Zellaeele ist 
also an ihren Protoplasma-Leib ebenso unzertrennlich gebunden , wie die 
menschüche Seele an das Gehirn und Rückenmark. 

" (9. 13). Plastidul-Seele. Die „Plastidule" oder Protoplasma- 
Moleküle, die kleinsten gleichartigen Tbeile des Protoplasma, sind nach unserer 
Pias tiden-Theorie als die activen Factoren aller Lebensthätigkeiten zu 
betrachten. Die Plastidnl'Seele unterscheidet sich von der anorganischen 
Molekül-Seele dnrch den Besitz des Gedäcitnissea. Vergl. meine „Plastiden- 
Theorie' (in den „Studien über Moneren und andere Protisten," 1872); sowie 
meine Schrift über die „Perigenesis der Plastidule oder Wellenzeugung der 
Lebenstheilchen. Ein Versuch zur mechanischen Erklärung der elementaren 
Entwickelunp-Vorgänge." Berlin 1876. 

" (S. 14). Atom-Seele. Die neueren Streitigkeiten über die Be- 
schaffenheit der Atome, die wir in irgend einer Form als letzte Ele- 
mentar-Factoren aller phj'S italischen und chemischen Procesae anerkennen 
müssen, scheinen am einfachsten durch die Annahme gelöst zu werden, dasa 
diese kleinsten Massentheilchen als Kraftcentra eine constante Seele besitzen, 
dasB jedes Atom mit Empfindung und Bewegung begabt isL Vergl. auch 




I 



Gustav Tschbbmak, die Einheit der Entwir.kelung in der Natur, Wien 18T6 
und ZÖLLNER, Ueber die Natnr der Kometen, Leipzig lH7ä, 

» (S. 14). Das BewusBtBein wird seit dem Vortrage, den K. Du I 
Retmond 1872 auf der 45steu Deutschen NaturforBcher-YeTBammlnng i 
Leipzig hielt, »ehr allgemein als eine unüberstcigliche Grenze des Natui^e) 
kennens angesehen, und zwar als eine zweite, welche von der ersten Gre 
(dem Zusammenhang von Matme und Kraft) verschieden sei. Fnsweifelha 
nind aber diese beiden Grenzen in Wahrheit eine und diesel 
obgleich Du Bois-Beymonb meint, dass ,.wir auch in diesem Funkle i 
ZOT Klarheit kommen, und alles w-eitere Reden dariiber müssig bleibe" (1. i 
p, 33). So wenig wir heute auch im Stande sind, das Wesen des '. 
seina völlig zu erklären, so lässt doch die vergleichende und gern 
Betrachtung des Bewustseins klar erkennen, dasa dasselbe nur eini 
und znBammen gesetztere Function der Nervenzellen ist. 

" (S. 17). Das „Ignorabimus", welches E. Du Boi 9 -Retmond i 
dem eben citirten Vortrage (Note 23) dem Fortachritt unserer Krkenntnä 
entgegenhitlt, wird jetzt bei jeder Gelegenheit von den Gegnern der Ei 
Wickel ungslehre als „Testimonium paupertatis" der Naturwissenschaft anj 
rufen. Wir wollen daher auch hier (wie bereits in dem Vorwort i 
„Anthropogenie") auBdrücklich dagegen protestiren. Denn gerade die B 
wickelungslehre des Seelenlebens zeigt uns , wie dasselbe von der nieder 
Stufe der einfachen Zellseele durch eine erstaunliche Reihe von allnii 
liehen EntwickelungsEtufen sich bis zur Menschenseele emporgearbeil 
hat. Niemand ist daher zu der Behauptung berechtigt, dass wir die het 
unüberstejglich scheinenden Erkenntniss-Schranken in Zukunft nicht doe 
überschreiten werden. Darwin sagt in der Einleitung zu seiner „Ähstammni 
des Menschen": „Es sind immer diejenigen, welche wenig wissen, und nid 
die, welche viel wissen, welche positiv behaupten, dass dieses oder jea 
Problem nie von der Wissenschaft werde gelöst werden." 

" (S. 16). Die socialen Instincte der Thiere sind neuerdings t 
verschiedenen Seiten mit vollem Rechte als die Urquellen der Mor 
auch für den Menschen in Ansprach genommen worden. Die Gesetze ds 
Association und Arbeits theilung bewirken hier wie dort die Wechselwirku^ 
der vereinigten Individuen, welche zum Ffiichtgeiuhl führt. Demnach wi 
auch die Culturgeschichte der Thiere, ein noch fast unbebaut 
Feld i^er Zoologie, jetzt die Aufgabe haben, die Culturznstände der A 
Bienen und anderer gesellig lebender Thiere in ähnlicher Weise aus nieder« 
rohen Verhältnissen historisch abzuleiten, wie das auch die Aufgabe i 
menschliehen Culturgeschichte ist. 



A^.^* d'CCi 



ÜBER DIE GRENZEN • "^ 



DES 



NATURERKENNENS. 



EIN VORTRAG 

IN DER 

ZWEITEN ÖFFENTLICHEN SITZUNG 

DER 45. VERSAMMLUNG 

^ DEUTSCHER NATURFORSCHER UND ÄRZTE 

zu LEIPZIG 

AM 14. AUGUST 1872 

GEHALTEN 

, , •■ ■ VON 

EMIL/DU BOIS-REYMOND, i^i^-^"" ^^ 



Jn Natureis infinite book of secrecy 
A litfle 7ve can read. 



DRITTE AUFLAGE. 




LEIPZIG, 

VERLAG VON VEIT & COMP. 

1873. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Meine Herren! 



Wie es einen Welteroberer (Jer alten Zeit an einem 
Rasttag inmitten seiner Siegeszüge verlangen konnte, die 
Grenzen der unübersehbaren seiner Herrschaft unterwpr- 
fenen Länderstrecken genauer festgestellt zu sehen, um 

hier ein noch nicht zinspflichtig gemachtes Volk zum 

# 

Tribut heranzuziehen, dort in der Wasserwüste ein sei- 
nen Reiterschaaren unüberwindliches Naturhihderniss, und 
die wahre Schranke seiner Macht zu erkennen: so wird 
es für die Weltbesiegerin unserer Tage, die Naturwissen- 
schaft, kein unangemessenes Beginnen sein, wenn sie bei 
festlicher Gelegenheit von der Arbeit ruhend die wahren 
Grenzen ihres unermesslichen Reiches einmal klar sich 
vorzuzeichnen versucht. Für um so gerechtfertigter halte 
ich dies Unternehmen, als ich glaube, dass über die 
Grenzen des Naturerkennens zwei Irrthümer sehr ver- 
breitet sind, und als ich es für möglich halte, einer 
solchen Betrachtung, trotz ihrer scheinbaren Trivialität, 



auch für die, welche jene Irrthümer nicht theilen, einige 
neue Seiten abzugewinnen. 

Ich setze mir also vor, die Grenzen des Naturerken- 
nens aufzusuchen, und beantworte zunächst die Frage, 
was Naturerkennen sei. 

Naturerkennen — genauer gesagt naturwissenschaft- 
liches Erkennen oder Erkennen der Körperwelt mit Hülfe 
und im Sinne der theoretischen Naturwissenschaft — ist 
Zurückführen der Veränderungen in der Körperwelt auf 
Bewegungen von Atomen, die durch deren von der Zeit 
unabhängige Centralkräfte b^ewirkt werden, oder Auf- 
lösung der Naturvorgänge in Mechanik der Atome. Es 
ist psychologische Erfahrungsthatsache, dass, wo solche 
Auflösung gelingt, unser Causalitätsbedürfniss vorläufig 
sich befriedigt fühlt. Die Sätze der Mechanik sind ma- 
thematisch darstellbar, und tragen in sich dieselbe apo- 
diktische Gewissheit, wie die Sätze der Mathematik. In- 
dem die Veränderungen in der Körperwelt auf eine con- 
stante Summe potentieller und kinetischer Energie, welche 
einer Constanten Menge von Materie anhaftet, zurückge- 
führt werden, bleibt in diesen Veränderungen selber 
nichts zu erklären übrig. 

Kant's Behauptung in der Vorrede zu den Metaphy- 
sischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft , „dass in 
„jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigentliche 
„Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin 



I „Mathematik anzutreffen sei" — ist also vielmehr noch 

dahin zu verschärfen, dass für Mathematik Mechanik der 

Atome gesetzt wird. Sichtlich dies meinte er selber, als 

v er der Chemie den Namen einer Wissenschaft absprach, 

I und sie unter die Experimentallehren verwies. Es ist 

■ nicht wenig merkwürdig, dass in unserer Zeit die Chemie, 
lindem sie durch Entdeckung der Substitution ge- 
fctwungen wurde, den elektrochemischen Dualismus auf- 
■*ugeben, sich von dem Ziel, eine Wissenschaft in die- 
Kisem Sinne zu werden, scheinbar wieder weiter ent- 
Ifernt hat. 

I Denken wir uns alle Veränderungen in der Körper- 

■ ■welt in Bewegungen von Atomen aufgelöst, die durch 
fderen constante Centralkräfte bewirkt werden,* so wäre 
l-das Weltall naturwissenschafthch erkannt. Der Zustand 
■4er Welt während eines Zeitdifferentiales erschiene als 
■Smmittelbare Wirkung ihres Zustandes während des vo- 
fcigen und als unmittelbare Ursach ihres Zustandes wäh- . 
feend des folgenden Zeitdifferentiales. Gesetz und Zufall 
Pwären nur noch andere Namen für mechanische Noth- 
*ivendigkeit. Ja es lässt eine Stufe der Naturerkenn tniss 

sich denken, auf welcher der ganze Weltvorgang durch 

Eine mathematische Formel vorgestellt würde, durch Ein 

■jinermessliches System simultaner Differentialgleichungen, 

BUS dem sich Ort, Bewegungsrichtung und Geschwindig- 

Bteit jedes Atomes im Weltall zu jeder Zeit ergäbe. „Ein 



,, Geist", sagt Laplace, „der für einen gegebenen Augen- 
,, blick alle Kräfte kennte, welche in der Natur wirksam 
„sind, und die gegenseitige Lage der Wesen, aus denen 
„sie besteht, wenn sonst er umfassend genug wäre, um 
„diese Angaben der Analysis -zu unterwerfen, würde in 
„derselben Formel die Bewegungen der grössten Welt- 
„körper und des leichtesten Atoms begreifen: nichts 
„wäre ungewiss für ihn, und Zukunft wie Vergangenheit 
„wäre seinem Blicke gegenwärtig. Der menschliche Ver- 
„stand bietet in der Vollendung, die er der Astronomie 
„zu geben gewusst hat, ein schwaches Abbild solchen 
„Geistes dar/*' 

In der That, wie der Astronom nur der Zeit in den 
Mondgleichungen einen gewissen negativen Werth zu er- 
theilen braucht, um zu ermitteln, ob, als Perikles nach 
Epidaurus sich einschiffte, die Sonne für den Piraeeus 
verfinstert ward, so könnte der von Laplace gedachte 
Geist durch geeignete Discussion seiner Weltformel uns 
sagen, wer die Eiserne Maske war oder wie der ,, Presi- 
dent" zu Grunde ging. Wie der Astronom den Tag 
vorhersagt, an dem nach Jahren ein Komet aus den 
Tiefen des Weltraumes am Himmelsgewölbe wieder auf- 
taucht, so läse jener Geist in seinen Gleichungen den 
Tag, da das griechische Kreuz von der Sophienmoschee 
blitzen oder da England seine letzte Steinkohle verbren- 
nen wird. Setzte er in der Weltformel t — — oo , so 



enthülltfi sich ihm der räthselhafte Urzustand der Dinge. 
Er sähe im unendlichen Räume die Materie bereits ent- 
weder bewegt oder ungleich vertheilt, da bei gleicher 
Vertheilung das labile Gleichgewicht nie gestört worden 
wäre. Liesse er t im positiven Sinn unbegrenzt wachsen, 
so erführe er, ob Carnot's Satz erst nach unendlicher 
oder schon nach endlicher Zeit das Weltall mit eisigem 
Stillstande bedroht Solchem Geiste wären die Haare 
auf unserem Haupte gezählt, und ohne sein Wissen fiele 
kein Sperling zur Erde. Ein vor- und rückwärts ge- 
wandter Prophet, wäre ihm, wie schon d'Alembert in 
der Einleitung zur Encyklopaedie, Laplace's Gedanken 
im Keime hegend, es ausdrückte, ,,das Weltganze nur 

|,,eine einzige Thatsache und Eine grosse Wahrheit".' 
\ Auch bei LtiBxtz findet der LAPLACE'sche Gedanke 
sich schon, ja gewissermaassen weiter entwickelt als bei 
Laplace selber, insofern Leibniz jenen Geist auch mit 
Sinnen und mit technischem Vermögen von entsprechen- 
der Vollkommenheit ausgestattet sich denkt, Bayle 
hatte gegen die Lehre von der praestabillrten Harmonie 
eingewendet, sie mache für den menschlichen Körper 
eine Voraussetzung ähnhch der eines Schiffes, das durch 
eigene Kraft dem Hafen zusteiire. Leibniz erwiedert, 
i sei gar nicht so unmöglich, wie Bayle meine. ,,Es 
|6t kein Zweifel", sagt er, ,,dass ein Mensch eine Ma- 
schine machen könnte, fähig einige Zeit in einer Stadt 




sich umher zu bewegen und genau an gewissen Strassen- 
fecken einzulenken. Ein unvergleichlich vollkommnercr, 
iobwohl beschränkter Geist könnte auch eine unvergleichlich 
^össere Anzahl von Hindernissen vorhersehen und ihnen 
„ausweichen. So wahr ist dies, dass wenn, wie Einige 
..glauben, diese Welt nur aus einer endlichen Anzahl 
tnach den Gesetzen der Mechanik sich bewegender Atome 
Rbestände, es gewiss ist, dass ein endlicher Geist erhaben 
■genug sein könnte, um Alles, was zu bestimmter Zeit 
tdarin geschehen muss, zu begreifen und mit mathema- 
litischer Gewissheit vorherzusehen; so dass dieser Geist 
Inicht nur ein Schiff bauen könnte, das von selber einem 
fcgegebenen Hafen zusteuerte, wenn ihm einmal die ge- 
fchÖrige innere Kraft und die Richtung ertheilt wäre, 
Lsondem er könnte sogar einen Körper bilden, der die 
fcHandlungen eines Menschen nachahmte".^ 
w Es braucht nicht gesagt zu werden , dass der mensch- 
Kche Geist von dieser vollkommenen Naturerkenntniss 
Stets weit entfernt bleiben wird. Um den Abstand zu 
fegen, der uns sogar von deren ersten Anfängen trennt, 
■enügt Eine Bemerkung. Ehe die Differentialgleichun- 
gen der Weltforrael angesetzt werden könnten, müssten 
nlle Naturvorgänge auf Bewegungen eines substantiell 
unterschiedslosen, mithin eigenschaftslosen Substrates 
Hessen zurückgeführt sein, was uns als verschiedenartige 
felaterie erscheint , mit anderen Worten , alle Qualität 




müsste aus Anordnung und Bewegung .solchen Substra- 
tes erklärt sein. 

Dies ist völlig im Einklänge mit der Lehre von den 
Sinnen. Allem Ermessen nacb leiten Sinnesorgane und 
-Nerven den zugehörigen Hirnprovinzen oder, wie Jon. 
MÜLLER sie nannte, den Sinns ubstänzen schliesslich einer- 
lei Bewegung zu. Wie in dem von Hrn. Bidder erson- 
nenen, Hrn. Vulpian gelungenen Versuch am Tast- und 
Muskelnerven der Zunge Empfindungs- und Bewegungs- 
fasern so mit einander verheilen, dass Erregung von Fa- 
sern der einen Art durch die Narbe auf Fasern der an- 
deren Art übergeht, so würden, wäre der Versuch 
möglich, vollends Fasern verschiedener Sinnesnerven mit 
einander verschmelzen. Bei über's Kreuz verheilten Seh- 
und Hörnerven hörten wir mit dem Auge den Blitz als 
Knall, und .sähen mit dem Ohre den Donner als Reihe 
von Lichteindrücken.'' Die Sinnesempfindung als solche 
entsteht also erst In den Sinnsubstanzen. Diese Sub- 
stanzen sind es, welche die in allen Nerven gleichartige 
Erregung überhaupt erst in Sinnesempfindung übersetzen, 
und dabei je nach ihrer Natur, als Träger der „speci- 
fischen Energien" Joh. Müller's, die Qualität erzeugen. 
Das mosaische: Es ward Licht, ist physiologisch falsch. 
Licht ward erst, als der erste rothe Augenpunkt eines 
Infusoriums zum ersten Male Hell und Dunkel unter- 
Ohne Seh- und ohne Gehörsinnsubstanz wäre 



diese farbenglühende, tönende Welt um uns her finster 
und stumm. 

Und stumm und finster an sich, d. h. eigenschaftslos, 
wie sie aus der subjectiven Zergliederung hervorgeht, ist 
die Welt auch für die durch objective Betrachtung ge- 
wonnene mechanische Anschauung, welche statt Schalles 
und Lichtes nur Schwingungen eines eigenschaftslosen, 
dort zur wägbaren, hier zur unwägbaren Materie ge- 
wordenen Urstoffes kennt. 

Aber wie wohlbegründet diese Vorstellungen im All- 
gemeinen auch sind, zu ihrer Durchführung im Einzelnen 
fehlt noch so gut wie Alles. Der Stein der Weisen, der 
die heute noch unzerlegten Stoffe ineinander umwandelte 
und aus einem höheren Grundstoffe, wenn nicht dem Ur- 
stofife selber, erzeugte, müsste gefunden sein, ehe die 
ersten Vermuthungen über Entstehung scheinbar verschie- 
denartiger aus in Wirklichkeit unterschiedsloser Materie 
möglich würden. 

Obschon der menschliche Geist von dem von La- 
PLACE gedachten Geiste stets weit entfernt bleiben wird, 
ist er doch nur stufenweise davon verschieden, etwa wie 
eine bestimmte Ordinate einer Curve von einer zwar 
ausnehmend viel grösseren, jedoch noch endlichen Ordi- 
nate derselben Curve. Wir gleichen diesem Geist, denn 
wir begreifen ihn. Ja es ist die Frage, ob nicht ein Geist 
wie Newton's von dem von Laplace gedachten Geiste 



II 

sich weniger unterscheidet, als der Geist eines Austral- 
negers oder eines Pescheräh's vom Geiste Newton's. 
Mit anderen Worten, die Unmöglichkeit, die Differential- 
gleichungen der Weltformel aufzustellen, zu integriren 
und das Ergebniss zu discutiren, ist keine grundsätzliche, 
sondern beruht auf der Unmöglichkeit, die nöthigen that-- 
sächlichen Bestimmungen zu erlangen, und, selbst wenn 
dies möglich wäre, auf deren unermesslicher Ausdehnung, 
Mannigfaltigkeit und Verwickelung. 

Die Naturerkenntniss, welche der von Laplace ge- 
dachte Geist besässe, stellt somit die höchste denkbare 
Stufe unseres eigenen Naturerkennens vor. Wir können 
deshalb jene Erkenntniss bei der Untersuchung über die 
Grenzen dieses Erkennens zu Grunde legen. Was bei 
ihr unerkannt bliebe, das wird unserem in so viel enge- 
ren Schranken eingeschlossenen Geiste vollends verborgen 
bleiben . 

Zwei Stellen sind es nun, wo auch der von Laplace 
gedachte Geist vergeblich weiter vorzudringen trachten 
würde, vollends wir stehen zu bleiben gezwungen sind. 

Erstens nämlich ist daran zu erinnern, dass das Na- 
turerkennen , welches vorher als unser Causalitätsbedürf- 
niss vorläufig befriedigend bezeichnet wurde, in Wahrheit 
dies nicht thut, und kein Erkennen ist. Die Vorstellung, 
wonach die Welt aus stets dagewesenen und unvergäng- 
lichen kleinsten Theilen besteht, deren Centralkräfte alle 



Bewegung erzeugen, ist gleichsam nur Surrogat ein 
Erklärung. Sie führt, wie bemerkt, alle Veränderung 
in der Körperwelt auf eine constante Summe von Kraft* 
und eine constante Menge von Materie zuriick, und las 
an den Veränderungen selber also nichts zu erklären 
- übrig. Bei dem gegebenen Dasein jenes Constanten 
I können wir, der gewonnenen Einsicht froh, eine Zeit lang; 

uns beruhigen; bald aber verlangen wir tiefer einzudria 
I gen, und es selber seinem Wesen nach zu begreifen. O 
I ergiebt sich denn bekanntlich, dass zwar innerhalb be 
l stimmter Grenzen die atomistische Vorstellung für dei 
[ Zweck unserer physikalisch - mathematischen Ueberleg^il 
L gen brauchbar, ja unentbehrlich ist, dass sie aber, wei 
I die Grenzen der an sie zu stellenden Forderungen üh 
I schritten werden, als Corpuscular -Philosophie in unlöslich 
I Widersprüche führt. 

Ein physikalisches Atom, d. i. eine im Vergleic 

I zu den Körpern, mit denen wir Umgang haben, vei 

I schwindend klein gedachte, ihres Namens ungeachtet i 

der Idee aber noch theilbare Masse, der Eigenschafte 

oder ein Bewegungszustand zugeschrieben werden, mittel 

welcher das Verhalten einer aus unzähligen solchen Ate 

! men bestehenden Masse sich erklärt, ist eine in sie 

folgerichtige und unter Umständen nützliche Fiction de 

mathematischen Physik. Doch wird auch deren G« 

, brauch neuerlich möglichst vermieden. Indem man stat 




iscrete Atome, auf Volumeleraente tlcr contlnuirlirli 
:hten Körper zurückgeht.'^ 

Ein philosophisches Atom dagegen , d. h. eine an- 

ich nicht weiter theilbare Masse trägen wirkungslosen 
Substrates, von der durch den leeren Raum in die Ferne 
wirkende Kräfte ausgehen, ist bei näherer Betrachtung 
ein Unding. 

Denn soll das nicht weiter theilbare, träge, an sich 
unwirksame Substrat wirklichen Bestand haben, so muss 
es einen gewissen, noch so kleinen Raum erfüllen. Dann 
ist nicht zu begreifen, warum es nicht weiter thellbar 
sä. Auch kann es den Raum nur erfüllen , wenn es 
vollkommen hart ist, d. h. indem es durch eine an seiner 
Grenze auftretende, aber nicht darüber hinauswirkende 
abstossende Kraft, welche alsbald grösser wird als jede 
gegebene Kraft, gegen Eindringen eines anderen Kör- 
perlichen in denselben Raum sich wehrt. Abgesehen 
von anderen Schwierigkeiten, welche hieraus entspringen, 
ist das Substrat alsdann kein wirkungsloses mehr. 

Denkt man sich umgekehrt mit den Dynamisten 
als Substrat nur den Mittelpunkt der Centralkräfte , so 
erfüllt das Substrat den Raum nicht mehr, denn der 
Punkt ist die im Räume vorgestellte Negation des 
Raumes. Dann ist nichts mehr da, wovon die Central- 
kräfte ausgehen, und was trüg sein könnte, gleich der 



Durch den leeren Raum in die Ferne wirkende 
Kräfte sind an sich unbegreiflich, ja widersinnig, und 
erst seit Newton's Zeit, durch Missverstehen seiner Lehre 
und gegen seine ausdrückliche Warnung, den Natur- 
forschern eine geläufige Vorstellung geworden. Denkt 
man sich mit Descartes und Leibniz den ganzen Raum 
erfüllt, und alle Bewegung durch Uebertragung in Be- 
rührungsnähe erzeugt, so ist zwar das Entstehen der 
Bewegung auf ein unserer sinnlichen Anschauung ent- 
lehntes Bild zurückgeführt, aber es stellen sich andere 
Schwierigkeiten ein. Unter Anderem ist es bei dieser 
Vorstellung unmöglich, die verschiedene Dichte der Kör- 
per aus verschiedener Zusammenfügung des gleichartigen 
Urstoffes zu erklären. 

Es ist leicht, den Ursprung dieser Widersprüche 
aufzudecken. Sie wurzeln in unserem Unvermögen, 
etwas anderes als mit unseren äusseren Sinnen entweder, 
oder mit unserem inneren Sinn Erfahrenes uns vorzu- 
stellen. Bei dem Bestreben, die Körperwelt zu zerglie- 
dern, gehen wir aus von der Theilbarkeit der Materie, 
da sichtlich die Theile etwas einfacheres und ursprüng- 
licheres sind, als das Ganze. Fahren wir in Gedanken 
mit Theilung der Materie in's Unendliche fort, so bleiben 
wir mit unserer Anschauung in dem uns angewiesenen 
Geleise, und fühlen uns in unserem Denken unbehindert. 
Zum Verständniss der Dinge aber thun wir keinen Schritt, 



'5 



da wir in der That nur das im Bereiche des Grossen 
und Sichtbaren Erscheinende auch im Bereiche des Klei- 
nen und Unsichtbaren uns vorgestellt haben. Wir kommen 
so zum Begriffe des physikalischen Atoms. Hören wir 
nun irgendwo willkürlich mit der TheÜung bei angeb- 
lichen philosophischen Atomen auf, die nicht weiter theÜ- 
bar, vollkommen hart und überdies an sich wirkungslos 
und nur Träger der Centralkräfte sein sollen, so ver- 
langen wir von einer Materie, die wir uns unter dem 
Bilde der Materie denken , mit der wir Umgang haben, 
ohne dass wir irgend ein neues Erklärungsprincip ein- 
führen, dass sie neue, ursprüngliche, das Wesen der Kör- 
per aufklärende Eigenschaften entfalte. So begehen wir 
den Fehler, der in den vorher blossgelegten Wider- 
sprüchen sich offenbart.^ 

Niemand, der etwas tiefer nachgedacht hat, ver- 
kennt die transcendente Natur des Hindernisses, das 
sich uns hier entgegenstellt. Wie man es auch zu um- 
gehen versuche, in der einen oder anderen Form stösst 
man immer darauf Von welcher Seite, unter welcher 
Deckung man ihm sich nähere, man erfahrt seine Unbe- 
iegbarkeit. Die alten ionischen Physiologen standen 
favor nicht rathloser als wir. Alle Fortschritte der Na- 
wissenschaft haben nichts dawider vermocht, alle fer- 
nen werden dawider nichts fruchten. Nie werden wir 
iser als heute wissen, was, wie Paul Erman zu sagen 



i6 



pflegte, „hier", wo Materie ist, „im Räume spukt". Denn 
sogar der von La plack gedachte, über den unseren so 
weit erhabene Geist würde in diesem Punkte nicht klü- 
ger sein als wir, und daran erkennen wir verzweifelnd, 
dass wir hier an der einen Grenze unseres Witzes 
stehen. 

Sehen wir aber von dieser ursprünglichen Schranke 
ab, setzen wir Materie und Kraft als gegeben und be- 
kannt voraus, so ist in der Idee, wie gesagt, die Kör- 
perwelt verständlich. Von dem Urzustand eines kreisen- 
den Nebelballes führt die von Hrn. Helmholtz an der 
Hand der mechanischen Wärmetheorie weiter entwickelte 
KANx'sche Hypothese7 zur Einsicht in die Entstehung 
unseres Planetensystems. Schon sehen wir unsere Erde 
als feurig flüssigen Tropfen mit einer Atmosphäre unfass- 
barer Beschaffenheit in ihrer Bahn rollen. Wir sehen sie 
im Lauf unermesslicher Zeiträume mit einer Schale er- 
starrenden Urgesteines sich umgeben, Meer und Veste 
sich scheiden, den Granit durch heisse kohlensaure Wol- 
kenbrüche zerfressen das Material zu kalihaltigen Erd- 
schichten liefern, und schliesslich Bedingungen entstehen, 
unter denen Leben möglich ward. 

Wo und in welcher Form es zuerst erschien, ob 
auf tiefem Meeresboden als Bathybius - Urschleim , oder 
unter Mitwirkung der noch mehr ultraviolette Strahlen 
entsendenden Sonne bei noch höherem partiärem Drucke 




der Kohlensäure in der Atmosphäre, wer sagt es je? 
Aber der von Laplace gedachte Geist im Besitze der 
Weltformel könnte es sagen. Denn beim Zusammen- 
treten unorganischer Stoffe zu Lebendigem handelt es 
sich zunächst nur um Bewegung, um Anordnung von 
Molecülen in mehr oder minder festen Gleichgewichts- 
lagen, und um Einleitung eines Stoffwechsels theils 
durch Spannkräfte der Molecüle, theils durch von aussen 
überkommene Bewegung. Was das Lebende vom 
Todten, die Pflanze und das nur in seinen körperlichen 
Functionen betrachtete Thier vom Krystall unterscheidet, 
ist zuletzt dieses; im Krystall befindet sich die Materie 
in stabilem Gleichgewichte, während durch das orga- 
nische Wesen ein Strom von Materie sich ergiesst, die 
Materie darin in mehr oder minder vollkommenem dy- 
namischen Gleichgewichte" sich befindet, mit bald posi- 
tiver, bald der Null gleicher, bald negativer Bilanz. 
Daher ohne Einwirkung äusserer Massen und Kräfte der 
Krystall ewig bleibt was er ist, dagegen das organische 
Wesen in seinem Bestehen von gewissen äusseren Be- 
dingungen, den integrirenden Reizen der älteren Phy- 
siologie, abhängt, in sich potentielle Energie in kine- 
tische verwandelt und umgekehrt, und einem bestimmten 
eitlichen Verlauf unterworfen ist. Ohne grundsatz- * 
Verschiedenheit der Kräfte im Krystall und 
organischen We.sen erklärt sich so, dass beide 



i8 



püteinander incoramensiirabel sind, wie ein blosses Bau- 
pverk incoramensurabel ist mit einer Fabrik, in die hier 
Kohle. Wasser, Rohstoffe, aus welcher dort Kohlensäure, 
fWassergas, Rauch, Asche und Erzeugnisse ihrer 
nlaschinen strömen. Das Bauwerk kann man sich aus 
lauter dem Ganzen ähnlichen Theilen so gefügt vorstellen, 
Hass es gleich dem Krystall in ähnliche Theile spaltbar 
Ist; die Fabrik ist gleich dem organischen Wesen, wenn 
wir von dessen Autbau aus Zellen und der Theilbarkeit 
biancher Organismen abschen, ein Individuum. 

Es ist daher ein Missverständniss, im ersten Er- 
scheinen lebender Wesen auf Erden etwas Supernatura- 
Bistisches, etwas Anderes zu sehen, als ein überaus 
Schwieriges mechanisches Problem. Von den beiden Irr- 
biümern, auf die ich hinweisen wollte, ist dies der eine. 
Wicht hier ist die andere Grenze des Naturerkennensj 
pier nicht mehr als in der JCrystallbildung. Könnten' 
pvir die Bedingungen herstellen, unter denen orga- 
pische Wesen einst entstanden, wie wir dies für ge- 
pvisse, keinesweges für sämmtliche Krystalle können, so 
prürden nach dem Principe des Actualismus' wie damals 
Buch heute noch organische Wesen entstehen. Sollte 
ps aber auch nie gelingen, Urzeugung zu beobachten, 
Sfeschweige sie im Versuch herbeizuführen, so wäre doch 
pier kein unbedingtes Hinderniss. Wären uns Materie 
lind Kraft verständlich, die Welt hörte nicht auf begreif 



lieh zu sein, auch wenn wir uns jetzt die Erde von 
ihrem aequatorialen Smaragdgürtel bis zu den letzten 
flechtengrauen Polarklippen mit der üppigsten Fülle 
von Pflanzenleben überwuchert denken, gleichviel 
welchen Antheil an der Gestaltung des Pflanzen- 
reiches man organischen Bildungsgesetzen, welchen 
der natürlichen Zuchtwahl einräume. Nur die zur 
Befruchtung vieler Pflanzen jetzt als unentbehrlich er- 
kannte Beihülfe der Insectenwelt müssen wir aus Grün- 
den, die bald einleuchten werden, in dieser Betrach- 
Mng bei Seite lassen. Im Uebrigen bietet das 
(^reichste, von Bernardin he St. Pierre, von Hum- 
boldt oder PÖPPIG entworfene Naturgemälde eines tro- 
pischen Urwaldes dem Blicke der theoretischen Natur- 
forschung schlechterdings nichts dar, als bewegte Ma- 
terie. Es ist dies, wie mir scheint, eine neue und sehr 
:he Form, die man dem Beweis ertheilen kann, 
es keine Lebenskraft im Sinne der Vitaiisten 
pebt. 

Allein es tritt nunmehr, an irgend einem Punkte 

■ Entwickelung des Lebens auf Erden, den wir nicht 

^kennen und auf den es hier nicht ankommt, etwas 

Neues, bis dahin Unerhörtes auf, etwas wiederum, gleich 

[em Wesen von Materie und Kraft, Unbegreifliches. 

ter in negativ unendlicher Zeit angesponnene Faden 

Verständnisses zerreisst, und unser Naturerkennen 



ftelangt an eine Kluft, über die kein Steg-, Icein Fittig- 
|- trägt; wir stehen an der anderen Grenze unseres Witzes. 
I . Dies neue Unbegreitliche ist das Bewusstsein. Ich 
l Werde jetzt, wie ich glaube in sehr zwingender Weise, 
fdarthun, dass nicht allein bei dem heutigen Stand unse- 
Irer Kenntntss das Bewusstsein aus seinen materiellen 
■ Bedingungen nicht erklärbar ist, was wohl jeder zugiebt, 
fsondern das es auch der Natur der Dinge nach aus 
[ diesen Bedingungen nie erklärbar sein wird. Die ent- 
I gegengesetzte Meinung, dass nicht alle Hoffnung aufzu- 
I geben sei, das Bewusstsein aus seinen materiellen Be- 
I dingungen zu begreifen, dass dies vielmehr im Laufe 
I der Jahrhunderte oder Jahrtausende' dem alsdann in un- 
geahnte Reiche der Erkenntniss vorgedrungenen Men- 
schengeiste wohl gelingen könne: dies ist der zweäte 
Irrthum, dessen Bekämpfung ich mir in diesem Vortrage 
l'Vorgesetzt habe. 

Ich gebrauche dabei absichtlich den Ausdruck „Be- 
wusstsein", weil es hier nur um die Thatsache eines 
geistigen Vorganges irgend einer, sei es der niedersten 
\ Art, sich handelt. Man braucht nicht Watt sein 
[Parallelogramm erdenkend, nicht Shakspeare, Raphael, 
l Mozart in der wunderbarsten ihrer Schöpfungen be- 
griffen sich vorzustellen, um das Beispiel eines aus sei- 
nen materiellen Bedingungen unerklärbaren geistigen 
Vorganges zu haben. Wie die gewaltigste und ver- 



wickelteste Muskelleistung eines Menschen oder Thieres im 
Wesentlichen nicht dunkler ist, als einfache Zuckung 
eines einzelnen Primitivmuskclbündels;"' wie die einzelne 
Secretionszelle das ganze Räthsel der Absonderung birgt: 
so ist auch die erhabenste Seelen Ihätigkeit aus mate- 
riellen Bedingungen in der Hauptsache nicht unbegreif- 
licher, als das Bewusstsein auf seiner ersten Stufe, der 
Sinnesempfindung. Mit der ersten Regung von Behagen 
oder Schmerz, die im Beginn des thierischen Lebens auf 
Erden ein einfachstes Wesen empfand, ist jene unüber- 
steigliche Kluft gesetzt, und die Welt nunmehr doppelt 

inbegreiflich geworden. 

Ueber wenig Gegenstände ist anhaltender nachge- 
dacht, mehr geschrieben, leidenschaftlicher gestritten 
worden, als über die Verbindung von Leib und Seele 
im Menschen. Alle philosophischen Schulen, dazu die 
Kirchenväter, haben darüber ihre Lehrmeinungen gehabt. 
Der neueren Philosophie liegt diese Frage ferner; um so 
reicher sind deren Anfänge im siebzehnten Jahrhundert 
an Theorien über die Wechselwirkung von Materie und 
Geist 

Deöcartes selber hatte sich die Möglichkeit, diese 

Vechselwirkung zu begreifen, durch zwei Aufstellungen 
vorweg abgeschnitten. Erstens behauptete er, dass 
Körper und Geist verschiedene Substanzen, durch Got- 
; Allmacht vereinigt, seien, welche, da der Geist als 



I nnkÖrfterlicli keine Ausdehnung habe, nur in Einem 
I Punkte, nämlich in der sogenannten Zirbeldrüse des Ge- 
rhirns, einander berühren. " Er behauptete zweitens, dass 
[■die im Weltall vorhandene Bewegungsjjrösse beständig 
I sei. " Je sicherer daraus die Unmöglichkeit zu folgen 
I scheint, dass die Seele Bewegung der Materie erzeuge, 
I um so mehr erstaunt man, wenn nun Descartes, um 
die Willensfreiheit zu retten, die Seele einfach die Zir- 
beldrüse in dem nÖthlgen Sinne bewegen lässt, damit 
. die thierischen Geister, wir würden sagen das Nerven- 
I princip, den richtigen Muskeln zuströmen. Umgekehrt 
rdie durch Sinneseindrücke erregten thierischen Geister 
[ bewegen die Zirbeldrüse, und die mit dieser verbundene 
t Seele merkt die Bewegung.^' 

I Descartes' unmittelbare Nachfolger, Ci-auberc.'*, 

r Mai-ebranche'*, GEULlNCx'^ bemühen sich, einen so 

' offenbaren Missgriff zu verbessern. Sie halten fest an 

der Unmöglichkeit einer Wechselwirkung von Geist und 

Materie, als zweier verschiedenen Substanzen. Um aber 

r zu verstehen, wie dennoch die Seele den Körper bewege 

und von ihm erregt werde, nehmen sie an, dass das 

Wollen der Seele Gott veranlasse, den Körper jedesmal 

nach Wunsch der Seele zu bewegen. Umgekehrt die 

I Sinneseindrücke veranlassen Gott, die Seele jedesmal in 

I Uebereinstimmung damit zu verändern. Die Causa effi- 

[ ekns der Veränderungen des Körpers durch die Seele 




23 

und umgekehrt ist also stets nur Gott; das Wollen der 
Seele und die Sinneseindrücite sind nur die Caiisae occn- 
sionales für die unauthürlich erneulen Kingriffe seiner 
[macht. 

Leibniz endlich pflegte dies Problem mittels des, 
es scheint, ursprünghch von Geülincx herrührenden 
Ides zweier Uhren zu erläutern, die gleichen Gang 
ägen sollen,'' Auf dreierlei Art, sagt er, könne dies 
geschehen. Erstens können beide Uhren durch Schwin- 
gungen, die sie einer gemeinsamen Befestigung mit- 
theilen, einander so beeinflussen, dass ihr Gang derselbe 
werde, wie dies Huyguens beobachtet habe, und wie es 
im Anfange dieses Jährhunderts Breguet sogar angewen- 
H^^hat, um denGangjeder der beiden Uhren gleichförmiger 
^^^B machen.'^ Zweitens könne stets die eine Uhr gestellt 
^^Hpprden, um sie in gleichem Gange mit der anderen zu 
^^^nhalten. Drittens könne von vorn herein der Künstler 
^^ so geschickt gewesen sein, dass er beide Uhren, obschon 
ganz unabhängig von einander, gleich gehend gemacht 
Zwischen Leib und Seele sei die erste Art der 
bindung anerkannt unmöglich. Die zweite, der occa- 
laJistischen Lehre entsprechende, sei Gottes unwürdig, 
sie als Detis fx machimt verwende. So bleibe nur 
dritte übrig, in der man Leibniz' eigene Lehre der 
sstabilirten Harmonie wiedererkennt. 
Allein diese und ähnliche Betrachtungen sind in den 




tAugen der neueren Naturforschung entwerthet und der 
Wirkung auf die heutigen Ansichten beraubt durch die 
dualistische Grundlage, auf welche sie, gemäss ihrem 
halb theologischen Ursprünge, gleich anfangs sich stellen. 
Ihre Urheber gehen aus von der Annahme einer vom 
Körper unbedingt verschiedenen geistigen Substanz, der 
ISeele, deren Verbindung mit dem Körper sie unter- 
[suchen. Sie finden, dass eine Verbindung beider Sub- 
I stanzen nur durch ein Wunder möglich ist, und da^ij, 
l-auch nach diesem ersten Wunder, ein ferneres Zusam- 
Imengehen beider Substanzen nicht anders stattfinden 
Plcann, als wiederum durch ein entweder stets «Tieutes 
I oder seit der Schöpfung fortwirkendes Wunder. Diese 
f Folge nun geben sie für eine neue Einsicht aus, ohne 
[hinreichend zu prüfen, ob nicht sie selber vielleicht sich 
I die Seele erst so zurechtgennacht haben, dass eine Wech- 
f selwirkung zwischen ihr und dem Körper undenkbar ist. 
Mit Einem Wort, der gelungenste Beweis, dass keine Wech-- 
selwirkung von Körper und Seele möglich sei, lässt dem 
Zweifel Raum, ob nicht die Praemissen willkürlich seien, und 
I ob nicht Bewusstsein einfach als Wirkung der Materie ge- 
dacht und vielleicht begriffen werden könne. Für den Na- 
turforscher muss daher der Beweis, dass die geistigen Vor- 
, gänge aus Ihren materiellen Bedingungen nie zu begrei- 
[ fen sind, unabhängig von jeder Voraussetzung über den. 
Urgrund jener Vorgänge geführt werden. 



Ich nenne "astronomische Kenntnias eines materiellen 
Systemes solche Kenntniss aller seiner Theile, ihrer ge- 
genseitigen Lage und ihrer Bewegung, tiaas ihre Lage 
und Bewegung zu irgend einer vergangenen und zu- 
künftigen Zeit mit derselben Sicherheit berechnet werden 
kann, wie Lage und Bewegung der Himmelskörper bei 
vorausgesetzter unbedingter Schärfe der Beobachtungen 
und Vollendung der Theorie. Um die Differentialglei- 
chungen anzusetzen, deren Integration die gewünschten 
Bestimmungen liefert, genügen gleichsam drei Positionen 
der Theile des Systemes, d. h. es Ist nöthig und zu- 
reichend, dass in drei aufeinanderfolgenden, durch zwei 
Zeitdifferentiale getrennten Augenblicken die Lage der 
Theile des Systemes bekannt sei. Aus dem Unterschiede 
der In den gleichen, unendlich kleinen Zeiträumen durch- 
laufenen, nach den drei Axen zerlegten Wege folgen 
dann die auf das System und die in ihm wirkenden 
Kräfte. 

Astronomische Kenntniss eines materiellen- Systemes 
ist bei unserer Unfähigkeit, Materie und Kraft zu be- 
greifen, die vollkommenste Kenntniss, die wir davon er- 
langen können, Es Ist die, wobei unser Causalitätstrieb 
sich zu beruhigen gewohnt ist, und welche der von La- 
PLACE gedachte Geist selber bei gehörigem Gebrauche 
se iner Weltformel von dem Systeme besitzen würde. 

Denken wir uns nun, wir hätten es zur astronomi- 



26 



sehen Kenntniss eines Muskels, einer Drüse, eines elek- 
trischen oder Leucht-Ürganes im gereizten Zustande, einer 
Fiimmerzelle, einer Pflanze, des Eies in Berührung mit dem 
Samen, der Frucht auf irgend einer Stufe derEntwickelung 
) gebracht. Alsdann besässen wir also von diesen materiellen. 
»Systemen die vollkommenste mögliche Kenntniss, unser Cau- 
Bgalitätstrieb wäre soweit befriedigt, dass wir nur noch 
r verlangten, das Wesen von Materie und Kraft selber zu 
begreifen. Muskel Verkürzung, Absonderung in der Drüse, 
, Schlag des elektrischen. Leuchten des Leucht-Organes, Flira- 
merbewegung, Wachsthum und Chemismus der Zellen Inder 
■Pflanze, Befruchtung und Entwickelung des Eies: alle 
■•idiese jetzt hoffnungslos dunklen Vorgänge wären uns son 
[durchsichtig, wie die Bewegungen der Planeten. 
I Machen wir dagegen dieselbe Voraussetzung astro- 

nomischer Kenntniss für das Gehirn des Menschen, odef 
[ auch nur für das Seelenorgan des niedersten Thieres, 
I dessen geistige Thätigkeit auf Empfinden von Lust und 
' Unlust sich beschränken mag, so wird zwar in Bezug 
auf alle darin stattfindender materiellen Vorgänge unser 
Erkennen ebenso vollkommen sein und unser Causalitäts- 
[ trieb ebenso befriedigt sich fühlen, wie in Bezug auf 
I Zuckung oder Absonderung bei astronomischer Kenntniss 
von Muskel oder Drüse. Die unwillkürlichen und nicht 
[ ncthwendig mit Empfindung verbimdenen Wirkungen 
I der Centraltheile, Reflexe, Mitbewegung, AÜiembewegun- 




gen, Tonus, der Stoffwechsel des Gehirnes und Rücken- 
markes u. d. m. wären erschöpfend erkannt. Auch die 
mit geistigen Vorgängen der Zeit nach stets, also wohl 
nothwendig zusammenfallenden Vorgänge wären ebenso 
vollkommen durchschaut. Und es wäre natürlich ein 
hoher Triumph, wenn wir zu sagen wüssten, dass bei 
einem bestimmten geistigen Vorgang in bestimmten 
Ganglienkugeln und Nervenrohren eine bestimmte Be- 
wegung bestimmter Atome stattfinde. Es wäre grenzen- 
los interessant, wenn wir so mit geistigem Auge in uns 
hineinblickend die zu einem Rechenexempei gehörige 
Hirnmechanik sich abspielen sahen wie die Mechanik 
einer Rechenmaschine ; oder wenn wir auch nur wüssten, 
welcher Tanz von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, 
Sauerstoff-, Phosphor- und anderen Atomen der Seligkeit 
musikalischen Empfindens, welcher Wirbel solcher Atome 
dem Gipfel sinnlichen Geniessens, welcher Molecularsturm 
dem wüthenden Schmerz beim Misshandeln des M. irige- 
miinis entspricht. Die Art des geistigen Vergnügens, 
welche die durch Hrn. Fechner geschaffenen Anfänge 
der Psychophysik oder Hrn. Donders' Messungen der 
Dauer einfacherer Seelenhandlungen uns bereiten, lässt 
_'uns ahnen, wie solche unverschleierte Einsicht in die 
[Äteriellen Bedingungen geistiger Vorgänge uns erbauen 



Was aber die geistigen Vorgänge selber betrifft, 



F*^ 



so zeigt sich, dass sie bei astronomischer Kenntniss des 
Seelenorganes uns ganz ebenso unbegreitlich wären, wie 
jetzt. Im Besitze dieser Kenntniss standen wir vor ihnen 
wie heute, als vor einem völlig Unvermittelten. Mt 
astronomische Kenntniss des Gehirnes, die höchste, die 
wir davon erlangen können, enthüllt uns darin nichts als 
bewegte Materie. Durch keine zu ersinnende Anordnung 
oder Bewegung materieller Theilchen aber lässt sich eine 
Brücke in's Reich des Bewusstseins schlagen, 

Bewegung kann nur Bewegung erzeugen, oder in 
itentielle Energie zurück sich verwandeln. Potentielle- 
Energie kann nur Bewegung erzeugen , statisches Gleich- 
gewicht erhalten, Druck oder Zug üben. Die Summt 
der Energie bleibt dabei stets dieselbe. Mehr als dies 
Gesetz bestimmt, kann In der Körperwelt nicht geschehen, 
auch nicht weniger; die mechanische Ursache geht rein 
auf in der mechanischen Wirkung. Die neben den ma- 
teriellen Vorgängen im Gehirn einhergehenden geistigen 
Vorgänge entbehren also für unseren Verstand des zu- 
reichenden Grundes. Sie stehen ausserhalb des Causal- 
Igesetzes, und schon darum sind sie nicht zu verstehen] 
so wenig, wie ein Mobile pcrpdunm es wäre. Aber auch 
sonst sind sie unbegreÜlich. 
Es scheint zwar bei oberflächlicher Betrachtung, al: 
könnten durch die Kenntniss der materiellen Vorgang) 
im Gehirne gewisse geistige Vorgänge und Anlagen uns 
L 



Brüc 
^HpotE 

^^ der 

b 



verständlich werden. Ich rechne dahin das Gedächtniss, 
den Fluss und die Association der Vorstellungen, die Fol- 
gen der Uebung, die specifischen Talente u. d. m. Das 
geringste Nachdenken -lehrt, dass dies Täaschung ist. 
Nur Über gewisse innere Bedingungen des Geistes- 
lebens, welche mit den äusseren durch die Sinneseindrücke 
gesetzten etwa gleichbedeutend sind, würden wir unter- 
richtet sein, nicht Über das Zustandekommen des Geistes- 
lebens durch diese Bedingungen. 

Welche denkbare Verbindung besteht zwischen be- 
stimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem 
Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprüng- 
lichen, nicht weiter definirbaren, nicht wegzulaugnenden 
Thatsachen; „Ich fühle Schmerz, fühle Lust; ich schmecke 
Süsses, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Roth," und 
der ebenso unmittelbar daraus fliessenden Gewissheit: 
„Also bin ich"? Es ist eben durchaus und für immer 
unbegreiflich, dass es einer Anzahl von Kohlenstoff-, 
Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- u. s. w. Atomen nicht 
sollte gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, 
wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich 
bewegen werden. Es ist in keiner Weise einzusehen, 
wie aus ihrem Zusammenwirken Bewusstsein entstehen 
könne. Sollte ihre Lagerungs- und Bewegungsweise 
ihnen nicht gleichgültig sein, so müsste man sie sich 
nach Art der Monaden schon einzeln mit Bewusstsein aus- 



r gestattet denken. Weder wäre damit das Bewusstsa 
[ überhaupt erklärt, noch für die Erklärung des einhdt 
liehen Bewusstseins des Individuums das Mindeste ge 
Wonnen.'" 

I Dass es vollends unmöglich sei, und stets bleibei 

l werde, hühere geistige Vorgänge aus der als bekann 

vorausgesetzten Mechanik der Hirnatome zu verstehen, 

' darf nicht der Ausführung. Doch ist, wie schon bemerk) 

gar nicht nöthig, zu höheren Formen geistiger Thätig 

I keit zu greifen, um das Gewicht unserer Betrachtung J 

vergrÖssern. Sie gewinnt gerade an Eindringlichkei 

durch den Gegensatz zwischen der vollständigen Unw^ 

.senheit, in welcher astronomische Kenntniss des Gehirn^ 

uns über das Zustandekommen auch der niederste 

geistigen Vorgänge Hesse, und der durch solche Kenntnis 

gewährten ebenso vollständigen Enträthselung der hoch 

sten Probleme der Körperwelt. Ein aus irgend einei 

Grunde bewusstloses, z. B. ohne Traum schlafendes Ge 

hirn enthielte, astronomisch durchschaut, kein Geheimnis 

I mehr, und bei. astronomischer Kenntniss auch des übri 

I gen Körpers wäre so die ganze menschliche Maschine 

r mit ihrem Athmen, ihrem Herzschlag, ihrem Stoffwechsd 

I ihrer Wärme, u. s. f., bis auf das Wesen von Materii 

und Kraft, völlig entziffert. Der traumlos Schlafende is 

begreiflich, wie die Welt, ehe es Bewusstsein gab. Wi 

aber mit der ersten Regung von Bewusstsein die Wd 




doppelt unbegreiflich ward, so wird es auch der Schläfer 
wieder mit dem ersten ihm dämmernden Traumbild. 

Der unlösliche Widerspruch, in welchem die me- 
chanische Weltanschauung mit der Willensfreiheit, und 
dadurch mittelbar mit der Ethik steht, ist sicher von 
grosser Bedeutung. Der Scharfsinn der Denker aller 
Zeiten hat sich daran erschöpft, und wird fortfahren, 
daran sich zu üben. Abgesehen davon, dass Freiheit 
sich läugnen lässt, Schmerz und J-ust nicht, geht dem 
Begehren, welches den Anstoss zum Handeln und somit 
erst Gelegenheit zum Thun oder Lassen giebt, nothwendig 
Sinnesempfindung voraus, Es ist also das Problem der 
Sinnesempfindung, und nicht, wie ich einst sagte, das 
I der Willensfreiheit, bis zu dem die analytische Mechanik 

führt.=" 
^^^H' Damit Ist die andere Grenze unseres Naturerkennens 
^^^^^chnet. Nicht minder als die erste ist sie eine un- 
^^o^ingte. Nicht mehr als im Verstehen von Kraft und 
Materie hat im Verstehen der Geistesthätigkeit aus ma- 
teriellen Bedingungen die Menschheit seit zweitausend 
Jahren.trotzallenEntdeckungen der Naturwissenschaft, einen 
wesentlichen Fortschritt gemacht, Sic wird es nie. Selbst' 
der von Laplace gedachte Geist mit seiner Weltformel 
gliche in seinen Anstrengungen, über diese Schranke 
sich fortzuheben, einem nach dem Monde trachtenden 
ichiffer. In seiner aus bewegter Materie aufgebauten 



Welt regen sich zwar die Hirnatorae wie in stummem 

Spiel. Er übersieht ihre Schaaren, er durchschaut ihre 

Verschränkuiigen, aber er versteht nicht ihre Geberde, 

sie denken ihm nicht, und deshalb bleibt, wie wir vor* 

Ihin sahen, seine Welt eigenschaftslos. 

I An ihm haben wir das Maass unserer eigenen Be- 

iahigung oder vielmehr miserer Ohnmacht. Unser Natur^ 

_ erkennen ist also eingeschlossen zwischen den beidei 

I Grenzen, welche einerseits die Unfähigkeit, Materie umj 

iKraft, andererseits das Unvermögen, geistige Vorgang 

I aus materiellen Bedingungen zu begreifen, ihm ewig vor 

f" schreiben. Innerhalb dieser Grenzen ist der Naturforsdia 

Herr und Meister, zergliedert er und baut er auf, unc 

Niemand weiss, wo die Schranke seines Wissens und 

seiner Macht liegt; über diese Grenzen hinaus kann 

nicht, und wird er niemals können. 

Je unbedingter aber der Naturforscher die ihm ge 
steckten Grenzen anerkennt, und je demüthiger er 
seine Unwissenheit sich schickt, um so tiefer fühlt er das 
Recht, mit voller Freiheit, unbeirrt durch Mythen, Dog^^ 
man und alterstolze Philosopheme, auf dem Wege det 
Induction seine eigene Meinung über die Beziehungenj 
zwischen Geist und Materie sich zu bilden. 

Er sieht in tausend Fällen materielle Bedingungea 
das Geistesleben beeinflussen. Seinem unbefangenei 
Blicke zeigt sich kein Grund zu bezweifeln, dass wirk- 



lieh die Sinneseindrücke der sogenannten Seele sich mit- 
theilen. Er sieht den menschlichen Geist gleichsam mit 
dem Gehirne wachsen, und, nach der empiristischen 
Ansicht, die wesentlichen Formen seines Denkens sogar 
erst durch äussere Wahrnehmungen sich aneignen. Er 
sieht ihn im Schlaf und Traum, in der Ohnmacht, im 
Rausch und der Narkose, im Fieberwahn und der Inani- 
tion, in der Manie, der Epilepsie, dem Blödsinn und der 
Mikrocephalie, in unzähligen krankhaften Zuständen ab- 
hängig von der dauernden oder vorübergehenden Be- 
schaffenheit des Organes. Kein theologisches Vorurtheil 
hindert ihn wie Descartes, in den Thierseelen der Men- 
schenseele verwandte, stufenweise minder vollkommene 
Glieder derselben Entwickeliuigsreihe zu erkennen. Viel- 
mehr sieht er im Wirbelthierreiche die Hirntheile, welche 
auch physiologische Versuche und pathologische Erfah- 
rungen als Träger höherer Geistesthätigkeiten bekunden, 
ihrer vergleichsweisen Entwickelung nach mit der Stei- 
gerung dieser Thätigkeiten gleichen Schritt halten. Wovon 
den anthropoiden Aft'en zum Menschen die geistige Befähi- 
gung den durch den Besitz der Sprache bezeichneten unge- 
heuren Sprung macht, findet sich ein entsprechender Sprung 
in der Hirnmasse vor. Die verschiedene Anordnung glei- 
r Elementartheile bei den Wirbellosen belehrt aber den 
felturforscher, dass es hier wie bei anderen Organen 
teniger auf die Architektur, als auf die Structurelemente 



34 



ankommt. Mit ehrfurchtsvollem Staunen betrachtet er 

, das mikroskopische Klümpchen Nervensubstanz, welches 

fäer Sitz der arbeitsamen, baulustig-en, ordnungsliebenden, 

pflichttreuen, tapferen Ameisenseele ist." Endlich die 

Descendenz-Theorie im Verein mit der Lehre von der 

natürlichen Zuchtwahl drängt ihm die Vorstellung auf, 

Idass die Seele als allmähliches Ergebniss gewisser mate- 

tlieller Combinationen entstanden, und vielleicht gleidi 

[.anderen erblichen, im Kampf um's Dasein dem Einzel- 

k wesen nützlichen Gaben durch eine zahllose Reihe 

■ von Geschlechtem sich gesteigert und vervollkommnet 

(habe." 

Wenn nun die alten Denker jede Wechselwirkung 
i zwischen Leib und Seele, wie sie diese sich vorstellten, 
Et^ls unverständlich und unmöglich erkannten, und wenn 
[ nur durch praestabilirte Harmonie das Räthsel des den- 
[ noch stattfindenden Zusammengehens beider Substanzen 
Ieu lösen ist, so wird wohl die Vorstellung, die sie, in 
[■ Schulbegriffen befangen, von der Seele sich machten, 
ffelsch gewesen sein. Die Nothwendigkeit einer der 
I Wirklichkeit so offenbar zuwiderlaufenden Schlussfolge 
ist gleichsam ein apagogischer Beweis gegen die Rich- 
tigkeit der dazu führenden Voraussetzung. Bei seinem 
Gleichnisse von den beiden Uhren hat Leibniz, wie Hr. 
Fechner treffend bemerkt,'^ die vierte und einfachste 
L Möglichkeit vergessen, nämlich die, dass vielleicht beide 



Uhren, deren Zusammengehen erlHärt werden soll, im 
Grunde nur eine sind. Ob wir die geistigen Vorgänge 
aus materiellen Bedingungen je begreifen werden, ist 
eine Frage ganz verschieden von der, ob diese Vor- 
gänge das Erzeugniss materieller Bedingungen sind. 
Jene Frage kann verneint werden, ohne dass über 
diese etw;is ausgemacht, geschweige auch sie verneint 
würde. 

All der oben angeführten Stelle sagt Leibniz, der 

dem menschlichen Geist unvergleichlich überlegene, aber 

endhche Geist, dem er Sinne und technisches Vermögen 

_yon entsprechender Vollkommenheit zuschreibt, könnte 

^uen Körper bilden, der die Handlungen eines Menschen 

K^chahmte. Dass er einen Menschen bilden könnte, 

^Bgt er nicht, weil in seinem Sinne dem Automaten von 

lu^ch und Bein, den er sich wie Descartes die Thiere 

H^enlos vorstellt, zum Menschen noch die mechanisch 

^tinfassbare Seelenmonade fehlt. Der Unterschied zwischen 

der LEiBNizischen und unserer Anschauung wird hieran 

besonders klar. Man denke sich alle Atome, aus denen 

l^kESAR in einem gegebenen Augenblick, am Rubicon 

etwa, bestand, durch mechanische Kunst mit einem 

Schlage jedes an seinen Ort gebracht, und mit seiner 

■ßeschwindigkeit im richtigen Sinne versehen. Nach unserer 

■bischauung wäre dann Caesar geistig wie körperlich 

Bieder hergestellt. Der künstliche Caesar hätte im 



r ersten Augenblicke dieselben Empfindungen, Strebungen, 
Vorstellungen wie sein Vorbild am Rubicon, und theilte 
mit ihm seine Gedächtnissbilder, ererbten und erworbenen 
[ Fähigkeiten u. s. f. Man denke sich das gleiche Kunst- 
I stück im gleichen Augenblicke mit einer gleichen Zahl 
1 anderer Kohlenstoff-, Wasserstoff- u. s. w. Atome ein, 
I zwei, mehrere Mal ausgeführt. Worin sonst unterschieden 
sich im eisten Augenblicke der neue Caesar und s^e 
Doppelgänger, als in dem Ort, an dem sie wären zu- 
sammengesetzt worden? Aber der von Leibniz gedachte 
[ Geist, der den neuen Caesar und seine mehreren Sosia 
[ gebildet hätte, verstände gleichwohl nicht, wie die voil 
I ihm selber richtig angeordneten und im richtigen Sinne 
mit der richtigen Geschwindigkeit fortgeschnellten Atome 
deren Seelenthätigkeit vermitteln. 

Man erinnert sich des kecken Ausspruches Hrn.' 

I Carl Vogt's, der in den fünfziger Jahren zu einer Art 

von Turnier um die Seele Anlass gab: „dass alle jene 

„Fähigkeiten, die wir unter dem Namen Seelenthätigkei- 

„ten begreifen, nur Functionen des Gehirns sind, oder, 

[ „um es einigermaassen grob auszudrücken, dass die Ge- 

P „danken etwa in demselben Verhältnisse zum Gehirn 

I „stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu 

I „den Nieren.'"^ Die Laien stiessen sich an diesem Ver- 

r gleich, weil ihnen die Zusammenstellung des Gedankens 

1 mit der Absonderung der Nieren entwürdigend schien. 



37 



Die Physiologie kennt indess solche aesthetischen Rang- 
unterschiede nicht. Ihr ist die Nierenabsonderung ein 
wissenschaftlicher Gegenstand von ganz gleicher Würde 
mit der Erforschung des Auges oder tlerzens oder 
sonst eines der gewöhnlich sogenannten edleren Organe. 
Auch das ist an dem VoGT'schen Ausspruch schwer- 
lich zu tadeln, dass darin die Seelenthätigkeit als 
Erzeugniss der materiellen Bedingungen im Gehirne 
hingestellt wird. Fehlerhaft dagegen erscheint, dass 
er die Vorstellung erweckt, als sei die Seelenthätig- 
keit aus dem Bau des Gehirnes ihrer Natur nach so 
begreifbar, wie die Absonderung aus dem Bau der 
Drüse. 

Wo es an den materiellen Bedingungen für geistige 
Thätigkeit in Gestalt eines Nervensystemes gebricht, wie 
in den Pflanzen, kann der Naturforscher ein Seelen- 
leben nicht zugeben, und hierin stösst er nur selten auf 
Widerspruch. Was aber wäre ihm zu erwiedern, wenn 
er, bevor er in die Annahme einer Weltseele willigte, 
verlangte, dass ihm irgendwo in der Welt, in Neuroglia 
gebettet und mit warmem arteriellem Blut unter richtigem 
Drucke gespeist, ein dem geistigen Vermögen solcher 
Seele an Umfang entsprechendes Convolut von Ganglien- 
fein und Nervenröhren gezeigt würde? 

Schliesslich entsteht die Frage, ob die beiden 
feenzen unseres Naturerkennens nicht vielleicht die 



38.... 

nämliche seien, d. h. ob, wenn wir das Wesen von Ma- 
terie und Kraft begriffen, wir nicht auch verständen, wie 
die ihnen zu Grunde liegende Substanz unter bestimmten 
Bedingungen empfinden, begehren und denken könne. Frei- 
lich ist diese Vorstellung die einfachste, und nach bekann- 
ten Forschungsgrundsätzen bis zu ihrer Widerlegung der 
vorzuziehen, wonach, wie vorhin gesagt wurde, die Welt 
doppelt unbegreiflich erscheint. Aber es liegt in der 
Natur der Dinge, dass wir auch in diesem Punkte nicht 
zur Klarheit kommen, und alles weitere Reden dar- 
über bleibt müssig. 

In Bezug aut die Räthsel der Körperwelt ist der 
Naturforscher längst gewöhnt, mit männlicher Entsagung 
sein ^^Ignora^nus^^ auszusprechen. In Rückblick auf die 
durchlaufene siegreiche Bahn, trägt ihn dabei das stille 
Bewusstsein, dass, wo er jetzt nicht weiss, er wenigstens 
unter Umständen wissen könnte, und dereinst vielleicht 
wissen wird. Im Bezug auf das Räthsel aber, was 
Materie und Kraft seien, und wie sie zu denken ver- 
mögen, muss er ein für allemal zu dem viel , schwerer 
abzugebenden Wahrspruch sich entschliessenr: 

,,Ignorabimus!" 



Anmerkungen. 



I (S. 6). Essai philosophique sur les probabilites. Seconde 
Edition. Paris 1814. p. 3. Die merkwürdige Stelle lautet im 
Zusammenhange: 

„Lgs 6v^nemens actuels ont avec les precedens, une liaison 
fond^e sur le principe evident, gu'une chose ne peut pas com- 
mencer d'etre, sans une cause qui la produise. Cet axiome 
connu sous le nom de principe de la raiso7i süffisante^ s'etend 
aux actions meme les plus indifferentes. La volonte la plus 
libre ne peut sans un motif d^terminant, leur donner nais- 
sance; car si toutes les circonstances de deux positions etant 
exactement les memes, eile agissait dans Tune et s'abstenait 
d'agir dans Tautre, son choix serait un effet sans cause .... 
L'opinion contraire est une^ Illusion de Tesprit qui perdant de 
vue, les raisons fugitives du choix de la volonte dans les 
choses indifferentes, se persuade qu'elle s'est determinee d*elle- 
meme et sans motifs. 

Nous devons donc envisager Tetat present de Funivers, 
comme Tefifet de son etat ant^rieur, et comme la cause de 
celui qui va suivre. Une intelligence qui pour un instant 
donn^y connaitrait toutes les forces dont la nature est anim^e, 



4° 



fet la Situation respective des §tres qui la composent, si d'ail- ' 
I leurs eile ^tait assez vaste pour soumettre ces donnees ä l'ana- ■ 
lyse, embrasserait dans la meme formule, les raouvemens des 
plus grands corpg de I'univera et ceux du plus It^ger atome 
rien se seräit incertain pour eile, et l'avenir comme le pass^ 
serait präsent ä ses yeux. L'esprit humain offre dans la pei^ 
fection qu'il a su donner ä rastronomie. une faible esquisse de, 
I cette intelligence. Ses d^couvertes en rti^canique et en g^ 
I mitrie, jointes ä celle de la pesanteur universelle, Tont mis i 
port^e de comprendre dans les memes expressions analytlqueS 
les ^tats passes et futurs du Systeme du monde. En apf^ 
quant la m^me möthode a quelques autres objets de ses < 
naissances, il est parvenu ä ramener ä des lois g^n^rales, la 
phenomenes observ^s, et ä pr^voir ceux que des circonstance 
donnees doi\'ent faire ^clore. Tous les eEForts dans ] 
recherche de la verit^, tendent k le rapprocher sans cesse d 
rintelligence que nousvenons deconcevoir, mais dont il restei 
toujours infiniment ^loign^. Cette tendance propre ä I'espeo 
humaine, est ce qui la rend sup^rieure aux animaux; et SQ 
progres en ce genre, distinguent les nations et les siecles, 
fondent leur v^ritable gloire." 

2 (S. 7). Encyclop^die, Discours preliminaire. Paris 1751 
Fol. t. I. p. IX. „L'Univers, pour qui sauroit l'embrasser d'ui 
seul point de vüe, ne seroit» s'il est permis de le dire, qu'ui 
fait unique et une grande v^rit6." 

3 (S. 8). R^plique aux R^flexions contenues dans la se 
conde Edition du Dictionnaire critique de Mr. Bayle etc 
G. G. Leibnith Opera philosophica etc. Ed. J. E. Erduanb 
Berolini 1840, 4°. p. 183. 184. „II n'y a pas de doute qu'u 
homme pourroit faire une nnachine, capable de se promene 
durant quelque tenis par une ville, et de se tourner justemen 
aux coins de certaines rues. Un esprit in com par ablernen 

I plus parfait, quoique bom^, poiuroit aussi pr^voir et evite 



41 

un nombre incomparablement.plus grand d'obstacles; ce qui 
est si vrai, que si ce jnonde, selon Thypothese de quelques 
uns, n'etait qu'un compose d'un nombre fini d'atomes, qui se 
remuassent suivant les lois de la m^canique, il est sür, qu'un 
esprit fini pourroit etre assez releve pour comprendre et prevoir 
d^monstrativement tout ce qui y doit arriver dans un tems 
determin^; de sorte que cet esprit pourroit nonseulementfabriquer 
un vaisseau, capable d'aller tout seul ä un port nomme, en lui 
donnant d'abord le tour, la direction, et les ressorts qu'il faut; 
mais il pourroit encore former un corps capable de contre- 
faire un homme. 

4 (S. 9). Diese schöne Art, die Grundwahrheit der Lehre 
von den Sinnen zu erläutern, verdanke ich Hrn. Donders. 

5 (S. 13). Vergl. Helmholtz, Gedächtnissrede auf Gustav 
Magnus. Abhandlungen der König 1. Akademie der Wissen- 
schaften zu Berlin. Aus dem Jahre 1871.- Berlin 1872. 
4°. S. II ff. 

6 (S. 15). Es versteht sich, dass innerhalb des Rah- 
mens dieses Vortrages es meine Absicht nicht sein konnte, 
eine vollständige Kritik der Theorien über Materie und Kraft 
zu geben. Ich wollte nur andeuten, dass hier unlösliche 
Widersprüche ^ versteckt sind. Ausführliche Auseinander- 
setzungen des Gegenstandes aus neuerer Zeit findet man 
in: G. Th. Fechner, Ueber die physikalische und philosophi- 
sche Atomenlehre. Leipzig 1855, und in: F. Harms, Philoso- 
phische Einleitung in die Encyklopädie der Physik, im i. Bde. 
von Karsten's Allgemeiner Encyklopädie der Physik. Leip- 
zig 1869. S. 307 ff. 

7 (S. 16). Die Wechselwirkung der Naturkräfte u. s. w. 
Königsberg 1854. S. 44. 

8 (S. 17). Vergl. Smaasen, in Poggendorff's Annalen der 
Physik und Chemie. 1846. Bd. LXIX. S. 161. 

9 (S. 18). S. meine Gedächtnissrede auf Johannes Müller. 




42 

Abhandlungen der Konigl. Akademie der Wissenschaften -^^ 
Berlin. Aus dem Jahre 1859. Berlin 1860 4°. S. 129. 

10 (S. 21). Ueber thierische Bewegxmg. Rede u. s. w. v^^^=^^ 
E. DU Bois-Reymond. Berlin 1851. S. 4. 5. 

11 (S. 22). Oeuvres de Descartes, publikes par Vicr^^^^^ 
Cousin. Paris 1824. t. I. Discours de la Methode, p. 158. 1^^^^ 
— Meditation sixieme. p. 344; — Objections et R^ponses. 
414 et suiv.; — Ibidem t. III. Les Principes de la Philosophi 

p. I02. 

12 (S. 22). Ibidem, Les Principes etc. p. 151. — Verj 
E. DU Bois-Reymond, Voltaire in seiner Beziehung zur Nai 
Wissenschaft. Berlin 1868. S. 11. 

13 (S. 22), Ibidem t. IV. Les Passions de TAme. p. 6( 
67. 72. 73. — L'Homme. p. 402 et suiv. 

14 (S. 22). Dictionnaire des Sciences philosophiques par ime 
Society de professeurs de Philosophie. Paris 1844. t. I. p. 523 

15 (S. 21). Malebranche, De la Recherche de la V6rit6^ 
Oeuvres completes, par MM. de Genoude et de Lourdoueix.*- 
Paris 1837. 4°. t, I. p. 220 et suiv. — De la Promotion phy- 
sique. Ibid. t. II. p. 392 et suiv. 

16 (S. 22). H. Ritter, Geschichte der Philosophie. Ham- 
burg 1852. Th. XI. S. 104 ff. — Harms a. a. O. S. 235. 236. — 
ScHWEGLER, Geschichte der Philosophie im Umriss. 7. Aufl. 
Stuttgart 1870. S. 144. 

17 (S. 23). Second Eclaircissement du Systeme de la 
Communication de Substances. 1696. G. G. Leibnith Opera 
philosophica etc. p. 133. — Troisieme Eclaircissement. 1696. 
Ibid. p. 134. — Lettre ä Basnage etc. Ibid. p. 152. — Das 
Uhrengleichniss steht auch in Arn. Geulincx FN^QI 2Eu^YT0N 
sive Ethica etc. Ed. Philaretus, Amstelod. 1709. 12°. p. 124. 
Nota 19. Seit Ritter hierauf aufmerksam machte (a. a. O. 
S. 140), pflegt man es Geulincx zuzuschreiben. Da aber jenes 
40 Jahre nach Geulincx' Tod und 13 Jahre nach dem Second 




Eclaircissement erschienene Buch nicht wörtlich Geulincx* 
W'erlc ist, vielmehr manche fremde Zuthat enthält, so ist 
vielleicht auch das Uhrengleichniss, nachdem Leibniz es er- 
funden und wiederholt gebfaucht, als allgemein bekanntes 
ßild nachträglich darin aufgenommen. Um es Geulincx sicher 
^Uzii «schreiben, müsste man es in' einer der vor 1696 erschienenen 
Ausgraben der Ethik nachweisen. In Berlin war deren keine 
•^U-fz-tatreiben. 

18 (S. 23). Biot's Lehrbuch der Experimental- Physik. 
E^^Xi-fcsch bearbeitet von Fechner. Leipzig 1829. Bd. IL S. 129, 

19 (S. 30). Vergl. die ähnlichen Betrachtungen Locke's 
^^ ciem Essay on Human Understanding (Works,' London 1812. 
^^1- ni. p. 54 sqq.), welche auch Leibniz in den Nouveaux 
^^ssi.is sur TEntendement humain (Ed. Erdmann etc. p. 375) 
*^^^tÄ- zu eigen gemacht hat. Vergl. noch Leibniz selber 1. c. p. 
^^5» 203. — Den hier von mir entwickelten Beweis, dass wir 

^^ geistigen Vorgänge aus ihren materiellen Bedingungen nie 
^Sr"»reifen werden, habe ich seit Jahren in meinen öffentlichen 



^^^■^lesungen „lieber einige Ergebnisse der neueren Naturfor- 



'^-ang" vorgetragen, und auch gesprächsweise mitgetheilt. 

^^^^n Freund Hr. Tyndall hat bereits davon in seiner Rede 

Eröffnung der mathematisch - physikalischen Abtheilung 

Britischen Naturforscher- Versammlung in Norwich im 

"^ *^>':i: 1868 mit gewohnter Meisterschaft eine glänzende Dar- 

^-«-lung gegeben. Scope and Limit of scientific Materialism, 

* Fragments of Science for unscientific people. London 185^1. 

^- * =1. 

20 (S. 31). Untersuchungen über thierische Elektricität. 
* L Berlin 1848. Vorrede. S. xxxv. 

21 (S. 34). Charles Darwin, The Descent of man etc. 
"^•^tidon 1871. vol. I. p. 145. 

22 (S. 34). Vergl. E. du Bois-Reymond, LEiBNizische Ge- 
"^^nken in der neueren Naturwissenschaft. Berlin 1870. 



44 

23 (S. 34). Elemente der Psychophysik. Th. I. Leipzig 
1860. S. 5. 

24 (S. 36). Köhlerglaube und Wissenschaft. 3. Auflage. 
Giessen 1855. S. 32. 



Druck von Bär »Sr Hermann in Leipzig. 



DER 



HAECKELISMUS 



IN DER 



ZOOLOGIE. 



VON 

CARL 8EMPER, 

PBOrSSSOR DER ZOOLiOGUB UHD VBRGLIBICHICNDRX ANATOMIR 

IN WÜRZBURO. 



EIN VORTRAG 

GEHALTEN AM 28. OCTOBER 1875 IM YEBEIN FÜB KUNST UND WISSENSCHAFT 
ZU HAMBURG, UNTER DEM TITEIj „DER NEUE GLAUBE UND DIE MODERNE 

ZOOLOGIE.'- 



ZWEITE AUFLAGE. 



HAMBURG, 

W. MAUKE'S SÖHNK 

VORM. PERTHES-BESSER& MAUKE. 
1876. 



LÄNE UBRARY. STANFORD UHWößVTl 



Hochgeehrte Versammlung. 



Wie es dem Menschen ziemt, den Maassstab seiner Hand- 
lungen nicht sowohl im äussei*en, materiellen Erfolg, sondern 
vielmehr in ihrem inneren, ethischen Werthe zu nehmen: 
so ist es auch Pflicht jeder Wissenschaft, sich auf ihrem 
Wege zm- Erforschung der Wahrheit nicht durch die Rück- 
sichtnahme auf andere Fäclier lenken oder durch den Beifall, 
auf fremden Gebieten eiTungen, entwegen zu lassen. Und 
wie der Einzelne gut thut, möglichst oft jenes richtigen 
Maasses zu gedenkeu : so wird es auch der Wissenschaft nur 
frommen, wenn sie öfter Umschau hält und nachsieht in 
ihrem Hause, ob nicht unberufene Herren und Hausfreunde 
die Herrschaft über sie zu gewinnen und sie in Vormund- 
schaft zu nehmen trachteten. 

Es befindet sich meines Erachtens unsere Zoologie in 
einer, solcher Prüfung bedüi"ftigen Lage und sie verlangt 
von ihren Vertretern unbedingt, ihre Sicherheit und Freiheit 
geschützt, sich selbst aber auch vor einseitiger Uebertreibung 
Kjhres Weilhes behütet zu sehen. Die Rolle des Herrn 
"Tnöchten bei ihr gerne die Philosophie, d. h. die meta- 
physische Speculation und die Theologie, d. h. der Dogma- 
tismus übernehmen; und als Hausfreunde gesellen sich zu 



diesen viele der kleinen und grossen Tugenden und Schwächen, 
welche nun einmal Gemeingut des sterblichen Menschen 
sind, nicht aber die Eigenschaften der einzig nach Wahrheit 
strebenden unsterblichen Wissenschaft eein sollen. 

Es lasst sich kaum bestreiten, dass die Zoologie zum 
Theil wohl ihre gefahrvolle Lage selbst verschuldet hat. 

Dank den bedeutenden Ergebnissen modemer wissen- 
schaftlicher Forschung hat gerade die Zoologie eine mäch- 
tigere Einwirkung auf die verschiedensten Wissenschafts- 
gebiete sowohl, wie auf die gemllthUchen Regungen des 
menschlichen Herzens und damit auch einen Einfluss auf 
die Culturentwirkelung gebildeter Völker gewonnen, als sie 
ihn je zuvor besessen. Es spiegelt sich derselbe in dem 
Ihnen Allen bekannten Buche vonStrauss „Der neue Glaube" 
deutlich ab, und er liisst sich in hundert und tausend 
bleibenden und ephemeren Erzeugnissen unserer Presse, 
sowie in dem Umschwung, ja selbst im Ausdruck der Tages- 
meinung vielfach und klar erkennen. 

Es fragt sich indessen, ob die moderne Zoologie sich 
nicht durch die Gewinnung dieses Einflusses, noch mehr 
durch die Gewöhnung an denselben, der oben angedeuteten 
Gefahr ausgesetzt habe; auf ihrem eigenen Gebiete Einbusse 
durch ilir fremde Mächte zu erleiden, als Folge oder als 
Strafe dafür, dass sie ihren annectirenden Griff zu weit ttber 
nicht ilir angehörige Reiche auszudehnen versucht habe. 
Es gilt, wie im Lehen der Völker, so auch im Entwickelungs- 
leben jeder Wissenschaft das Naturgesetz: dass auch der 
Besiegte nicht ohne Einfluss auf die Geschicke des Siegers 
bleibe; wir werden bald sehen, dass znr Bestftttgung dieses 




Gesetzes gerade die Zoologie die Methode jenes Gebietes 
anzUDehnien im Begriffe steht, gegen welches sie principielle 
Opposition zu machen vorgiebt und das sie überwunden zu 
haben glaubt: das ßeich des unbedingten Glaubens an 
Dogmata. 

Aber es giebt für eine Wissenschaft keine grössere Ge- 
fahr, als die in ihrer Glaubensseligkeit liegt. 

Es ist in diesen einleitenden Worten das Programm für 
unsere heutige Untersuchung und ihre Gliederung angedeutet. 
Unsere Aufgabe besteht in einer Prüfung des wisseuschaft- 
licheu Werthes der modernen Zoologie. Um diese anzu- 
stellen, haben wir erstlich zu untersuchen, ob und zweitens, 
warum diese Wissenschaft einen überwiegenden Einfluss auf 
andere Gebiete gewonnen habe. Daran knüpft sich drittens 
die Frage, in wie weit die von jenen her ausgehende Rück- 
wirkung sie selbst schon geschädigt habe oder zu schädigen 
drohe. 

Unsere erete Frage lautet: besteht ein solcher weit- 
gehender Einfluss der modernen Zoologie ? Es hiesse Eulen 
nach Athen tragen, woilte ich die unbedingt bejahende 
Antwort begründen durch eine lange Aufzählung zahlreicher, 
Urnen Allen bekannter Thatsachen; Sie Alle wissen, dass 
dieser EinSuss vorhanden ist; so kann ich mich auch darauf 
beschränken, durch ein paai' Worte Ihneij die Tiefe und 
(annungsweite desselben anzudeuten. 

Eine jede Weiterent Wickelung, auf materiellem wie auf 

lischeni Boden, zei-stört mehr oder minder entschieden 
aKererbte Eigenschaften und liebgewonnene Anschauungen 
oder Gewohnheiten. Die allmalige, schrittweise Entwickelung 



^Spann 



jedes [ndivMuuins, jerter Thierfaniilie oder auch jedes Organs 
Hberwindet Stulen der Ausbildung, die vorher DOthwendig 
waren, wirft Tlieile oder Glieder ab, deren sie spater nicht 
mehr bedürfen. Einen grösseren Umschwung aber, als ihn 
das Buch von Strauas im Bereich der religiösen Gefühle der 
Menschen anzubahnen versucht, kann man sich kaum denken; 
ebensowenig auch einen grösseren Gegensatz, als er zwischen 
dem so revolutionirten Gebiet des Glaubens und dem alles 
dogmatischen Glaubens bai'en Reiche dei' wissenschaftlichen 
Zoologie besteht. In mehr oder minder innigem Zusammen- 
hange mit ihr stehen die (Lbrigen Wissenschaftszweige, selbst 
da, wo sie nur den einen Charakter der streng wissen- 
schaftlichen Arbeit gemeinsam haben; daes sie sich g^en- 
seitig beeinflussen müssen, liegt auf der Hand. Wenn aber 
die Revolution auf dem, der dogmenlosen Wissenschaft ent- 
gegengesetztesten Gebiete des religiösen Gefühls die Ergeb- 
nisse der Zoologie als ganz besonders wichtige Hülfstruppen 
in's Feld führt, so deutet dies eine Macht und Tiefe des 
Kinflusses dieser Wissenschaft an, wie sie durch kein anderes 
Wort kurz zu bezeichnen waren, wie durch die im Titel 
meines Vortrags geübte Vereinigung zweier, ihrem innersten 
Wesen nach so urverschiedenen Aeusserungen des mensch- 
lichen Geistes und Gemüthes, als es der neue Glaube und 
die moderne Zoologie sind oder doch wenigstens sein sollten. 
Wenn es sich nun zweitens darum handelt, die Ur- 
sachen zu ergründen, welche fast urplötzlich die Zoologie 
zu einer der eintiussreichsten Wissenschaften der Neuzeit 
gemacht haben, so können wir uns hier nicht einfach, wie 
vorhin, mit einem Bilde begnügen, sondern müssen versuchen, 



) als in dem modernen EntwickelungSRaiifj dieser Wissen- 
iaft begründet nachzuweisen. 

Es gab eine Zeit, da andere Fächer und die gebildete 
Welt kaum weiteren Antheil au der Thierlehre nahmen, als 

I'e wir Europäer des Binnenlandes ihn jetzt etwa den Chi- 
sen otier deu Fidji - lusulanem zu schenken pflegen. Wir 
isen uns eine kurze Schilderung ihrer Sitten und Gebrüuche 
, ganz interessant gefallen und freuen uns, dass wir keine 
chen Bind: aber unsere Cultui" und Wissenschaft kümmert 
h wenig um die der Chinesen und unser Blut geräth kaum 
in Wallung, wenn wir von dem, doch durch unsere Schuld 
verursachten massenhaften Hinsterben jener Inselbewohner 
hören. So ungefähr „kühl bis zum Herz hinan" stand die 
europäische Welt noch vor 20 Jahren der Zoologie gegen- 
; hie und da fanden sich wohl für sie einige Liebhaber 
l wenn sie irgendwie tieferen EinÜuss gewann, so geschah 
, wenigstens in unserem Jahi-hundert, nur, weil die moderne 
Bsenschaftliche Zoologie halb uud halb ein Kind der prac- 
dien Medicin ist. 

Und es geschah ihr dabei nicht sonderlich Unrecht, 
ihrend andere Zweige der Naturwissenschaften Ent- 
Kkungeu auf Entdeckungen häuften, welche in der kurzen 
Frist von 50 Jahren — so lange etwa werden die Schienen- 
wege erst befahren — einen grösseren Umschwung in der 
^^JjiDtwickelung der materiellen Cultur unseres Erdballs hervor- 
^^HfafeD, als die Arbeit vieler vorhergehender Jahrhunderte 
^^IPk zu thuQ vermochte; während die rein speculativen 
Wissenschaften , voran die Philosophie, unaufhaltsam und 
mit grösstem Erfolge au der idealen Weiterentwickelung 



des Menschen und seiner geistigen Cultur arbeiteten: legte 
mehr, als irgend ein anderer Wissenschaftszweig, die Zoologie 
in selbstbeschaulicher Ruhe ihre Hände in den Schooss. 
Das heisst, nach aussen hin ; denn auf ihrem eignen, freilich 
von der Welt wenig beachteten und in dogmatische Fesseln 
gespannten Boden war sie wahrlich nicht unthätig. Ich 
brauche Ihnen nur die Namen von Cuvier, Geoffroy St, 
Hilaire, Lamarck, Oken, Baer, J. Müller und Agassiz zu 
nennen, um Sie daran zu erinnern, dass die Zoologie auch 
während jener Zeit der scheinbaren Unthätiglteit nicht der 
bedeutendsten Erfolge ermangelte. 

Aber, so werden Sie fragen, wodurch geschah es denn, 
dass eine Wissenschaft so plötzlich von allgemeinste!" Be- 
deutung werden konnte, die eben zuvor noch wenig gekannt 
und beachtet und eigentlich auch nur geachtet wurde um 
der givsssen Geister willen, die es nicht verschmähten, ihr 
alle ihre Kräfte zu widmen? Die Antwort ist leicht zu 



Der Umschwung datirt von jenem Jahre an, in welchem 
uns Darwin mit seinem bekannten revolutionären Buche 
beschenkte. Ich nenne das Werk revolutionär mit vollstem 
Rechte, selbst dann, wenn ich dabei ausschliesslich den 
Einfluas im Sinne habe, den es auf die in erster Linie be- 
theiligte Wissenschaft gewann. Bis auf Darwin galt in der 
Zoologie das Dogma der sogenannten Typentheorie Cuvier's 
unumschränkt. Man bezeichnet mit diesem Worte jene 
wissenschaftlich -zoologische Ansicht, welche annimmt, dass 
in der Thierwelt vier sogenannte Typen durchgeführt seien, 
die, in ihren einzelnen Gliedern verwandtschaftlich compact 




und zusauimenstimiiiend, durrh den Güfiiensatz ihrer Cha- 
raktere grandsätzlich von einander versthieden und durch 
unausfüllbare Spalten getrennt wären. So sollte der Typus 
der Gliederthiere von dem der Wirbellhieie durchweg 
verschieden sein, von diesen beiden wieder der der 
Strahlthiere u. s. w. Und wenn man diese Typen auch 
wieder in einer höheren Einheit vereinigte, und sie als 
Thiei'e den Pflanzen gegenüberstellte, ja selbst mit diesen 
wieder als Organismen zusammenstellte und zu den anor- 
ganischen Naturkörpern in Gegensatz brachte: so folgerte 
man hieraus doch nie die Noth wendigkeit der Annahme 
verwandtschaftlichen Zusammenhanges nicht bloa einzelner, 
sondern aller Thiere.' 

Das wurde nun mit und durch Darwin mit einem 
Schlage andei-s. Grundgedanke seiner neuen Lehre war, 
dass gerade so gut, wie eine nicht speculative, sondern that- 
siichlicbe Verbindung zwischen thierischen und pflanzlichen 
Organismen als ursprünglich vorhanden zu behaupten sei, 
so auch nicht der Gegensatz zwischen den Typen Cuvier's, 
sondern vielmehr ilire principielle L'ebereinstimniung an- 
genommen werden müsse. Mit andern Worten: Darwin 
setzte voraus, dass das gesammte Thierreich eine grosse, in 
ihren einzelnen Gliedern durch die mannigfaltigsten und 
verwickeltsten verwandtschaftlichen Beziehungen verknüpfte 
Familie sei, deren einzelne Glieder nicht grundsatzlich ver- 
schieden wären, sondern trotz ihrer scheinbaren Unähnlich- 
keJt doch im Grunde genommen die grösste Verwandtschaft 
"erkennen Hessen. Die Stammverwandtschaft aller thierischen 
^Formen ist der grundlegende Gedanke des Darwinismus. 



Kl 



im 



Dieser Gedanke war bi cht neu; zu verscliiedeiieu Zeiten 
vor Darwin liat es Gelehrte gegeben, welche ihn aus- 
siirachen und dui-chzul'übren versucliten. Ich erinnere Sie 
nur an Geofli-oy St, lliiaire, deseeu jahrelang lortgeRetzter 
Kampf gegen die Cuvier'sehe Typentheorie schliesslich mit 
einer vollständigen Niederlage seiner Ansicht der «unitä de 
compoßition organique" endigte. Es genügt hier, an diese 
Thataache und die weitere von dem gänzlichen Misserfolg 
der Laraarckischen Lehre von der Umwandlung der Thier- 
furmen zu erinnern, um daran die Frage zu knüpfen, wo- 
durch denn derselbe Gedanke, von Darwin aufgenommen 
und iii neue Fonnen gegossen, kaum 40 Jahre später einen 
SU durchschlagenden Erfolg zu erringen vermochte. 

Es ist überflüssig, zur Antwort auf diese Frage Ihnen 
hier das Wesen des Darwinismus und seine Hauptsätze aus- 
einanderzusetzen; denn ich darf annehmen, dass Sie Alle im 
Wesentlichen hierüber unterrichtet sind. Der grundlegende 
Gedanke war, wie gesagt, die intuitive Ueberzeugung, wenn 
Sie wollen, die Hypothese von der genealogischen Verwandt- 
schaft aller Thiere, nicht bloa der Formen eines Typus 
untereinander. Aber diese Annahme , zu Cuvier's Zeit 
scheinbar willkllhrlich und durch keine Thataache unter- 
stützt, wurde durch ihn zum Gliede einer Theorie gemacht, 
indem er sie als nothwendige Folge eines, die geaammte 
Organismenwelt beheri'schendeu Eutwickluogsganges nach- 
, wies. Man mag über diesen Versuch zu einer Erklärung 
der Entstehung organischer Formen auseinander denken, 
I wie man wUJ : das Eine wird man zugeben müssen und ge- 
steht man auch aui' gegnerischer Seite zu, dass es in der 



That ein Versuch war, so strotzend voll schöpferischer KrafL 1 
und fiTiehtverheissender Ideen, dass er unbedingt in ei-ster I 
Linie unter die treibenden Kräfte in der Entwiekeluuj? der J 
NaturwisseDScliai'ten zu stellen sei. Wie fmchtbar Darwiu's 
Theorie für die Zoologie aber war, mögen Sie aus der That- 
sache entnehmen, dasa diese Wissenschaft in den letzten 
15 Jahren, seit sie sich mit Bewusstsein dem treibenden 
KinduBse Darwin'scher Gedanken hingiebt, factisch weiter 
der Erkenntniss der natürlichen Verwandtschaften und 
Aufbau eines wirklich natürliclien Systems gekommen 
ist, als die mehr denn 50Jahrige Arbeit dieses Jahrhunderts 
vor Darwin sie zu bringen vermochte. 

Bis auf Darwin schmachtete die Zoologie unter dem 
Banne dogmatischer Anschauungen, unter dem Fluche der 
Tj'ijentheorie. Während schon zu Cuvier's Zeiten ein Astro- 
nom dem ersten Napoleon sagen konnte, er habe als Natur- 
forscher zur Erklärung der Gesetze Himmels und der Erden 
einen Schöpfer nicht nöthig; während Chemie, Physik und 
andere Wissenschaftszweige den unbedingten Causalzu- 
sammenhang der Erscheinungen längst schon als Basis ihrer 
Unteisuchungen nehmen durften, konnte es die Zoologie 
nicht wagen, mehr oder anderes zu thun, als die Schöpfungs- 
gedanken, die in der Thierwelt verkörperten Ideen nachzu- 
denkeu. Die Annahme eines wirklich materiellen Zusanraien- 
hanges ihrer Erscheinungen war von vornherein ausge- 
schlossen, damit aber auch die Zuologie im Grunde aus der 
Liste der Wissenschaften ausgestrichen. Die langentbehrte 
Holle einer wirklich denkenden, nicht blos sammelnden oder 
metaphysisch deutenden Wissenschaft hei ihr plötzlich als 



Eigenthum zu. als Darwin mit seiner Lehre von der Um- 
wandlung der Arten den Bann löste, der bis dahin auf ihr 
pelegen hatte. Kein Wuuder wahrlich, dass sein Wort zCin-' 
dete; es niusste zünden, denn nichts ist füi' den Gelehrten 
so hinreissend, als die Aussicht bisher unverständliches ver- 
ständHch machen, scheinbar Unerreichbares in den Kreis 
des methodischen Angriffes seiner Wissenschaft ziehen zu 
können. 

Jede Wissenschaft aber, welche ihren Inhalt und damit 
ihre Machtsphäre erweitert, indem sie ein grosses erklären- 
des Gesetz aufstellt, muBS in Folge davon näher an andere 
Fächer herantreten, als sie es früher that, sodass der 
Einfluss, welchen die Darwin'sche Theorie für Zoologie 
und Botanik nothwendig haben musste, ebenso notliwendig 
auch in allerdings schwächerer Starke auf andere Gebiete 
wissenschaftlichen Strebens übergreifen konnte. Diese That' 
Sache durch Beispiele zu belegen, dürfte ftbeiHüssig sein; 
Sie wissen Alle, dass die Anthropologie wie die Sprachen- 
kunde, Geschichtsforschung und Socialwissenschaft , kurz 
fast jedes Wissensgebiet sich mit Interesse der neuen Lehre 
zugewendet und aus ihr Nutzen gezogen hat. Die Er- 
klärung hierfür und somit die Antwort auf den einen Theil 
unserer zweiten Frage liegt in der Erfahrung, dass ein Auf- 
schwung auf dem einen Gebiete auch immer regeres Leben 
auf anderen zur Folge hat; wie eine Handelskrisis in Amerika 
oder China heutiges Tages ihren Einfluss bis in die femstfla 
Winkel der bewohnten Erde geltend machen muss. 

Zur vollen Beantwortung der zweiten Frage fehlt aber 
noch der Nachweis, dass die Darwin'sche Theorie nicht blos 



auf das wissenschaftliche, sondern auch auf das gemüthJiche 
Leben der Völker Einfluss gewinnen musste. Um diese 
Lücke zu füllen, will ich scheinbar einen Schritt zu- 
ruckthun. 

Die Möglichkeit, bisher Unverständliches zu erklären, 
war, ich wiederhole, für viele, so namentlich für die Form- 
erscheinungen des thierischen Lebens erst mit Darwin ge- 
geben. Dürfen wir aber ihm und seiner Lehre einen Vor- 
wurf daraus machen, dass sie nicht alle Fragen beantworten 
können, die nun von allen und selbst den unberufensten 
Seiten her ihnen zur Lösung gewaltsam aufgedrängt werden? 
Man sagt z. B,, dass die Darwin'sche Lehre desshalb auch 
auf zoologischem Gebiete keine Geltung beanspruchen könne, 
weil sie den eigentlichen Kern der Frage, den der Ent- 
stehung des organischen Lebens überhaupt, unbeantwortet 
lasse. Aber hat sich denn die Zoologie diese Frage schon 
gestellt? Und i'st es nicht für sie ganz gleichgültig, ob die 
ersten organischen Keime aus dem ^'eltäther auf die Erde 
gekommen oder aus den anorganischen Körpern durch Ur- 
Kaugung entstanden seien? Für beide Annahmen lassen sich 
erästweilen gar keine Beobachtungsbeweise beibringen. Durch 
bade geräth man also über die Granze hinaus, die nun einmal 
dem Zoologen, wie jedem beobachtenden Naturforscher ge- 
zogen ist. Wer doch in aller Welt zwingt ihn denn, den 
ihm gewohnten Boden zu verlassen, und Metaphysiker zu 
Verden? Das aber würde er sein, sowie er irgend eine 
Hypothese, die über die momentan bestehende Gränze hinaus- 
griffe, zur Basis seines wissenschaftlichen Systemes machte. 
So lange jedoch die Zoologie die noch so hart gestreifte 



■Ar, 



14 



Gränze selbst festhhlt, hat man auch nicht das Recht, von 
ihr zu veilangen, dase sie selbstmörderisch diese umwerfe 
und Metaphysik werde. 

Auch will mir scheinen, als stelle man nur in bewusster 
AbsicJit solche Forderung und Frage an die zoologische 
Wissenschaft: in der nftmlich, sie womöglich ihres Einflusses 
auf andere Zweige und auf die Gefühle des Menschen zu 
berauben. Es Jiiesae Widersinniges behaupten, wollte man 
sagen, die Zoologie aUeiu habe nicht das Recht, innerhalb 
ihres Bezii'kes gerade so zu verfahren, wie es Chemie, Physik, 
Geologie, ja seihst die Botanik unbeanstandet auf dem ihrigen 
thun; obgleich doch auch für diese Zweige eine metaphy- 
sische Auflassung möglich ist und auch thatsächlich ver- 
treten wird. Aber man hat sich allmähg daran gewöhnt, 
die letztere gänzlich vou derjenigen des Naturforschers zu 
trennen und diesem zu gestatten, die materielle Welt def 
chemischen, physikalischen Erscheinungen auf seine "Weise, 
durch die Annahme eines in alle Ewigkeit bestehenden 
Causalzusammenhangea der Phänomene zu erklären. Selbst 
der Botanik würde mau von metaphysischer Seite her viel- 
leicht noch das Becht zur Benutzung der Darwin'schen 
Sätze gestatten, nur der Zoologie allein möchte man das 
gleiche Recht versagen. Und da man dies doch wohl nicht 
thmi kann, so versucht man sie auf Gebiete zu locken, die 
ihr nicht allein angehören und auf denen sie demnach auch 
kein ausschliesslich entscheidendes Urtheil fällen kann. 

Die Motive dieser Absicht liegen otl'en zu Tage. Um 
es mit einem Worte zu sagen: man will der moderneo 
Zoologie das Hecht entreissen, neben der Theologie und 



Philosophie auch Antheil am Menschen, als an einem Object 
aoner wissenschaftlichen Forschung zu haben. Und man 
glaubt dies am Besten dadurch erreichen zu können, dass 
man zu zeigen versucht, es sei die Darwin'sche Lehre, 
welche den Menschen mitten in die Thierwelt hineinstellt, 
väekt im Stande, die einzige, wirklich wesentliche Frage 
nadi der Entstehung des organischen Lebens zu lösen. Ent- 
niBsen aber will man^^der Zoologie das beanspruchte Recht, 
weil man ffUilt, dass durch volle Ausübung desselben ein 
Einäuss nicht blos auf die verwandten Wissenschaftszweige, 
sondern auch auf das Glaubensleben des Menschen ge- 
wonnen wird, welcher die Mindei-ung des Ansehens dogma- 
tischer Lehrsätze nur steigern kann. 

Diese Furcht ist begieiflich ; und ihr Vorhandensein er- 
kläi't im Verein mit dem Wunsche des Menschen, sich nicht 
zu sehr gemathhch erregt zu sehen, die Theilnahme oder 
den leidenschaftlichen Widei-spnich, welchen die Darwin'sche 
Theorie bei Theologen, Philosophen und dem grossen 
Publikum gefunden hat. 

Die Consequeuz der Darwin'schen Lehre, dass auch der 
Mensch innerhalb des Einwirkungskreises der durch die 
Zoologie festgestellten Gesetzmässigkeiten stehe , dass er 
also auch wie jedes andere Thier durch natürliche Ent- 
wickelung aus einfacheren Thieren entstanden sei und die 
unmittelbar hieraus sich ergebende Frage nach den muth- 
iiiaasslichen oder nachgewiesenen A'orfahren des Menschen 
eiTCgten, wie leicht begreiflich, die Menschen im höchsten 
Grade. Wir hatten so lange geschwelgt in dem allerdings 
nicht immer eingestandenen Gedanken, dass doch eigentlich 



der Mensch so etwas ausserhalb der Naturgesetze stehe, 
(lass wir laut aufschneen, als nun mit einem Male die 
Zoologie, diese unpiactische Wissenschaft, uns in unserer 
Selbstbewundemng störte und uns zeigte, dass die Ent- 
stehung unserer körperlichen Erscheinung auf demselben 
Wege erklärt werden könne, wie die eines Wurmes oder 
gar des berllchtigten Urschleims. Und unser Gefühl wurde 
beleidigt, unser Stolz empörte sich, als beim wissenschaftlichen 
Suchen nach den muthniaasslichen Urahnen des Menschen- 
geschlechts unsere Vettern, die Äffen, uns in allzu nahe 
verwandtschaftliche Berührung gebracht wurden. Und was 
sieh von andern , berechtigten oder unberechtigten Conse- 
quenzen hier anknüpfte , konnte die hervorgerufene ge- 
müthliche Erregung nur steigern. 

Die so gegebene Erklärung der Nothwendigkeit des 
zoologischen Einflusses auch auf das Gefühlsleben der 
Menschen, will ich indessen durch abschweifendes Eingehen 
auf einige bisher kaum angedeutete Puncte noch weiter 
erläutern. 

Es wird der Darwin'schen Theorie häufig zum Vorwurf 
gemacht, dass sie durch die von ihr behauptete und zoo- 
logisch nachgewiesene Stammverwandtschatt mit den Thieren 
dem Menschen eine seiner Gottähnlichkeit unwürdige Rolle 
zuertheile. Es entspringt dieser Vorwurf, wie oft genug 
schon gesagt worden ist, aus dem unser menschliches Ge- 
schlecht kennzeichnenden Hochmuth; aber ich will diesen 
Punct hier nicht abermals erörtern, auch nicht untersuchen, 
ob jener Vorwurf dem Inhalt nach berechtigt sei. Nur &uf 
Eines möchte ich aufmerksam machen. Die Chemie fragt 



"17 



niclita nach der Würde des Menschen, sondern sie er^ndtit ' 
die Kräfte und Gesetze der Materie, soweit sie in den Be- 
teicli ihrer Forschuiigsmethode fallen; die Physik erforscht ■ 
die Gesetze der Schall- und Licht- Wellen, und aller anderen 
physikalischen Vorgänge: kurz, jede exacte Naturwissen- 
schaft verfolgt ihre Aufgabe der Erklärung der materiellen 
Erscheinungen nach dem Gesetz des Causalzusainmenhanges, 
unl>eküraniert darum, ob sie dabei unsere eingebildete 
oder wahre Würde schädige oder nicht. Auch glaubt man 
kaum, dass dies möglich sei; die Zoologie allein soll im 
aiide sein , der menschlichen Würde zu nahe zu treten, 
ftem sie Fragen discutirt und in ihrer Weise beantwortet, 
eiche ihr entschieden dem materiellen Substrat nach an- 
geboren und nur in der, für die zoologische Forschunga- 
methode characteristischen Weise gelöst werden können. 
T^ese Methode aber ist durch das materielle Wesen der 
' erklärenden Formen und ihrer Lebenseracheinungen und 
•"'"Ch die allgemeine Eigenschaft der Naturwissenschaft 
i'haupt bestimmt. Ein transcendentaler Vergleich, oder 
^Hie metaphysische Ausdeutung der Körperfonn des Menschen 
'^' nicht naturwissenschaftlich ; der Vei-sueh aber, sie in 
ilir^j. Vollendung und auffallenden Abweichung von anderen 
''ut^ch Annahme einer allmiiligen Entstehung aus einfacheren 
' '^i eri'ormen zu erklären, ist streng zoologisch, fi-eilich aber 
""^tjt metaphysisch. 

Gegenüber solchem Vorwurfe muss auf das Energischste 

"^Segen Einsprache gethan werden, als habe Metaphysik 

^S^r gar Theologie oder selbst nur irgend eine andere 

►turwissenschaft der Zoologie die Gesetze ihrer Forschung 



18 



Sie Riebt sich selbst ihre Methodea und 
ihre Richtunp: und fragt nicht danach, ob dies andern 
Fächern, oder den Gefühlen der Menge oder gar i-hinesicher 
Staatsraisoii genehm Bei oder niclit. Und wenn die in 
wirklich ernster Forschung von der Zoologie gewonnenen 
HeBuItale mit denen irgend einer anderen Wissenschaft in 
Widei-spruch gerathen, so ist damit nur erwiesen, dass man 
das Verständniss der von zwei Seiten her erklärbaren oder 
zu erklären versuchten Erscheinung noch nicht gewonnen 
habe; und wenn nun zufällig die metaphysische Speculation 
dieses Gebiet ist, welchem die Resultate der Zoologie nicht 
behagen, so ist dadurch nicht im Entferntesten bewiesen, 
dass die letztere sich geirrt haben müsse, jene sich nicht 
geirrt haben könne. Denn der Wissenschaft als solcher 
haftet der Irrtlium nicht an, dieser ist nur Zuthat des 
inenden Menschen, die er hier wie dort, auf dem Boden 
einer inductiven Beobachtungswissenschaft, wie auf dem der 
speculativen Metaphysik anhnngen kann. 

Auch oocli ein anderer Vorwuf wird oft genug der 
heutigen Zoologie gemacht: sie treibe durch die Darwin'sche 
Theorie einem cul turfein dlichen Pessimismus und Materialis- 
mus zu. Auch hier wieder habe ich den Inhalt dieses 
Vorwurfes nicht zu discutiren, da ich zu Ihnen als Zoologe 
spreche und ieh als solcher weder Pessimisnms , noch 
Materiahsmus kenne. Dagegeu kann ich nicht umhin, Ihnen 
durch einen Vergleich die Hypocrisie dieses Tadels darzu- 
legen. Gesetzt, wir Europäer fragten ei-st die wilden 
Völkerschaften z. B, im stillen Ocean, oh sie wohl geneigt 
seien, unsere Cultur anzunehmen? Glauben Sie mir, sie 



alle würden sich dieselbe verbitten, und das mit vollstem 
Rechte; denn das leidet keinen Zweifel, wenn wir ihnen 
auch nur die Segnungen derselben und nicht unsere Waffen 
lind gegohrenen Getränke, unsere Laster und unsere Krank- 
heiten brächten; sie würden doch an unserer Cultur zu 
tiiTinde gehen, wie die Motte sich versengt im Strahle der 
Kerze, die dem Dichter leuchtet zu nächtlicher Arbeit. 
Nicht jedes Volk ist reif für jeden Culturzustand und so 
wenig, wie jene armen Insulaner im fernen Osten den Ein- 
fluss unserer Cultur zu verarbeiten vermögen, so wenig 
würden wir zu der ähnlichen Anstrengung fähig sein, wenn 
uns urplötzlich ein ttbei' Nacht aut die Erde herabgestiegenes 
Volk von Göttern auf seinen idealen Hüchsfand zu heben 
vei-suchf-n würde, Ist denn aber das Verhältniss zwischen 
einer, die "Wahrheit allein anstrebenden Wissenschaft und 
einem, dem jeweiligen Culturzustand entsprechenden Aus- 
druck gemütblicher Regungen der Menschen ein anderes V 
Wir sollen, so sagt man uns, durch unsere Lehren keine 
Anschauungen verbreiten, welche die Menschen unglücklich 
machen würden, da sie ihnen den idealen, ethischen Gehalt 
und Halt raubten. Aber so wenig, wie die europäische 
Civilisation bei ilirem Siegeslauf um die Erde darnach fragt, 
nb sie in ihrem Gange andere Völker erbarmungslos zer- 
tritt, die sie nicht begreifen können: ebenso wenig auch 
hat eine Wissenschaft danach zu fragen, ob ihre Resultate 
sich mit den Lehren dieser oder jener metaphysischen 
Schale vertragen, oder ob dieser oder jener Mensch sie 
nicht zu ertragen vermag, weil sie ihm einen schönen Irr- 
thuni rauhten, der allein seinem Leben Gehalt und Halt 



gal). Wahrheit, strengste Wahrheit gegen seine Wissen- 
schaft allein und nüchternste Kritik seiner Meinungen kann 
und muss jedem Forsclier zur unwandelbaren Pflicht ge- 
macht werden; Rücksichtnahme auf Lehrsätze fremder Ge- 
biete oder gar auf die Gefulile der grossen Menge ist ihnen 
unbedingt versagt. Die Göttin der Wahrheit aber schminkt 
ihr Angesicht nicht, noch trägt sie es verhüllt; wer ihren 
Blick nicht zu ertragen verinag, wende, wie der Vogel 
Strauss, den seioigen ab. 

Mit diesem, nie auch nur für einen Augenblick aufzu- 
gebenden Selbstbestimmungsrecht erwächst aber auch jeder 
Wissenschaft die Pflicht, die lur den Augenblick vorhandenen 
Grunzen zu achten — vor Allem, wenn es gilt, dem Volke die 
feststehenden Resultate der Wissenschaft mitzutheden. Hypo- 
thesen sind der befruchtende Thau für urbar zu machende 
Gebiete, aber sie führen bei iliren nothwendigen Uebergriffen 
auf unsicheren Boden den Laien irre, der sich ihrer Führung 
anvertraut, Hypothesen autstellen, wissenschaftlichen Streit 
erregen, ist Salz und Sauerteig der Wissenschaft; diesen 
Kampf öffentlich führen und dabei die öffentliche Meinung 
zum Richter macheu , jene Hypothesen als dogmatische 
Lehrsätze dem Volke mittheilen, heisst diesi 
und die Wissenschaft schädigen. 

Und damit, verehrte Anwesende, wären wir auch schon 
hei der Beantwortung der dritten Frage angelangt, welche 
lautete; hat die von den beeinflussten Seiten her ei-folgte 

Rückwirkung die Zoologie bereits geschädigt oder droht ihr' 
von dort aus Gefahr? 



21 



d: 



Wer elirlicli seiu will, muss unbedingt antworten, dass 
die Zoologie durcii solche Rückwirkung bereits schwere 
Eiiibusse an wissenschaftlichem Wertbe eilitteii habe. Zum 
Beweise dieses Satzes bin ich genothigt, Ihnen das Wesen 
der modernsten Zoologie, wie sie sich in Uebertreibung des 
Darwinismus namentlich hier in Deutschland ausgebildet hat, 
kurz zu schildern. 

Die Zoologie ist eine auf Beobachtung beruhende Natur- 
wissenschaft; ihre Methode ist ausscldiesslich die inductive. 
Wie jede andere NaturwissenschailTTiat auch sie ihre natür- 
lichen , allerdings nicht unwandelbaren Gränzen ; sie kann 
dieselben ven-ücken, hinausschieben, aber nie überspringen, 
wenn sie nicht ihren Character als Wissenschaft verlieren 
will. Diese Gränzen sind dui'ch den Inhalt der zu er- 
klärenden Erscheinungen, durch die Methode und durch die 
ihr dienenden Hülfsmittel bestimmt. 

Inhalt der zoologischen Wissenschaft sind die materielle 
Form und die Lebeuserscheinungen des thierisehen Körpers. 
Er findet seine Gränze einerseits nach unten hin gegen 
den ürspmng des organischen Lebens zu, nach oben hin 
in der Entwicklung der Psyche. Beide jassen sich einst- 
weilen von dem Zoologen, als beobachtenden Naturforscher, 
nicht überspringen. Denn wir sind weder im Stande, die 
Entstehung des organischen Lebens aus dem Unorganiselien, 
noch die der psychischen Prozesse aus dem mateiiellen 
Substrat des Körpers heraus zn beobachten und so die 
Gesetze dei-selben festzustellen. Wollen wir, um das auch 1/^*m 
uns, wie jedem Menschen innewohnende metaphysische Be- ^•'■*i* 
zu befriedigen, uns über diese Vorgänge eint 






22 

Meinung biliieii, so köiiueu wir liierzii immer nur eine, 
keiner naturwissenschaftüclieii Prüfung unterliegende Hypo- 
these benutzen. Und dabei wei'den wir natürlich mil 
vollstem Rechte diejenige wühlen, welche unserem natur- 
wissenschaftlichen Geschmiicke am Meisten zusagt; nur 
müssen wir uns hüten, dieselbe als eine naturwissenschaft- 
Mch begründbare anzusehen und hinzustelleüT^TiTaii hat 
/ r' Jzwar, in hjperdarwinistischer TJebei-schätzung seiner Kräfte, 
/ geglaubt, den Gesetzen der Entstehung organischen Lebens 
durch das Experiment nachgehen zu können; aber einmal 
sind alle, die Abiogenesis beweisen sollenden Experimente 
falsch und dann bewiesen sie überhaupt nichts für die tiefer 
liegende Frage , da ausnahnislos dabei schon esistirende 
organische, von Organismen direct herrührende Köi-per be- 
nutzt worden sind. Und wenn andrerseits auch die Psyche 
des Menschen in das Forechungsgebiet der Zoologie herein- 
gezogen wurde , so muss dem gegeuüber hervorgehoben 
werden, dass wohl ein gewisser Zusammenhang zwischen 
den psychischen Prozessen der Thiere und Aes Menschen 
geahnt werden, niemals aber von uns Zoologen bewiese» 
werden kann, weil wir nicht im Stande sind, die Entstehung 
dereelben, weder bei uns selbst, noch bei den Thleren, in 
naturwissenschaftlicher Weise zu beobachten. 

Aber auch die Methode der Induction stellt unserer 
Wissenschaft Gränzen entgegen. Wir machen Experimente, 
oder untersuchen die von der Natur selbst angestellten; 
aus diesen heraus folgern wir inductiv die in der Natur 
geltenden Gesetze. So hängt die Erkenntniss der letzteren 
wesentlich ab von der Möglichkeit der Anstellung jener' 




^leriniente oder vou der Ueutbarkeit der von der Natur 
selbst dargebotenen ErBchetniingen. Hierzu bedürfen wir 
zaiilloser Hlllfsmittel ; alle diese aber unterliegen wiedenim 
zahlreichen Beschränkungen. Um nur ein Beispiel anzu- 
führen : man spricht gern in der Zoologie von den einfachsten, 
nur aus einem Klümpchen Protoplosma bestehenden mikro- 
skopischen Thierchen, Aber man vergisst, dass man sie 
desshalb nur die einfachsten nennt, weil wir mit unseren 
Mikroskopen keine weiteren morphologischen Verschieden- 
heiten in ihnen zu erkennen vennögen, da durch diese auch 
unserer Sehkraft eine Gränze gezogen ist, und man ver- 
gisst ferner dabei, rfase durch andere Hlllfsmittel dennoch 
die recht weitgehende Individualisining auch dieser scheinbar 
einfachsten, organischen Wesen nachgewiesen werden kann. 
Und auch diese Hülfsniittel wieder finden ihre eigenartige 
Einschränkung, sodass wir überall auf unseren Forschungs- 
wegen auf Gränzen stossen , die durch Hülfsniittel und 
Methode der Untersuchung, durch Inhalt der Wissenschaft 
und zu gutem Theile auch durch die Eigenart des Be- 
obachters selbst gezogen sind. Wollten wir über diese 
Gränzen hinüberspiingen, ohne mit uns neue Werkzeuge der 
Forschung zu nehmen, die uns eine Eroberung des un- 
erforschten Gebietes gestatteten: so würden wir damit den 
Sprung in die Metaphysik wagen und unsern Gharacter als 
Naturforscher aufgeben. 

Die wissenschaftliche Zoologie muss also, wenn sie ihren j / 



Charakter als Naturwissenschaft nicht verlieren will, streng j 
iaductiv bleiben. Man hat sie zwar in neuester Zeit öfters 
eine deductive Wissenschaft genannt, aber, wie mir scheint, 



24 



sehr mit Unrecht; denn das setzte voraus, dass wir aus der 
Natur des allgemeinen Gesetzes heraus nach den Nonnen 
logisdier Gedankenverbindung die besondere Erscheinungsweise 
desselben für jeden einzelnen Fall vorausconstruiren könnten. 
Das ist aber nur zu sehr geringem Theile in der thierischen 
I'hysiülogie, in der Morphologie, der zweiten Hiilfte der Zoologie, 
aber so gut wie gar nicht möglich. Ein Beispiel fhr viele möge 
hier genügen. Wir folgern aus der Thatsache, dass bei allen 
bisher untersuchten Wirbel thierenibryonen ein eigeuthüm- 
licher Vorläufer der Wirbelsäule auftritt, die sogenannte 
Chorda dorsalis oder Rückensaite, dass jedes Wirbeltliier 
einmal eine solche gehabt haben müsse; wir erkennen dnrvh 
immer und immer wiederholte Beobachtungen eine be- 
stimmte Gesetzmässigkeit in ihrem Auftreten bei den 
Wirbel thieren. Aus ihren Eigenschaften aber können wir 
in keinem einzigen Falle folgern, dass ihre Umbildungsvreise 
hier bei den Fischen diese, bei anderen WirbeJthieren jene 
sein müsse. Auch diesen Punct müssen wir wiederum durch 
inductive Deutung der Beobachtungen aufklären und dann 
erst gelangen wir zur Feststellung einer gewissen Gesetü- 
mässigkeit in ihrem Vergehen, Bestehenbleiben oder Um- 
bilden. Und genau das Gleiche gilt für alle Organe und 
alle Thierformen, auch für die Mehrzal ihrer Lebenser- 
scheinungen ; wir beobachten diese, finden eine Gesetzmässig- 
keit in ihnen und stellen ein Gesetz auf, welches den Inhalt 
dieser Gesetzmässigkeit am küi'zesten ausdrückt, niemals 
aber alle Elemente einer deductiveu Behandlung desselben 
enthält oder überhaupt auch enthalten kann, da es uns 
den wirklich causalen Zusammenhang zwischen den ver- 



schiedenen Stadien z. B. einer Entwickelungsreihe nicht 
^ebt, sondern nur ahnen lässt. 

Die Methode der Induction bleibt also aucli, nach wie 
vor, die der Zoologie, wie jeder anderen beobachtenden 
Naturwissenschaft. Wenn wir dies Resultat fest im Sinne 
behalten, wird es uns auch nicht schwer werden, diejenigen 
EigenthQnilichkeiten der modernsten Zoologie herauszufinden, 
welche ihr den Charakter einer auf Beobachtung beruhen- 
den und nur inductive Schlüsse gestattenden Wi^enschaft 
zu rauben droben oder selbst schon entrissen haben. Zuvor 
aber müssen wir uns darüber verständigen, was wir mo- 
<lemste Zoologie zu nennen haben. 

Hier muss ich bemerken, dass ich mit diesem Worte 
eine ganz bestimmte Richtung bezeichnen wollte, welche es 
sich zur Au%abe macht, unsere Wissenschaft durch specu- 
iative Ausbeutung des Darwinismus imd Verfolgung des- 
selben in die, über die momentan bestehenden Gränzen hin- 
ausliegenden Gebiete zu einer deductiven Wissenschaft, also 
zu Naturpliilosophie oder Metaphysik zu machen. Ich ent- 
nehme die Berechtigung, diese Art Zoologie als „moderaste" 
zu bezeichnen, einmal der Thatsache, dass sie zur früheren, 
inductiven Zoologie in schroffem Gegensatze steht und 
zweitens dem Factum, dass sie allein dem grossen Publikum 
nahetritt, und durch die ausschliesslich von ihr geiibte 
Popularisimng bei diesem den Glauben erweckt, als sei sie in 
der That die Zoologie der Jetztzeit, wie der Zukunft. Der 
Name ihres Begründers gilt unbestritten , wenigstens in 
Deutschland, als der des grüssten Zoologen dieses Jalir- 
und das Lehrgebäude, 'welches HS^ckel angebaut 






2fi 



hat, gilt ebenso imbestritten in den Kreisen der Gebildeten 
als (las vollendetste System der Zoologie. 

Sehen wir nun zu, in wie weit dasBelbe — der HÄcke- 
lisnius, um mich eines zuerst von Hubei' in München ge- 
brauciiten Wortes zu bedienen — den vorhin festgestellten 
Principien wissenschaftlicTier Natui-forschung gerecht wird, 
oder nicht. 

Ich könnte hier, zur Bezeichnung seines wissenschaft- 
lichen Wcrthes, an einen in einer Zeitschrift der Ta^s- 
literatuv gebraucliten Ausdruck erinnern: dass man Häekel, 
als den Begründer eines neuen natui-philosophischen üe- 
bäudes, den Apostel des neuen Glaubens nennen kÖDoe, 
und ferner, dass nach Häckel's eigenem Ausspruche der 
Darwinismus die Religion jedes Naturforschers sein sollte 
— ich brauchte an diese Worte nur zu erinnern, 
zu beweisen, dass diese Richtung sich immer weiter voi 
eigentlich wissensiihaftlicher Naturforschung entfernen und 
dem Dogmatismus und dem phantai-tischen Formelkram zu- 
treiben musB, wie sie sich immer einstellen, wenn religiöse 
' oder überhaupt schwärmerische Gefülile ihren äusseren Aus-' 
druck finden sollen. Damit aber begiebt sich die Zoologie 
ihres, durch Darwin wohlgegrilndeten Rechtes, mitzuarbeiten 
an der allgemeinen Culturarbeit der Befreiung von beengend 
dogniatisdien Anschauungen; denn theiluehmen kann sie an 
dieser Arbeit nur, wenn sie auf ihrem eigenen Boden sich 
nüchtern aller solcher Dogmen und wild phantasirten Be- 
hauptungen enthält. 

Da ich indessen nicht beanspruchen kann, dass Sie mif 
ohne Beweis glauben — denn dadurch würde ich von Ihnei 



eiiieu Autoritätsglauben verlaiigeu, den ich unk Aeusserste 
bekämpfen inöclite — da Sie also selbst urtheilen wollen, 
so muss ich zum Beweis der Richtigkeit obiger Charakteri- 
stik der modernsten Zoologie noch einige Thatsachen anfuhren. 
Es felilt ihr ;':unächst ebensowenig an Dogmatismus, wie 
j«dem kirchlichen Lehrgebäude. Wenn man die verschie- 
denen Werke Häckel's, namentlich seine Anthropogenie und 
seine Schöpfungsgeschichte in den versL-hiedenen Auflagen 
unter einander und mit den gleichzeitig erschienenen kleine- 
ren wissenschaftlichen Arbeiten, z. B. über seine sogenannte 
Gasträa-Theorie vergleicht, so fallt auf, wie mit jedem neuen 
Bande das ganze Lehrgebäude vollständiger, abgerundeter 
und sicherer zu werden seheint. Weises mau dann aber, 
wie es dem Zoologen von Fach bekannt ist, dass die Grund- 
lagen seines Systems — so vor Allem die wunderbare 
üoblenstofl'theorie und die achon erwähnte Gastrua-Theorie — 
Ber That jeder Begiundung durch sorgfältige Beobach- 
ennangeln und auch von der strengeren Schule 
im Entferntesten als sichergestellt oder selbst als 
Überhaupt discutirbar angesehen werden: so folgt daraus 
unmittelbar, dass falsche oder unbewiesene Lehrsätze nur 
desehalb vom Hilckelismus nicht aufgegeben werden, weil 
sie in das hypothetisch und dogmatisch construirte Gebäude 
hinwngehören , wie der Mensch ins Haus. So soll z. B. 
diese moderne Zoologie die Antwort geben auf die Frage, 
wie denn das organische Lehen entstehe aus dem unor- 
ganischen; da wählt Häckel ohne alle Kritik den Kohlen- 
stoff, weil er in allen organischen Körpern vorkomme, und 
macht ihn zum Erzeuger der organischen Form. Obgleich 



ihm nun bi^kaiuit sein inuss, ilass sich diese Hypothese iu 
keiner Weise mit den Kigeiischaftcn des lebenden Organis- 
mus in logiöclien Zusammenhang setzen lässt, wiederholt er 
sie dennoch immer wieder und giebt ihr den volltönenden 
Namen einer Theorie. Und das Gleiche gilt von einer 
ganzen Anzahl sogenannter Theorien Häekel's, deren grösste 
Stärke fast durchweg nicht in dem logischen Bau, sondern 
in der dogmatischen Wiederholung und häufigen Betonung 
ihrer ilusseren Anerkennung und ihrer wissenschaftlichen 
Fruchtbarkeit liegt. 

Wo aber DogniatismuE sich einstellt, da lägst die Un- 
fehlbarkeit nicht lange auf sich warten. Auch diese finden 
wir im üppigsten Maasse in den Häckel'schen Büchern. Worte, 
wie: sicherlich, zweifelsohne, auf jeden FaU, sonnenklar otc 
und Superlative derselben oder anderer, autoritatiyer Äu»i 
drücke — die ein weniger unfehlbarer Gelehrter nur höchst 
selten anwendet — finden sich dort auf Schritt und Tritt 
(Anm. 1). Sie verfehlen ihren Zweck nicht, Eintiuss hei 
der grossen Menge zu gewinnen; wenn ein Gelehrter sich 
derartig sicher fühlt, dass er in so bestimmter, ja unfehl-' 
barer Weise sprechen kann, so müssen doch nothwendig: 
seine Behauptungen wohl begründet sein. Natürlich gehört! 
dazu auch die Wiederholung der angegiiffenen Lehren, als s^' 
kein Argument gegen sie vorzubringen; die Unfehlbark^t 
giebt ja dem Priester das Eecht, die Einwände (Anm, 2) 
zu ignoriren. Noch mehr: aus dem Glauben an die eigene 
Unfehlbarkeit entspringt dann eine so weitgehende Selbst- 
tiluschung, dass man als tiüchterner Zuschauer erstaunt vor' 
dem Maass der letzteren, nein, vor ihrem Uebermaass steht.' 



Dies nun ist meine letzte Aufgabe: die Phantasma- 
gorieen und Selbsttäuschungen dieser moderDsten Zoologie 
nicht blos zu behaupteu, somiern auch durch einige Bei- 
spiele nachzuweisen. 

Der Hackelisinus, welclier aus der Zoologie eine Natur- 
philosophie machen möchte, braucht natürlich eine Antwort 
auf die Frage, wie denn Überhaupt das organische Leben 
entstanden sei. Sie soll gegeben werden durch die schon 
erwähnte Kohlenstoft'theorie; ihr Hauptsatz und einziger ist, 
daäs der Kohlenstoff der plastische, formerzeugende Stoff 
aller organischen Körper sein müsse, weil er in allen zu 
fiiiden sei. Aber dabei ignorirt sie, dass eine andere Hypo- 
these das Leben auf unserer Erde ableitet von organischen 
Keimen anderer Weltköiper, die vor Existenz alles Erden- 
lebens in einer frühesten geologischen Epoche auf sie herab- 
gekomnien seien; sie führt nicht eine einzige Eigenschaft 
CAnm. 3) des Kohlenstoffes an, durch welche die organische 
Form als solche erklärt werden könnte; sie vergisst, dass 
das Leben der Organismen nicht in der Fonn beruht, diese 
vielmehr nach aller Wahrscheinlichkeit eine Leistung des 
Lebens selbst ist. Ja, sie treibt ihre Nichtachtung aller 
durch Beobachtung gewonnenen Erfahrungen so weit, dass 
sie nicht einmal den Versuch macht, diese letzteren mit 
der Hypothese in logische Gedankenverbindung zu bringen. 
Es genügt ja, zu sagen, man könne sich das so denken, um 
diese ganz willkührliche und in der höchsten Luft als Nebel- 
bild schwebende Annahme, als sogenannte Theorie, d. h. als 
logi.sch sein sollende Erklärung von beobachteten Erschei- 



so 



ninigen aus der allgemeineil Natur eines hypothetisch ange- 
iiommenen Gesetzes heraus dem Piiblikum anzupreisen. 
F.in anderes Beispiel. Die nalmphilosophische Lehre 

verlangt natürlich die Annalinie einfai^hster Lebewesen, die 
so einfach seien, dass man fast versucht sein könnte, sie als 
im Zustande des Ueherganges aus dem Anorganischen in 
das Oi-gauische begriffen anzusehen. Häckel hat ein eigenes 
Reich für diese Wesen geschaffen, das der Protisten. Ünl«r 
diesen sollte sich Eines, das AlIereinfaehBte, befinden, das 
noch jetzt als riesiger Protist, ein echter -Urschleim, einen 
grossen Theil des Meeresbodens umspannte. Nur vergisst 
diese Ursehleinihypothese, dass nach den vorliegenden sorg- 
fältigen Beobachtungen die gut bekannten Protisten eine 
solche Menge complicärter Lebenserscheinungen, selbst viel- 
leicht Individualität, zeigen, dass ihre sogenannte, einfachste 
Einfachheit eben nur für Den besteht, der sie sehen will. 
Dazu kommt noch, dass der einzige Beobachter, welcher 
diesen Urschleim zuerst aus der Tiefe des Oceans hervor- 
geholt, frisch untersucht hat und auch damals Bewegungs- 
erscheinungen an ihm gesehen haben will, nun erklärt, der 
Bathvbius — so heisst zoologisch dieser Urschleim — sra 
wohl nichts anderes, als in gallertigem Zustande nieder- 
geschlagener Gyps (Anm. 4), 

Sie haben wahrscheinlich schon Alle von der berühmten 
Gasträa-Theorie gehört. Nach dieser sollen fast alle Thiera 
ohne Ausnahme abstamineii von einem ganz einfachen, ia 
Form eines doppelwandigeu, nur mit einer Mundöffnung und' 
Magen versehenen Sackes, im Wasser herumschwimmenden 
Thiere. Solche Larvenformen giebt es allerdings, aber sie 



31 



\ 



mod weit davon entfernt, auch nur die Mehrzahl der Fälle 

zu bilden. Das wäre freilich noch kein strenger Beweis 

fj-egen die Rirhtijrkeit jener sogenannten Theorie. Aber diese 

ignorirt, dass eine Anzahl verschiedener und momentan 

wenigstens unverständlicher, d, h. nicht auf einander redn- 

cirbarer Formen der allerersten Embryonen vorkommen ; sie 

veimag nicht im Entferntesten diese abweichenden Laiven- 

fonnen durch Beobachtungen aus der Gasträa zu erkltli-en; 

sie ist endlich vollst-lndig übei-flüssig, denn die Beobachtung 

lehrt, dass dieselben Organe bald in einer Gasträa, bald in 

einer anderen Embryonalform entstehen können. Was aber 

auf mehi-crlei Weisen sich hervorbilden kann, braucht nicht 

auf eine einzige Entwickelungsweise, als auf die primäre, 

eher bezogen zu werden, als nicht durch Beobachtung diese 

letztere als die einfachere und alle übrigen erklärende (Anm. 5) 

nachgewiesen werden kann. Einstweiten aber hat Häckel, 

trotz seiner Behauptungen, keine einzige Beobachtung für z*" """^ ~ 

die Richtigkeit jener Hypothese ins Feld geführt; seine'g; " ^^ 

Liebhaberei am dogmatischen Formelkram allein zwingt v^0 * 

natftrlich die Wissenschaft nicht, gleichfalls an solche Nebel' /^^/itvm 

bilder zu glauben. 

Genug der Beispiele — doch nein, nicht genug. Sie 
könnten mir einwenden, dies Alles beweise nichts, denn es 
wären ja nur Hypothesen, zu Nutz und Frommen der 
Wissenschaft aufgestellt. Ich hätte nicht viel dawider, blieben 
sie ausschliesslich dort, wo sie wissenschaftlich discutirt 
werden können. Dass aber Häckel wagt, sie Ihnen als 
tatehende, bewiesene Sätze vorzuführen, ein System aus 
aufzubauen , macht sie zu Nehelgebilden . die das 



S!^\??^' 



sS*. 



wirklich durch ernste Arbeit der WisBeoachaft gewonnene 
Gut verhüllen und damit diese letztere schädigen. Aber 
nicht genug, dass er Ihnen Hypothesen als wahre Lehrsätze 
hinstellt, die Gegner seiner sogenannten Theorien (z. B. der 
Gastrüatheorie, Anm. 6) als Dualisten, d. h. t'Ur ihn ale 
Phantasten und Dogmatiker, zu bezeichuen wagt, auch die 
Beobachtungsthatsachen , die seinem Gebäude zu Grunde 
liegen oder liegen sollen » kann der Zoologe nicht mehr als 
Thatsachen (Anni. 7) hinnehmen. Ein Beispiel für viele: in 
seiner Anthropogenie bildet er ein sehr fiHhes Stadium aus 
dem Ent Wickelungsleben des Menschen ab, als habe er 
gesehen; thatäi^chlich hat nie ein Naturforscher dasselbe bis 
jetzt in Händen gehabt. 

So sehen wir denn in der modernsten Zoologie Dogma- 
tismus, Unfehlbarkeit und Phantasterei gerade so gepaart, 
wie auf dem Gebiete des dogmatischen religiösen Glaubens, 
gegen welches die Ergebnisse jener immer voran in's Feuw 
•geführt werden. Eine merkwürdige Erscheinung 1 Dt 
Protest gegen ein zoologisches Dogma — das der TypftnJ 
theorie — bringt Darwin in echt naturwissenschaftliche 
Weise bis an die äusscrste Grenze des inductiven Forechena 
und damit an Gebiete heran, welche bis dahin gar keim 
Berührungspunkte mit der Zoologie zu haben schienen. Nun 
entspinnt sich ein Kampf um das Grenzgebiet, Hier fJÜlt 
eine Schranke vor dem wuchtigen Angritf, dort eine andere; 
die Zoologie erweitert ihre Machtsphäre in unerwarteter, 
doch berechtigter Weise, Aber jetzt greift sie über die nur 
verschobenen, doch nicht aufgehobenen Grenzen hinaus; um 
mit diesem unberechtigten Uebergrifi' in das Gebiet de 




religiöBen Gefühls und metaphysischer Speculation stellen 
sich sofort bei ihr selbst die Eigenschaften ein, welche sie 
dort als unberechtigt zurückgewiesen hatte : Dogmatismus 
und Fbantasiegläubigkeit. 

Aber es giebt fllr eine Wissenschaft keine grössere 
Gefahr, als die in ihrer dogmatischen Glaubensseligkeit liegt. 

Und doch ist diese modei-nste Zoologie momentan 
scheinbar die einzig wahre, wenigstens die mächtigste. Eine 
dogmatische, phantastische Zoologie! Man würde trauern 
müssen über den Niedergang, der so klar zu Tage tritt; 
man würde die Hoffnung aufgeben können, dass unsere 
Wissenschaft sich je wieder von ihrem Fall erholte; wenn 
nicht ein Glaube vorhanden wäre, der, ungleich dem alten 
dogmatisch -religiösen oder dem neuen aesthetisch-musi- 
caliscben Straussens, wirklich Platz und den Ehrenplatz in 
der Wissenschaft auch des Zoologen fände: der untilgbare 
Glaube au die alleinseligmachende Kraft des Strebens nach 
Wahrheit. 



Anmerkang 1. In dieser TTiifelilbarlieitElEiune gestuttet i 
Uädcel aucb jeden lebenden Natarforschw zu dasBificiren; wer aiobt 
semer AnBicht ist oder ihm Mittel zur Erweilerimg seines HypotlieEc 
baues liefert, wird als oberlläcblicber Beobacliter hiDgestellt, so e. 
neuerdings wieder Metschnikoff (Jen^Eche Zeitsclir, 1875 pag. 500). 
Beinein Streit mit His und Bastian bat er ein ganzeB Lexicon soklier 
Bezeicbnimgen verbraucht. Wenn ein GeschichtfiBthr eiber Werth oder 
Unwerth eines Gelehrten durch Prüfung dee Ton ilim gewonnenen Ein- 
üusses auf die Entwickelung der WiBBenschofl; zu beattmiaeu Terancbl,. 
so ist dies diircbaus berecbtigt| wenn aber ein TageBschrüts toller, wie 
Häckel, in populären BUchem dem groBsen Publicum eine Rangordnui^ 
der jetzt lebenden Gelehrten vorzuführen wogt, so ist dies nicht metff 
gescbichUicbe Kritik, Bondeni zum Mindesten grundloseste Ceberschatsung 
E einer selbBt. 

Anmerkung 2. So wird z. B. dem grossen Publicum anch Gäthit 
fortwährend als bewusster Anhänger darwinistischer Anaichten Keschildertj 
Der Einspruch 0. Schmidt'a gegen Hitckels vollständig falsche Auf« 
fasBung Götbe'Bcber Meinungen wird von dem Jenenser Naturphilosoplien 
unaosgesetzt ignorirt. Den gütigen Leser verweise ich auf einen, leider 
sehr versteckten Aufsatz Dr. Eossmaun's, in welchem durch soi^fflltige 
Vergleichung der von Häckel Göthe zugeschriebenen AussprUclie imd deE 
wirklieben Citate des letzteren der Nachweis schlagend geliefert wird, 
Aasa die Hacket'schen Citate Götbe's vollBtändig entstellt sind. (S. 
KofiBmann, War Güthe ein Mitbegründer der Descendenztheorie ? j 
den „Verbundlungen des Heidelberger Naturhistorisch ■ Medicinischeii 
Vereins." 187.1. Neue Serie Bd. I Winter's üniversitatsbuchliandlang.) 

Anmerkung 3. Diese ^zlich unberechtigte Hypothese scheiiil 
durch die moderne Bezeichnung der organischen Chemie als Chemie der 
Kohlenstoffverbindungen entstanden zu sein. Ihre beiden Verfecht«, 
Hftcke! und Seidlitz (Darwin'scbe Theorie 2. Auflage 1875) vergeflsea 
dabei nur, dass die organische Chemie durchaus nicht gleichbedeutend 
ist mit der Chemie des lebenden Organismus; jene hat es nur mit todten 
organischen Köipem zu thun, diese ausschlieEslich mit lebenden. Leida 



«isseu wir von der leUteren bis jetzt selir wenig, aber doch immer 
genug, um eagen za können, daas ihre Gesetze keineswegs identisch sein 
m&Bsen mit den von der organischen Chemie aufgesteliten. 

Anmerkung 4. Mao vergL Annais of Katural Histocy. 1875 und 
i^uarterly Journal of Microatopical Science IS75. 

Anmerkung 5. Häckel freilich behauptet, durch die GaBtrÄi 
alle anderen Embrjonalfonnen erklärt zu haben. Um dies zu thuu, nimmt 
er Zuflucht zu seinem Gesetz von der Fälschung der Ontogenie (i. c. 
der individuellen EntwickelungEgeachichte). Eine rucht schlagende Er- 
klärung, wahrlich, zu sagen, die eine Larvenform Bd durch von der 
Natur geübte Fälschung ihrer normalen Entwickeinngswoise aus der 
anderen entstanden! Auf solche Art lässt sich Alles beweisen, natürlich 
auch das Gegentheil von dem, was lläckel durch seine „Fälschungen 
der Ontogenie" glaubt bewiesen zu haben. 

Anmerkung ß. Wohlweislich wird dem grossen PahÜcum durch- 
weg verschwiegen, dass die Gegner des Uäckelismus unter den Zoologen 
gar nicht selten sind; von Claus' Kritik der Gasträatheorie, von meinem 
Widerspruch oder dem anderer Zoologen, erfährt die Welt nichts; da- 
gegen führt ein jugendlicher Schwärmer in der Augsburger Allgemeinen 
(I8T5 Beilage vom 20. October) als einzige Gegner Häckel's einen 
Diplomaten Herrn v. J. iu Alexaodrien, einen mecklenburgischen Bürger- 
meister und einen Theologen auf. Ich meinerseitB glaube behaupten zu 
dttrfen, dass recht viele Zoologen Deutachlands, obgleich entschiedene 
Dnrwinianer, trotzdem und gerade desshalb ebenso entschiedene Wider- 
sacher des Häckelismua sind. 

Anmerkung 7, His hat sich in seiner treffhchen Arbeit „Unsere 
Eärperform und das physiologische Problem ihrer Entstehung", Leipzig 
1875 pag. ItiS — 171 die Mähe gegeben, aus der Schöpfungsgeschichte 
Hackel's die von diesem Autor geübten Fälschungen nachzuweisen. „Eb 
hat uns Uäckel je drei Ctichä's desselben Holzstockes unter drei ver- 
schiedenen ilitehi aufgetischt." (His I. c. pag. 169.) Auf S. 170 sagt 
His über die Anthropogenie: „Ich stehe nicht an zu behaupten, doss die 
Zeichnungen, soweit es sich um Häckel'che Originalien handelt, theils 
höchst ungetreu, theils geradezu erfundea sind." Ich meinerseiis kannte 
zu den von His gegebenen Beispielen noch eine ganze Reihe anderer 
liefern; so sind z. B. die nach Kowalevakj copirten Durchschnittshilder 
eines Regenwurmembryo' s vollständig, das dea Amphioxus theilweise 
getakükt; aoBserdem wird das erste in einer Weise benutzt, welche auch 
die Darstellung Kowalevskj's gänzlich umdreht. Genug davon. Ich füge 
hier nor noch die letzten Worte von His über diese traurigen Ver- 
1 Naturforscher an. 



His sagt (I. c. i>. 171): „Es bleibt das Terfabren von Prof. Häckel 
ein leichtfertiges äpiel mit TbatBochen, gerährlichcr noch als das früher 
gerügte Sjiiel mit Worten. Letzteres fallt der Kritik jedes verstöDdigen 
Denkers aiiheini, jenes rermAg aber nur vom speciellen Facbmanne 
durchschaut zu werden, und es ist um so weniger zu verantworten, da 
Hilckel Bich wohl des Einflusses beirusst ist, den er auf weite Kreise 
auszuüben vermag," 

„Ich selbst bin im Glauben aufgewachsen, dass unter allen Qnali- 
ticstionen eines NuturforEchers ZuverliUBigkeit nnd unbedingt« Achtong 
vor der tbatBäcblicben Wahrheit die einsige ist, welche nicht entbehrt 
werden kann. Auch heute noch bin ich der Ansicht, dass mit Wegfall 
dieser einen Qualificatton alle Übrigen, und sollten sie noch so glknzend 
sein, erbleichen. Mögen daher Andere in Herrn Häckel den tliäligai 
und rücksichtslosen Parteiführer vereliren, nach meinem Urtheil hat 
durch die Art seiner KampSohrung selbst auf das Recht verzichtet, 
Kreise ernsthafter Forscher als Ebenbürtiger mitzuzählen." 

Ich meinerseits uutersclireibe diese Worte aus vollster üeberzeugung. 



a HofbaohdiuckenL Stepliui (MM * Co. in Altsobug. 



/»/' 



HÄCKEL 



UND 



DIE MONISmCl ILTANmUlß. 



VORTRAG, 



GEHALTEN 
IN DER PHILOSOPfflSCHEN GESELLSCHAFT ZU BERLIN 



VON 



Dr. OTTO VOGEL, 

OBERLBHBKR AN DER LOUISENSTÄDTISCHEN REALSCHULE ZU BERLIN. 



Separatabdrack 

aus den in gleichem Verlage erscheinenden: 

Yerhandlnngen 
der philosophischen G^seUsehaft zn Berlin. 



6. Heft. 



LEIPZIG. 

ERICH KOSCHNY, 

(L. HBIHANN'S VERU«.) 
1877. 



lANE LIBRARY. STANFOR\i mm^^^W 



ll.^^: mkX:ttJ 



^i. 



HÄCKBL 
die monistische Weltausehimung, 



Uie geehrte philosophische Gesellschait hatte in einer ihrer 
rrtlheren Sitzungen mir den Auftrag ertheill, ihr ein Referat über 
HSckels Antbropogenie zu erstatten. Sie ging dabei von der Ueber- 
zeuguDg aus, Uass die philosophisvfap, Foi'schung, wenn sie nicht 
den Boden unter dpn Füssen verlieren will — sich stets in dem 
eugsten Contact mit den empirischen Wissenschaften zu halten 
babe. Wenn mir bei diesem Auftrage nun auch anheiiu gegeben 
vrar, nach eigenem Ermessen mit dem blossen Referate eine mehr 
oder minder eingehende Kritik z.u verbinden, so muss ich die ge- 
ebrte GeseUschaft doch um die Erlaubuiss bitten, mein Thema ein 
weaig ci'weilern zu dürfen. Wenn Häckel nUmlich .sich in seinen 
Werken nur darauf beschränkte, der grossen Menge der Gebildeten 
die wichtigen und interessanten Thatsacfacn der modernen zoologi- 
schen Forschung, insbesondere der menschlichen Keimesgeschichte, 
zu^nglich zu machen, so hätten wir ihm nur dafUr Dank zu 
wissen, und mUssten die Diskussion und Kiitik dieses Materiah 
der empirischen Forschung selbst überlassen. Häckel tritt jedoch 
Diil einem ganz anderen Ansprüche auf. Der Darwinismus, dessen 
Hauplbannerträger und Mitvollcnder er ist, hat sich ihm zu einer 
umfassenden Weltanschauung erweitert, bei der Empirie und Spekula- 
tion eine eigenthUmliche Verbindung bilden. Seine Naturwisscu- 
ftchaft gestaltet sich zu einer neuen Naturphilosophie, welche mit 
nnerbitrlen Ansprüchen auftritt und unerhörte Aufschlüsse vorspricht. 
So sagt HHckel in der Vorred<- zur Anlhropo^'onie: „Davon, dass 



diese iiicuschlicLcu Eiubryouen einen grQsseruu Schatz dbi- v 
lißsteu Wahi'beiten in sieb beigen und eine tiefere Erkenni 
Quelle bilden, al.>; die meisten Wissensubaftcn und alle sogeoan 
„ Offenbarungen " zutisinüieii , duvon habeu die meisten „Gebilde 
{jar keine Abnung." Dieser Ansprncb nun — meine ich — 
uns, die wir uns hier so vielluch uui die tiefere Erkenntniss 
ihre Quellen bemilbt haben, die wir dabei von so verschied 
und, wie uns oft scbieu, ujivercinbaren Prinz.ipien ausgega, 
sind, die Verpflichtung uuf, diesen Schatz der Wahrheiten i 
ausser Achl zu lassen. Weniger also mit der Häckersclieii Ni 
lehre als mit dei' Häckel'schen Naturphilosophie glaubte ich, hl 
wir es zu tbun; diese berührt unser Interesse zunächst und 
haben wir nur so weit zu berücksichtigen, als es zur Begrüni 
dieser unumgänglich nbthig ist. Wohl aber musste ich, da 
das Thema unserer Besprechung in dieser Weise fassen wollte, 
andere Schrillen HUckels — so weit sie zur Klarlegung S| 
Standpunktes dienen — nül hei'beiziehen. 

Bei dieser Fassung meiner Aufgabe, mit der Sie, wie ich 
Ibrer Zustimmung entnclioie, einversiuuden sind, erweiteil sieb 
Kreis unserer Betrachlungen. Mit 'der Kritik des Häckel's 
Standpunktes werden wii' zugleich die allgemeine Fiage zu 
ürteru haben, wie es um den Zusammenhang zwischen der ed 
sehen Forschung und der philosophischen Spekulation best^ 
ob dieser Zusammenbang ein demrttger ist, wie ihn Uäcket 
nur, sondern eine weit verbreitete Richtung fasst, ob die Hesi 
der modernen Naturwisseitschafl ausreichend sind zur Gi-undle 
einer neuen Philosophie, wie weit der Einiluss der neuen Ni 
anschauung reicht, nach welcher Richtung hin er drängt. B«l 
gewaltigen Bedeutung dei' Natui'wissensdiaften sind dies seh 
wiegende Fragen. 

Dass aber Häckel luil seineu Ansprüchen nicht allein 
sondern einem weit verbreiteten, aber vielleicht sich selbst 
verstehenden Zuge der Gedanken folgt, dafOr sprechen AuzHi 
genug. Auf der Naturforecherversamralung zu Graz (1875) 
z. B. Benedict einen VoKrag: „lieber die Psychologie der 
brechen," In demselben heisst es: „Vielfach sich berDlirend, 
Massen vermischend und dann wieder gesondert tliessend, waC 
die Ströme der Natu rwissens eh allen inimei' mSebtiger an , nm 
endlich zu dem Meere einer neuen Weltauschauung zu verein! 
dessen Fläche nicht blos das Schill' des GelehHen ti'ägt, soo 
aus dessen Wogen auch für die Massen ein neues Evangelium 
tauchen nmss." 

Wenn Benedict nun noch auf das Auftauchen ^ dieses E 
geliums für die Massen" wartet, so ist Häckel schon ein ganz 1 
weiter. Bei ihm haben sich die Ströme der Naturwisseusdii 
schon zu dem Meere einer neuen Weltanschauung vereinigt; 



XaaiG ist Mouismus und Häckel ist Prophet UDd "Priester dereölben. 
Das jieue Pi'iestertbuiu zci{,'t uns leider auch seh ou die Züge, welche 
an d«!)] Bilde des alten Priesteithums die unangeuehmsteu sind. 
Mit «3er wachsenden Zuversicht in die UuunisliJsslichkeit der eijjcuea 
L'eb ^ j'xeufiung wuchst auch Miasachlung der Gegner. Wer zweifelt, 
wird als Ketzer in den Bann gethau. Der neueste Name fUi- Ketzer 
ist I>ualiFlen, wie der für Ruchiglilubige Monisten; der Kampf der 
Monisten gegen die Duatisten ist der alte Kampf der Söhne des 
Liclm«s gegen die der Finsleniiss. 

Das hcisst denn doch augenscheinlicb die Bedeutung des neuen 
Wiss.dis Uberscliülzeu und zeigt, dass eine Kritik dringend geboten 
Wenn wir selbst den gewaltigen ElnQuss der Naturwissen- 
scbaften betont haben, so will uns doch hedUnken, dass es ehur 
an der Zeit ist vor Ueberscbätzung als vor Unter Schätzung zu 
warxKcn. Wer leugnet jetzt diesen Einlluss? Der ganze Zug der 
Zeit geht in dieser Richtung. Was wird nicht alles nach natur- 
wissenschaftlicher Methode behandelt? Wenn sich die Naturwissen- 
itchaft einst erst lUüliBuni ihren Einfluss erringen niusste im Kampfe 
mit dem, was Häckel Offenbarung nennt, so hat sich seitdem die 
/.eil- (gründlich geilndert und die Frage wird erlaubt sein, ob wir 
Dicht im Begriff stehen, in das entgegengesetzte Extrem überzugehen. 
Ja ^reon man von dtr Naturwissenschaft ein neues Evangelium 
«wai-iei, ist man sicher schon bei diesem Extrem angelangt. 

Wie abei' dus alte Pricsterlhum in dem Gange der vorher- 
gehenden Entwickeluug nur eine Vorbereitung des Heiles sab, — so 
auch die neue Leine. Der Kampf zwischen Monismus und ßualis- 
Biiis, so werden wir belehrt, ist zwai- ein alter, aber erst die neue 
Niilur Wissenschaft führt ihn siegreich durch. Wenn schon einzelne 
Philosophen — Spinoza z. B. — ihn aufgenommen haben, so sind 
sie doch gleichsuffl nur die Propheten, welche von ferne das gelobte 
I^nd schauen. Schon näher steht Darwin, die Erfüllung bringt 
^^^ erst Hlickel mit seinei' Aothropogenie. Sie ist — wie ei- 
selbst sagt — das schwere Geschütz in dem Kampfe lür diese neue 
Vift hrheil. „Was sonst in diesem grossen Kampfe vorgebracht isl, 
die indirekten Beweise, die ZUcbtungsversuche u. s, f. sind 
HB gegen denSlurmangrifl' der Anthropogenie mit ihren „Kelten- 
Is&en." So wollen wir denn zunächst, um mit HSckel zu reden, 
^B« monistische Artillerie-' spielen lassen, wenigstens in Kürze 
' -in mcUziren versuchen, was sie uingeschossen hat, und welches 
(i^&ude auf der TrümmerstStte errichtet werden soll. 



Wodurch ist nach lläckel diese bedeutende Stellung der 
hropQgeuie gerechtfertigt, so dass sie erst als die Vollendung 
f grossen vou Darwin begonnenen und seinen Namen tragenden 
Kenschaftlichen Bewegung dasteht? 




Zwafel iD seiner e 

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ife te &ciiii^en an. „Wi 

HmcMhkAie)*', sagl er ausdrildi 

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Mfcrw Fvm der wie ÜB 



Erkllirung des raktuiiis selbst. Darwin ctiiplindel es datier audi 
Jls einen Mangel seines Unternehmens, wenn seine Theorien noch 
aiclit gehörig durch Erfahrung erhHrtet sind. In rühmlicher Be- 
«iitidenhe-it erklärter: „Viele der Ansichten, welche ich vorgebracht 
"^'ksind äusserst spekulativ und einige werden sieh lihne Zweifel 
herausstellen" (Geschlechtliche Zuchtwahl, Cap. XXI). 
H'ErgänzuDg seiner Anschauungen nach unten hin konnte er 
irigen, weil sie bis jetzt gänzlich der empirischen BHgrllndiing 
^It. 

■iU also einmal Häckel als Vollender des Darwinismus auf, 
er das Gebiet desselben ausdehnt, so will er doch anderei"- 
ich — und dies wäre sein Hauptverdienst — die gesainmten 
StMilIate besser als bisher begründen. Er gelangt dazu, indem er 
i*ei bisher gelrennte Wissenschaften zu einer Einheit verknUpd 
^r vielmehr den Zusammenhang aufzuhellen sirpbt, der zwischen 
iitsen Wissenszweigen herrscht. Erst durch die Erkenntniss dieses 
'!ii!4 mm en banges bekomme das ganze Gt^bäude der neuen Lehre 
Konen festen Hall. Diese bisher getrennten Zweige sind die 
Embryologie, oder richtiger Ontogenie, d. h. die individuelle Ent- 
viclielung.'igeschichle und die Phylogenie, d. h. die Entwickelungs- 
SWbichte der verschiedenen Thierformen, aus denen sich im Verlaufe 
""geiBhlter Jahrtausende endlich das Menschengeschlecht hervor- 
|4iliiet hat. Wenn die Philogenie d. h. also das Gebiet, auf dem 
"itb der Darwinismus bewegt, bisher nur angewiesen war auf die 
^Sontologie, auf die vergleichende Anatomie u. s. f., so sind das 
Wr wichtige und werthvolle Stutzpunkte, aber die wichtigste 
Uuelle, aus welcher sie hätte schöpfen können, sei bisher ausser 
Aühl gelaRSen, und das sei eben die Onlogenie. Auf der Durch- 
•WiPiing dieses Satzes beruht der Werth und der Reiz der Häckel-- 
i^fl L'ntersucbuQgen. 

Welcher Art ist nun aber dieser Zusammenhang zwischen 
l^logenre und Phylogenie? Häckel drückt diesen wichtigen Zu- 
**inmenhang aus in deui sogenannten biogenetischen Grundgesetze, 
"Blebes er so forniulirl: „Die Keimesgeschichte ist ein Auszug der 
SiOBiesgeschichte odev mit andern Worten, die Ontogenie ist eine 
utte Recapitulation der Phylogenie, d. h. die Formenreihe, welche 
'ividuelle Organismus durchläuft, ist eine kurze, gedr&ngtu 
jolung der langen Eormenreihe, welche die thierischen Vor- 
4esfielbeD Organismus von den ältesten Zeiten an durchlaufen 
Wenn es Häckel gelingen sollte, diesen Satz zu erweisen, 
MUUe er — scheint es — damit eine Errungenschaft gemachl, 
itr sich nur wenig ähnliehe anreihen liesseo. Die wunderbaren 
Tfaltsachen der Embryologie, diese bisher unverstandene und unver- 
itlndliche Heihe von Formen, welche der menschliche Embryo, wie 
der Embi'yo der höher organisirten Thiei-e, von dem Et an, durch 
Secliähn liehe, amphibienähnliche u. s. w, Formen durchläuft, wären 



wir dann ini Stande uns zu erklären. Diese inerkwOrdigen Mela- 
tiiorphosea de* Einbryo wären nur dns Spiegelbild, dei' Reflex der 
StuTeii, welclie das ^ttme Tliierreich durchlaureii hat. AndrcrseiU 
aber würde — und das wäre nicht weniger wicliiig — uns unigekehn 
das Studium der Ifiniliryonalformen jedes lebenden Wesens in deiil- 
licben Zügen die Jahrtausende zurückliegende Entwickelungsgescbiebte 
dieser Thicre nicht blos errathen lassen, sondern mit vHlliger 
-Sicherheit enthüllen. In noch ganz andrer Weise als die Scbichien 
der Erde mit den Schiilzen, welche sie bergen, würde diese Reihen- 
fülgR der Einhrjonairormen für uns ein Buch werden, in dem die 
Geschichte der Jahi-tausende uns in deutlichen Zügen aufbewahrt ist 
Der Zusammenhang zwischen diesen Wissenszweigen stellt sicli 
uns nach dem biogeneliscben Grundgesetze darnach als ein doppeller 
dar. Ist die Onlogenie eine Recapitulation der Philogenie, so enl- 
hUllt sich uns die Phylogenese als die mechanische Ursache ier 
Untogencse, und umgekehrt setzt die letztere uns in den Stand dir 
Resultate der ersleren zu deuten. Ich möchte dieses Verhaitniss 
kurz so ausdrüi'ken: die Phylogenese ist Realgrund der Ontogenese, 
die letztere umgekehrt Erkenntnissgrund jener. 

Worin ist aber diese ursacbUche oder causale Natur des Ver- 
hältnisses zwischen der Kcimesge schichte und der Stammesgeschiditc 
begründet? Bei der Beantwortung dieser fundamentalen ¥n^ 
welche uns erst wirklichen Einblick gewährt d. h. aus den un- 
leugbar vorhandenen Analogien ein Verhällniss der Ursache und 
Wirkung macht, rekunirt Bäckel auf die wohlbekannten Danvin'* 
sehen Functionen der Vererbung und Anpassung. Sie erklSren unt 
nach ihm die auffallende Erscheinung des Parallelismus der beiden 
Eutwickelungs reihen, und erschliessen uns erst das wahre VerstHad- 
. niss von den Ursachen der Keimesgeschichte, indem wir in ihnen 
die bewirkenden Ursachen der individuellen EiitwickoluDg kennei 
leruen. Doch hier muss ich Häckel würtlich citiren. "* 
(Anthropogenie, Vortrag 1): „Wenn Sie von den Erscheinungen 
Vererbung und der Anpassung absehen, wenn Sie diese bei( 
formbitdendcn physiologischen Functionen des Organismus nii 
berücksichtigen, so ist jedes tiefere VerstSndniss der Entwickelungs— 
geschichle vollkommen unmbglich, und daher hatten wir bis ais^ 
Darwin überhaupt keine klare Vorstellung von dem eigentliche*' 
Wesen und von deu Ursachen der Keimesentwickelung," — Uiu ■* 
einige Zeilen weiter. „Durch diese Tlieorie haben wir ei'st die b(^ 
wirkenden Ursachen, die wahren causae efßdentes der individuelle- ~ 
Entwicketung kennen gelernt; durch diese Theorie sind wir erst 
der Einsicht gelangt, dass solche mechanischen Ursachen allein 
nUgen, um die individuelle Entwickelung des Organismus zu bewii 
und dass es dazu nicht noch der früher allgemein aDgenommi 
planuiässigen oder zwecktbätigen Ursachen (causae ßnales) bedt 
Ich musste hier wörtlich citiren, weil ich später auf diesen Satz 



rUcüLoriiini'.u will imd bemerke einstweilen nur, dass Hückel diese 
foiitibildenden Ursachen soTort zu bewirkenden Ursachen macht. 

Der auf diese Weis» angeblich ursächlich erklärte PsraHelisnius 
Aef beiden Eiitwickelungsreihen ist jedoch kein TollstlLn (liger. „Wäre 
BT vollaiandiy, so würden wir," — wie lläckitl sa^-t — „blos mit 
im Mikroskope und mit dem anatomischen Mc^Rer die t'ormenreilie 
fesliuslellen haben, welche das befruchtete El des Menschen bis zu 
Kiner voUständigcu Ausbildung durchlüufl; wir würden dadurch 
sofort uns ein vollslSndiees Bild von der merkwürdigen Formen- 
reihe verschaffen, welche die thlerischen Vorfahreu des Menscheu- 
ütschlechles von Anbeginn der organischen Schüpfiing aii bis zum 
cralea Auftreten des IVIenschen durchlaufen haben," Dieser Paralle- 
lisuius, diese Becapilulation ist aber nicht vollstHndig. Wir slossen 
tlelu^r vielfach auf Lücken, welche vor Allem die vergleichende 
Anslomie Jiu üborbrtlckeu hat; und so redet Hückel nicht nur von 
liiKr ins vielfachen Ursachen abgekürzten, sondern sogar von einer 
|t(llschten Enlwickelung. 

Ich babo den Grundgedanken der Aulhropogcnie zu verdeul- 
lichea gesucht. An der Hand desselben stellt Häckel uns nun die 
"unilerbaren Thatsachen der menschlichen Keimesgeschicble vor 
*iig«ii. Von der einfachen Zelle an,, der Urform der individuellen 
Siislenz de.s Menschen wie des Thieres, führt er uns ihre wundcr- 
larin Um- und Weiterbildungen vor, wie sie zuerst durch wieder- 
iKlIe Theilungen einen vielzelligen Körper, die sogenannte Maul- 
teerkugel, bildet, wie dann durch Ansamrolung von Flüssigkeit in 
ihrem Innern daraus die kugelige Keimhautblase entsteht, deren 
Wand anfangs aus einer einzigen, später aus zwei verschiedenen 
Mlsehicbten, den beiden primären Keimblättern, dem Haut- und 
Binnblatt, besteht; wie durch Spaltung aus diesen zwei ursprüng- 
lictieii Keimblättern sich vier sekundäre Keimblätter bilden, aus 
Jnien Uaim steh die weitere Gestalt des Körpers in wunderbaren 
ftuessen der Zusammenlegung, ßülirenblldung u. s. w, aufbaut. 
So loleressant diese Thatsachen an sich sind, so unmöglich wäre 
*6 jedoch, sie Ihnen ohne Hülfe der das Versländniss verraitteln- 
fcii Anschauung vorzuführen. Gl (Ick lieb er weise bandelt es sich für 
uns auch nicht darum. Uns interessiren zunächst die Schlüsse, 
K^be aus diesem Thatbestande gezogen wei-den. Daraus nun, dass 
ilu menschliche Ei ursprünglich eine einfache Zelle ist, wgre nach 
tau Grundgesetz auf eine uralte, einzellige VorfabrenCorm des 
NenseheiigeschJeebts zu schliessen; daraus wieder, dass der meuseh- 
liehe Embryo anßuglich aus zwei Keimblättern besteht, auf die ur- 
alte Ahnenform einer zweiblättrigen Gasträa; ebenso deutet eine 
tipltere Enibi7onalform wieder bestimmt auf eine uralte, wurmßtriuige 
lÜaeDform, welche in den heutigen Seescheideu ihre nächsten Ver- 
wandten besitzt u. s. f. Auf diese Weise enthüllt sich uns nach 
und nach unsere ganze Ahnenreihe. Von den durch Urzeugung 



— 8 -^ . 

entstandenen Moneren geht diese Reihe hin zu der zwar ausgestorbenen 
über aus der Embryonnlfonn nolhwendig postulirten Gastria, von da u 
den Würmern; wobei es woM ein allerliebster Scherz HSckeis isl 
zu erklären, dass eine tiefe instinktive Wahrlieit uns noch heut 
den Menschen als „arnien Wurm, oder jämmerlichen Wurm, 
allenralJs auch als allerliebsten Wnrm" tituliren lasse. Aus da 
Würmern ^ so erfahren wir weiter — sind nun direkt die Wirbet 
Ihiere hervorgegangen, so dass die Übrigen Thierklassen, wie Krebs 
Spinnen, Insekten — also leider auch die betriebsamen, fleissigenj 
intelligenten Ameisen — nur unsere Seitenverwandten sind und de 
grösste Theil des Thierreiches in keiner direkten verwandtschatl 
liehen Beziehung zu uns steht. Mit diesem Uebergange von da 
Würmern zu den Wirbellhieren steht es besondei-s misslich; es wUrd 
schier verzweifelt damit stehen, wenn nicht glücklicher Weise e 
noch jetzt lebendes Tbier, welches sonst als Schnecke figurirte, sid 
bei genauerer Forschung als ein echtes Wirbelthier entpuppt nw 
das Gebeimniss unseres Ursprunges aus den Wtlrmei-n uns yep 
rathen hätte. Dieses nächst dem Menschen daher intere: 
aller Wirbelthiere ist das La n zettfisch chen oder der Amphioxua 
Dieses sehadellose Wirbelthier zeigt zeitlebens jetzt noch di 
einfachste Form des Rückgrates, wie dasselbe sich auch zunBcbSl 
bei dem menschlichen Ftnbryo entwickelt, einen einfachen Axenstnl 
nämlich, die Chorda dortalis, aus der erst später die gegliedert 
Wirbelsäule henorgehl. Aber auch so wäre der Uehergang toi 
den Würmern zu den Wirbellhieren noch nicht erwiesen, vrenn sid 
nicht bei den Würmern ihrerseits eine Annäherung zeigte. ^^ 
anderer glücklicher Zufall war es daber, dass die Entwickelungt 
gesehichte eines Thieres, welches den grössten Theil seines Leben 
auf dem Meei'esgrunde als unförmlicher Klumpen festgewachs« 
bleibt, näher erfoi-scbt wurde. Dieses andere interessante Thier — 
die Ascidie — macht einen Entwickehingsprozess durch, der sonj 
nur den Wirbelthicrcn eigenlhümlicb ist, und die Stamniesverwsndl 
scbaft dieser Asctdien mit den Wirbellhieren deutlich erweist; c 
bildet sich nämlich auch bei ihm ein Markrohr und ein c^liudrischet 
aus Zellen zusammen gesetzt er Strang, der — wie Bäckel uns < 
sichert - — nichts Anderes ist, als die Chorda dortalis, die mi 
sonst nur bei den Wirbelthiei'en gefunden bat. So hätten wir d 
diesen schwierigen Uehergang glücklich bewerkstelligt und komme 
nun von diesen scbädellosen Wirbellhieren — wie der Ampbioxi 
ist — in schnellen Schlitten hinüber zu den Kieferlosen mit noc 
blasenfUrmigen Gehirn, und weiter zu den üsebartigen SchSdd 
thieren mit Kiemenlöcher, Schwimmblase und zwei Paar Ghedmaassei 
Hier tritt der Aufschluss, den uns die Embryologie gewUhrt. 
sonders überraschend hervor. Die Rienienspalten, welche der Aul: 
phioxus, wie die Pricken und Fische zeitlebens behallen, finden sie 
in früher Zeit der Entwicklung beim Embryo des Menschen, vi 



aller höbcreii Wirbellbiere und liefern uns so einen der mleressan- 
lesten Beweise für unsere Abslaininung von diesen iiiedevn Wirbel- 
ibieren. Freilich functioiiiren diese Kiemenspallen bei den höheren 
Embryonen nteht, sondern wandeln sich in gHnzlicb vei'schiedene 
Organe um (z. B. in Gehörknöchelchen), aber ihr Verkommen ist 
charakteristisch, wie auch ebenso, dass die Lungen der höheren 
"WirbeUhiere nichts sind als die umgewandelte Schwimmblase der 
Fische. Von den Urlischen geht die Reihe hin zu den Amnionthieren, 
zunächst den Amphibien; die Metamorphose der Frösche erinnert 
lins uoch heute an diesen Wandlungsprozess. Die Klasse der Am- 
phibien ist der Vorläufer der Sllugethiere , wie die Reptilien der 
Vagel, Zunächst folgt ein ei dechsen artiges Thier, welches sicher 
cxistirt haben muss. Ursfiuger, Beulelthiere, Halbaffen, zuerst ge- 
schwänzte, dann schwanztose Affen machen den Schhiss; die Reihe 
ist angelangt bei den zunächst sprachlosen Affenmenschen, bei dem 
Menschen, dem Ebenbilde Gottes, selbst. 

Wenn vennöge des Grundgesetzes der Parallelismus der beiden 
Reihen die Grundlage war, auf welcher dieser Stammbaum sich er- 
bebt, so treten zur Verstärkung der Ansicht wichtige, indirecte Be- 
weise hinzu. Die Lehre von den rudimentären Organen vor Allem, 
dieses crtix der Teleologie, diese Unzweckmässigkeitslebre, wie sie 
von den Gegnern der Teleologie mit Vorliebe genannt wird. Wie 
will man z. B, das Verkommen von ganz unnützen Muskeln an 
unsei-m Ohre erklären, wenn man nicht annimmt, dass diese Muskeln 
noch nicht umgebildete Reste von dem spitzen, frei beweglichen 
Säugethier-Ohre sind; oder uns erklären, dass sich in dem inneren 
WiiUtel des Auges noch das lleberbleibsel der Nickbaut findet, 
weiche bei anderen Thieren z. R. den Haifischen eine grosse Be- 
deutung hat? Die rudimentären Schwanzwirbel deuten auf die 
Affen hin, der Wurmfortsatz des Blinddarms, der uns nicht nur 
nicht nötzhch, sondern häufig genug äusserst schädlich wird, er- 
innert an die Wiederkäuer, bei denen er voll entwickelt ist u. s. f. 
So steht das System Darwin's — scheint es — abgerundet 
lind in neuer Begründung vor uns. Wir erkennen nun erst unsern 
KOrper, da wir wissen, wem wir seine Ausbildung zu danken haben. 
Titi unseren Geist? Auch auf ihn fallen bezeichnende Streiflichter. 
Die AufKchlUsse, welche uns die Entwickelungsgoschichte des Nei'ven- 
nyslems giebt, sind ebenso viele Aufschlüsse über die Entwickelung 
<Ige Seelenlehens. Ja nicht nur die natürliche Entstehung der 
formen der Lebewesen wird uns in der That geboten, sondern zu- 
gleich — wie Häckel sagt — „die natürliche Entstehung des mensch- 
lichen Seelenlebens." Und dieses Resultat erklärt er selbst Itir das 
crBssle und bedeutendste, welches überhaupt auf diesem Gebiete er- 
reicht werden konnte. Die Entwickelungsgeschichte des Rücken- 
roarkps und Gehirnes im menschlichen Embryo leitet uns unniittel- 
w in der Erkenulniss der „Phylogenie des menschlichen Geistes". 



^ 



Ja hier haben wir den einzigen Weg, auf dem dieses hüchsle allo^ 
ppöblome, dem schon so viele vergeblicbe Versuche gegolten habei) 
und leider noch gelten werden, zu lUsen ist. Und .so wäre denn klai; 
dass Häckel von dem tiefen Schatze vou Wahrheiten, welchen diu 
Embryonen enthalten, eher zu wenig als zu *iel gesaj,-! hat. 

2. Die menschlichen Enabryonen mögen einen noch so tiefiuii 
Schatz von Wahrheiten enthalten, wir vernehmen diesen Schal« 
zunächst aus dem Munde des Priesters, der ihn uns deutet. HM 
er diese Wahrheit auch recht gedeutet? Sie tritt in «inetni 
doppelteu Gewände auf, als naturwissenscboftlidie und als philo- 
sophische Wahrheit, selbst mit der Perspektive aur eine 
religißse Wahrheit. Wir werden diese einzelnen zu analysireH 
haben, selbst auf die Gefahr hin denen zu niissfallpu, welche e 
Itlr alle Mal erklären, dass die naturwissenschaftliche Wahj-h« 
Ein und Alles zugleich ist, dass es überhaupt nichts anderes mehl 
}{Iebt als ISaturwissenschaften , dass alles Andere nur verdorrten 
Gestrüpp ist, werth umgehauen und ins Feuer geworfen zu werden. 

Zuerst also als naiurwissenschartlicbe Wahrheit tritt dies 
Monismus auf. Um ihn als solche zu würdigen, möchte ich abaf 
dreierlei unterscheiden, den allgemeinen Gedanken der Uesceiideii^ 
oder der genealogischen Verwandtschaft allei' Lebewesen, die besonder) 
Ausbildung, welche dieser Gedanke durch Darwin erfahren, 
Neubildung endlich, welche Häckel vorgenommen hat. Diese d 
Punkte werde ich auseinander zu setzen, die leitenden Gedanke; 
hervorzubehen haben. Auf das umstrittene naturwissenschaftlich 
Detail selbst einzugehen, ist nicht unsere Aufgabe. Das mögen <! 
Forscher unter einander ausmacbeu. Wohl aber dürfen UDd n 
wir prüfen, wie weit die Consequenz ihrer Gründe reicht; soll dod 
auf ihnen ein ganz neues System der Philosophie errichtet werden ; t 
und wohl nidssen wir zusehen, worüber die Korscher selbst i 
Uebereinstimmung sind, sonst lassen wir uns leicht Umstriltem 
als Gesicheltes anpreisen. ^^ 

Bevor ich mich jedoch zu der Besprechung dieser Punkt 
wende, möchte ich ein für alle Mal erklären, dass ein etwaig 
Widerspruch nicht erfolgen soll durch Berufung auf eine irgeuäw 
erfolgte Verletzung eines angeblich theologischen, ästbetisdien od! 
sittlichen Interesses. Ich gebe voll zu, dass derartige Interes&l 
hier gar nicht mitzureden haben, die, falls sie wirklich Sack 
des lebendigen, menschlichen GemUtbes sind, sich schon in ander 
Weise ihre Geltung zu verschaffen wissen wei'den. Hier hftt n« 
das Interesse des Vej'standes lu sprechen, der sich erst befriedi] 
fUhlt. wenn es ihm gelungen ist, die unwandelbaren GeseUe i 
finden, denen Alles, was besteht. Hohes und scheinbar Geringe^ 
unterworfen ist. 

Diesem Interesse des erkenneuden Verstandes folgend, könof 
■ wir nicht anders, als dem Gedanken der genealogischen VerwandK 



Schaft aller Lebewesen unsere Zustirnmimg zu ertheilen. Wir fUhten 
kein Bcdürfniss, den Mensclien aus djesem Zusammenbaute heraus 
zu reissen. Kommt uns eine hüherc Bedeutung zu, ist unsere 
Aufgabe nicht damit erschöpft, dass wir das blosRe Naturleben rait- 
leben und mitgeniessen, aus dem Sti'udel der Ereignisse auftauchen, 
um spurlos wieder in ihm zu verschwinden, — so werden wir 
doch diese unsere höhere Bedeutung zu erhärten haben durch das, 
wozu wir selbst uns innerlich gestalten. Nicht auf die Arbeit der 
Natur haben wir uns daher zu berufen, sondern auf unsere eigene. 
Ühne Gunst und Missgunst theilt sie ihre Gaben an alle Wesen 
aus, lässt aus ihrem Schoosse hervorgehen, was nach den all- 
gemeinen Gesetzen sich gestalten kann, und jedes Wesen lebt von 
dem Vorrathc, den es für seinen Theil sieh aus dem allgemeinen 
Vorratfasschatze schSpIt Wollen wir mehr sein, wie alle anderen 
Wesen, so werden wir durch unser Verhalten den Beweis zu liefern 
baben, dass wir diese unsere natürliche Mitgift nicht nur wie jene 
aufzehren, sondern mit dem anvertrauten Pfunde gewuchert haben. 
Diese unsere eigene Arbeit wollen wir voll selbst thun und gerade 
weil wir diesen Entschluss gefasst haben und wissen, dass es auf 
unsere eigene Arbeit ankommt, nicht auf das Material, welches uns 
wie allen gegeben ist, können wir darauf verzichten, von Hause 
aus etwas Besonderes zu beauspruchen. Uns als träumerische 
Mtlssiggänger ftlr unsere Ansprüche auf einen besonderen Taufschein 
zu berufen, ist demnach gar nicht unsere Sache. Der Adel, der 
uns zukommt, soll ein durch innerliche Arbeit erworbener, nicht 
uns durch Gunst der Geburt zugefallener sein. 

In dem Gedanken einer genealogischen Verwandtschaft aller 
Lebewesen sehen wir daher gar keine Schädigung unseres wahren 
Interesses. Im Gegentheil werden wir dadurch hingewiesen, für 
dieses wahre geistige Interesse, welches uns anweist, unserm Leben 
seine tiefe Bedeutung zu wahren, ihm einen Sinn und Werth zu 
verschaffen, der über alles natürliche Sein hinausgeht, — nicht auf 
ßilschen Wegen Befriedigung zu suchen. Wenn daun diese Wegf 
uns verschlossen werden, klagen wii' sonst leicht über Beeinträchtigung, 
statt uns einen besseren Weg zu bahnen. 

Unbekilmmert um diese zaghaften, klein mitthigen Klagen möge 
der Versland ruhig seines Amtes warten. Dass aber der wissen- 
schaftliche Verstand uns auf Bahnen des Gedankens hinweist, welche 
uns zu der Anerkennung einer wie immer gestalteten Theorie der 
Descendenz drängen, scheint keine Frage mehr zu sein. Zu deutlich 
sprechen dafür nicht vereinzelte, sondern ganze Reihen von Thal- 
sacben, die uns sonst völlig unverständlich gegenüberstehen bleiben. 
Wenn die Geologie uns ein Bild von dem aümähligen Werden 
unseres Erdkörpers und den mancherlei Stufen, welche er dabei 
durchlaufen hat, entrollt, wenn die Paläontologie uns einen Einblick 
zu geben beginnt in die damit Hand in Hand gehende weitei'e Aus- 



und Umbildung des thieriüclipn und pflanzlichen Lebens in imnieF 
neuen und höheren formen, — wenn zugleich die vergleichende 
Anatomie die wunderbare üebereinslimmung in dem inneren Bau 
von Wesen zeigt, welche uns Husserlich betrachtet, als völlig ver- 
schiedene gegenüberstehen, — wenn endlich gar die Embryologie 
reststellt, dass alle diese verschiedenen Wesen nach einem lür alle 
gleichen Gesetze sich entwickeln und in dieser Entwickelung nur höher« 
Stufen erreichen oder auf niederen zu bebari'en gezwungen sind, — 
so sind dies Reihen von Thatsachen, welche gegenseitig auf ein- 
ander hinweisen, deren Beziehung begritfen sein will. Die Descen- 
denztheorie ist aber nichts a,ls der erste und damit berechtigte 
Versuch diese Beziehungen zu begreifen, sie ist die bis jetzt einzige 
Weise, wie unser CaiisalitHtsbedtlrfntss befriedigt wird. Weisen wir 
diesen Versuch ^nzlich von der Hand, — so bleibt uns nur Übrig, 
uns dem Wunder in die Arme zu werfen. Schon Kant sagte: „Die 
Analogie der Formen versIBrke die Vermuthung einer wirklichen 
Verwandtschan in Erzeugung von einer gemeinschaftlichen Urmutler 
durch die stufenweise AnnSherung einer Thiergattung zur andern;" 
und er freut sich der Aussicht, dass einst die Erkenntniss der 
blossen Analogie der Formen, d. h. das blosse Schulsystem «eh in 
ein i^ystem fUr den Verstand werde verwandeln lassen. Seitdeni 
aber ist durch die erweiterte natu rwissenscha Uli che Erkenntniss dae 
Bedllrfniss das Schulsystem in ein System lUr den Verstand zu ver- 
wandeln, gewaltig gestiegen. 

Wenn der Gedanke der TIescendenz sich darnach auch unab- 
weislich aufdrängt, wenn wir nach dem Standpunkte un.seres jetzigen 
Wissens diese Stufenfolge von höheren und höheren Formen nicht 
niehi- blos für ein Ergebniss der systematischen Betraclilung halten 
kOnnen, sondern sie uns als reale, genealogische Vei-wandtscbyfl m 
deuten gezwungen sind, — so spricht doch dieser Gedanke gleich- 
sam nur eine Aufforderung fUr unser Erkennen aus, schreibt dem 
Gange der künftigen Untersuchungen seine Richtung vor. Von deii 
vollen Realisirung desselben sind wir leider, trotz Darwin undj 
Häckel, noch sehr weit enlfernt; und wenn wir auch dankbar an- 
zuei'kennen h.iben, was in dieser Richtung zum Ziele hin bereits 
durch die neuere Forschung geleistet ist, so wollen wir uns doch 
nicht dem Wnhne hingeben, als sei das BSthsel wirklich schon zum 
grössten Theile gelöst. Hie und da ist der Schleier wohl ein wenig 
gelüftet, aber in den fundamentalsten Fragen steht die Entscheidung 
noch völlig aus. lind auf der gemeinsamen Grundlage des aaer^ 
kannten Gedankens der Descendenz lassen sich noch völlig ver- 
schiedene Gemälde von dem Gange dieser Entwickelung entwerfen, 
Gemfilde, welche sowohl in der Anordnung der einzelnen Theile, 
in der Slufenreihe der auftretenden Gestalten, wie in den Ansicbteo 
über die Art ihrer Entstehung auseinander völlig von einander ab- 
weichen; und darnach auch sich in einem gänitlich verschiedeneo 



Sinne uns präsentiren, und einen gänzlich verschiedenen Eindruck 
auf uns machen. 

Welches sind die treibenden Krüfte dieser genealogischen Enl- 
vickelung? Mit der Aufstellung dieser Frage gehen wir Ubf^r zu 
<ie¥)i speziell Darwin'schen Versuche der LOsung. 

Die treibende Kraft der Enlwickelung ist nach Darwin die naCUr- 
liclie Zuchtwahl, deren Faktoren der Kampf ums Dasein einerseits, 
r^rei'bung und Anpassung andrei'seits sind. Es wird dem Werthe 
ilieser Darwin'schen Ideen nichts genommen, wenn wir uns auch 
libeneugeu, dass ihre Bedeutung in der freudigen Zuversicht der 
ersten Begeisterung Uhevschätzt worden ist. Eine Lieberschätzung 
ist es aber offenbar, wenn man durch diese Factoren die ganze Ent- 
nrickelungsgeschichte beherrschen zu können meint. Grade an den 
^Mächtigsten Stellen, wenn es sich um die Begründung des Leber- 
ganges von einem morphologischen Typus zu einem andern handelt, 
lassen sie uns leider völlig im Stich. Wie wild auch dieser unter 
dem Nameu Darwin's hin und her wogende Kampf noch entbrannt 
ist, es ISsst sich doch im Allgemeinen schon erkennen, welches 
sein Ausgang sein wird; es mehren sieh schon die Stimmen, welche 
audi rar diesen Kampf, wie für so viele andere, nach einem Kom- 
promiss verlangen. Ein wissenschaftlicher Kompromiss? Das scheint 
Bchlecht zu klingen, hier gilt doch entweder — oder, Wahrheit — 
oder Irrthum. Nein, sondern zunächst gilt es, zu constatireu, inner- 
lulb welcher Grenzen eine Anschauungsweise richtig ist; ob ihr 
Biil anderen Worten zwar nicht eine unbedingte — aber doch eine 
''ctative Wahrheit zukommt, und die Entscheidung würde lauten: 
EHtter Kampf ums Dasein ist zwar ein wichtiges Glied in der Ver- 
vitilichung der genealogischen Entwickelung, aber er ist nicht 
>ilcin im Stande, dieselbe zu erklären; seine Rolle ist eine weilh- 
»olle, aber nicht die Uaiiptrolle. 

Die ganze natürliche Zuchtwahl ist zunächst nämlich eine Art 
I^Otzlichkeitsprinzip der Natur. Die in dem Kampfe ums Dasein 
■iBtzlichsten Umänderungen bleiben erhalten; die andern werden 
»iclir und mehr von der Konkurrenz ausgeschlossen. Es ist daher 
*on voruherein klar, dass dieses Erklärungsprinzip nur da zur An- 
wendung kommen kann, wo es sich um die Ausbildung eines Organes 
w bestimmten Verrichtungen handelt, d. h. es wird wohl physio- 
logische, aber nicht rein morphologische Umänderungen zu erklären 
im Stande sein. Alle Anpassung an Lehensbedingungen kann eine 
Aeadcrung in den morphologischen Grundverhältnissen nicht hervor- 
Iiringen; die morphologischen Haupttypen selbst sind alle gleich 
pjl angepasst oder widerstandsfähig. Alle die von Darwin und 
seinen Anhängern angefilhrten Beispiele beziehen sich daher auch 
w!^ wenn man näher zusieht — nur auf solche physiologischen 

1 dies die ürenze der Darwin'schen Theorie ist, niusstc der 



Natur der Sache nach im Pflanzenreiche deutlicher hervor Iretcu, W) 
im Tbierreiche. Es sind duhervor Allem einige aus^jezeichnete Botanikl 
gewesen, welche diese Kritik an dem Daminisiuuä vollzo^fen hai)eD 
und so sa^t z. B. NSgeli: „Etile morphologische ModiDiation, weJdi 
durch die Darwin'sche Theoi'ie zu erklttrcn wäre, ist mii' im Pfianzol 
reiche nicht bekannt; und ich sehe selbst nicht ein, wie dieselb 
erfolgen könnte, da die allgemeinen Prozesse der GesUltuDg : 
gegen die physiologischen Verrichtungen so indifferent veibalten. 
Diese Tbatsaehe aber, dass diese Geslaltungsprozesse indifferent gegt 
die physiologische Verrichtung sind, versperrt dem Uarwiuisiuus i 
letzte Ausflucht; denn er kann nun der Ei-I'abrung zum Trotz oict 
behaupten, dass die pbysiologisdie Abänderung zugleich den Grua 
für die morphologische enthalte. Grade die Betrachtung der nied 
rigsleu GewUcbse l&sst, wie Pringshetm sagt, erkennen, dass d)g 
ersten Formabweichungen uicht, wie es der Darwinismus erfordert) 
physiologischer, sondern morphologischer Natur sind, d. b 
Kampf ums Dasein genügt nicht zur Erklärung dieser ursprilnglicha 
und primitivsten Abünderuugen. 

Dies wfirc die Grenze des einen Factors der Darwiu'scfaea El 
klärung. Seine Wirksamkeit beruht aber auf den beiden andffi 
Facloren, der Verilndeilichkeit und der Veieibung. Veränderlichk« 
und Vererbung sind an sieb Prozesse von nicht uiechanischai 
Charakter. Sie bekommen denselben erst durch eine VoraussetiuD) 
deien Richtigkeit eben erst nachzuweisen isL Der Darwinismi] 
fassl diese Prozesse ihrer Natur entgegen wie unorganische i 
Er lässt Veränderlichkeit und Vererbung, wie jene — ich möcht 
sagen — blind, richtuogslos wirken. Wie aber, wenn auch dien 
Voraussetzung einer gänzlich unbestimmten Veränderlichkeit an 
irrige ist? Wie, wenn diese Veränderlichkeit nicht eine en 
durch den Kampf um das Dasein ihre Richtung empfangend« 
sondern eine schon von Hause aus gesetzmässig gerichtete i 
Dann sind diese Prozesse eben Prozesse von einem Charakter u 
einer Wirkungsweise, welche sich nicht in Parallele setzen lies 
mit den — wie man meint — richtungslosen, unorganischen KrUtd 
Auch hier hat die exakte Forschung gegen die Darwin'sche VoTSUt 
Setzung eotschiedcD. Diese unbestimmte Veränderlichkeit ist thi 
sächlich nicht vorhanden und so sah mau sich — mitten ia d 
Naturwissenschaft — zu einem gänzlich anderen Principe seine Zti 
flucht zu nehmen und geradü von dem zu reden gezwungen, wl 
die mechanische Erklärung am meisten scheut, von einem innere 
Gesetze der Fntwickeiung nämUch, und so sagt Pringsheim z, I 
„Hier treten jene iuneren i-ichtenden Krätle, die den Gang der gH 
steigeiten Abweichungen in die bevoizugte Richtung drängen, I 
ihrer Reinheit, unvermischl mit den Wirkungen des Kampfes uii 
Dasein in die Erscheinung und lassen ihre E)iistenz nicht bezweifeln^ 

So wäi'eu wir denn bei der Erklärung der Erscheinungen 21 



etnem gSuzlIch anderen Resultate gelangt. Einen inneren Ge- 
stallungslrieb bSUen wir ols den ursprünglichsten Grund der Um- 
Hudeiiingen anzunehmen; und wenn dem Kampfe um das Dasein 
uitzweirelbaft eine grosse Bedeutung zukommt, so würde diese fie- 
deutung doch auf einem ganz anderen Gebiete liegen, als der Ur- 
heber dieser Lehre und seine Anhänger meinen. Nicht direct würe 
u* der Grund der Entwickelung, sondern nur Regulator einer Ent- 
wi^elung, welche selbst gauz anderer Quellen entstammt. Das Ge- 
iMUde, welches wir uns von dem Ganzen der Umbildungen eutwerfen, 
liat aber dauiit einen gunz anderen Sinn bekommen. Während der 
ßarwiiiismus das Princip des Mechanismus auf seineu Schild ge- 
schrieben bat, erhebt liier auf seinem eigenen Gebiete, mitten in 
seiuen eigeneu Untersuehungen , die langst lodtgesagte Teleologie 
wieder ihr Haupt und verkündet sich als die unmittelbare .Macht 
und jenen Mechanismus nur als ihr untergebenes fiülfsmittel der 
Verwirklichung ihrer Ziele. Das wäre denn ein Kompromiss, aber 
öer Mechanismus ist — wie es scheint — dabei sehr zu kurz ge- 
kommen, den LQwenantheil hat die Teleologie davongetragen. Ob 
*lies in der That der richtige Standpunkt der Entscheidung und ihr 
•"ichliper Sinn ist, möchte ich vor der Hand dahin gestellt sein lassen — 
^■etoiebr das erhaltene Resultat zunächst nur rein negativ fassen. 
So negativ gefasst würde es heisseu: „Der Darwinismus ist 
■*i«hl im Stande die vorhandenen Entwickelungeu zu erklären. Er 
Sem — wenn man die Teleologie nicht gelten lassen will — wesent- 
lich andere Erklärungsgrunde noch voraus." 

Was macht jedoch Häckel aus dem Darwinismus? Nicht einen 
fteilrag zu der Wahrheit hat er geliefei't, er ist schon die Wahr- 
■Öl; — und nicht er selbst bedarf noch der ergänzenden GrUnde, 
Aotdem auf ihm, als dem vüllig anerkannten Grunde hat sich eine 
^1^ ihm umgewandelte, neue Weltanschauung zu erheben. Hat, 
**i tragen wir, Häckel dem Darwinismus die Ergänzung gebracht, 
"elthe er so wesentlich bedarf? Diese Fi-age muss ich entschieden 
'^fneinen — ti'Olz des biogenelischen Grundgesetzes und trotz aller 
^ryologie. Wie steht es denn mit diesem Grundgesetze? Wir 
taten zwei parallele Reihen von Erscheinungen, die ontogenetischen 
"iiil die phylogenetischen Entwickeluugen; dieselben versuchte 
USckei dadurch in Verbindung zu setzeu, dass er die Phylogenese 
— wie wir gesehen haben — zum Realgrund der Ontogenese macht, 
i- fa. letztei'e als Recapitulation der ersteren fasst. Auf die Frage, 
me deun diese Recapitulation möghch sei, erbalten wir als Antwort; 
Oureh Anpassung und Vererbung, und diese Antwojt soll in sich 
Scliliesseu, dass nun das Problem mechoniseh erklärt sei. Das ist 
na gewaltiger Irrthum. Die Anpassung und Vererbung bekommen 
uhon hei Darwin nur dadurch eine Art mechanischen Charakters, 
dtss sie als ricbtungslos Ollschlicher Weise hingestellt werden. Hier 
kamt davon gar nicht mehr die Rede sein. Eine Vererbung, die 




— 16 — 

nicht nur bestiDimti.' Uigenscbaflen, sondern einen ganzen Eotwicke- 
lungsgang, ein ganzes Entwichelungsgesetz vererbt, ist kein me- 
chanischer Begriff mehr. Das wäre ein eminent foi-mbiidendeü 
Princip, wie es Häckel auch selbst nennt Und wenn Htlckel meint, der 
Zusammenhang zwischen diesen beiden Iteihen sei erklärt, neun 
er die eine Reihe als Recapitulalion der andern fasst, so ist das 
eine blosse Seh ein Erklärung. Der Ausdruck Becapitulation ist ebeu 
nichts als eine bequeme Bezeichnung für das zu erklärende Problem 
selbst. Als solche bequeme Bezeii:hnung kann man ihn gelten 
lassen; tritt er dagegen mit einem hijberen Ansprüche auf, so jsl 
dieser Anspruch buchst zweifelhafter Natur. Wir wilrdeu zunUclisI 
in dieser ßecapitiiJution nur eine acht scholastische facuUag ocaüta 
sehen. 

Und dieselben Einwände, welche gegen den blossen Darwinis- 
mus, d. h. welche gegen die Erklärung der phylogenetischen Beile 
erhoben wurden, kehren jetzt mit verdoppeltem Gewicht wieder. 
Zeigt sich schon bei jener Reihe, dass die Voraussetzung einer un- 
bestimmten Veränderlichkeit irrig war und sahen sich deshalb die , 
Forscher genßthigt, zu einem inneren GeseUe der Entwickelung ib» | 
Zuflucht zu nehmen, so ist diese Nöthigung nur um so grüsser, 
wenn man auch die zweite oiitogcnetische Reihe mit in Betracht 
zieht. Erkennt man dann zwischen beiden Reihen Analogien, so 
werden diese nicht daraus folgen, dass die eine Reihe der RealgruD& 
der andern ist, sondern dass beiden Reihen ein und dasselbe Enl- 
wickelungsgesetz zu Grunde liegt. Die erkannte Analogie kann diik'C^ 
zur Erforschung des Sa ch Verhältnisses werth volle Gesichtspunkt 
liefern, subjectiv ein Leitfaden filr die Untersuchung sein — urs-^ 
in dieser Beziehung soll das Verdienst der Häckel'schen Bemühung^' 
nicht geschmälert werden, — aber wohl hat man sieh sehr zu hUtef* 
die Aufstellung der Analogien dadurch, dass man das blosse Wo^ 
Recapitulalion einführt, schon fUr eine mechanische Erklärung t- * 
halten. Wenn Häckel die individuelle Entwickelungsgeschichte ItV^ 
die Becapitulation der allgemeinen erklärt, so ist dies niclit eii» ' 

I Ergänzung des Darwinismus, sondern ein Verzicht auf deuselbec::* 
insofern damit gerade das WeEcnlliche des Daiwinismus bei Seiit^' 
gesetzt ist. Dieses WesenllJcliu nämlich, wodurch er erst einen Be* 
trag zu einer wahrhaft mechanischen Betrachtung liefert, liegt i* 
der Erforschung der Wirkungsweise des Kampfes um das Daseii ~~ 
Nur dadurch, dass Darwin zwischen die Veränderlichkeit und Vi 
erbung den Kampf um das Daseiu einschiebt, wird seine TheorJ 
zu einem Versuche, die Umänderung derFormen mechanisch zu crklBi 
Was fUi' eine mechanisch erkannte Potenz ist aber hier auf de*^ 
onto genetischen Gebiete zwischen Vererbung und Anpassung, diesc' 
min einmal formalen Potenzen, eingeschoben? Natürlich keine, und» 
ist auch durch die Uerbeiziehung dieser zweiten Reihe nicht w 
Fortschrill in der mechanischen Erklärung gemacht, sondern i* 



*^ '17 

GegeMbeil die mechaDische ErklSruDg, indem sich der Kreis des 
111 Erklärenden ausdehut, nur um so schwieriger geworden. 

Ueber diesen Sachverhalt hilft die blosse Versicherung, dass 
ile ErklSrung mechanisch sei , nicht hinweg. Der blosse Name 
Medwnismus thuts doch wahrlich nieht. Wenn Darwin für die Er- 
UBrunjj gewisser Erscheinungen seine Zuflucht zu ergänzenden 
EMrschtungon ninirat, zu der Korrelation des Wachsthuuis z B., so ist 
te nicht eine Bereicherung seiner Theorie, sondern ein Eingeständniss, 
d>9s sie unzureichend ist; und wenn Häckel seinerseits von einer 
Reupitulation, abgekürzter, gefälschter Vererbung u. s. f. spricht, 
so wird dieses Eingeständniss nur um so grösser. Mit diesen Be- 
griffen ist das vorliegende Problem nicht auf causae efficientes, 
sondern auf ganz ächte causae finales, auf innere richtende Kräfte, 
wie Pringsheim sagt, zurilckgerdbrt. 

Wenn sich so die Erforschung unumgänglich genöthigt sieht, den 
ßanvin-Häckel'schen Factoren, noch andere factorcn beizugesellen, 
w tsl von vornherein klar, dass ein Lehrgebäude, welches nur auf 
iwiea bassirt, stai'ke Willkührlichkeiten zeigen muss. Ein solches Ge- 
bluile wird eher einem LuRschlosse zu vergleichen sein, bei dessen 
AuOjau die freie Phantasie dos Material nach eigenem Er- 
messen gruppirt. Ich sage, dies wird von vornherein zu vermuthen 
s^n, lind conipelente Beurlheiler sprechen sich in diesem Sinne 
«th aus. Sie greifen nicht nur die Erklärung des Materials, sondern 
'ogar die bis jetzt von uns vorausgesetzte Zuverlässigkeit desselben an. 
Wenn ich aber bei dieser Besprechung zunächst noch nicht 
Itieniuf, sondern nur auf die Weise der Erklärung eingegangen bin, 
*o liegt der Grund ganz otTenbar darin, dass in philosophischer Be- 
ziehung uns die Art der Erklärung am meisten intereasirt. Wir 
Wollen zunächst wissen, wie weit reicht die Bedeutung des Mechanis- 
mus? Wo und Wann müssen wir zu teleologischen Begriffen unsere 
Andacht nehmen? Hier haben wir ein Wort mitzusprechen; bei 
4a FeststeUung der Thatsachen seihst haben wir nur die Stimmen 
fler Forscher zu prüfen. Dies wird uns aber zur Pflicht, wenn wir 
■eilen, dass ein Forscher einer Theorie die Bedeutung eines Dogma's 
Megt. Es erwacht dann unwillkUhilich der Verdacht, dass ei', wie 
w bei Dogmatikern geht, gesehen hat , was er sehen wollte. Ich 
^uicht verschweigen, dass anei'knnnt hUchst gewissenhafte Forscher 
plde diesen Vorwurf gegen Häckel schleudern. Iliss z. B. sagt 
Hier die Anthropogenie wörtlich: „Ich stehe nicht an zu be- 
Itopten, dass die Zeichnungen , soweit es sieh um Häckel'sche 
Ofiginalien handelt, iheils höchst ungetreu, theils gradezu erfunden 
ÜDd.** Jeder Leser des Werkes wird aber eingestehen, dass grade 
'Bf der eindringlich überredenden Gewalt dieser Zeichnungen der 
^dnick beruht, den die HäckeVschen Erklärungen machen. 

Wir von unseren Standpunkte haben also einfach zu registriren, 
^ die Häckel'schen Dai'stellungeu in den Kreisen der Forscher 




— 18 -^ 

durctiaus nicht uiigellieilte Aneikennung gefunden haben, daas , 
Gegentheil eine sehr starke Partei lebhaften Protest gegen 
HSckel'scbe Verfahren einlegt. Ich möclite nur einen Punkt z 
Belege dafür noch hervorheben. Der Uehergang von den Wünne 
zu den Wirbelthieren war filr Häckel — wie wir gesehen haben ■ 
besonilei'ii schwierig. Dieser Uebei-gung beruhte im Grunde daiai 
dass Häckel calegorisch erkläile, ein cylindrischer, aus Zelli 
XU sanjm enges elzter Strang, der sich bei den Ascidienlarvea findt 
ist nichts Anderes als die Chorda dorsalis der Wirbclthiere; dies 
Vergleich aber erklärt der ^eise, gewiss competente \. BKr fUr gän 
lieh verfehlt; und wenn Bär Recht hat, wäre die Kluft iwischi 
Wirbelthieren und 'WlUmern eben noch nicht überbrückt. 

Wie steht es auch mit der im Gegensatze zur Philosopt 
50 vielgerUhmlen Zuverlässigkeit dei' empii'ischen Forschung, w(" 
wir jetzt als Resultat der Forschung das Gegentbeil von dem t 
nehmen soUeu, was früher Kesullal wai-? Karl Voigt z. B. erklÜT 
uns bestimmt: „Es ist vollkonimen richtig, dass die Embryont 
höher stehender Thiere Phasen ihrer Eulwickelung durchlaufen, 
den blcibendcD Verhältnissen anderer Tbiere analog sind. Indess 
diese Analogien gehen nirgends und in keinem Falle so weit, di 
darüber dei' spezielle Organisatioosplau des Thieres verschwand 
Der menschliche Embi'jo z. B. hat durch die Existenz von Kiemei 
spalten an der Seite des Halses in frühester Zeit eine 
Analogie mit einem Fische, ohne dass er je wahie Kiemen besasBl 
Die Organisation eines speziellen Thieres ist so gleichsam das R« 
sultat zweier Krlifte, des allgemeinen Planes, der der gauzen Klsa 
zu Grunde hegt, und des speziellen Planes, der ihm seineu nähere 
Charakter giebt," Hat Karl Voigt Recht uud igt ein speziell^ 
OrganisatioDsplan neben dem allgemeinen anzuerkennen, dann istdj 
Ontogenese eben nicht eine einlache Recapitulalion der PhylogeoeM 
und diese völlige Gleichheit, Unterschiodslosigkeit in den Embryona 
verschiedener Thiere, welche Häekel so stark hervorhebt, uiid b 
seiner Anschauungsweise hcrvorhebeu mnss, bestände dann nur i 
der schematischen Zeichnung, die grade das verstärkt zeigt, 11 
der Zeichner uns sehen lassen will. 

Fasst man diesen Sachverhalt in das Auge, so wird man dies 
Uäckerschen Stammbäumen eben nicht zu grosses Gewicht beileg 
Die Thatsachen sind in ihrer Bedeutung noch nicht so klar erki 
ja ihre Auslegung ist, — wie wir gesehen haben, — noch so umstreil 
bar, — dass wir so weit i-eichende Schlüsse vorsichtiger Weii 
noch gar nicht ziehen dUrfeu. Dieser ganze Sianunbauni, der tu 
die causalen Beziehungen enthüllen, der, mit Kant zu reden, e 
System für den Versland darstellen soll, enthüllt sich leider zunäc 
doch nur als ein Schulsystem d. h. er giebt uns nur eine systema.lJBCh 
Uebersieht; da das Gesetz der Verknüpfung, welches Häckel i 
nimmt, sich als unzureichend erwiesen hat. Der Gang aber, welche 



nB^WltUI 



— 19 — 



tur wirklich eingeschlagen hat, kann sich von üiesejn System, 
B«''lir nesenthch unterscheiden; ja verschiedene Anzeichen deuten 
mit Entschiedenheit daranf hin. Wir sehen IhatsSchlich in der Natur 
UmwandluBgen vor sich gehen und es ist ein Verdienst Dni*win's 
das Dogma von der Art erschütteit zu hahen; aher die Frage ist, 
lassen sich alle En twi ekel un gen, wie Darwin will, durch Accumulation 
uixendlich kleiner ÄbSuderungen erklären? oder treten oft plötEÜche 
Uoänderungen ein auf noch unerkannten Gesetzen beruhend? 
3L.elzleresisteutschieden derFall, ja die morphologischen Umänderungen, 
"^reiche der Darwinismus unberücksichtigt lässt, treten last immer als 
piatilich entstehende auf. Und so hahen andere Forscher dieser 
'Flieorie der slufenweisen, allmäliligen Umwandlung, auf welcher das 
S*uue Dafwin'sche System bei uht, entgegenstellen zu müssen geglaubt, 
die Tbrorie der plötzlichen Umwandlungen, der heterogenen Zeugung, 
t^er Geneialionswechsel einzelner Thiere würde an dieses Verfahren 
d« üaiuT bei ihren Bildungen noch heute erinnern. 

Bis diese und ähnliche Probleme gelöst sein werden, müssen 
wir ffobi oder übel mit der Aufstellung des Stammbaumes warten, 
i BoBt kSnote es uns leicht passiren , dass dieser Stammbaum nicht 
der historisch beglaubigte ist, sondern an die berüchtigten Slamro- 
blliune erinoert, welche die Herald iker Jedem liefern, dem es nach 
deoi Besitze eines solchen gelUstet. 

Wenn aber das genealogische System selbst noch des Haltes 
I entbehrt, so steht es mit seiner Ergänzung nach unten hin noch 
schliaiKier. Wenn Häckel vor der Frage: „wie das organische Leben 
UHi'haupl entstanden sei?" nicht wie Darwin zurückschreckt, so be- 
legt er sich doch auf diesem Gebiete gradezu in nicht eben gliick- 
Uthen Spekulationen. Seine Unterstellung, dass wir in den von 
ilni sogenannten Prolisten ganz einfache Wesen zu sehen haben, 
^ekbe sich auf der Uebergangsstufe von Anorganischem zu dem 
Oi^nischen betinden, erweist sich als unhaltbar; der Urschleim ge- 
bfirt immer noch in die „Naturphilosophie", nicht in die Natui'- 
fiechichte. In der Naturphilosophie eines Schelling mag er eine 
BogeBehnie Rolle gespielt haben, in der Naturgeschichte ist dieselbe 
entschieden unglücklich. Wie aber Häckel dazu kommt, immer 
»Kb den Bathybius, vulgo Urschleim, ernsthart auftreten zu lassen, 
Udideni der Einzige, welcher ihn aus der Tiefe des Meeres heraus- 
tdiolt hat, nachti^glich selbst erklärt hat, derselbe sei wohl nichts 
^ ia gallertartigem Zustande niedergeschlagener Gips, ist im höchstm 
'^de befremdlich.*) Die Verbindung von Spekulation und Empirie 
**! hier entschieden schlechte Frucht getragen. 

Selbst wenn aber die Prolisten wären, was sie nicht sind, 



— 20 — 

einfachsle Organisujea nämlich, wäi'e immer der öebergang voi 
Anorganisclien zum Organischen noch nicht Termiltdl. Häckel 
ihn durch seine Kohlenstofftheorie her. Die stickstoflltaltigen Kol 
Stoffverbindungen erklären uns uach ihm das Wunder der Leb! 
erscheinungen. „Wir sind jetzt im Stande das Wunder j 
Lebenserscheiuungen auf diese Stoffe zurückzuführen. Wir ha 
die unendlich mannigfaltigen und Terwickellen physikalischen i 
chemischen Eigenschaften der Eiweisskörper als die eigentliche! 
sache der organisebeu Lebeuscrscheinungen nachgewiesen." I 
Hacket diesen Nachweiss noch schuldig ist, braucht wohl nicht ij 
erwähnt zu werden. Dem gegenüber behauen Kant's schöne W 
ihre volle Gültigkeit: „Man ist," sagt Kant, „zu der Sussei 
Grenze der Naturwissenschalt gelangt, wenn man den letzten 
allen ErfBhrungsgi'ilndeD braucht, der durch Erfahrung bei 
werden kann. Wenn diese aufhören und man mit selbsterdai 
Kräften der Materie, nach nnerlißrten und keiner Belege tSI 
Gesetzen es. anfangen muss, ist man Über die Naturwissei 
schon hinaus, wenngleich man noch immer Naturdinge als Uri 
nennt, zugleich aber ihnen Kräfte beilegt, deren Existenz 
nichts bewiesen werden kann." 

3. Ob die Naturwissenschaft durch ihre Verbindung mit s^ 
lativen oder sagen wir lieber phantastischen Elementen gewonnea; 
ob sie in ihren Folgerungen kritischer, in ihren Beobacbtui 
zuyerlüssiger geworden ist, dies werden wir nach dem Eröi 
billiger Weise bezweifeln dürfen. Was abei- hat, so &ageai 
andererseits die Philosophie durch dies BUndniss gewonnen? 
besitzt sie an diesem Schatze des Monismus, dem angeblich« 
sullate der empirischen Forschungen? 

Philosophien, welche mit demAnspruche auftraten, rein monii 
zu sein, hat es von je gegeben; der alte, wie der neue Materiali 
sind ebenso monistisch, wie der alle und der neue Spirituali 
der alle oder neue Pantheismus. An der blossen Fahne des " 
mus haben wir darnach noch gar nichts; sie deckt sehr verschi« 
Waare, mitunter auch verschiedene Kontrebande. Häckel wird ji 
gegenüber diesen Spekulationen einen Grundzug hervorheben, 
welchen sich seine Philosophie von den Philosopbeaien jener 
scheide; nicht in dem Eesnltate, sondern in der Begründung 
der Unterschied. Während jene ihre Grundanschauungen ai 
Dinge nur herangebracht, sie, mit Hegel zu reden, aus der 
geschossen, oder mit Baco zu sprechen, wie die Spinnen 
sich seihst gesogen hlitleu, schlage sein Philosophiren einen 
andern Weg ein. Er ist der üeberzeugung, dass seine philosophii 
Anschauungen das unmittelbare Ergebniss der Erfahrung um 
ohachtung seien; Ja er glaubtsogarfUr seine monistische Weltanscha] 
thatsächliche Beweise gehen zu können. »Möge man mich 




«PEchoncn, dass die monistisclie Naturphilosophie der ihalsäch- 
Vicheo Beweise entbehre. Die Beweise sind da." 

„Die Beweise sind da." Das isl ein herrliches Glück. Wir 
«erten für alle Zeit nun los das unendliche Wortgefecht, die 
unfrnclilbaren Streitigkeiten, durch welche die Philosophie von je 
sieb lächerlich gemacht hat; eine neue Periode beginnt, die That- 
sichen sprechen seihst, wir haben sie nur anzunehmen. Baco, 
Baco! Wenn du diese schöne Zeit hättest erlebeu können! Nun 
steht lebendig vor uns das, dem all dein Denken fialt und wahrend 
ilii noch ein neues Organen denj Menschen schaffen wolltest, durch 
i^ er die Thatsachen wie ein gut geschliffener Spiegel unentstellt 
■ufnehme, so ist auch das seitdem überflüssig geworden, versteht 
*ii!li jetzt schon von seihst. „Die Beweise sind also da." Wo denn? 
"ird man fragen und HSckel tUhrt fort. „Grade jene exakte Form 
des Beweises findet Jeder, der sie finden will, in der Monographie 
derKRlkschwSmme." Das klingt nun allerdings wunderlicher, als 
*> gemeint ist. In der citirten Monographie meint Häckel den Be- 
^S für die Descendenzlehre geliefert zu haben; dass er aber damit 
lißleieh auch den Beweis für seine ganze Naturphilosophie erbracht 
'|t haben glaubt, dass er eine naturwissenschaftliche Hypothese und 
*'öe einheitliche Wellanschauung ohne Weiteres identificirt, das 
*ird eben wunderlich und für ihn charakteristisch bleiben. Er 
^Udet sich eben ein, seine Weltanschauung resultire nolhwendig 
"Os dem blossen Studium der Erscheinungen als ihre oberste 
General isation und übersiebt, dass alle Ergebnisse der Naturwissen- 
^fSiaft mehrdeutig sind und dass es sich hei dem Aufbau einer Welt- 
^schauung nicht unsererseits um blosse Aulnahme von Ergebnissen 
*Mwidelt, sondern dass unser aufnehmender Geist ein gewichtiges 
"fflrt mitzusprechen, ja den Ausschlag zu geben hat. . Dass die 
Hatnrwissenscbaft mechanisch zu erklären hat und nur so weit 
Waturwissensehaft ist, als sie das thut, darüber herrscht gar keine 
^einungsverschiedenlieit. Mechanisch erklaren ist aber eine blosse 
Methode; man kann sie anwenden und dabei von den verschiedensten 
^Weltanschauungen ausgehen. Der Grund einer Weltanschauung 
li«gt immer in den Bedüifnissen unserer nach Einheit strebenden Ver- 
nunft. Die exakte Naturwissenschait hat nicht nur keinen bestimmten 
''asammenhang mit einer bestimmten Philosophie, sondern, so wie 
*ir weiter schreiten und unsere Erkenntniss zur Bildung einer Welt- 
■Djchauung verwerthen, sind wir über die Naturwissenschaft ttber- 
isupt schon hinaus. Eine Weltanschauung unterscheidet sich von 
den Erkenntnissen , welche zu ihrem Autbau verwendet werden, wie 
der Entwurf eines Gebäudes von den gebrauchten Materialien. Die 
letelern sind zwar keineswegs gleichgültig, zwischen Material und Form 
besteht eininnerlicherZusammenhang, jedoch nicht so, dass dasMaterial 
ohne Weiteres sich zu einer Form zusammenfügt. Die Hauptsache 
wird immer bleiben, zu welchem Zwecke und Bedürfnisse die 







— 22 — 

Materialien zusammengerugt sind. Eioe blosse Summe empiriaclu 
KenDtnisse ist so weuig eine Weltanschauung, als ein SteintaaufA 
ein GebHude. 

Mao mö^e uns dabei' mit exakten Beweieeu für eine WelV' 
anschauung verschünen. Es ist vollettlndig genug, wenn die exakttl 
Ergebnisse selbst gesichert d. h. wenn mit solidem Materiale g 
arbeitet wird; aber die Frage, uacli welchem Style dieses Materi 
zusammeiigeftlgt isl, ist davoii gänzlich unabhäQgig und so sind « 
bei-echligt, das Häckel'sche GebBude, das wir bis jetzt nur na 
seinen iVlatei'ialien geprUTt baben, nun aucb nach seinem Zwed 
und aeiner Architektonik zu pruren. 

Diejenigen nun, welchen der Sachverhalt, wie wir ihn dargel^ 
haben, klar ist, d. b. welche ihre Thätigkeit als Baumeister i 
scheiden wissen von der ThHtigkeit der Sichtung und Wabl di 
Materials, werden ein Gebäude aufführen, das, aus einem Geii 
entworfen, in haioioniscber Einheit seiner Theile vor uas stebt 
man mag es denn im GanzeD billigen oder verwerfen. wohDlici 
oder abslossend finden; diejenigen dagegen, welche sich einbildai 
die Materialien fUgen sich von selbst, folgen in der That, 
nicht anders mhghcb ist, — ImpulBon, welche ihnen selbst niot 
völlig klar geworden sind; von den verschiedensten Seiten angere| 
gerathen sie in Gefahr, willkürlich nach jenem Plane hier, 
einem anderen doit zu verfahren. Die grossen geschichtlicbä 
Systeme, der Spiuozismus z. B., sind solche iu sich einheithch ~ 
Gebäude, — wie steht es mit dem modernen Häckel'schen Heu 
mus? Hat er ein einbeithches Gepi^ge, einen einheitlicheä Chara 
und welches ist derselbe? 

Es wird nicht ganz leicht sein aus den Häckel'scben Werks 
diese Frage zu beantworten. Er bewegt sich eben ganz im Kampl 
Wenn er gegen seine Gegner, die Dualisten, zu Felde zieht, sie B" 
den Waffen der Wissenschaft, wie mit denen des Spottes und d( 
Ironie angreift, so wechselt er unaufhörlich den Standpunkt. W 
alle Gegner in den Topf des Dualismus eingestampft werden, i 
werden auch alle Freunde als Monisten zusammengefasst. ~ 
treffen so in bi'üderlicher Eintracht bei ihm an den grauen, 
verständigen Materialismus, der — wie Goethe mit Hecht sagt - 
keine lebendige Seele bewegen kann, den seh wärm erisdien, fi 
Unendlichen webenden und lebenden Pantheismus, der Accord 
anschlügt, welche in der Menscheubrust immer ihren WiedeAdt 
finden werden; ja gelegentlich wird als Bundesgenosse selbst i 
erbittertste Gegner des Materialismus der Spiritualismus herbd 
gezogen. 

Als die eigentlicbe Seele des Häckel'schen Monismus müctl 
ich jedoch eine pantheistische Naturverehrung bezeichnen. 
Hcb so verhalt, springt an vielen Stellen deutlich genug bervC 
erhellt auch aus der grossen Verehrung, welche Buckel offenb 



gegen Goethe hegt; druckt er doch seioen Werken mit Vorliebe 
Coflhe'sche Citate Toran , der Anihropogenie i. B. das herr- 
licbo Gedicht : Promotheus. Offenbar glaubt HSckel ia den 
Cocthe'ache» Anschauungen seiue eigenen, nur dichterisch verkläit, 
wieder lu erkennen. Das Schlimme ist nur, dass sich das, was 
Biäel wiBsenschaftUch erstrebt, mit dem Goelhe'schen Geiste gar 
»ichl einen fösst und dass lOlckel, wenn er dies glaubt, sich offeu- 
lur in einer argen SelbsttSuschuug befindet. 

Das Streben Häckels läuft, wie wir gesehen haben, schliesslich 

^uf hinaus, aus physikalisch-cheniiachen Kräften die ganze Natur, 

<Ue Lebenserscheinun)^en inbegriffen, zu erklären. Ist denn aher 

fese Natur Häckels d, h. diese Summe von mit physikallsch- 

demischen Kräften ausgerüsteten Atomen die Natur Goethe's? Die 

Natiir, die unendliche Einheit, die lebendige Mutler, die sich in 

Allen regt, in Allen webt, in Allen lebt? Die Natur, die keine 

Sprache und Rede bat, aber die sieh Zungen und Kerzen schafft, 

durch welche sie fühlt und spricht? Die Natur, deren Krone die 

liebe ist uudder wir nur durch Liebe — nicht durch Schi-auben, 

2ugen, selbst nicht einmal durch das Mikroskop und anatomische 

Messer — nahe kommen? Das ganze Unternehmen Häckels, ich 

nüne des wissenschaltlichen Häckels, ist dem Goethe'seheo Geiste 

<liaiDetral entgegen. Wie kommt er daher dazu, in seinem Monls- 

ffliis uns Goelhe'sche Gedanken aufzutischen, die gar nicht dorthin 

«ehBren, die als Etiketten nur aufgeklebt sind? Dies Verkennen 

^w innerlichen Verschiedenheit seines und des Goelhe'schen Stand- 

Nakles ist geradezu wunderbar. „Goethe," sagt Häckel z. B., 

iSlinl an der Pflanze ein Grundorgan, das Blatt, aus dessen Um-, 

Aus-, Weilerbildongen alle Theile zu erklären sind." „Hätte 

Goethe," föhrl Häckel fort, „das Mikroskop wie wir gekannt, so 

*'lirde er die wahre Grundlage, die Zelle, gefunden haben." Wir 

tiejnen dagegen, Goethe würde sieh mit aller Gewalt dagegen ge- 

Meiiiuit haben, ihm sein „Urphäuomen" zu entreissen; ganz ebenso, 

*ie er sich gegen die Zerlegung des einen Lichtstrahles in die 

*ielen Farben gestemmt hat. „Habt Theile in der Hand, fehlt 

leider nur das geistige Band." — Nun ist durchaus nicht zu ver- 

laogen, dass man der Goelhe'schen Naturauffassung zustimme, oder 

BW seine Methode der Forschung und Erklärung der empirischen 

Uitgegeahalte, wohl aber wird man verlangen können, dass die 

Vinehiedenheit als solche anerkannt werde. 

Wie mit Gölhe, so gehl es Häckel mit Spinoza, den er gleieh- 
Wls herbeizieht. Weil Spinoza den Zweck leugnet und den persönlichen 
Scböpfer ausschliesst, sympathisirt Häckel mit ihm, und übersieht dabei 
lue grundsärzliche Verschiedenheit. Wenn Häckel sagt: „Diese Er- 
«faeinungen sind nicht das künstlich ausgedachte Werk eines plan- 
oägsig bauenden Schöpfers," — so wllrde Spinoza natürlich zu- 
etinimen ; aber ganz entschieden wUrde er sich den Folgesalz verbitten : 




— 34 — 

„sondern die nolhwendige Folge wirkender Ursachen, welche in dt 
cbemiscben ZusamitienseUuing der Materie selbst und in ihren phj 
sikaliscben Kräften liegen.'' Giebt es nach Spinoza keine Scböpruagi 
gescbicbte als That eines persönlichen Gottes, so doch ebenso weni 
eine natürliche Schüprungsgeschichle. Nicht als zeitliche Entwicki 
liingen, sondern sub speciei aetemi werden die Dinge betrachte 
Die Zeit ist blos ein imago. Wie HSckei darnach dasu komm 
Spinoza zu feiern, ist durchaus nicht erfindlich. Die Gedankenkreis 
desselben liegen uncndUch weit ab von denen dieses moderne 
Monismus. Wenn Häckel sagt; „Die natürliche Sch&pfiingsgeschicht 
erblickt in den einzelnen Thieren und Pflanzenailen nicht verk&rpeti 
Gedanken des persünlichen Scht)pfers, sondern sie erblickt in ihna 
den zeitweiligen Ausdruck eines mechanischen Entwickelungsgange 
der Materie, den Ausdruck einer nothwendig wirkenden Ursache;" 
so l^sst der Spinozismus die Dinge gerade als verkörperte Gedankei 
nicht als zeitweiligen Ausdruck eines mechanischen Entnickelunfl 
ganges. Bei Uäckel ist eben das Ausgedehnte mit seinen physikatisdi 
chemischen Kräften Substanz, bei Spinoza nur Attribut. Der Unlci 
schied ist so gross, dass Häckel gar kein Recht hat, Spinoza gleich 
sam als einen Vorläufer seiner eigenen Anschauungou zu betrachtes 
Die Uebereinstimmung liegt nur in dem, was beide negiren: eint 
persönlichen oder sagen wir lif^ber einen menschenähnlichen ScböpEt 
Gegen unsere Darstellung könnte HUckel den Vorwurf der Eil 
seiligkeit erheben; er könnte Stellen seiner Schriften anführe 
in welchen er sich ganz im Siniie Spinoza-Gölhe's ausspricht. Ol 
könnte er allerdings, aber dadurch wird die Sache nur verschtimmei 
Wenn er an solchen Stellen auch mit jenen Männern Uberemstimni 
so stimmt er dagegen mit sich selbst nicht Uberein. Nach f 
Tendenz des Pantheismus müssen alle Dinge, wenn auch in ve 
schiedenem Grade, beseelt sein, und so spricht allerdings aui 
Bäckel von „einer Beseelung aller Materie." Oder; „Wir gelangt 
zu der Ueberzeugung, dass alle Naturki3rper, welche wir kenne 
gleichmässig belebt sind." Ja an einer Stelle redet er sogar v( 
der erhabenen Religion des Pantheismus und beruft sich auf Giorda 
Rruno als einen Vorläufer seiner Anschauungen. „Wir sind," i 
klärt ei-, „beftihigt zu einer unendlich erhabeneren Idee von Gi 
Diese monistische Gotlesidee, welcher die Zukunft gehört, bat seht 
Giordauo Bruno mit den Worten ausgesprochen: „Ein Geist find 
sich in allen Dingen, und es ist kein Ri5rper so klein, dass er nie 
einen Theil der göttlichen Substanz in sich enthielte, wodurdi 
beseelt wird." Häckel ist also hier zu der Ueberzeugung . 
langt, die Körper sind nicht nur beseelt, sondern sie sind I 
als Theile der götllichen Substanz; aber seine ges 
Ecbaflliche Demonstration läutt darauf hinaus, darzuthun, dass Ldx 
und Beseelung molekulare Bewegungserscheinungen .sind. „Die Set 
des Menschen," sagt er ausdrücklich, „ist eine rein mechanisc 



ThäÜ^it, eioe Summe von molekularen Bewegungserscheinungen 
der Gehirn ih eile." Wo bleibt denn dann die gütlliche Substanz, 
durch welche wir wie alle Dinge beseelt sind, diese erhabene Idee, 
»elcher die Zukunft gehört? 

Wie stellt sich durnach in der That das Verhältniss und wie er- 
liiren wir uns dies Auftreten von einander widersprechenden Be- 
lli uiniiin gen ? 

Ich kann mir diesen Widerspruch nicht anders erklären, als 
ivs ich mir zwei HUckel denke, einen wissenschaftlich nüchternen 
lind einen poetisch begeisterten. So wie der wissenschaftliche 
^Ckel spricht, verkündet er uns einen Monismus, der sich in 
Mehls von dem alten Monismus der Materialisten unterscheidet, dann 
Eiebt es nur Materie mit physikalisch-chemischen Kräften, dann ist 
'lies Leben und seihst der Geist nur eine molekulare Bewegungs- 
erscheinung; — sowie aber der poetisch begeisterte Iläckel seinen 
Hund aufthut, dann ist die Nalur auf einmal durch und durch und 
iu illen ihren Theilen beseelt, dann sind wir selbst zu einer un- 
eodlidi erhabenen Gollesvorstellung befähigt. 

Wenn ich nun oben erklärte, die Seele des Hückel'schen Mo- 
niiimis sei eine pantheistische Naturverehrung, so niuss ich dies 
jetit genauer bestimmen. Diese Seele nämlich ist dem Häckerscheii 
Monismus ganz äusserlich. Wenn man das ganze Unternehmen 
DUckel's ins Auge fasst, alle seine versuchten Demonstrationen, 
saae Kohlenstofilheorie u. s, w„ so wird man als Grundton dieser 
Hinaustrat ionen materialistische Ueberzeugungen vernehmen und so 
"lilchle ich den Materialismus als Leib dieses Monismus bezeichnen; 
diesem Leibe uun bläst Häckel eine pontheistische Seele genau so 
ein, nie die alle von ihm bekilrapfte Schöpl'ungslehre den persön- 
Üchea Gott dem aus einem Ei-denklosse geformten Menschen eine 
Seele einblasen Hess. 

Warum thut dies aber Häckel? Weil seine eigenen theoretischen 
d- h. materialistischen Ueberzeugungen ihn nicht befriedigen; weil 
w süsser einem secirenden Verstände noch ein reges, persünliches 
lutffesse, ein warmes Gemiith und warmes Empfinden fUi" die Natur 
•wibt. Seine eigene theoretische üeberzeugung ist ihm nu grau, 
W ergänzt dieselbe daher durch andere, lebensvollere Anschauungen 
md diese Ergänzungen nimmt er eben daher, woher sie auch die 
Wkttzerten Dualisten nehmen, aus dem eigenen Gemllthe und 
Hioen lebendigen Interessen. Diese stummen, langweihgen Atome, 
diese empfindungslose Materie, dieses blosse thatsächUche Sein be- 
friedigt ihn innerlich so wenig, wie uns. Damit kann sich eben 
eine warme menschliche Seele nicht abspeisen lassen. So üiegt 
»eine Phantasie von diesem blossen Sein, von allem Aufgehen in 
dem Endlichen, Einzelnen hin zu dem Unendlichen, so gelangt er 
zu der erhabeneren Religion, deren Gottesverehrung ist der amor 
intellectuaiia Dei. 



$0 hStten wir denn die beiden Grundbestäudttaeile des HKdie 
sehen Monismus: den theoretischen MateriBlismiis und poetisch 
Pautbeismus durch unsere Theorie von den zwei Naturen in HScket 
leidliehe Uebereinstirumung gebracht. Diese Uebereinstimmung m 
aber nur in dem persönlichen Geiste Häckels, ist eine blosse Personi 
nicht Realunion, kommt also seiner Philosophie nicht zu Giil 
Der Styl derselben ist und bleibt ein doppelter; Untertiau 
Farade wollen nicht mit einander stimmen. 

Schon schwerer wii-d es uns aber, einen andern Bestao 
theil seiner „einheitlichen Weltanschauimg" in irgend eine 
knUpfung mit dein Ganzen seiner Ueberzeugungen zu bringe 
Nachdem Häckel so Vielerlei erklärt hat, und wir wissen bereÜ 
in welchem Sinne und mit welcher absoluten Zuvei-sicht, kommt 
gelegentlich in einem merkwürdigen Kapitel der natOrtichi 
Schöpfungsgeschichte auf die Frage, was eigentlich erklären I 
und entwickelt dort zu unserer grössteii UebeiTaschung ein i 
Theil Kantischer Gedanken. Er stellt sich auf einmal auf dl 
Standpunkt des Relativismus, betont mit Kant, dass wir nicht ] 
den letzten Ursachen aufsteigen kOnnen, erinnert sich der Grenze 
welche unserem Erkennen gesteckt sind. „Wir dürfen nientl 
vergessen, dass die menschliche Erkenntnissßhigkeit allerdings ti 
solut beschränkt ist und nur eine relative Ausdehnung besittt" - 
oder: „Niemals vermögen wii' die letzten Gründe eiuer Erscheinui 
zu erfassen." Das ist ein erfreuliches EingestHndniss, wenn ( 
BSckel nur au anderen Stellen seiner Schriften nicht zurüclmelinM 
wollte. In der Antbropogenie wenigstens erregt das berflhEDI 
Du Bois-Reyinond'sche „Ignorabimus" seinen ganzen Ingrimm. Vt 
dem Standpunkte der Entwickelungslehre protestirt er dagegen b 
dem ganzen, ihm zustehenden sittlichen Pathos, Wer hätte unser 
Urahnen, den einzelligen Amöben begreiflich- machen wollen, ■ 
ruft er entrüstet aus, — dass ihre Nachkommen einst einen vii 
zelligen Wurm-Organismus bilden würden, und den Würmern wie4e 
dass sie sich zu scbädellosen Wirbelthieren u. s. f. eniwickel 
würden? Diese ganze Gesellschaft: Amöben, WUrmer, schUellOJ 
Wii'helthiere, Schade Ithierc, Urfische, Amphibien, Säugetbiere u. s. i 
würden genau als solche Obskuranten wie ihre spätem Enliä d: 
Menschen im Allgemeinen und Du Bois - Reymond im " 
ausgerufen haben: „Immutabimur et igaorabimtts!" UHekt 
brauchte wahrlich sich nicht so zu ereifern, die Würmer 
eben nicht gewusst, was wir. ihre glücklichen Ahnen wissen, u» 
der arme Du Bois - Reymond hat auch nur — genau wie IWro 
seihat — behauptet, dass dies: Ignorabimus von uns Menschen an 
unserer Erkenntniss gilt. Ja, wenn wir erst uns — nun wsl 
denn? weiden entwickelt bähen, — dann werden eben «Id 
mehr wir, sondern jene wissen ; bis dahin aber leider müssen ■* 
warten und dann werden Wir eben leider nicht mehr Wir sein. 



Wir stehen vor einem zweilen Widerspruche; derselbe will sich 
aber durchaus in keioe höhere Einheit auflöscD lassen. Zwischen 
den SäUen der natürlichen Schöpfungsgeschichte: „die menschliche 
Erkennlnisaföhigkeit -ist absolut beschränkt," und dem lebhaften 
Proteste gegen denselben Satz in dem Vorworte zur Authropogenie, 
wo er in ihm nur eine grossartige Verleugnung der Entwickelun^ 
geschichte sieht, geht keine irgendwie geartete Einigung herzustellen. 
Wie sollen wir uns diesen absoluten Widerspruch erklären? Ich 
wUsste nicht, wie anders als so , dass er jene angeeigneten Kanti- 
schen Gedanken, — wie es eben mit aulgerafften Gedanken gehl, — 
wieder vergessen hat und so werden denn diese auftauchenden 
Kantischen Reminiscenzen nur lose Zierrathen an dem Gebäude des 
Honismus sein. 

Wir sind leider noch nicht zu Ende. Wir haben bis jetzt 
HGckel noch nicht selbst gefragt, wofür er denn seinen Monismus 
b&lt, und doch hat er sich selbst bestimmt darilber erklUrt. „Der 
Monismus," sagt er ausdrücklich, „soll die Versöhnung sein Ton 
Idealismus und Realismus, die Verschmelzung von Spiritualismus 
und Materialismus]" Das ist eine schöne Versöhnung von Idealis- 
mus und Realismus, wenn Hilckel z. B. erklärt: „Die Weltgeschichte 
ist ein physikalisch - chemischer Prozess" nnd eine schöne Ver- 
schmelzung von Spiritualismus und Materialismus: „Die Seele ist 
eine Summe von molekularen ßewegungserscheinungen." 

Nehmen wir die Häckel'sche Erklärung ernsthaft und wir dürfen 

sie doch nicht als blosse Phrase nehmen, so wäre sein Monismus 

allerdings eine höchst eigenthümliche, einheitliche Weltanschauung. 

Sie wHre wenn nicht Dualismus, so doch ein vollendeter Confusionis- 

rnns; sie wBre Materialismus, nur mit der Annahme, dass alle Dinge 

beseelt sind, Spinozismus nur mit der Annahme, dass der zeitliche, 

jAy&ikalisch-chemische Prozess oberste Ursache ist, Dogmatismus nur 

mit der Annahme, dass die letzten Gründe unerkennbar sind u. s. w. 

Sie ist endlich aber doch — und dies ist im HSckerschen 

Sinne das Fürchterlichste — sie ist Dualismus. Seine theoretische 

Philosophie befindet sich in einem höchst bedenklichen Dualismus 

gegen seine praktische Philosophie. „Der Werth des Lehens," vci-- 

slctaert er uns, „liegt nicht in dem materiellen Genüsse, sondern in 

ler sittlichen Thatl" Das sind schöne Worte; wir stehen auch 

gar nicht an, bereitwillig anzuerkennen, dass dies die thatsächliche, 

^ktifiche Lebensanschauung des Verfassers sein mag und wollen 

^ unsere Achtung nicht versagen; befindet sich dann aber seine 

y IiTtktische Philosophie nicht im Zwiespalt mit seiner theoretischen? 

4 tiicbt es eine sitthche That, wenn die Seele eine molekulare Be- 

,j «egiingserscheinung, die Geschichte ein physikalisch - chemischer 

.1 WoMSB ist? und wenn Hsekel selbst an andern Stellen seiner 

SthfiftFn wieder orakelt: „Die beliebte Redensart von einer sittlichen 



— 88 — 

WeltoT'diiung hal gar keioe BegrÜDduiig;" ,. Leidenschaft und Selbst 
sucht sind die Triebfedern des Lebens?" 

4. Wir haben uns bis jetzt ausschliesslich mit der USckeH 
sehen Weisf des Erklüiens sowohl auf dem natuv wissen Bcfaaftlichd 
wie dem philosophischen Gebiete beschäftigt und diese ErklÜrungS 
weisen in ihre Bestaudthejie zu zerlegen, ihren Ursprung und Ba 
dentung nachzuweisen gesucht. Iläckel war uns jedoch zugleich i 
und dies berechtigt mich nur, an dieser Stelle auf sein UnternehmOl 
so ousfUhrlicb einzugehen — Repräsentant einer ganz bestimmtei 
Richtung, deren Tendenzen und Ziele klar zu leiten, erübrigt 
Weiches sind diese Tendenzen, für welche HHcke] vielleicht Dur nid) 
den richtigen Ausdruck gefunden hat? Und diese Frage büngt n 
der anderen schon aufgeworfenen zusaaimen, welches ist das Zil 
der Naturei-kenntniss, wie wii-kl die Vei'arbeitung ihrer gewaltige 
Resultate auf die Ausbildung unserer gesainmten Weltanschauunl 
ein? Werden wir nach der Richtung hingewiesen, welche jeB 
Denkweise uns verzeichnet? 

Im Vertrauen auf die stolzen, täglich sieh mehrenden Erfolge 
welche die empirische Forschung aufzuweisen hat, strebt sie ihn 
Herrschaft auf immer weitere Gebiete zu erstrecken. Die Psycho' 
logie, die Geschichte, die Ethik versucht man nach nalurwiSBMi' 
schaftlicher, speciell nach Darwin'seher Methode zu bebandeln. 
Kampf ums Dasein soll seine Rolle nicht nur In der Thier- 
Pflanzenwelt spielen, er wird hinauf in die Sternenwelt, hinein ib 
das Lehen der Menschen getragen; er ist die tignatvra temporii; 
die Welt als vollendeten Mechanismus zu begreifen, die auBgc_ ' 
Losung. Mit mitleidiger Geringschätzung blickt man auf alle, weldd 
in der Welt und in unserem eigenen Leben mehr zu sehen meinet 
als ein Spiel blinder, vernunflloser KrSfic; welche, nachdem A 
anerkannt haben, dass der Mechanismus uns viele früher ungdGsU 
IlStbsel so weit geltlst hat, als man es billiger Weise verlangl 
kann, — doch erklären, dass das grOsste aller ßSthsel gerade diew 
ganze, blinde Mechanismus selbst ist, der seine Produkte ziel- ufl 
rastlos bildet und wieder verschlingt; — welche in diesem Heohl 
nismus und dem Wellbilde, welches er abspiegelt, keinen Sinn mel 
zu erkennen vermögen und, ehe sie die Natur der Dinge dieet 
wahnsinnigen Arbeitens ohne Ertrag, ohne Erfolg, anklagen, ü 
diese Danaidenrolle zuschreiben, lieber zu prüfen entschlossen siw 
ob dieser Wahnsinn nicht vielmehr in der eigenen verkehrten AI 
schauung liegt. 

In der That, diese Art des Monismus, welcher der Hechanü 
mus das letzte ist, welcher die Seele selbst nur eine Bewegung! 
erscheinung, die Geschichte ein physikalisch-chemischer Prozess il 
kann nach unserer Auffassung gar nicht eine in dem vollen yiusi 
des Menschen gegründete, sein ganzes Sein umfassende W^ 
anschauung sein ; sie ist faktisch höchstens ein Gedaokenmonismtil 



m dem der frostige Versland in missverstandener Consequenr. sich 
bäiennen zu mllssen meint, der aber unser eigenes Thun, unser 
eigenes Leben und Schaffen immer fremd bleiben wird. Der 
DMhsmus, welchiT bei Häckei licrvorlrat, war nicht ein willkür- 
Mer, sondern ein jedem lebenden Wesen bei dieser Anschauungs- 
weise Dolbwendiger, Zwischen dem Prinzip unseres Denkens und 
iSA Prinzip unseres Handelns muss dann Zwiespalt sein. Wir 
vürdeo nicht aufhören, leidenschaftlichen Antheil zu nehmen an 
den KSmpfen der geschichtlichen Eiilwickelung , obgleich wir tbeo- 
reUtch wüsstcn, dass diese ganze BlUthe des geschichtlichen Lebens 
einil abwelken, verdorren wird, aber leider ohne Samen zu hintei'- 
Isssen; — wir würden nicht aufhören, lebendigen Antheil zu 
nebmen an der Erforschung der Gesetze dieser Welt, obgleich wir 
lleorelisch ganz gut wilssten, dass alle diese Ei'kenntniss einst in 
Hachl versinken und weder uns noch anderen Förderung bringen 
vird; wir würden nicht auiliör^n, .den Werth des Lebens in der 
silUichen Tbat zu sehen, darnach uns selbst und andere sittlich z\i 
billigen. und zu missbilligen , obgleich wk theoretisch ganz gut 
Wlalen, dass dieses Sollen, welches wir uns und anderen vor- 
litlten, ein blosser Schein ist. So würden wir denken und so 
budeln und damit zeigen, dass so viel Wunderbares auch die 
Erfe birgt, das Wunderbarste doch der Mensch ist. 

Eine Auskunit bleibt, so scheint es. Unser Denken irrt nicht, 
KDQ wir aber docli nicht aufhören seinen Ergebnissen zum Trotz 
UBswem Leben und Streben einen Werth beizulegen, als gSIte es, 
Urbs zu erreichen, das dauernd, das dem Wirbel des Seins ent- 
ist, so ist dies eben eine freundliche T&uschmig der Natur. 
i Weise glaubt man über den Zwiespalt hinwegzukommen 
sonderbare Erscheinung erklärt zu haben? Ist dies eine 
ende Auskunft ? Worauf beruhen Euere theoretischen 
Eeugungen und das Gewicht, welches Ihr Ihnen beilegen zu 
niliisen glaubt? Auf der stillschwagenden Voraussetzung, dass 
Euer Denken jrrthuniios, fehllos arbeilet, wie jede Naturkralt, dass 
<t mit anderen Worten eine Funktion des Seienden ist. Was ist 
tenn aber unser Wollen, unser Abschätzen des Lebens, unser sitt- 
liches Werlbbestimnien? Muss dies nach Eueren eigenen theoretischen 
VoTBussetzungeii nicht auch eine Function des Seienden sein? Wir 
Ullen also immer wieder unser Wesen zu theilea und anzunehmen, 
eine Function in uns arbeile richtig, die andere sinnlos. Uns 
[Iigegen scheint, dass der, welcher dem Denken zutraut, das Rich- 
lige erfassen zu können, dass der auch dem Werthschätzen zugestehen 
fflius, nicht eine blosse Zugabe, sondern gleichfalls in der Natur der 
OjD^e gegründet zu sein. Wir werden dann auch auf diese Stimme 
n boren, die Aussage der einen durch die dei' anderen zu ergänzen 
blliea, wie wir es mit den uns verliehenen Sinnesfunctionen, noit 
Auge und Ohr auch machen. Wenn abei' beide Functionen sich 



^^ _ so — 

zu widei'sprecheii scheinen, werden wir zunScbst imlersucheii , 
dies nicht nur subjective TÜuscfaung ist, welche nicht in dem, i 
(las Organ uns giebt, sondern in dem, wa.s wir daraus schüessi 
seinen Sitz hat. Und so werden wir von den eigenen Vorsu 
Setzungen dieses Standpunktes aus dahin geführt, Ziel, Wege, 
seines Erkennens zu priiTen und zu zusehen, ob nicht die wirkli 
Wissens chafthchen Aussagen richtig, die Schlüsse dagegen, weld 
man daraus ziehen zu müssen glaubt, verkehrt sind. 

Welches ist das Ziel des naturwissenschafllichea Erkennei 
Die Denkweise, mit welcher wir es zu thun bahRU, wird dem Kai 
sehen Satüe zustimmen, dass in joder Naturlehre nur so viel eige 
liehe Wissenschaft angetroffen werde, als darin Mathematik am 
treffen sei; — oder wird fUr Mathematik mit Du ßoys-Rejmol 
setzen Mechanik der Atome: „Wenn alle Veränderungen io T 
Rbrperwell in Bewegungen der Atome, bewirkt durch deren cänstao 
Cenlralkräftc, aufgelöst seiu werd^, wird das Weltall naturwissa 
Bcbaftlich erkannt sein." 

Von diesem Satze ausgehend und auf ihm fussend erklSrt d 
Monismus als einzig berechtigtes Prinzip der Forschung nie W|] 
betrachtung den Mechanismus und verwirft alle und jede Teleologi 
nicht blos als unnütz, sondern als geradezu irreleitend und f' 
tastisch. Es giebt nur wirkende Ursachen und keine Endursadieil 
proklamirt er als sein Resultat und hült dies durch die Halui 
Wissenschaft für fest bewiesen. Wenn die Naturwissenschaft I 
der Erkläi'ung unseres Planetensystem es ausgeht von dem Dan 
einer in ßotation beflndlichco Dampfmassc, wenn sie die allmUHl 
Bildung der Erde durch alle ihre Wandtungen hin verfolgt, ZvsUi 
aus Zustand entwickelt, wenn sie auch bei der ErzeugUBg 4 
lebendigen GeschQpre kein Eingreifen einer seh Dp l'eri sehen GelU 
tungskraft anerkennen kann, so haben wir ein völlig geschlossen 
SyRteni vor uns, in dem kein Raum fUr Endursachen ist; iBD 
seit der Darwinismus seinen ^eltlauf begonnen bat, ist — (t 
predigt mau aller Orten — der Zweckbegrilf gänzlich UberflQuil 
geworden. 

Bevor wir auf die Kritik dieser Anschauungsweise 
und unlei'suchen, in wie weit hei ihr Wahres mit Falschem ( 
ist, müssen wir den Faden unserer Untersuchung, an der Stelle, n 
wir ihn früher verlassen haben, wieder aufnehmen. Wir haben i 
zeigen gesucht, dass der Darwinismus auch in der Form, vää 
ihm Häckel gegeben hat, nicht eine wirklich mechanische Erkl&mi 
giebt, dass weiter eine Anzahl der bedeutendsten Forscher gm 
fUr die Erkläi'ung der wichtigsten Umänderungen ihn für unzureidiffl 
erklärten und dass diese daher ihre Zuflucht zu andern Potemtl 
zu „einem Innern Gesetze der Entwickelung'*, zu zinnern richtwdl 
Ki-äften" (s. S, 14) sich zu nehmen gezwungen sahen. 

Wie stellen wtr uns nun zu dieser Anschauungsweise, 




— 31 — 

uiitteii LD dei' Naturwisseo Schaft uud zum Zwecke der Erklärung ihrer 
Erschein ungeii ihre Zuflucht zu teleologischen Prinzipien nimmt? 
Wir sind keineswegs gesonnen, dieser Erklärungsweise zuzustimmen 
und hatten deshalb unser Unheil zurück gehallen. Wir stimmen 
im Gegentheil mit den Monisten in dem Satze iUierein, dass die Welt 
nur so weit erklärt sei, als sie in Mechanik der Atome aufgelfist 
ist. Wenn wir dessen ungeachtet jene Forsclier Uä ekel entgegen 
setzten, so sollte dies nm- zeigen, dass auf diesem Gebiete noch 
da gänzlich ungelöste Probleme liegen, wo Ufickel schon die 
Lösung gegeben zu haben glaubt, in dieser Beurtbeilung der Sach- 
lage stimmten wir ihnen nur zu und erkläilen eben deswegen den 
Darwinismus hier noch nicht ausieichend. Wir haben also an der 
HBckel'scben Erklärung niclil das auszusetzen, dass sie mechanisch 
ist, sondern im Gegentheil, dass ihre wie die Darwin'scfaen Potenzen 
gar nicht mechanische sind; wir werfen Buckel andrerseits auch 
nicht Iböricbter Weise vor, dass er noch keine vollendet mechanische 
ErkUrung gegeben habe, sondern dass er sie gegeben zu haben 
sich einbildet, während wir in der That noch unendlich weit davon 
entfernt sind. 

Wir wollen also ganzen und vollen Mechanismus und nehmen 
10Q ihm auch das Gebiet des Organischen nicht aus. Auch die 
Erklärung des Organischen ist uns nur ein, wenn auch unendlich 
Whwieriges, mechanisches Problem, uud wir weisen bei ihm alles 
Accurriren aur nicht mechanische Krüfte, wie diese sich auch 
nennen mögen, sei es Lebenskraft oder Zielsti'ebigkeit odei' innere 
rtchleuile Kräfte, oder Unbewusstes u. s. w. ab. In allen diesen 
^Mduagen sehen wir nicht Erkläi'ungen , sondern nichts als eine 
ndir oder minder glückliche Bezeichnung Tür das eben erst zu 
■vkbireDde Pi'oblem. Wenn Aristoteles und nach ihm das ganze 
Millelnlter das Fallen eines schweren Körpei's dadurch erklärt, dass 
o' itm Orte zustrebe, deui er seiner Natur nach angebüre, so Ist 
■lu eben eine acht teleologische d. h. gar keine Erklärung. Diese 
wurde erst gegeben, als man das Fallen des Körpers, dies schein- 
bar« Streben nach dem Mittelpunkte, als eine Folge allgemeiner 
Ott alle Massenthelle geltender Gesetze nachwies. Ganz ebenso liegt 
tlHT die Sache nach unserer Meinung auch auf dem organischen 
OiÜtlt, nur dass hier dies Auffinden der allgemeinen, den Massea- 
Ikeilcbeu innewohnenden Gesetze, unendlich schwieriger ist. Und 
gnide aus dieser iJeberzeugung wendeten wir uns gegen 'die 
Uütiersche RecapitulalJon und konnten sie nicht als Erklärung, 
Mildern nur als kurze Bezeichnung des zu Erklärenden gelten lassen. 
Wvr wie iiäckel in ihr eine mechanische ErklSi'ung gegeben zu 
iabea, nicht nur einen unerkannten Kausalzusammenhang kurz be- 
zeictmet zu haben glaubt, verlässt grade den Weg der niechanischeu 
Erkilruag. 

W«nn wir nun aber nicht den Aberglauben theüen, dass die 



— 32 — 

organische Welt schuß luechauisch erklart ist, im Gegeiitlieil 
Ansicht sind, dass wir von dieser KrktSrung noch unendlich « 
entrernt siud, welches Recht haben wir dann, es jetzt sei 
auszuspi'ccbeii, dass das Organische wie das sogcuaiinte Aiioi^aniH 
ein mechanisches Problem ist? Wir sehen in diesem Satze Dl 
wie Häckel einen Errahrungssatit, sondern ciu Postulat. Dass i 
Mechanismus ausnabmius gilt, ist uns Voraussetzung der Na« 
Wissenschaft und von dieser Voraussetzung aus geht sie an diel 
forschung der Dinge beian; hier gelingt es ihr, diese Vorausselzu 
KU erhärten, dort gelingt es ihr noch nicht, aber sie eweifelt d 
halb nicht an der Möglichkeit; denn an dieser Möglichkeit zweit 
hiesse die Begreiflichkeit der Welt überhaupt aufgehen. 

Wenn wir auf diese Weise die ausnabmlose Gültigkeit i 
Mechanismus festhalten, nicht weil er schon bewiesen ist, send« 
obgleich er dies noch nicht ist, und wenn wir trotz der LUck 
der mechanischen Erklürung, es doch verschmähen, dieselben i 
anders geartete Zuthaten zu überbrücken, wie kann dann i 
noch von Teleologie die Bede sein? 

Wir hallen die Teleologie für gar nicht Ubei-wunden und & 
baupt nicht für Uberwindhar. Uns scheint der Grund des A 
Verständnisses immer darin z\i liegen, dass man eine bestinu 
Form der Teleologie im Auge hat, die nämtich, welche die Wirkujigi 
der Dinge nicht von den in ihnen liegenden KrUften , sondern V 
einem äusserlichcn Eingreifea anderer, sei es ganz oder halb g 
Wesen oder Potenzen ableitet. Diese Weise der Teleologie ist >tlB 
dings beseitigt und zu ihrer Beseitigung hat Darwin einen sdtötiM 
werlhen Beitrag geleistet. Die teleologische Belrachlung selbst! 
aber davon gänzlich unabhängig. Man verkennt dies nach miaer 
Ueberzeugung nur, weil mau eben zwei Gedanken mit einander 1i 
wechselt. Dem Satze, dass die Naturwissenschaft einzig mechailisi 
zu erklären d. h. alle Veränderungen der Kitrperwelt auf Bewegung 
der Atome zuröckzuflihren habe, stimmen wir unbedingt zu. Wa 
man aber aus diesem Satze den andern macht, also giebt et R 
wii'keodc Ursachen und keine Endursachen oder FormalursadH 
so ist das ein arger Inthum. In der Verwechselung dieser bnd 
Sätze liegt die verkehi'te Schlussweise, von welcher wir gespro^ 
haben. Die Naturwissenschaft hat rein mechanisch zu erklären, 1 
dies grade ihre Methode ist, aber sie ist nicht die einzige Metbod 
welche man anwenden kann. Die Teleologie aus der NaturwisW 
schafl aus Bcbü essen, heisst noch nicht, sie aus der Weltbetracbtai 
Überhaupt verbannen. Diesen Schritt unternehmen eben nur i 
welche den Wahn hegen, die Methode der Naturwissenschaft sei ( 
all befassen de, sie sei die Universalwissenschaft , sie löse nicht b' 
ihre Probleme auf ihre Weise, sondern überhaupt alle Probkai 
Dagegen ist unsere Ueberzeugung, dass die natnrwissenschaf^ 
Betrachtung zu ihren Resultaten grade nur dadurch gelangt, 



e mit Bewusstsein nur eine Sl^itc der Natur hervorhebt, Ist dies 
icbtig, HO sind die Erkenntnisse, welche die Naturwissenschaft uns 
lebt, Erkenntnisse, die von der Natur zwar gelten, aber ihr 
?esen nicht erschöpfen. Die Natur bietet eben unserer Auf- 
tfisung viele Seiten dar. Der naive Mensch verlangt von der 
fissenschaft unmittelbar die volle Kenntniss, er möcble das ge- 
eimste, innerste Wesen der Dinge ergründet und was denn 
ie Natur selbst sei, beantwortet haben, natürlich vergeblich. 
[jt diesem speciilutiven Triebe, so können wir ihn nennen, 
eginnt zwar jede einzelne Wissenschaft, um sich aus ihm abei- 
rst emporzuarbeiten. Wie die Mathematik mit Zahlensymbolik, 
'igurens^mbolik angefangen hat so steht auch am Beginne der Neu- 
eit nicht die Naturwissenschaft, sondern die Naturphilosophie. Wer 
Oxt aber in der Naturwissenschaft noch die volle Kenntniss der 
4atur sucht, wandelt eben noch auf den Bahnen von Para- 
kIsus. Die moderne Naturwissenschaft hat es nicht mit dem Wesen 
ier Natur selbst, sondern, wie wir es schon ausdrückten, mit Aus- 
lagen zu thun, welche von ihr nur gelten. Der Begriff der Natur 
ist ein höchst vieldeutiger. Auch die Mathematik hat es mit 
Ihr lu thun, in so fern sie uns nümlich in den Formen von Raum 
undZeil erscheint und so fassen wir in der Naturwissenschaft die Natur 
in gleicherweise unter demeinseitigen Gesichtspunkte der Causalitlit auf 
und Echliessen mit Recht alle andern Gesichtspunkte aus, weil wir nur 
■hmhdies Isoliren überhaupt zubestinimtcn Resultaten gelangenkönnen. 
Aber S«iteu aus der Betrachtung susschliessen, heisst nicht dieselben 
Iwgnen. Der Streit zwischen Mechanismus und Teleologie reducirt 
^ darnach auf die Frage, lässt sich die Natur auch von einem 
lodern Gesichtspunkte aus, als es mit vollem Rechte und voller 
Geltung in der Naturwissenschaft eeschiebt, betrachten? Und diese 
^"ga geht die Naturwissenschaft, welcber ihr Recht gewahrt ist, 
BV nichts an, darüber steht ihr keine Entscheidung zu. Wenn 
^DKlDe Naturforscher sich diese Entscheidung doch zusprechen, so 
Mllen sie sich wenigstens nicht den Anschein gehen, als thüten sie 
^ ia ibrei' Eigenschaft als Naturforscher; während sie in der 
'^ dann nur das allgemeine und reichlich von Befugten und Un- 
l'e'iigten ausgedhle Menschenrecht, über die Natur zu speculiren, 
"■ Anspruch nehmen. 

Wie kommen sie zu dieser Verwechselung, durch welche allein 
*w naturwissenschaftliche Betraclilungsweise, d. h, die mechanische 
HtlhedederForschungsich erst zu einer mechanischen Weltanschauung 
'IniiFunden sucht? Ein Beispiel mag dies erlHutem. Wenn ich 
ifia Zusammensetzung einer Uhr kennen gelernt und ein- 
gesehen habe, wie Rad in Rad eingreift, wenn ich in dem Ge- 
hebte die treibende Kraft erkannt habe, welche dies RUder- 
ttrX in Bewegung setzt, so werde ich nicht mehr, wie jener 
^ilde, dem zuerst eine Uhr gezeigt wurde, dieselbe für ein lebendes 



Wesen hallen oder anoebmen, dass heimlich doch Jemand in i 
Dinge stecke, welcher mit seinen FiDgern die Zeiger stelle; 
habe dann eben die Uhr nls Mecbanismus erkannt. Wie aber vrtti 
es klingen, wenn Jemand erklären wollte, die Uhr ist — wie ' 
dargethfiD haben — mechanisch erklärt, d. h. jeder ihrer Zust' 
ist die nothwendjge Folge des vorangehenden, also ist sie auch i 
Werk des Medianisntus, d. h. dasWeik blindefKi^e. Wir wUrdeu den. 
der so rüsonirt. oSeobar für nicht bei Sinnen hallen, wollen jodoch 
sehen, <ib wir diese Schlussweise nicht in anderem Gewände factist' 
vorfinden. Wenn wir weiter wissen, dass die Uhr natürlich : 
das Werk des Mechanismus, blinder Krüfte, — sondern das Wi| 
eines tiberlegenden Verstandes ist, selbst dann können 
den Gesichtspunkt der CansalilBt noch weiter anwenden; au«b ( 
Arm des Uhrmachers, welcher die Räder feilte, gehorchte mecbanisa' 
Gesetzen, nur durch Benutzung wirkungstlhiger Stofl'e, nicht diir 
sein blosses Wollen, brachte er das Werk za Stande; 
andererseits das Gewicht tieibt zwar die Uhr, aber das Goth 
muss erst gehoben, die Feder muss erst gespannt werd«i , also | 
die treibende Kraft unmittelbar das Gewicht, weiter xurilck i 
Muskelkraft, welche es hob, auch diese kann ich weiter verfolf^ 
u. s. (., kurz der Mechanismus hat auch hier unbedingte Geltung. " 
ich finde ihn überall, wo ich unter seinem Gesichtspunkte das Werl, 
im Ganzen oder Einzelnen betrachte. 

Ah , werden die Gegner denken, jetzt ist klar, wo das hioaut 
soll. !Nun wird die Welt, das grosse unendliche Getriebr, 
dies Werk, wo ein Tritt tausend Fäden regt, in Parallele mit dtf i 
Uhr gesetzt und der Schluss auf den vernünftigen Baumeister im, 
selben ist fertig, die Teleologie ist gerettet. Nein, so denke IT 
nicht zu verfahren. Ich sehliesse im Gegentheile, so wenig als s 
vernünftiger Weise daraus, dass ich die Uhr unter dem C 
punkte des Mecbanismus betraehten kann, schliessen darf, 
das Werk mechanischer Kräfte oder eines vernünftigen WiUflM I 
so wenig folgt daraus, dass ich auch die Welt unter diesem Ges ~ 
punkte auffassen und ihre Zustände mir in jedem Augenblicke nas 
ihm erklären kann, das, was die Monisten daraus machen, aäntlffl 
dass sie seihst durch und durch das Werk blinder, ziel- itwi I 
wussUoser Kräfte ist, „aufgebaut im Wechseltanz der I 

In dieser fehlerhalten Schlussweise aber begegnen sich { 
beide Gegner, der Monismus wie die äusserliebe Teleologie, wie i 
sie genannt haben. Wenn diese Teleologie in den einzelnen PwAt 
der Welt Zweckmässiges findet, so glaubt sie daraus auf einen t 
nUnftigen Wellenhaumeistei-, den Uhrmacher, schliessen zu kOtil 
und dieser Schluss ist als Fehlschluss längst anerkannt. Wenn 48^ 
Monismus aber daraus, dass wir die Zustände der Well uns R 
mechanischen Gesetzen aus einander ableiten können, auch auf ft 
Entslandensein aus der Wechselwirkung blinder Kräfte sehliessl, i 



— 35 — 

sehe Ich nicht ein, wie dicsser Schluss besser sein soll imd was er 
fUr Ursache bat, auf seinen Gegner in dem Gefühle der Ueberlegen- 
lieit und dem Bewusstsein der wissenschaftlichen Einsicht, vornehm 
herabzusehen. In der Tbal hal die na turwissenschafi liehe d. h. 
nieehiiniache Betrachtung der Welt mit beiden Ansichten gar nichts 
zu schaffen; mechanische Betrachtung der Welt und Betrachtung 
^er Welt als Mechanisnius sind eben ganz verschiedene Dinge. WBre 
1 nicht so, rie wollte man sich erklHren, dass die verschieden- 
artigst«» philosophischen Systeme, ausgehend von panz entgeeen- 
ge«etztfn Pnncipien in diesem Verlangen, die Natur mechanisch 
SU eriiliien, tlbereinstimmen. Descartes i;rk]iii't die Natur so mechanisch 
wie Baco (ja consequenter), Leibnitz so mechaniscti wie Locke, 
B«Dt wie Hume. Was hat also der Monismus fUr eine Veranlassung 
$C8 als sein Verdienst in Anspruch zu nehmen? Ihm gebührt Über 
dte mechanische Betrachtung hinaus nur ilas zweifelhafte Vorrecht, 
jene luibegrUndeten Schlüsse gezogen zu haben. 

Wir haben den Streit zwiscbeu Mechanismus und Teleologie 
«nf die Frage zurückgeführt: tässt sich die Natur auch nach andern 
6e&iehtspniiiten betrachten, als dem der Gausalität, welchen die er- 
USrMKle Naturwissenschan mit Recht isolirt verfolgt? Wir uiUssen 
jeClt ontwoilen: „Auf die Naiur lassen sich nicht bloss andere Ge- 
fiiebtspukte anwenden, sondern muss man solche anwenden." Das 
g^ aus dem eigenen Resultate der bloss causaien Betrachtung 
bervor; selbst in ihrer bbchsten Vollendung nämlich lUsst diese an 
der Natur einen ungelüsten Rest und damit Probleme offen, deren 
BeMtlwortung der menschliche Geist wohl oder übel versuchen muas. 
Ote er darin glücklich gewesen ist oder nicht, ändert an der Sacb- 
Iige gar nichts. Hat er diese ungelßsten Probleme bisher nicht be- 
antwortet, nun so bat er vielleicht nur die Aufgabe zu zeigen, wie weit 
Aie ftlcb llberhaupt nur lösen lassen. Auch dies wSre gegenüber alten auf- 
A'ingticben Vei'sucfaen, sie im Stegreif zu beantworten, und gegen- 
über allen kfibnen Versicherungen, sie beantwortet zu haben, schon 
ein «DgeheHerer Gewinn. 

Was iüt das nir ein ungetKstcr Rest? Die causale Betrachtung 

Im, so haben wir schon hervorgehoben, ihre Aufgabe erfüllt, wenn 

sie Bih Veränderungen der Körperwelt in Bewegungen der Atome, 

bewirkt durch deren CeutratkrSfle , aufgelöst hat. Sic geht dabei 

von einem bestinuuten durch Erfahrung gegebenen Zustande der 

Atome, einem bestimmten Stellungsverhitltnisfic derselben aus und 

wmittelt regressiv den geselzmSssig vorhergehenden odw nimmt um- 

BCki^hrt h^potbetiscb einen gegebenen Anfangszusland an und folgert 

nu ihm progressiv die folgenden und zeigt, dass der letzte Zustand, 

H u Amu sie gelangt, mit dem thatsäcblichen Übereinstimmt. Immer muss 

w\ itir bei ihren Schlüssen voi'wfirts oder rUckwUrts ein bestimmter Zustand 

9\ der Atome gegeben sein, den sie einfach als Thatsacbe aufnimmt, 

'~-- «ht ihn erklären zu können, oder erklären zu wollen. Wenn die 



Naturwissenschaft sieb bei dieser letzten Thatsactie als einer schtet^l- 
hin gegebenen benibigt, und wenn sie das von ihrem Standpunkte 
aus auch mit vollem Rechte thut, soll das menschliche Nachdenken 
sich auch mit diesem ihatsSchlicUen Verhalten begnügen ? Das ist ja 
aber grade der Charakter des menschlichen Nachdenkens, dass es 
sich bei keiner blossen Thatsachc, und wäire sie noch so weit uurück- 
liegend, beruhigen kann, sondern auch sie wieder abzuleiten und la 
erklSren, zu verstehen sucht. Das Nachdenken wird also immer 
wieder auf diese letzte Thatsache der Naturwissenschaft zurückkommen 
und immer wieder die Frage nach dem Ursprünge dieser unvordenk- 
lichen Ordnung erheben; und wenn dieses nolhwendige Problem 
nicht durch methodische Untersuchung zu Ibsen gesucht oder 
Wenigstens festgesetzt wird, wie weit es nur ICsbar ist, so wii*d der 
ungeschulte Verstand Antworten auf eigene Faust geben. Der 
HBckel'sche Monismus ist nach unserer AufTasaung ein solches Ant- 
worten auf eigene Taust. 

Um Herkunft der Ordnung der Natur, vorgestellt als Stellung 
der Atome, handelt es sich also. Die causale Betracbtang muss 
dieses Problem offen lassen, insofern sie die jetzige Ordnung nur 
auf eine frühere zurückführt. Selbst wenn sie ihre unendlicbe 
Aufgabe vollstSndig erfUllt, wenn sie die jetzige Ordnung der Dinge 
zurUckverfolgt haben wird bis zu dem Anfangszuslande des ganzen 
Planetensystems als Dampfmasse, meinetwegen sogar noch weiter, 
so wird sie damit dieses Problem immer noch nicht gelöst, sondern 
eben nur in einen IMiheren Zustand der Dinge zurückverlegt habeu, 
Die ur^prUnglicheStellung der Atome ist eine solche gewesen, dassauslhr 
alle spliteren noth wendig hervorgehen mussten. WennderalteMateriali^ 
mus von zuRtlligeo Wirbelbewegungen der Atome redete, aus deren 
Verflechtungen alle Dinge hervorgegangen seien, so ist dies eben 
keine naturwissenschaftliche Anschauungsweise. Wer in der jetzigen 
Ordnung der Welt Einheit, Zusammenhang, einen Fortschrill lo 
dem Vollkommneren zu lindeu meint, und das Ibun aucli dit 
Monisten, muss dies alles aCs Folge der, ursprünglich vorhandenen 
Ordnung gelten lassen, bei der von einem Zufall nicht die Red« 
sein kann. Ist jetzt die Welt eine geordnete und nicht eiP 
Chaos, so ist sie dies in jedem ihrer früheren Zustände auch ge- 
wesen, so fordert es die Wissenschaft. 

Die von der causalen Erklärung also zu irgend ein 
punkte vorausgesetzte Ordnung in der Stellung dei' Elemente dfl 
Welt, kann man die Form derselben nennen. Zur vollen ErklSrijff 
der Welt ist die Erkenntniss dieser Form also ganz ebenso nothwent 
als die Erkenntniss der Kräfte der Elemente. Alle Versuche 
der Erklärung der Welt einen dieser beiden Facloren ausschltesslit^ 
zur Gellung zu bringen, mtlssen nothwendig scheitern. Wie i ' 
bei der Erklärung der Plan etenbewegun gen zweierlei nothwend) 
annehmen mUsseu, die Anziehungskraft der Körper und eine bestiori 



gt^ebene Anfangs^eschwindigkeil, aus deren ZusammeQWtrken die 
(knische Bewegung erfolgt, so können wir auch jeden Zustand der 
Well uns nur aus dem Zusammenwirken jener beiden Factoren 
illeiun: beständig wirkende RrSfte der Elemente und gegebene 
Anfepgsstellung. Man kann bei der Erklüi'ung des Planetensystems 
aucb die Anfangsbewegung noch weiter zurlickverfolgen, su irgend 
einem Zeitpunkte luuss man jedoch hier wie dort mit eineai 
äCtilechlhin gegebenen Zustande anfangen, dessen weitere Folgen die 
fernerea Gntwickelungen sind. 

Die Versuche der WelterklUrung kSnnca sich also auf die An- 
ubme blosser Atome, ihrer Kräfte und Beweguiigsgesetze nicht 
bescbi^nken; sie müssen das zweite Element — das wir das der 
hm nannten — in irgend einer Weise einführen. Wenn wir 
(iben schon sagten, der antike Materialismus habe in der Erklärung 
iw Well seine Zuflucht zu luRilligen Wirbelbewegungen genommen, 
U steckte in dieser sinnlosen Annahme wenigstens die Anerkennt- 
Bies, dass ohne die Hinzuaahme eines derartigen Elementes trotz 
tller Stoffe und Krätte eben nichts zu Stande kommt, dass mit 
iDdern Worten irgend ein P'ormprinzip nothwendig ist. Geht es 
otueren Systemen besser? Wir brauchen wohl nur an die zufälligen 
AtiSnderungen zu erinnern. 

KDoch Häckel und sein Monismus will das Unmögliche möglich 
m. Er proelamirt es als seine Aufgabe: das Werdeu der 
baechsnisch zu erklären, und meint diese Quadratur des 
K geltist zu habea. Das Werden der Form mechanisch ei- 
D Soll dies nur hetssen, dass die jetzige Formwclt noth- 
E, aus einer fiilheren hervorgegangen ist, diese wieder aus 
Bnderen u. s. 1'., so hätten wir gar nichts eiuzuwenden, als 
Bon Hervorgeh ebene, nttmUch, dass er dies thatsächlich noch nicht 
it hat, sondern dass dies nur das leider in noch unendlichei' 
e stehende Postulat der Wissenschaft ist. In der That aber 
it dies nicht der ausschliessUche Sinn , sondern in unklarer 
fisebun^ wird damit noch ein weitei'geheiider Gedanke verbunden. 
^euQ Häckel in seiner Kohlenstofitheorie z. B. den Grund der Lebens- 
cncheinungen in physikalisch - chemischen Kräften gefunden zu 
l'tiMn glaubt, oder die höheren Lebensformen von den niederen, 
idilieaslich aus dem Urschleim ableitet, so ist der Nebensinn immer 
br, dass das Geformte aus dem Ungeformten — oder wie er sagt 
Fannlosen — hervorgegangen sei; und geiade darin erblickt er 
du Kennzeichen einer Erklärung und erblicken wir den 
Widersinn. 

Wenn der Materialismus von der Ewigkeit des Stofl'es und der 
Ewigkeit der Kraft redet, so hat er darin vollständig Recht; er vei'- 
^t dabei nur, dass wir in dem oben entwickelten Sinne jedoch 
lach die Ewigkeil der Form hinzuzunehmen haben. Wie eine 
Kran nicht entsteht, sondern alle Kräfte immer nur Modilicationen, 



n 
$ 



t 



immt;r andere ErscheinungsweiseD derselben sind, so entsteht aucb 
Dicht die Form aus dem FarmloBen, sondero entwickelt sich Form 
aus Form als neue Modification — lünauf bis zu -dem Urnebel, j 
den wir uns hilutig nur formlos denken, weil wir von der Stellung der I 
Elemente abgehen, die so gewesen sein muss, dass sich alle» I 
Folgende entwickeln musste. Die jetzige Fonnwelt, die Lebewesen | 
eingeschlossen, ist damit nicht eiklSrt, sondern, indem das Problciu I 
nur auf jenen frUbern Zeitpunkt zurückgescboben ist, ist es nur I 
um so auffallender und wunderbarer geworden. Dieser Urnitbel I 
ist dann dei' Weltembryo, der den Schatz aller folgende!) Wahr- I 
heilen — aber auch aller unserer Probleme schon enthält I 

Wenn aber der Monismus erkläi'en sollte, so, wie wir es an- I 
nehmen, sei die Sache von ihm auch gar nicht gemeint; er wOlla I 
nicht das absolute Werden der Form, sondern nur ihre Umvini- I 
lungen erklären, so ist davon nur so viel richtig, dass er sieb iu I 
Pi-obleui überhaupt uicht scharf gestellt hat; sonst kUonte er von I 
einem mechanischen Wei'den der Form so wenig reden, wie er 1 
von einem Werden des Stoffes und der Kräfte redet. Dass ff I 
aber doch diesen Widersinn hegt, ist unzweifelhaft; unter m- I 
seitiger Betonung des einen Elementes der Wirklichkeit verficbl f I 
wie der Materialismus ja den Satz, dass die ganze Welt das Producl I 
des Stoffes, seiner Kräfte und Bewegungen ist. I 

Haben wir Recht und ist die Foi'm zur Welterk^rung >o J 
nolhwendig, wie der Stoff und die Kräfte, und ist das eine Elemrtt I 
auf das andere nicht zurückzuführen, so eihellt, dass man ia dffl* I 
Betrachtung der Welt auch dieses zweite Element an ihr iseUreo 1 
kann ; dass dies dann aber natitrlich eben so eine Abstraclion VOt* ' 
dei' vollen Wirklichkeit ist, wie es eine ist, wenn man nur leo 
Stoff und seine Kräfte — unter Abstractiou von der schlecbt!»**- 
gegebenen Anordnung der Elemente — als das die Welt CW — . 
stituirende erklärt. Man kann beide Äbstractionen der WirklicbKn'j 
hypostasiren, dann erhält man auf der einen Seite den fonnlo^j 
gedachten Stoff der Materialisten, auf der andern die HC^iK^t'^r'i 
formen der Dinge, die platonischen Musterbilder" u. dgl. Wi*" 
lehnen beides ab, weil wir wissen, dass nur unser isolirenJ^^ 
Verfahi'en beide Seiten an der vollen Wirklichkeit untersclieid«'' 
halten andererseits jedoch fest, dass vrieder nur durch solche A^" 
straction uns ein klares Erfassen möglich ist. Nennt man Df*^ 
das Zrurllckrübrcn aller Eracbeinungen der Welt auf div. Atome, ihf^ 
KrUtte und Bewegungsgesetze — ein ZurlickfUbren, welches, * 

gesehen haben , die eigenthUmliche und nolhwendig 
Methode der Naturwissenschaft ist — die Erklärung aus den wi«" 
kenden Ursachen; so hat man andererseits in dem, was die Natt>'' 
Wissenschaft voraussetzt, in dei- schlechthin gegehcnea ursprUi^d 
lieben Anordnung nämlich, thatsächlich das Formprincip aA* 
die verketzerte causa formalis aller Erscheinungen. 



10 J 



Wenn wir es also abgelehni haben, in die Naturwissenschall 
formale Prindpien eiuzufQhren, — wie diese sich auch nennen — 
80 treibt uns dazu derselbe Beweggrund, auB dem wir eü auch 
ablehnen müssen, in der Mathematik empirische Verrahren Oder 
Beweisgriinde anzuwenden. Die Natu ■'Wisse uscbafl kennt das Form- 
princip nui' in der Gestalt einer ui'anföiie'ichcn Ordiiiing. Wenn 
■einzelne Forscher also Ton inneren richtenden Kräften reden, 
welche in die Erscheiaung treten, so habim sie wohl Recht, aber 
haben damit nur den vorläufigen Ausdruck für ein zu Ifisendes 
Problem gegeben. Ihre allerdings unendlich schwielige, vielleicht 
uumfigliche Aufgabe wäre es, diese sogenannten inneren richtenden 
KrXfte abzuleiten aus der Stellung und Anordnung der kraft- 
Elemeule. In dieser Beziehung sind wir also strenge 
. Die Naturwissenschart soll ihr Princip ausschliesslich 
verfolgen, wie die Mathematik das ihrige. — Wenn wir aber 
andererseits über die Naturwissenschaft faiunusgehen nnd die Weh 
seUisl erkläieu wollen, dann haben wir wieder alles das, wovon 
die einzelnen Wissenschalten in noth wendiger Einseitigkeit ab- 
stribirt hüben, zu sammeln; dann werden wir die ursprfloghche 
Vurau&setzuug aller Erklärnngen der Naturwissenschaft in ihrer 
Tollen Bedeutung zu würdigen haben. 

lüh fasse das Ergeboiss unserej' Betrachtung so zusammen : 
diH, wovou die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete mit Recht 
abstrahirl, leugnet der Monismus; so gelangt er von dem Satze. 
di83 die Naturwissenschatl es nur mit wirkenden Ursachen lu thun 
bibe, zu dem, es giebt uur wirkende Ursachen. Auf diesem 
ttuEcbeuden Grunde Ist sein ganzes Lehrgebäude errichtet. 

5. iKt unsere Auffassung von dem Ziele, wie der Methode 
to Naturwissenschaft richtig, ergiebt sieb von selbst, was wir von 
Ür für den Zweck einer einheitlichen Weltanschauung zu erwarten 
hlben. Will die Naturwissenschaft als solche nicht mehr Ursprung 
nad Wesen der Dinge ergründen, sondern liegt ihr ebaracteristi- 
«lies Merkmal gerade darin, dass sie auf diese volle Erkenntniss 
*Cfzichlet und statt derselben uur ein einziges berechtigtes Ei- 
- toniDgsprincip mit rücksichtsloser iüonsequenz in die Welt der 
Ibisse hinein verfolgt, so ist ganz selbstverständlich, dass sie uns 
^n OUT die Welt der Dinge von einer Seite seigen kann, 
■'«ie Weltanschauung, die eine Ansicht über das Wesen der Dinge 
*6lbst aufstellen will, wird ihr Princip nun so fassen müssen, dass 
*w iluß auch jene Seite sich ableiten lässt — wenn iiichl, hat die 
HMjirwissenschaft ein Recht, Widerspruch zu erheben, und so weit 
teichi ihr berechtigter EinQuss; — aber aus der einseitigen Be- 
iMiAtUBB der Naturwissenschaft allein eine Weltanschauung ableiten 
'^«nllen, ist ein ganz vergebliches Unteifangen. 

"len mit andern Worten in der Naturwissenschaft nicht 
Aaft, sondern nur eine zu einem bestimmten Zwecke 





— 40 — 

mit vollkommenem Rechte einseitig ausgebildete Methode der 
Wissenschaft. Die Behauptung, dass aus der Natui-wissenschaft 
nicht eine allseitige Betrachtung der Dinge sich ergebe, 
wenig eine Anklage gegen die Naturwissenschaft, als es eine An- 
klage gegen das Auge ist, dass es nicht zugleich fühlt oder hört 
Wii' meinen in der Thal, dass der menschliche Geist hier nur 
selbstthälig so verfahrt, wie es ihm die Mutter Natui' auf ihrem 
Gebiete vorgemacht hat. Wie das specielle Sinnesorgan sich nut 
dadurch ausbildet, dass es sich aus der allgemeinen Sinnesfunctioii 
herausdifferencirt, so gelangt auch die menschliche Geistesthati^nl 
nur dadurch zu grösserer Schärfe und Klarheit, dass sie sich IU> 
einem bestimmten Zwecke specialisirt. Wer in dieser Arbeits 
theilung mit Recht einen Fortschritt sieht, niuss andererseits die 
Beschränkung der Aufi^abe fUr dieses Organ mit in den KinT 
nehmen, sonst weiss er nicht, was er will. Wie in Folge te 
eigenen Principes also das specielle Sinnesorgan, das Auge i- B. 
dann trotz aller SchSife und Klaiheit immer nur die Welt des 
Auges uns erscbliessen kann, so giebt ihrem eigenen Wesen uub 
die Naturwissenschaft uns immer nur — nicht die Welt, sonilon 
die Well ihres Principes d. h. die Welt, soweit sie uns unter dem 
Gesichtspunkte des Mechanismus eischeint. Darüber kann sie — 
und wenn sie sich noch so weit ausdehnt — nicht hinaus, und die 
Erwartung, dass dies bei weiterem Fortschritte anders werden seilte, 
die Erwartung, dass die Ströme der Naturwissenschaften sich tu 
dem Meere einer neuen Weltanschauung vereinigen werden, id 
ganz thfiricbt. 

Grade aber, weil das menschliche Erkennen nur durch soIelKS 
Isoliren zur Klarheit und Bestimmtheit gelangen kann, erhellt, du» 
es andererseits noch einer grade entgegengesetzten ThStigkeilsvÖH 
bedarf. Die isolirt gewonnenen Erkenntnisse müssen wieder il 
Verbindung gesetzt werden ; und um dieses Vereinigen oder in Vff- 
bindung setzen, handelt es sieh, wenn nun von einer einheitlichen 
Weltanschauung die Bede ist. Die Arbeit tttngt hier grade da tu, 
wo die Ai'beit und Methode der Naturwissenschaft aufhört. Aucb 
hier hat nach meiner Ueberzeugung uns die Mutter Natur den G»nj 
vorgezeicbnet, und haben wir nur mit Bewusstsein densetbet 
Weg zu verfolgen, den sie auf ihrem Gebiete einschlägt- ^^ 
Empßndungen, welche Auge, Ohr, Gefilhl uns völlig isolirt Mefem, 
vereinigen wir erst selbstlhatig — wenn auch unbewusst — lU 
der Anschauung der Aussenwelt; ohne diese Selbsttbätigkeit , dit 
ganz Neues schafft, giebt es überhaupt keine sinnliche Anschauui^' 
und so haben wir bei den bewussten Geistesoperatiotiea auch li 
verfahren d. h. aus den speciflschen Ergebnissen der isolirendei 
Geistesarbeit bauen wir uns nur durch Selbstthätigkeil unser 
aeisiige Weltanschauung auf. Wenn nicht das Meer, so doch iW 
Quell der einheitlichen Wellanschauung tragen wir in unserem eigeoC 



Gräte; ist er hier versiegt, helfen uns alle Naturwissenschaften zu- 
suDiaen nichts. Das Evangeliuni taucht nicht aus dem Meere der 
ViEsenscIiarten auf, die frohe Botschaft geht von Geist zu Geist. 

Was treibt uns aber überhaupt an, eine einheitliche Welt- 
■nsclmuung zu erstreben und warum heruhifien wir uns nicht bei 
dm isolirten Ergebnissen der einzelnen Wissenschaften? Was uns 
Mtraibt? Unser geistiges Wesen selbst. Was soll ein noch so 
goles Auge einem Organismus, der es nicht zu nutzen weiss und 
"^ soll uns alle diese Erkenntniss der Ordnung der Welt, alle diese 
lierrliciie Genauigkeit und Zuverlässigkeit unseres Wissens, wenn sie 
üiclils als eine passive Abspiegelung der Aussenwelt ist? Wir sind 
eben lebendig strebende und uns regende Wesen und als solche 
^lißgen wir und müssen wir alles, was wir erkennen, in Verbindung 
bringen mit unserem eigenen geistigen Wesen und seinen Zielen, es 
Uns als Anregung zur Förderung oder zur Gegenwirkung dienen 
"8Mn; mtissen wir, wie Zöllner sagt, die Arbeit des Kopfes in Ver- 
bindung setzen mit dem Pulsschlag des Herzens. Und so philosophirt 
tua specuiirt auch jeder Mensch und trägt seine eigene Welt- 
^MhauuDg mit sich herum, auch wenn er sie nicht immer in klare 
B*piffe zu bringen weiss. Sollte dies wirklich ausnahmsw«ise einmal 
nicht der Fall sein, so wäre es — falls es überhaupt denkbar 
ist, — nur das Zeichen gänzlicher, geistiger Verkümmerung oder 
Slumpfsinnigkeit. 

So wenig sich in der That ein Thier damit begnügt, die Natur 
Dur anzustarren, so wenig können wir uns auf dem geistigen Ge- 
ißle damit beruhigen, eine überhaupt nur mechanisch geordnete 
Well Tor uns zu sehen. Gegenüber dieser blossen , uns fremden 
OrdDUDg regt sich unser lebendiger Geist und will wissen, was diese 
{RDie Natur, deren Zustände wir uns in der Wissenschaft ausein- 
abzuleiten gelernt haben, denn selbst ist; denn erst von der 
'Ortung dieser Frage und nicht von der der Naturwissenschaft, 
ib, welche Stellung und Aufgabe uns selbst in diesem Ganzen 
lOT zukommt. 

..so das haben wir dem Monismus vorzuwerfen, dass er 

ÖBlsSchlich Über die Naturwissenschaft hinausgeht; denn dies muss 
er, Wenn er überhaupt von den bedingten Erkenntnissen der Wissen- 
«hafl zu einer einheithchen Weltanschauung gelangen will. Wir 
werfen ihm im Gegentheil vor, dass ei- sich darüber nicht klar he- 
wosst ist, wo und wie er über die bloss ableitende Wissenschaft 
m seinen Urtheilen hinausgeht; und werfen ihm weiter vor, dass 
er in Folge dieses Mangels bei diesem Hinausgehen ganz willkUr- 
lieh verffihrt. 

Ist es denn wirklich so sehr in unser Belieben gestellt, wie 
verfahren haben, und kann ein jeder auf diesem Gebiete 
inaunten Speculation uns irgend welche EinISlIe über die 



— 43 — 

böchsten Diuge zum Besten ^eben? Oder habtm wir aucb bi«r 
Maasstab der Beurtheilung ? 

Wir sehen in den Aussprllcben des Moiuämus nichts als » 
willkUrlicheu Einfälle. Weil es ibm so gut dllnkt, vei-wandelt ei 
bedinge, unter gnnz best im inten Voraüssetzuugeu geltenden Url 
der WisscDScbaft in unbedin^^te ürtheile, die Sätze, wi^lche nur j 
sind für die Ableitung der Erscheinungen auseinander In SSUe 
dafi dadurch gttnzlich unerklärte Wesen der Dinge selbst; »o vi 
ibin die Atome und ihre Krllfte nicht Hiilfsmittel der Erklü 
sondern absolute Priosipien des Wei-dens. Und sein Unternel 
wird dadurch nicht besser, dass er selbst gar nicht weiss, dai 
eine solche Unibildung mit den natumissenschaAlichen Kategt 
unternimmt. 

Demgegenüber halten wir fest, dass die Weise, wie wir 
die Natumissenschart zu einer Weltanschauung hinauszugehen hi 
gar nicht so beliebigem Ermessen anhelm ^cegebeu ist. Man 
nur Überhaupt wissen, um was es sich bandelt und wdch«. 
erreicht wei'den soll. 

Wir haben das, was erreicht werden soll, in dem Obigen 
so hczeichget: „Die isolirten ErklSrirngsprincipien der Wissenscb 
sollen zu einer Einheit verbunden werden. Um dieses Vereil 
handelt es sich, wenn voti einer einheitlichen Weltanschauung 
Rede ist." 

r4un wird sich später zeigen, dass wir noch gant 
PriDcipien, von denen bisher in unseren Betrachtungen ooct 
nicht die Rede war, gleichfalls berücksichtigen müssen, wmn 
nicht eine ganz einseitige Weltauschauung entwerfen wollen; 
davon fUr jetzt noch abgesehen, kann es sich auf dem vorliege 
Gebiete nur darum handeln, die beiden Principieo, zu denei 
erklärende Naturwissenschaft gelangt war, in einer Anschaunaf 
der Natur zu vereinigen. Diese beiden letzten, auf einandw 
mittelbaren nicht lurilclirührbaren Principien waren die l 
mit ihren Kräften und Bewegungsgesetzen auf der einea, 
ursprünglich gegebene Anordnung dieser Atome als Fom^ 
auf der andern Seile. Von der Naturwissenschaft zu einer ' 
anschauung fortgehen, heisst daher grade, diese beiden Principien 
mit andern Worten Mechanismus und Teleologie zu einen, 
wovon die Natui-wissenschaft bei ihrer Methode mit Recht al 
hirte, wieder in das volle Weltbild aufzunehmen. 

Verfolgt man diesen Zweck nicht, so ist überhaupt 
erfindlich, wie man zu einer einheitlichen Weltanschauung gel 
will. Man milsste denn den Wahn hegen, aus einer bloes«i 
straclion von den Dingen rückwärts die Dinge selbst eHtlKr 
können. Es bleibt nur dieser Wahn übrig, oder, — wenn maQ 
zieht — das Nichtwissen oder Nichtwissenwollen, dass die 
Wissenschaft nur solche abstraclen Erkenntnisse giebt 



Von diesem Standpunkte aus ist naeb meiner An&iefat der 

Uoiiismus als Wellangcbauung — Dicbl der Monismus, sofern er sieb 

DUt mechanischer Betraclitung der Dinge verwechselt — zu be- 

urtbeUeu. Viean er nun grade als sein Ziel aussprichl, die Teleologie 

■US der Weltanscbauung zu verbannen, ohne dass er irgend einen 

Versuch machl, dafür in einer andern Anschauung z. B. in einer 

allum fassenden Substanz das Princip der Einheit für die Vielheit 

der beziehungslosen Elemente zu suchen, — so heisst das nidits 

anders als die Aufgabe der Vereinigung zweier Principien dadurch 

zu IGsen, dass man das eine hin wegistreicht, Dass ist allerdings 

m höchst einfacher Process. Monistisch ist das Verfahren, aber 

nicht die Weltanschauung. Es kann sich daraus gar keine Welt- 

aagchauung ergeben, weder eine monistische noch dualistische. 

Wenn ein deiartiger Versuch doch wie eine Art Weltanschauung 

aussieht, so geschieht dies nur dadurch, weil — wie wir in unserer 

&citik gesehen haben — allerhand Zuthaten stillschweigend und 

iditte alle Berechtigung beigegeben werden, Zuthaten, welche mit 

ikm proclamirten Principe in gar keinem Zusammenhange stehen. 

lo dieser Beziehung steht der Monismus uns durchaus unter 

seinem Gegner, dem sogenannten Dualismus. Der Dualismus hat 

Uide Principien vor sich, weiss nur nicht, wie ei- sie zusammen- 

tiringen soll; dieser Monismus rühmt sich, dass er nur ein 

Prindp hat, aber einfach deswegen, weil er das andere über Bord 

sem)rl'en bat So lange aber, als die Naturwissenschaft noch 

nichl — ich möchte sagen — über ihren eigenen Schatten zu 

Spinaen gelernt haben wird, wird es ihi' unmöglich sein, aus der 

"elieit der Elemente die für die Wellanschauung nothwendige Ein- 

ta der Zusammensetzung herauszubekommen. 

Der Dualismus sieht wenigstens eil), dass man mit den blossen 
SUmentcn und ihren KrSiten und Bewegungsge.'tetzeu nicht zu einer 
Veltin Behauung gelangen kann und dass es des Principes der Ein- 
iMil audi bedarf. Wenn er nun meint, die m der Welt Torhandene 
Oi^Dnag weise deutlich hin und sei nur erklärbar durch die An- 
Dliiniti eines mit Bewusstsein und Willen schaffenden Urgrundes 
^ Well, welcher, wie er den Elementen selbst ihre Kräfte verliehen, 
M lucli die erste Ordnung zwischen ihnen gestiftet habe und noch 
vtiter filetig erhalte; — so glaubt sich der Monismus berechtigt, 
äiwc Anschauung einer wirkenden Gottheit als Aberglauben ver- 
'^potten zu dürfen; — was ist denn aber seine Annahme, diese 
Scli^ilnnerei für die lodten Stoffe als die faciischen Träger und 
läUen Elemente aller Wirkhchkcit? Diese Stoffanbetung ist nichts 
*1> Felisthismus, gekleidet in das erborgte Gewand der wissen- 
*«i»ftlichen Belrachlung, die mit diesem Aberglauben gai' öichts zu 
^tiaSiü hat. Er ist und bleibt eine blosse Privatliebhaberei einzelner 
^WBcher, die nidit noch veisuchen sollen, ihn unter dem Namen 
"*' WiBi^schaft anderen aufzudrängen. 



Wir stimmen im Gegentheil dem Dualismus in der tdff^ 
Zeugung voll zu , dass sich aus dem blossen Spielt 
Elemente die thatsSchlictie Welt nicbt ableiten UsH; 
sind mit ihm der üeberzeugung, es sei noch eher möglich anzund 
dass aus den 2i Buchstaben des Aiphabeies sieb die bomerit^V 
Gedichte von selbst zusammengefügt haben, als dftss diese phyailuiliEA 
chemischen Elemente als ungeordnete, beziehungslose, als - 
möchte sagen — eine Summe kleiner Gottheiten gedacht, vieii 
der Monismus denkt, sich von selbst zu dem Bilde der Welt zi 
gefügt haben; wir erkenneo ferner an dem Dualismus an, dass er* 
ein geistiges Princip d. b. auf das H(>chste, nicht auf das I4ieiln||! 
ausgeht. Sein Fehler liegt darin, dass ev diese Idee durtb ( 
blosse Naiurbetrachtung glaubt begründen zu künnen. Diosl 
grUnduug scheint uns nicht nur vergeblich, sondern gradenij 
fährlich. Wir gelangten dann und inUssen gelangen zu l'^ 
Urgründe der Natur, an dem wir das grade nicht haben, W 
lür unser eigenes Leben und Streben, dar — wie wir ge 
haben — geheimen Triebfeder der ganzen Anschauungsweise ei|l 
lieh haben wollen. Der Fehler liegt aber weiter darin, dass < 
aus diesem obersten Principe nicht jene beiden Seiten des Problal 
die man vereinigen wollte, ableiten kann. Gesetzt auch die 
der Welt sei durch diese Annahme zufriedenstellend erklHit, 
bleibt doch die Welt der Stoffe dem obersten Willen, 
Intelligenz fremd und unabhängig gegenüber. Das Wirken 
Intelligenz wird dadurch zu einem blossen Arbeiten an dem 
sich schon wirkungsfShig vorausgesetzten Stolle; mit andern Wo 
dieses Wirken erscheint ungehörig vcrmenschlicbl. Wir Mensc 
sind darauf angewiesen, einen uns gegenüberstehenden Stoff in 
Formen und Verbindungen zu bringen und so spottet der MODii 
nicht ohne Berechtigung, dass sich der Dualismus dies hSt 
Wirken nach dieser Analogie gleichsam wie das des Ubrnut 
denke, welcher erst die Rader zu feilen, das Werk zusammei 
setzen und ab und zu — um es im Gange zu erhalten — l 
die Gewichte aufzuziehen oder die Feder zu spannen habe. 

Diesen eigentlichen Denkfehler des Dualismus , dass seli 
Principe die Welt der Stoffe gUnzIich fremd gegenüber bleibt, m 
der Monismus aber dadurch wett, dass er aus seinem Principe 
Ordnung und Einheit gar nicht ableitet. Ich wUsste daher Bl 
was er sich seinem Gegner gegenüber zu rUbmen hat. 

Dem lUonisnius sowohl wie Dualismus gegenüber halten 
fest, dass wir uns Mechanismus sowohl wie Teleologie in 
Grunde der Natur als geeint zu denken haben. Ja Natur ist 
diese Einbeit beider Principien; einen andern Begriff von ita 
mögen wir wenigstens, so lange wir bei diesen Betrachtungen ste 
bleiben, nicbt aufzustellen. Eine Berechtigung hier schon d' 
Grund als geistigen zu fassen, haben wir noch nichL Wir t 



— 45 — 

^b^T andererseits nicht erst nüthig, beide Principien zu einem 
(efiriffe zusammenzusetzen, nachdem wir dazulegen gesucht tiaben, 
|a9S jene beiden Principien nur durch unser isohrendes Verslands- 
'CrWhren an der Natur unterschieden worden sind. Das, was man 
ionst unter Natur versteht: die Summe der mit RrSften begabten 
Slemente und ihrer allgemeinen Bewegungsgeselze tritt uns so nur 
das richtige Vertiältniss ,als eine Abstraction von diesem vollen 
Katurbegriffe zurück. Was wir darnach hier in unserer Welt- 
l^scbauung unter Natur verstehen und was die abstrahirende Natur- 
WiSseDGChaFt imter Natur versteht, deckt) sich gar nicht und kann 
iiud soll sich gar nicht decken. 

Daraus, dass man diese beiden Begriffe, diesen vollen und den 
fn der Wissenschaft davon abstrahirteu , durcheinander wirft, ent- 
ndiea die verkehrtesten Uilheile und Schlussfolgerungen. Wenn 
nan i, B. betont, dass wir Menschen, wie alle Wesen aus der 
Itattir hervorgegangen sind, so antworten wir: Ganz richtig, nur 
tet fllr Natur hier nicht jene Abstraction der blossen Elemente und 
BeveguDgsgesetze zu setzen. Dass diese uns, wie die ganze Welt, 
geschaffen haben, ist eine Annahme, gegen welche jede andere 
SchCpFungstlieorie, selbst die der Schöpfung aus Nichts, unserem 
Yenisnde ein blosses Rinderspiel zumuthet. Nehme ich aber Natur 

IIB jenem vollen Sinne, wie es zu nehmen ist, wenn es sich um die 
Klrkliche Entstehung, den Grund der Existenz, nicht um die blosse 
Ableitung des Eutwickelungsherganges handelt, dann ist der Satz, 
im wir aus der Natur hervorgegangen sind, wieder selbstverständ- 
Vi^ Unsere Existenz wird dadurch nur auf den Grund aller Dinge 
BirU^gefUhrt, in dem wir natürlich auch begründet sind und gern 
It^ndet sein wollen. 
Auf diese Weise kann ich mir auch nur die verkehrten Urtheile 
flicbl nur der Monisten, sondern vieler Naturforscher [Iber die Auf- 
ffiiit der Naturphilosophie erklären. Sie legen immer ihren abstracten 
fdliirbegriff unter, um den es sich gar nicht handelt. Freilich ist 
lUiugegtehen , dass man auch auf der andern Seite sich von dieser 
Verwechselung nicht immer fern (gehalten hat. Bei der Ausbildung 
bfiider Begriffe folgen wir in der That aber, wie wir darzulegen ge- 
*«cbl babeu, grade entgegengesetzten Bedürfnissen unseres Erkennens. 
lu Folge dieser Verwechselung der gestellten Aufgabe glaubt 
Hicliel £. B. es für einen BUckfall in scholastische Vorstellungen 
UHhen zu müssen, wenn Kant, welcher so krallig das Becht der 
"ischaiiischcn Forschung selbst auf dem organischen Gebiete betonte, 
*^er den Gedanken der Descendenz, wie Häckel selbst sagt, mit 
UiHlerhaller Klarheit ausgesprochen hat, doch fortfahren konnte: 
n^ gleichwohl müsse der Naluiforscher zu diesem Zwecke der 
^IgUriuen Mutter eine auf alle diese Geschöpfe zweckmässig ge- 
*>ellle Organisation beilegen." Er übersieht, dass die Aufgabe hiei* 
"i^l ist, den Entwickelungshergang zu beschreiben, bei dem bloss 



— 4« — 

mechanisch zu verFahreo ist, sunderu eine Ansicht Über die 
ilinguugen 711 fassen, unter denen dieser ganze Entwickeln ngsgt 
selbst nur möglich ist; und dftss wir dann — wenn 1 ' 
denken wollen — das, wovon wir bei jener abstraWen ErkISn 
abgesehen haben, unbedingt wieder auTnchmen mUssen. 

Wird — wie es in dem Streite Aber den Darwinismus | 
sefaieht — daher die alle Frage wieder aufgeworfen, schreiten 1 
Tbiere, Weil sie Kniee haben — oder haben sie Kniee um sdlrell 
zu können, sehe» sie, weil sie Augen haben oder haben s 
um sehen zu können n. s. w. so erklären wir die ganze Frage 
verkehrt. Man denkt sieh — sonst hsi die Frage Uberbaapt keil 
Sinn — Seilen an der Natur verselbständigt, welche la der T 
nur durch unser abstrabirendes Denkverfahren unterschieden v 
Die ableitende Nalurwissenschaft selbst hat mit diesen ErkiaruBf 
nichts zu schaffen, weder mit der einen, noch mit der andern. 

WoBu sind wir also diesen einseiligen fietraehtungen i __ 
über gelangt? Wir verlangen iUr unsere Weltanschauung ansntlil 
losen Mechanismus, wie ausnahmslose Teleologie. Wir haHM 
nur für ein aus der dargelegten Ven^ccliselung hervorgeiuii 
Hissverständniss, wenn man glaubt, beide scbliessen einander H 
während in der That nie das eine ohne das andere sein kann. ~' 
uns in der Natur gegenübertritt, ist nicht Formloses, sondeni ( 
fonntes, die Natur ein geordnetes Iteich der Dinge. WSre es bI 
so, kitnntea wir die Natur llbeihaupt gar nicht aufFasReo, gesd)in 
sie erklSren. In diesem Gedanken aber, dass nichts die Folge eil 
isolirt gedachten Naturniedianismus, nichts die Folge einer biMi 
Vielbert zusammengetretener, heziebungsloaer Elemente ist, hlAI 
Teleologie ihre bleibende und unumslösslicfae Berechtigung, I 
Vorstellung eines blossen mechanischen Geschehens, oäet. Wie Kl 
efl ausdruckt, einer Autokratie der Materie, ist eben nichts als i 
Abstraction; verselbständigt man dieselbe, so hat sie gar keine! 
deutung. In diesem Sinne aufgefasst — und so ist es außtufaasel^ 
hat Kant trotz Darwin und Häckel such heute noch Iteeht, 1 
die Entstehung auch nur eines Grashalmes aus dem bl(P9l 
Mechanismus der Natur für unmöglich erklärt. 

Aber grade weil wir zu der Erklärung jeder Erschemung M 
Phncipien gebraueben, Meohanismus wie Teleologie 
gelten lassen, kännen wir uns nicht — und mUsseii dies ausdrQ 
lieh hervorheben, — mit der Kantiscben Begründung für einvers 
erklären. Kant leitet die Berechtigung der Annahme des ) 
Erkläningsprtncipes d. h. der Teleologie zu ausschliesslich k 
Betrachtung der organischen ISatur ab. Dem gegenüber hafcoi 
von vornherein die Berechtigung auch dieses Piincipes auf die gt 
Natur ausgedehnt. Wir können nur anerkennen, daas die Ulin 
lichkeit, sich bei dem blossen Mechanismus zu beruhigen, bei 
Betrachtung der organischen Erscheinungen Überzeugender her 



tritt. Bei einem organischen Wesen haben wir — ich machte 
sagmi — ein mehr vergleichsweise Ganzes vor uns; bei der Be- 
ttulititng eines Theiles der sogenannten anorganischen Natur können 
*ir leichter davon abstrahiren, dass es eben nur ein Theil des 
Ginzea ist; und so sehen wir hier Über den andern Factor der Er- 
kllrung leichter hinweg. 

Der Unterschied in diesen Fassungsweisen ist eiheblieh genug. 
Viil man sieht nur den Kantischen Gedanken, sondern auch seine 
BegrBndutig noch fpsihatten, bo gelangt man mit ihm zu zwei ver- 
schiedenen Gesetzen der Nalurerkiärung, zu allgemeinen und zu 
"peciellen d, b. nur für die Organismen gültigen und sich in ihnen 
b^thHligcnden. Man sieht dann in den Organismen z. B. treibende 
KriA« zum Vorschein kommen, die nach festen Zielpunkten eines 
fc«tinimlen Wirhena und Thuns hinarheiten; man versucht dann 
"lieh der Lehensknft noch eine gute Bedeutung zuzuerkennen u. s. w. 
(t. Bona Meyer). Ich halte es nicht für einen glücklichen Gedanken, 
<l>aem Wege zu folgen. Die Naturwissenschaft wenigstens wird 
■Idi ntMuer Ueberzeugung gegen dieses Hinein tragen specieller 
Geifltte in die allgemeinen entschiedenen. Widerspruch erheben 
nUsse». 

Für Kant selbst ist diese Fassung seines Gedankens nur die 
fttige seiner erkenntniss - theoretischen Voraussetzungen, Er muss 
Von dem einmal angenommenen Standpunkte aus zwischeu all- 
gmieinen und besonderen Gesetzen unten<cheiden. Mir scheint 
dies dagegen grade ein Hinweis zu sein, nach welcher Kicbtung 
hin man auch auf dem erkenntnisstheoreti sehen Gebiete den 
Kantiacben Grundgedanken umzubilden habe. Man mu9s eben, wenn 
nun diesen Zwiespalt vermeiden will, den Begrilf der Kategorie von 
v«niherein erweitern, so dass die Einheit, welche in ihr gedacht 
Wird, nicht bloa die mathematische und mechanische ist. 

Wenn daher Kant nach dem obigen Citate fortführt: ^man 
Miin« sich nicht anmaassen, die Erzeugung des Thier- und Pflanzen- 
Tuches von der Bedingung der Endursachen unabhängig gemacht 
Wi tmben," so setzen wir hinzu, gewiss nicht, und ebensowenig die 
Kntskehunt' ii^end eines Dinges oder dieser ganzen Summe der 
Koge von der ersten rotirenden Dampfmassc an bis herab zu allen 
bi§enden Umbildungen. Immer und nicht blos in der Beuriheilung 
Air organisirten Wesen haben wir eine ursprüngliche Anordnung 
MhoD zum Grunde zu legen; nur durcb diese Anordnung gelangt 
^Mechanismus selbst dazu, andere Formen hervorzubringen oder 
''Ortandene weiter zu entwickeln. 

Mit dieser Fassung des Verhältnisses zwischen Mechanisuius 
QBd Teleologie, in der wir nur die Conaequenzen der Naturwissen- 
sdnlt selbst gezogen haben, nicht, indem wir einfach auf ihrem 
Wege und in ihrer Methode, die Dinge zu betrachten, weiter gingen; 
ir das wieder aufnahmen, was sie still- 



^-^»^^»- -w- _ i8 _ 

Rchweigead vorausseUt: — in dei' L'cberzeugiing, dass dies gra^ 
unsere Aufgabe ist, wenn wir auf eine Weltanschauung ausgelien;- 
ich sage, mit dieser Fassung des Verbältnisses zwisctien Mechaail 
mus und Teleologie will man sich häufig nicht begnUgen. 
findet biorbei das nicht, was bei dem Streite zwigchen Mechanis 
mus und Teleologie sonst in den Vordergrund irilt. Wir 1 
bisher nur von der Ordnung der Dinge gesprocben uod diese 
Princip der Anordnung ein teleoiogisclies genannt, allerdings inden 
wir diesem Worte einen Sinn gaben, der nicht der gewöhnlid 
damit verknüpfte ist. Wir sind Jedoch der Ueberzeugung, dsse in 
Sinn, den wir diesem Ausdrucke gegeben haben, grade der ist, dt 
ihm auf diesem Unlersuchungsgebiete allein gebührt Dies sdilieü 
nicht aus, dass wir — wenn wir zu anderen Problemen tlbergehen, — 
den Begriff dieser Function und damit unsere Anschauung von di 
Urgründe der Natur genauer zu bestimmen haben. 

Wenn man demgegenüber hier auf dem Naturgebiete niebt t 
von einer als ErklärungspriDCip anzunehmenden Anordnung, sonden 
weitergehend von Zwecken, welche die Natur verfolgt, von ZieiNi, 
welche sie sieh steckt, von Muslerbildern , welchen sie nachahiiUl 
von Formen, welche den Dingen vorangehen u. 
findet man grade in diesen Wendungen erst den vollen B^rtS 
einer Teleologie. Selbst wenn man in diesen Anschauungen HecW 
hätte, sind wir doch der Ansicht, dass sie hier noch gar nieti' 
angebracht sind, auf diesem Untersuchungsgebiete sich über ibn 
Berechtigung noch gar nicht ausweisen können. Dazu würen nul 
unserer Ueberzeugung ganz andere Ueberlegungen, ein nocb iü)' 
weiteres Aufnehmen des sonst Vorausgesetzten, ein Hinausgriin^ 
Über die ganze ISaturanschauung nothwendig. ludem mau l' 
diese Begriffe hier schon in den Vordergrund schiebt , ruft i 
nur die berechtigte ßeaction auf der andern Seite hervor. Di 
gegentlber begnUgen mr uns damit, nur so weit zu gdien, 
man grade gehen muss. Ist es diesen Ansprüchen des F 
oder Materialismus gegenüber nicht schon ein ungeheur«- GewilW 
wenn man die UnmGglicbkeit der Entstehung unserer selbst 1 
aller Dinge aus diesen von jenen hypostasirten todten Dingen a 
Krilften überzeugend eingesehen hat? Hätten jene mit ihrer i 
schau ungs weise ßecht, so wäre es mit allen weitem FolgeningO 
schon vorbei, fUr die uns — falls wir die nüthige GrundlBI* 
haben — jetzt wenigstens die Bahn frei bleibt. 

Was für eine Grundlage für diese weitere Ausdeutung denn* 
zuerkennenden Ordnung will man aber hier angehen ? Dies Sti'ebiS 
weiter zu gehen, entspringt nach unserer Ueberzeugung nur aus den 
Verlaugen sich die Naturvorgänge zu veranschaulichen. Will v 
mir von einem Vorgange, der seinem Wesen nach unb^D" 
ist, eine anschauliche Vorstellung bilden, so bleibt mir nur tlbrij 
Analogien meines eigenen Wesens auf jenes Unbekannte zu Ube> 



— 49 — — ^^ 

Igen; denn unmittelbar veralehen wir eben nur uns selbst. Auf 
Ese "Weise verfeindet man mit dem Begnfife der Ordnung den Be- 
iff einer Z'wecHiezietiung, wie sie uns mir als menschliclie Tliätig- 
itsweise bekannt ist. 

Glaubt man sich hierzu berechtigt, wie will man dann dem 
»hanismus es verwehren mit seinem Begriflfe, wie er es Ihut, 
»chfalls einen solchen Nebcnsinn zu verlaliipfen? Aus demselben 
rcben, sich den Natui-vorgang zu veranschaulichen, bildet er den 
griff des Mechanismus zu dem Gedanken eines Waltens sogenannter 
nder Ki^fte um. Grade aber um diesen hier wie dorl in die Begriffe 
r liineingel^ten Nebensinn dreht sich hüufig der ganze Streit 
ischen Mechanismus und Teleologie, ein Streit, der dann nothwendig 
ifraehlbar bleiben muss. 

Wenn der Monismus daher mit Recht hervorhebt, dass ein 
Iches Zwecksetzen nnr eine von unserem menschlichen Wirken 
»irahine Vorstellung ist, haben wir dann in der Thal nicht Bechl, 
m vorzuwerfen, dass er ganz denselben Fehler begehl ? Isl ein blindes 
Aaffen nicht eine grade so anthrapomorphe Vorstellung? Wir 
«oschen tappen zuweilen blind unter den Dingen herum, treff'eii 
um, was wir suchen, treft'en es nicht. Diese ungehörige 
ititlogie überträgt er seinei-seits auf die Natur der Dinge. 

Bei dem auf dieser Basis geführten Streite sucht man nun die 
BtMheidung durch Betrachtungen zu geben, aus denen in der Thal 
ir nichts folgt und folgen kann. Kein Wunder, dass die Sache 
Chi vom Flecke will und der Streit endlos erscheint. So fUhil 
r Monismus mit Vorliebe an, dass einzelne Züge der Natur un- 
eifelhafl ein solches blindes Wirken anzudeuten scheinen. Wir 
arten antworten: gewiss, aber sie scheinen dies eben nur, weil 
T ilieGeu verkehileu menschlichen Maassiah anlegen. Wir würden 
Infig allerdings anders als die Natui- veri'ahi'en, oder wh' würden 
iad verMren, wenn wir wie sie handeln wollten. Wenn wir 
feBWhen, um einen Baum zu pflanzen, unzählige Samen ausstreuen 
oUten, wäi-e das verkehrt; wir können uns nach Belieben Für das 
iuleihen desselben die günstigsten Bedingungen aussuchen. Wenn 
li» Rilur häufig Samen zahllos producirt und ausstreut, so ent- 
ipHeht die Fülle des Samens dei' Fülle der möglichen FSlIe lind so 
löhaen sich auch die günstigen darunter Tinden; auf das Vorkommen 
WKti ilieser Flllle, würde man mit teleologischer Wendung sagen, 
^ (iiCT gerechnet. Und zeigen nicht wieder andere Züge der Natur 
MS Bm Wirken, das wir mit ganz demselben Rechte oder Unrechte — 
*Mo wir einmal menschliche Analogien anwenden wollen — uns 
Ol' bewaBSles, ja als berechnetes deuten müssten? Mit derartigen 
"tttch langen lässt sieb die Frage also t^av nicht entscheiden, sie 
■Amd uud beweisen gar nichts ; und wenn die Monisten mit Recht 
^■blehnen, auf die Naiur jene Analogie anzuwenden, welche in 
"f gleichsam ein potenzirles, menschliches Wirken zu erkennen 



— 50 — 

vermeiikt, nit stehl es mit demselben Rechte doch uns zu. auch i 
Analogie abxulebneii, iiaüh der sie in der Nalur ein — ich nröc 
üagen, — depotenzirtes, seiner Sinne ihuilweise beraubtes, 
blindes Schalt'eu zu erblicken w&hneu. 

Aber werden die Monisten vielleicht erklären, so ist es ja | 
nicht gemeint. Wenn wir von den blinilen Naturkriiften reden, 
soll diese Redeweise nur polenuschea Sinn hubeu; wir wollen dai 
nur die Anwonduni; jener uii {gehörigen Kategorien der Duatisteni 
die Natur ablelmen. Gut, tverden die Gegner sagen, wenn wirt 
dem in der Natur waltenden Verstände reden, so ist dies aucb iLi( 
so j^enan wOrtlich zu nebmen, wir wollen damit nur polemisch jeit 
Wabnsinn ablehnen, welcher vermeint, dass dieses grosse GemSl 
der Welt, welches mit Licht und Schatten in wunderbarer und e 
greifender FilUe und Manuigfalliglieit sich uns darbietet, ( 
sei dadurch, dass Farben ohne Sinn und Verstand zusamuieogerilt 
wurden. Wenn beide Gegner dies als ihren eigentlichen Sino ai 
geben, kitnneu wii' uus zufrieden erklären, nur sollen sie diese äu 
Krklörung bei dem Weltbilde, welches sie von ihrem Standpiuit 
enlwprfen, nicht immer wieder vergessen. 

Wäre es dann aber nicht gerathener, den Gedanken, we 
man im Stillen hegt, aucb klai' auszusprechen und bestimmt v 
klUren, von dieser Wirkungsweise der Natur, von der wir r 
wissen wir bestimmt nur das tline, dass sie weder eine blinde, >W 
eine in menschlicher Weise bewusste ist; oder mit andern WofM 
dies wunderbare Wirken der Natur, diese Einheit von 1 
und Teleologie hat nichts Analoges mit irgend einer Wiikunga 
welche wir kennen; sie zeigt uns vielmehr eine durchaus D 
forscblicbe Eigeuschoft, die einfach anerkannt sein will? Wcnnm 
dies bestimmt ausspricht, so weiss man Ireilicb nicht zu viel, d 
man befreit sich damit doch — nicht blos von dem naiven Antbr^ 
murpliistuus der Dualisten, man befreit sieb damit auch zugloi 
von dem wahnwitzigen Aberglauben der Materialisten oder y 
und das ist doch immer schon Etwas, 

£s hat au anderen Versuchen, dies Problem zu lösen, 
erkennen, was die Welt iui Innersten zusammenhält, zu l.^ 
alle Wirkungskraft und Sauien, nicht gefehlt und es hiesse A 
ganze Geschichte der Philosophie in niice vortragen, wenn wiril 
möglichen Lösungsversuche durchgehen wollten. Wir erkennen am 
voll au, dass ein gewichtiges Vernuofiinteresse uns antreibt, dt 
Einheit, welche der Natur zu Grunde liegt und welche wii' DO 
in rein formaler Beziehung als Einheit von Mechanismm im 
Teleologie gefasst haben, in materialer Weise zu ergrüft 
Uns Allen und nicht blos dem Dichter wohnt der Trieb d 
nicht nur iu trockenem Sinnen an der Natur auf und i 
wandeln, sondern mit ihr zu sprechen, wie ein Geist spritWi 
dem anderen Geist, „Wo fass ich Dich, unendliche Natur? Bm 



Bi^e wo? Ihr Quellen alles Lebens, an denen Himmel und Erde 
hingt, dahth die welke Brust sich drängt?" Diese Stimme regt 
tirh in jeder Menscbenbrust, denn in jeder wohnt eio Stückchen 
Faust, wenn auch manchmal nur ein ganz kleines. 

Wir Rahen daher auch, dass selbst der Monismus diese Stimme 
luweilen in sich vernahm. Wenn er sonst die Quellen alles Daseins 
in den Stott'en und ihren Krallen geruudeii zu haben glaubt, so 
"Iren ihm selbst doch diese Quellen, diese Brüste des Daseins gar 
in dürr und ging er von ihnen fort zu einem beimlicben, inneren, 
ubwellenden Leben der Natur; dann strebte auch er von der Well 
mit Gl Usern, Büchsen rings umstellt, mit Instrumenten vollgepfropft, 
wn Thiergeripp und Todlenbein bin zu der lebendigen Natur, 
tia Gott den Menschen schuf hinein. 

Will dieses Streben aber, diese innere Einheit der Natur 
III erf!issen, sich einen verständlichen Ausdruck geben, so 
ItDllpfl es gleichfalls wieder an menschliche Analogien an. Man vtählt 
dilti Zufitändc in uns, die weder in dem hellen Lichte des Ver- 
slindes liegen, noch unserem Bewusstsein völlig entrUckt sind. In 
itt |)oeIiscbeu Begeisterung schaffen wir weder bewusst verstandes- 
inUsBig, noch völlig blind und unbewusst. Damit setzt man die 
Nüliir jetzt in Analogie und erklärt, die Natur wirkt zwar nicht 
bcivusst, aber doch wie bewusst; dann tritt das Bewusst- Unbewusste 
ÖOTor, betont man dag Instinktartige, spricht man von Zielstrebig- 
keit in ihr und erklärt mit Bär: „die Natur wirkt genial, instinkt- 
'ftig wie ein Künstlerl" 

Auch diese Betrachtungsweise hebt wieder Züge der Natur 
itnor, welche wir uns auf diese Weise verdeutlichen können, aber 
tileh nur verdeutlichen können. Die ganze Natur liegt eben wie 
*iii grosses Gemälde vor uns, das sich von verschiedenen Gesichts- 
FUnkten aus betrachten lässt. Der Eine ßndet seine Aufgabe in 
der Klarlegung des technischen Verfahrens, der Wahl und Wirkungs- 
weise der Mittel, ein Anderer hebt die Harmonie in den Farben, das 
in Worten und Gedanken nicht zu Fassende, Grossartige der Anlage 
4- b. das Geniale hervor, ein dritter wieder betont, dass bei jedem 
^mitlde die Idee, welche der Künstler zur Darstellung bringen 
*oI|[b. der Sinn, der sich in ihm ausspricht, die Hauptsache ist 
"iid bleibt; und dieser scheint uns von Allen am meisten Recht 
lu haben. 

e. Worin liegt das Ungenügende der angeltihrten Lösungs- 
'tfBuche in der That begründet? Nach unserer Auffassung darin, 
^ mau in dem Bestreben zu einer einheitlichen Weltanschauung 
11 gelangen, zu früh abschliesst. Haben wir denn selbst mit der 
■> bereicherten Naturauffassung d. b, bei der Vereinigung von 
Imliauisnius und Teleologie, nicht noch eine Voraussetzung ge- 
Buttt, welche weiter zu untersuchen ist? Wir haben die Natur 
üäitT als ein fUr sich Bestehendes genommen, wir haben davon 






abi^esclitjD, dass diese Natur niii' unsere Kalur, dass tiicimr Compiox 
der Dinge uur vorhanden ist fUr den auffassenden und erkenneadeii 
Geist selbst. In dem, was uns gaj* nicht als ein fUi* sich Eüstiren^ ■ 
suchen wir nun Einheit, Abj^e schlössen he it, Selbs^fl 
genügen und vei'gesseu darüber die Einheit, nach deren Ei'CassungT 
in der Husseren Natur wii* sU'eben, gerade dort auzuerkeuuen, wal 
sie uns als Thatsachc gegen übertritt und erst einen RUckschlussf 
auf jenes in der äusseren Diatur uns Unbekannte gestattet. Wir! 
wollten die Elemente alles Wirklichen in einer Anschauung vcr- ' 
einigen und haben uns noch nicht vergewissert, ob das, was wir 
zusammenfassen wollen, auch die Summe des Wirklichen. ist. 

Je weiter aber gerade die Naturwissenschaft sich ausgebildal 
hat, nur um so deutlicher ist geworden, dass sie immer nur eiuen 
TheU des Wirklichen umfassen kann und dass ausserhalb ihres 
Gesichtskreises eine Reihe von Thatsachen bleibt, die ihr völlig 
undurchdringlich sind. Wenn der Monismus in der Erkeuulnis& 
der äusseren Welt den ganz vergeblichen Versuch machte, die 
Teleologie aus unserer Weltbetrauhtung zu verbannen, so ist der 
Versuch , die gcietigea Erscheinungen auszuschjiesseu oder als 
blosse Nebenwirkung aufzufassen, um nichts hoffnungsreicher und 
(;anz ebenso wenig in dei' Naturwissenschaft selbst begründet. Itii 
Gegentheil, wie weit wir in der Naturwissenschaft auch die Be- 
weguugen der Atome zu verfolgen gelernt haben, aus Beweguu; 
entspringt immer nur Bewegung, aus einem physischen Bewegungs- 
zustande ein anderer. Zwischen dem letzten Zustande der Diugt^ | 
zu dem wir durch Beti-aehtung der Aussenwelt, indem wir Ü« | 
Umbildung der Bewegungen verfolgen, gelangeu können ä. )■- | 
zwischen den Schwinguugeu der GehirnmolekUIe und zwiacbea d<?'' 
Umwandlung derselben in Empfindungen ^dbnt eine Kluft, weic^* ' 
durch keine weitere Naturbetrachtung zu UherbrUckeü ist. Wct*" 
der Monismus daher auch zuversichtlich dekretirt: „die Seele »*' 
eine Bewegungserscheinung"; so ist nur schlimm, dass sie di^^ 
nun und nimmermehr sein kann. Schon hei der primitivste^'' 
Thätigkuits weise der Seele, der EmpAudung, offenbart sich ü^^ 
völlig deutheh. Die Weh der Farben und Töne, des Lichtes uiT* 
der Wäi'me ist nicht eine einfache Fortsetzung dei' uns aus i^^ 
äusseren Betrachtung her bekannten Bewegungserscbeinungeu d^^*^ 
Atome, sondern steht in uns als eine totale Neuschüpfung, 

Wir sagen, durch die Ausbildung, der Naturwissenschaft sclb^*'' 
ist dies erst völlig deutlich geworden. So lauge man nämlich no«^' 
glaubte, den Dingen käme selbst Farbe, Wärme u. s. w. zu, kou»^^ 
man vermeinen, lUckwärts unsere Farben-, Wäimeempßndung u. b. 'I 
aus den Dingen ableiten zu können; seitdem man diese (tiuiUlfit< 
in Beweguugserscheinuogen aufzulösen gelernt hat, ist dies uomSij.^ 
lieh geworden. Ein derartiger Versuch sieht jetzt nicht blos ,W 
Widerspruch uut unserer philosophischen Erkenntniss, 




irieht der mechanischen Forschung seihst. Gerade in dem conse- 
iientesten Ausdrucke, welchen sich die mechanische Forschung 
Bgeben hat, in dem Gesetze von der Erhaltung der Kraft, liegt 
:bon dei' Verzicht auf die Hereinziehung eines Innerlichen der 
■npfindung. Der ganze Complex aller Süsseren Erscheinungen ist 
ilzl einheitlich zusammen^efasst, der Kreis völlig geschlossen; er 
'Ürde aber unlerbrochen sein, wenn sich die Bewegung — wie 
lobbes schon wollte und Häckel noch meint — in Empfindung 
uiwandelo kannte. Wenn daher Häckel erklUrt: „Geist und Seele 
ind nur höhere Potenzen derselben Function, die wir mit dem 
''gemeinsten Ausdrucke als Kraft bezeichoen," — so widerspricht 
es durchaus sowohl der Philosophie, wie der Naturwissenschaft. 

Wir haben also dieses Gebiet der geistigen Erscheinungeo 
B auas^halb des Bereiches der Flaturwissenschatl fallend einfach 
iiuerkennen. Diese Well der Empfindungen ist aber weiter nicht 
OS aus der Welt der Bewegungen nicht ableitbar, sondern dieser 
nerlichen Well gerade kommt in vollerem Sinne als jener äusseren 
IS PrSdikal der Wirklichkeit zu. Es ist eine totale Umkehrung 
5s wahren Verhältnisses, wenn der Monismus diese innerliche 
'elt als Zugabe zu der äusseren betrachten will; während diese 
inere Welt gerade die Welt ist, in der wir leben und während 
nie Süssere Welt der laut- und lichtlosen Schwingungen, die man 
ms als die eigentliche Welt ausgtebt, nichts ist, als eine Voraus- 
stzimg, mit HUIfe deren wir uns diese unsere wirkliche Welt der 
mpündungen theoretisch erklären wollen. Wenn der Monismus 
sher gegen die eingewurzelte Neigung declamirt, sich nicht bei 
«11 Wirklichen zu beruhigen, sondern seine Zuflucht zu einer 
"dt blosser Vorstellungen zu nehmen, so trifft das gerade sein 
Tiun; gerade er will uns diese blosse Vorstelluneswell der Atome 
'Od ihrer Schwingungen als die wahre Wirklichkeit anpreisen. 

Auf dieses von der äusseren Welt also total verschiedene 
^et der geistigen Erscheinungen bat man aber, um es in seiner 
^EenthUmlichkeit zu verstehen, auch ganz verschiedene Erklärungs- 
rtncipien anzuwenden. Wie sehr uns das Vordi'ingen der natur- 
'tssenscharttichen Betrachtungsweise auch daran gewöhnt hat, zu 
hnben, dass ihi-e Grundvorstellungen Überall anwendbar sind, 
'^ar Glaube ist nichts als ein weitverbreiteter Aberglaube. Bei 
Sp Erforschimg der Wirkungsweise der Seelenthätigkeiten betreten 
IT ein Gebiet, bei dem uns alle gewohnten Analogien der Erfahrung 
nüg verlassen. Dies tritt um so deutlicher hervor, je eingehender 
■it sich mit diesem Gebiete beschäftigt, je mehr man nicht blos 
ilegentllcfa und abschweifend seine Gedanken darauf richtet. So 
HerBichtlich auch die Versuche auftreten, die Thäligkeitsweisen 
fr Seele in ähnlicher Weisse wie die complicirten Naturvorgänge 
irch Combination von Wirkungen, Zusamuieo Setzung von Ein- 
'Bcken u. s. w. zu erklären, so ungenügend mUssen diese Ver- 



4 



54 



suche doch im Grunde bleibe.u , nenigsleiis . wird oian auf diese 
Weise nie das erreichen, was mau gewiuaeu will, die Elaheit des 
Bewusstseins nüuilich. Wenn wir bei der Natufbetrachtung mit 
Recht von der Viellieil der Eleiueule auszuf^ehea liaben, so hier 
umgekehi-t von einer uisprünglichen Einheit. Die Erklfirunga- 
priacipien sind also a<i( beiden Gebieten nicht nur verschieden, 
sondern es scheint diuchaus in der Natur der Sache, in der Art, 
wie wir uns dieser Wissensgebiete bemächtigen, 211 liegen, wem 
wir bei beiden gerade die entgegengesetzten Principien zu Grundi 
zu legen, (;euiilbigt sind. 

Von dieser unserer Auß'assung möchten wir jedoch ein Miss- 
verständniss abwehren. Wenn wir zuerst behauptet haben, di 
Thfitigkeils weisen der Seele lassen sich aus den äusseren Bewegung! 
nicht ableiten, so leugnen wir damit den Zusammenhang, in der 
dieses Gebiet mit Jenem der äusseren Vorgänge steht, nicht 
kennen ihn im Gegentheil, so weit er durch die Erfahrung na( 
gewiesen ist, sei bslverstSnd lieh an. Wir wollen nur betonen, 
man diesen Zusammenhang nicht als ein Hervorgehen zu fasse~ 
sondern anzuerkennen habe, dass der Grund der Enipfindungen 
der Seele selbst liege, wie sehr auch immer die äusseren Bewegun^^ 
veranlassende Bedingungen dieser geübten Rückwirkungen s^ 
uißgeii. Und zweitens. Wenn wir behaupten, dass sich die weitei^ 
Thätigkeits weisen der äeele nicht durch blosses Summiren der ß— 
drücke, Zusammensetzung der Einzel Wirkungen erklären lassen, 
leugnen wir damit nicht, dass auch bei den geistigen Thätigkei — ' 
der Mechanismus eine Rolle spiele, sondern betonen nur, dH 
durch diese mechanischen Processe nie die Hauptsache selbst, 
Einheit unseres Denkens zu gewinnen ist, sondern dass dies^sai 
dabei immer vorausgesetzt bleibt. Dass der blosse VorstellungsS.4 
mechunischen Gesetzen unterliegt, ist ganz unzweifelhaft; wir hteJM 
aber eben zwischen diesem blossen Vorstellungslaufe und <lei 
Denken zu unterscheiden und sehen den Irrthum gerade darin, daat 
man beides mit einander verwechselt. Der Mechanismus de 
Associationen und Beproduct Ionen gieht unserem Denken nur gleict» 
sam schon verbundenen Stoff, Denkmaterial; aber gerade duro^ 
unser selbstthätiges Denken lösen wir Eindrücke, welche bl* 
mechauisuh associirt sind, von einander ab und verknUpfea di»J 
Material nach neuen, dem Denken eigen thUmlichen und nur aud 
seiner Einheit zu begreifenden Beziehungen. Das instinctive, ge^ 
wohnh ei Is massige Erwarten z. B das man einzig aur diese mecW 
uische Weise erklären kann, und das bewussle Schliessen, welehol 
mau auf dieselbe Weise erklären zu können vermeint, sind ebefl 
ihrer Natur nach total verschiedene ThStigkeits weisen der Seä« 
Dem letzteren liegt als seine Voraussetzung schon das Bewusstseil 
eines die Dinge verknllprcnden Gesetzes zu Grunde. Die Ersehn« 
iiungen werden bei ihm nicht durch eine blosse Regel, sonden 




- 55 — 

durch ein Gesetz mit einander verbunden. Die evkannten Beziebungen 
der Dinge bekomnien auf diese Weise eine ganz andere Dignität. 

Dieselben Einwände, welche wir auf diesem Gebiete der 
Iheoretiscbeii Thätigkeitsweisea des Geistes gegen die Bestrebungen 
des Monismus, der darin nur dem Empirismus folgt, erheben, 
haben wir auch auf dem Gebiete der practischen Thätigk ei ts weisen 
geltend zu machen. Ilückel beansprucht auch auf diesem Gebiete 
'''B fundamentalsten Trobleme entschieden und selbst die Frage 
liacti der Bestimmung des Menschen, diese Frage aller Fragen, wie 
^r selbst sagt, endgültig gelitst zu haben. Wir dagegen behaupten, 
■lass der Monismus resp. Empirismus nicht einmal die Bedeutung 
(lieser Frage zu erfa^en tShig ist. Der blosse Begrifl" eines Eud- 
^^les, den wir hier aufstellen, führt uns gänzlich über die ^atu^ 
'■inaus, die es ganz und gar nicht mit einem Endziel zu tbun hat. 
^^ gehört ausschliesshch dem Geistesleben an, ist aber auch dessen 
B>K«atlicher Lebensnerv. Wir versetzen uns mit ihm in eine Ordnung 
''Cr Dinge, die eben nicht die natürliche ist. Die empirischen 
'^■ele werden aufgelöst und aus sich heraus stellt sich der Wille 
*iö neues Gesetz. Trieb und Wille ist so verschieden , wie 
'OrslellungsBSBOciatioD und Denken. 

Durch all das von dem Monismus Vorgebrachte wird ^ um 
UiilKant zu reden — auf dem theoretischen Gebiete höchstens die 
Wahrnehmung, nicht aber die Erfahrung, auf dem practischen das 
«■npirische Bandeln nicht aber die Sittlichkeit erklärt. Beides steht 
*u einander wie Hegel und Gesetz. Wer je den Unterschied 
fc'wiGchen einem empirischen und mathematischen Beweise eingesehen 
hat, dem wird einleuchten, dass eine noch so weit ausgedehnte 
Empirische Verification nie die Gewalt eines mathematischen Be- 
■W^ises ersetzen kann, sondern dass hier völlig verschiedene Geistes- 
OfKrstionen vorliegen. Jenen Versuchen aber, das Gesetz der 
Sittlichkeit aus dem empirischen Vei'balten, das Gesetz des Denkens 
^Us den Associationen der Vorstellungen abzuleiten, liegt eine ganz 
*o»loge Verwechselung zu Grunde. 

Wenn daher Darwin z. B. in seiner Abstammung des Menschen 
CS unternimmt, die Geisteskräfte des Menschen durch natürliche 
Ätlchtung zu erklSren, oder wenn er das Denken der Thiere und 
des Measchen als wesentlich gleich voraussetzt oder die Moralität 
»WS den socialen Instincten abzuleiten sucht ; — oder wenn Häckel 
^lirt: „alle Erkcnntniss stammt aus der sinnlichen Wahrnehmung, 
^M sogenannte apriorische Erkennlniss ist a posteriori erworben, 
«1 iiirem letzten Gründe durch Erfahrung bedingt; sie erklärt sich 
^in:h Vererbung. Ursprünglich sind die Erkenntnisse a posteriori 
ETÜast, und dann durch Vererbung apriorisch geworden;" so vei-- 
dass dieses sogenannte Erwerben der Sittlichkeit 
fie der Erkenntnisse a posteriori gar nicht ohne den aprio- 
lüehen Eactor, den man daraus erklären will, möglich ist. Wenn 



aber llHckcl selbst es uDteniimiul, eiae einheitliche Wettanachaumi 
zw entwerfen, seine Erkenntnisse einheitlich tu verknüpfen, bew« 
er durch sein eigenes Unternehmen die Irrigkeit seiner theort 
tischen Voraussetzungen ; er seihst nimmt für sich sttu4 da 
Apriorismus in Anspruch, den er der Menschheit im Atlgemeini 
abspricht. Und auch auf dem practischen Gebiete wird er sich sohwari 
lieh die Initiative seines silllichen Urtheilens wollen rauben lasseB 

Der Boden aber, auf dem derartige Anschauungen eh 
wachsen sind und ihre eigentliche Heimathssttitle haben, ist jedem, 
der die Entwi ekel ungsgesch ich te des menschlichen Denkens einigem 
nmssen verfolgt hat, wohl bekannt. Darwin folgt in seinen /" 
schauungen nur dem Zuge der ganzen englischen Philosophie n 
es ist in ^'cschichls-pbilosophischer Hinsicht interessant zu erkenne^ 
wie wirklich Qaco, Locke, Huuc die englischen Nslionalphilosoptaa 
sind, und dass bei Darwin dieselben Gedanken nur in anderfl 
Wendungen wieder hervortreten. An die Stelle der HuineVItfl 
Gewohnheit tritt nur, indem der Nachdruck auf die BegrUndun| 
des Vorganges gelegt wird, die Anpassung; die Gewohnheit 1 
schränkt sich nicht auf das Individuum, sondern geht durch i 
Generationen hindurch und heisst dann Vererbung. 

Wenn man gegen die Einseitigkeit derartiger Vorstellungen-* 
zumal in der üeimath von Kant — sich noch wenden mus», ^' 
entspringt dies nur daraus, dass gegen das Studium der Entwltk^ 
lungsgeschiehte der Organismen das Studium einer anderen F ~ 
wiekelungsgeschichte , nämlich das des menschlichen Denkens H' 
sehr in den Hintergrund getreten ist, und es zeigt sich weit^, itsi, 
wie viele Aufschlüsse auch jene Entwickeluogsgeschichte uns ffiM 
mag, ihre Interpretation doch auf dieser beruht. Und wenn wif 
auf dem Gebiete jener Eatwickeluogsgeschichle in der VererboDg 
und Allpassung zwar wichtige Functionen, aber nicht die bestimmeA' 
den erkannten, wenn wir sie nur als Begulntoren der Entwidfclungi 
nielit als die treibenden Krtifte selbst gelten lassen konnten, so ^ 
hier erst recht ganz Dasselbe. Wenn das englische Denken aiJ "^ 
auf diesem Gebiete die Bedeutung dieser Regulatoren zuerst k 
ericannt hat, so hat das deutsche dagegen die treibende Kraft selM 
an's Licht zu ziehen gesucht^ ohne welche jene blossen RegulalorW 
vüllig wirkungslos bleiben müssen. 

Wir suchen so dem Geiste seine Selbständigkeit und I 
artigkeit zu wahren. Es schein! uns nur ein durchaus 
Streben nach Einheit zu sein, wenn wir ihm zu Liebe 
schiedenheit ableugnen wollen. Ein so gewichtiges Interesse il 
Vernunft uns auch antreibt, die Einheit der Principien zu erst» 
so geht unser nächstes Interesse doch dahin, erst jedes Gtiät 
unseres Eriienucns in seiner Eigeiithümüchkeit aufzufassen. 

Wenn wir von diesem Standpunkte aus auf die vorliegend! 
Tendenzen blicken, stellt sieb uns das Unlemehmen des 1 




in eiii«iu guoz aaderea Lichio dar. Er betont — so räumten wir 
«ja — vDllJg mit Recbt, dase die Naturwisseuschan sieb ibre 
selbständige SIellujJg, die GUItiglieit ifarer eigenec Rategorien erat 
uUhsatu erringen niusste. Wenn die Naturwissensehall" us 
daher mit Reubt ablelint, auf itir Gebiet Analogien anzuwenden, 
welcbe ibre walire Heimath in dem bewussten Seelenleben des 
Menschen haben, wenn sie in diesen Versuchen nur einen RUekfall 
in mjthologiscbe Vorstellungsweisen sieht, was ist d&nn 
dagegen dieser Versuch uiugekebft die UerrschafE der Naturkategorien 
auch auf das geistige Gebiet auszudehnen? Wir können in ihm 
uur den uuigeltehrten fehler erblicken. Wie jenes in Wahrheit 
eine blosse Scbeinerklärung der Nalun'org^nge wai-, su ist dies uns 
ganz ebenso eine ScheiuerkläiuDg der Seelen vorginge; wenu dort 
sieh zwar mancherlei Analogien des Seeleniebens verfolgen Hessen, 
die Natur der Sache aber viitlig unerklärt blieb; so lassen sieb 
tiuigekehrt in die Thätigkeitswetsen der Seete hinein Natui'analogien 
verfolgM), aber das Wesen des Geistes bleibt damit ebenso völlig 
uuerkläH; oder mit anderen Worten, wie es dort keine wahre 
Erklärung war, wenn man die ISaturvorgüuge bildlich als seelische 
Casste, so ist es in gleicher Weise eine blos bildliche Voratellung, 
wenn wir aiii' das geistige Gebiet Naiurkategorien anwenden. 
Wenn man auf diese Weise %. B. das gauze Geschichtsleben des 
M«it&chen, wie lläckelestbut, zu einem grossen pliysikalisch-chemisohen 
Ppozess macht, so hat man daran geiade so viel oder so wenig, wie 
oiu) umgekehrt hatte, als man noch Erdbeben und Gewitter ableitete 
BUS dem Zürne der strafenden Guttbeit. Wenu jene Anschauungs- 
weise aber wenigsteus naiv war, was ist dann diese? Diesen Be- 
strebungen gegenüber halten wir die eigene Bedeutung und Eigen- 
tbUailicbkeil des Geisteslebens fest. Wii- wollen beide Gebiete in 
'' ibrei» Wählen Wesen aufgetasst haben, wir wollen unser Denken 
uns aiebt in blosses mechanisches Vorstellen, unsere Sittlichkeit 
uns nicht in blosse Nützlichkeit, unser bewussles, geistiges Ringen 
und Streben nicht zu einem blossen Spiele blinder Kiiifte in uns 
(tegradiren lassen. 

Sind wir aber damit nicht bei einem extremen Dualismus an- 
gelangt? Demgegenüber bemerken wir: Wenn es sich xunäehst 
nur darum Jiandell, die Wahrheit und Bedeutung unseres Denkens 
wie unserer Sittlichkeit zu wahren, dieselben nicht zu einem blossen 
Seheiue heiabsetzen zu lassen, so wäre uns der Dualismus immer 
uoch lieber als jener Monismus, der in seinem Einheitsfanatismus 
gerade das Beste, der dem Moloch der Natur den Menschen selbst 
0{tf6ni möchte. 

Die Suche liegt aber anders. Nachdem wir nun die Eigen- 
arügkeit des Geistes gewahrt haben, wird es jetzt erst unsere Auf- 
^ibe sein, dem auderen Bedürfnisse unseres Erkennens, welches 
URS antreibt, da« Vei-scbiedene zu einen, Genlige zu tbun. Den» 



— 58 — 

auch wir wollen nicht bei di>rn Puolismus als dem leUten Resultat 
sieben bleiben, auch wir wollen weder die Welt noch uns 
aus zwei ganz getrennten Stücken zusammensetzen. 

Wenn wir nun auf Einheit ausgehen, legen wir uns die Fregi 
vor, wovon wir auszugehen haben, von der äusseren Natur, oder v 
dem, was wir selbst in uns erleben. Und hierbei dUnkt es uns i 
oberste allei' Verkehrtheiten zu sein, wenn man das, was man seil 
unmittelbar erlebt, bezweifeln oder es sich als das Erzeugnis» ( 
äussei'en Natur schenken lassen will, die man erst durch das vi 
mittelnde Wissen des Oeisles selbst kennt, den man zu leugn« 
unternimmt. Die Wahrheit unseres persünlicben Oeiste.'slebens isl 
und bleibt uns die erste aller Wahrheiten, von der allein wir im. 
Denken unseren Ausgang zu nehmen haben. 

Von diesem Standpunkte aus richten wir unseren Bück auf ( 
Natur zurück und fragen nun erst, was dieser ganze Mechanisist 
den wir unserer Susseren Betracbtung zu Grunde legen, denn 
ist? Nun nehmen wir diese ganze Summe der Dinge, welche doi 
draussen im Haume vor uns ausgebreitet liegt, nicht mehr, wie dl 
naive Denken, filr ein unmittelbar und vor aller AnschaUnq 
Eni stiren des, nuu nehmen wir in unserem Bestreben, zu einer idi 
heitlichcn Weltanschauung zu gelangen, die stillschweigende Vomii 
Setzung, welche wir bei aller äusseren Anschauung machen Ht 
welche wir bei der blossen Naturbetrach tun g nur bei Seite lanei 
in ihrer vollen Bedeutung wieder auf, die Vorau.ssetzung nl 
dass all das, was wir sehen, fühlen eben wirklich ein Geseheni 
Gefühltes ist; und erkennen, Aass es eiue blosse Tborheit ist. Im 
allem, was wir sehen, beobachten, denken zu vergessen, dass vi 
selbst es eben sind, die sehen, beobachten uud denken. 

Und wenn wir in dem Früheren dahin gelangt waren, zu 
klären, dass grade dieses Aufnehmen des bei der isolirten I 
trachtung Vorausgesetzten die oberste Aufgabe ist, wenn wir 
eine einheitliche Weltanschauug ausgehen und wenn wir desb 
uns genöthigt sahen die Tcleulogie, die wir aus der blos ableiteni 
Naturwissenschaft ausgeschlosen hatten, grade deswegen in die 
erktSrung wieder aufzunehmen; — so zeigt sich hier ganz 
dass wir jetzt die grQsste aller Voraussetzungen, nämlich die, i 
die Natur nur Natur ist tUr den erkennenden Geist, aufzunebi 
haben. Dies ist die ganz nothwendige und erste Aufg^e 
Philosophie und sie wird diesen Weg verfolgen, auch wenn i 
in einseitiger Befangenheit diese ihre Stellung nicht zu w11rdlt[C 
im Stande ist. Von dieser Position aus wird sie mit vollem Fii| 
In Betracht ziehen, was das der gesammten Susseren Betractatui 
zu Grunde Gelegte, was Raum, Zeit, Causalgesetz selbst sind. ~ 
wenn die Naturwissenschaft ihrerseits siegreich den Causalb^ 
durch die gesammte Erscheinungswelt durchzuführen im Stande ii 
so wird die Philosophie die Erklärung geben, sie ist dies im 



weil dieses Causalgesetz, das oberste Princip der Natui' wisse Däcliaft, 
eben das Princip unseres eigenen Denkens ist. Sie tritt daiuil nicht 
in den Gegensatz zur Nalui* Wissenschaft, sondern im Ge(,'enIheL, sie 
nimmt, wie es in der Natur der Sache gegründet ist, alles, wüs diese 
nur geben kann, auf als Fleisch von ihrem Fleisch, Bein von 
ihrem Bein. 

Wenn die Philosophie auf diese Weise der Naturwissenschaft 
ihr Recht gewahrt hat, nur auf Causalerklärung auszugehen, 
und eben dieses Recht aus der Natur unseres Erkenneus selbst 
begrlludet hat, und wiinn sie daher der Naturwissenschaft 
darin uur beistimmen kann, dass sie alles Eingreifen audei'er Potenzen 
in ihr Gebiet ablehnt, wenn sie mit anderen Worten anerkannt 
hat, dass hier die Aufgabe ist, Zustand aus Zustand zu erklären, so 
wird sie jedoch grade daraus folgern, dass eben damit nur eine relative 
Erklärung gegeben ist und wird sie allen Versuchen daraus eine ab- 
solute Erklärung zu macheu, entschieden entgegenti'etcu müssen. 

Wir halten daher fest, dass dui'ch die Auseinandersetzung des ge- 
sanimteu Ent Wickel ungsherganges, selbstwennwiribu durch allen Zeilen 
hindurch verfolgen könnten, der Grund der Dinge völlig unerklärt 
bleibt. Wenn wii' aber durch die Betrachtung der äusseren Er- 
scheinungen allein nur so weit gelangten, in diesem Grunde uns ge- 
eint zu denken, was für unser Verstandesverfahren auseinanderrällt, 
n&mlich Mechanismus und Teleologie, wen« wir dagegen uns von 
diesem Urgiunde der Dinge dort noch keine Vorstellung seihst 
machen d. h. die Weise, wie die Vielheit der Dinge geeint ist, 
niebt einsehen konnten, wenn wir aber andererseits erkannt tiaben, 
dass in unserem Geiste aller Vielheit gegenüber die zusammenfassende 
Einheit, aller blossen Umwandlung gegenüber die Macht selbständiger 
EntwitiLelung hervortritt, so werden wir grade daraus, dass die 
einzige Einheit, welche wir kennen, der Geist ist, uns zu schüessen 
berechtigt glauben, dass der einheitliche Grund aller Dinge auch 
ein geistiger ist. Grade weil unser Geist aus der Natur hervorgeht, 
muss der Geist auch ihr Grund sein. Wir schliessen daher die 
Vernunft uicbt aus der Weltanschauung aus, halten andererseits 
jedoch fest, dass diese Vernunft für die Erkenntniss der äusseren Welt 
sieb uns nur in der Form einer uraniUnglicbeu Ordnung zu erkennen 
giebt, einer Ordnung, deren Gonsequenz die Wissenschaft nur aus- 
zubeuten gelernt hat. 

Wenn wir aber weiter in uns seihst nicht nur Gesetze 
des Erkennens, sondern auch Gesetze des Handelns wirksam 
fUblen, so werden wir daraus wieder schliessen, dass der 
Urgrund aller Dinge nicht nur der Grund der Gesetze der Natur 
und ihrer Ordnungen sondern auch die Norm unseres sittlichen 
Handebis enthalten müsse, so werden wir mit andern Worten von 
d«iu blossen Grunde der Natur zu dem Begriffe einer Gottheit fort- 
zugehen uns getrieben lllhlen und grade deswegen, weil wir nur 



auf diese Weise das Zerstreute zw einen d. h. zu einer wahrliafl eil 
lieitliclien WellanBChaunnß, erner WeltaHseliRiiiin^, welche nicht ni 
die Principien unsoreB Krkennens, eondei-n auch die unaei-es Handeli 
enthiilt, 7.U gelungen im Stand« sind. 



Wir liaben die naturwissenschartliche, wie philosophische Be 
deuUing des Häckel'sclien Monismus zu wUiiligen, Wahres und Palscbe 
zu scheiden, HtiHcn Voraussetzungen und Tendenzen gegenflbw i) 
zeigen gesucht, in welcher Weise wir in der That die natHrn^iKsci» 
srhaRliehen Ergebnisse bei dem Aufbau einer einheitlichen We!6 
anschauung zu verwenhen habün, Gegenllber dem Bestreben i 
der blossen Bahn der Naturwissen schall weiter zu gehen, ihre R* 
sultate zu einer GcsainmUnschauunf zu verknüpfen, su^eit H 
darzulegen, dass der eigenen Methode der Naturwissenschaft Ri 
dieses Ziel gar nicht erreiuhbar ist, dass es sich im Gegentheil b 
dem Bestreben zu einer einheitlichen Weltanschauung zu gelsogH) 
nicht um Zusammenfassung der Resultate, sondern grade vm i" 
Aufnahme der Elemente handelt, welche die Natui^issenschan Bm 
Methode nach mit Recht aussctiliesst, Darnach «rgiebt sich uns M< 
eine ganz andere Vorstellung von den {^eisligen Kämpfen 
Zeit und von dem Einflüsse, welchen die Ausbreitung der Nu 
Wissenschaften auf die Ausbildung unseres Denkens haben mnss. 
Kampf zwischen Monismus und Dualismus erscheint uns jcW li 
einer ganz anderen Beleuchtung und wir vermügen in diesem Monieill{ 
nidit mehr den berufenen Vertreter des Lichtes gegen die Finslenäl 
der Wissenschaft gegen den Aberglauben zu erblicken. 

Wenn wü' aber bei unserem Bestreben alle Ein z eierkenn In iue ■■ 
einer einheitlichen Weltanscliauung zu verknüpfen, 7.uIi6Chst zu M 
Begriffe eines geistigen Grundes aller Dinge gelangt sind, so mDdM 
wir allen Missversl^ndnisseu gegenüber doch noch eiuinal betone», dH 
wir damit nicht unser Naluiwisscn , sondern uiisern Naturbtpi 
erweitern. Es handelt sich bei diesem Begriffe nicht darum, tA 
nalUrlichen oder geistigen Enlwickelungen von Zustand zu if 
zu verfolgen, sondern darum, zn begreifen, was allen Entwickeluv 
als das Bedingende zu Grunde liegt. Unterscheidet mau diese beide 
Gedanken nicht und erkennt man in einseitiger Befangenbett n ' 
an, dass hier dem meascfalicben Denken ganz verschiedene Aufgabe 
gesteckt sind, Aufgaben, die beide gleich noibwendig sind, 
man eben das gcsammte geistige Leben, das gcsammle Denkes dl 
Menschheit nicht zu verstehen im Stande sein; dant 
die Aufgabe des Erkcnnens Überhaupt verwechseln mit jener b 
und beschrfinkten Aufgabe der Naturwissenschaft. 

Hierin liegt der Grund, weswegen die Stellung, welche i 
Monismus zu den religiösen Ideen einnimmt, eine volLstlndig 1 




— 61 — 

WeUrte ist. Sie entspring ebon aus der Verkennung des luensoh- 
Ucben Geistes, aus dem Beslrebcc, unsere gesanunte geistige ThUtig- 
keit aufzulösen in passives Erkennen. Man Übersieht, dass es auf 
dies«m Gebiete wie auf dein des Sittlichen grade nicht angeht, das 
l'rincip unseres Glaubens oder unseres Handelns aus der Uusseren 
Betrachtung abzuleiten. Das, was zu lliun unsere Pflicht ist, folgt 
O'cbt und soll nicht folgen aus der Betrachtung dessen, was tactiscb 
geschieht. Wer freilich aus dem Geiste nur einen passiven Spiegel 
^^^ Ausscnwelt macht, wii'd dieser Erscheinung rathlos gegenUbcr- 
^^fa«n, deren Macht er docb in seinem eigenen Denken fUhlt. 

So legt man auch an die Aussagen des religiösen GemUthes 
*'<a Maassstab der natui'wissenscballlichen Erkenntiiiss und übersieht, 
dass die Widersprtlclie und Verkehrtheiten, welche zu Tage treten, 
^^On in dem verkehi-teu Maasslabe liegen. 

Wir geben nun sehr gern zu und betunen selbst, dass unsere 
reli^ösen Anschauungen in einer nolhwendigen Umwandlung be- 
Si^ffen sind, glaubt man aber von dem monistischen Standpunkte 
"US, diese Umwandlung fördern zu können? Will man an den 
"■filigiösen Vorstellungen Kritik üben, so kritisire mau sie nach dem 
^Aasstabe, der in ihnen selbst liegt ; dann zeige mau, dass sie grade 
^ie Idee, welche sie angeblich verfechten, nicht zum Ausdruck 
bringen, ja oft genug in ihr Gegentheil verkehren. Doch ehe man 
^o kritisirt, begreife man xunttchst, dass es sich auf diesem ganzen 
*jebiele nicht um Naturerkenntniss handelt, sondeiii dass grade die 
Religion aus der Iteaction unseres lebendigen Geistes gegen die 
-Aussenwelt oder — wie man es treffend ausdrücken kann — aus 
<ler Selbstbehauptung des Geistes gegen alle Aeusserlichkeit bervor- 
Segangen ist und daraus immer wieder — seihst in dem Grunde 
Jedes einzelnen Gemüthes — neu hervorgehen muss. Dann wird 
'Bau auch einsehen, dass, mit welchem Rechte immer die Ver- 
staDdeskritik das Voj-stellungsniaterial aufzehit, in dem sich die Idee 
Ausdruck zu geben gesucht hat, mit dieser Auflijsung der Vorstellung 
die Idee selbst noch nicht beseitigt ist und gar nicht zu beseitigen gehl. 
Wenn daher Hückel an die Stelle der alten Schbpfungslehre 
"itke neue Schöpfungslehre, an Stelle der alten Anthropogenie eine 
''cue Anthropogenie zu selben unternimmt, und jene durch diese be- 
seitigt glaubt, so venuügen wir darin nur eine Täuschung r.u er- 
''^eken. Dass unsere, wie aller Wesen Entstehung natürlich ver- 
"Aittelt ist, kann Niemand mehr leugnen. Wenn man aber aus der 
■haleache dieser natürlichen Vcrmitteluug den Schluss zieht, dass 
^ir nur die Producte des Stoffes und seiner Umwandlungen sind, 
>0 setzt man an Stelle der, wie man sagt, antiqnirten Schlipfungslehi'e 
licbts als modernen Aberglauben. In der Thal aber vei'kennt man 
lei dieser alten Schöpfungslehre grade das, worauf es ihr ankommt 
und hält sich — allerdings in Uebe rein Stimmung mit ihren angeblich 
berQfenen Vertheidigcrn — grade an das, was dabei vßllig gleichgültig 



— 6ä — 

ist. Das, worauf es ihr ankommt, ist, den Gedanken uns einzu- 
schärfen, dass wir wie alle Dinge in dem Unendlichen gegründet 
sind, das, worauf es nur dem, welcher sie mit Naturerkenntniss ver- 
wechselt, ankommen kann, ist die Darlegung des Entwickelungs- 
herganges. Wenn aber Häckel an die Stelle des mosaischen SchDpfungs- 
berichtes jetzt andere Anschauungen zu setzen im Stande ist, 
so ist das wahrlich kein Wunder und der Nachweis, dass jene Alten 
noch nicht wussten, was Darwin und Häckel zu Tage gefördert 
haben, dieser Nachweis ist — wir können es nicht ableugnen — 
durchaus gelungen, mehr aber auch nicht. Doch nicht hierin, sondern 
in jenem Gedanken, dass wir nicht das Product eines für sich als 
wirkungsfähig vorausgesezten Mechanismus sind, nicht die Folge einer 
Vielheit beziehungsloser, zusammengetretener Elemente, in dem Ge- 
danken, dass der Grund aller Dinge ein geistiger, dass wir unserem 
Wesen nach Geist von seinem Geiste sind, — in diesem Gedanken 
sehen wir trotz aller modernen Schöpfungsgeschichte und aller 
modernen Anthropogenie die bleibende Bedeutung der alten. 



l^ruck voa Bockwiti de Webel in Leipiif. 



/y'c-'- " • y~- 



ÜBER 



BEDEUTUNG UND AUFGABE 



EINER 




EIN VORTRAG 



VON 



DR. FRITZ SCHÜLTZE, 

o. 0. PB0FE880B DER PHILOSOPHIE AN DER K. POLYTECHN. HOCHSCHULE ZU DRESDEN. 



JENA 

VERLAG VON HERMANN DUFFT. 

1877. 



I'TI 



^» 



I! 



ÜBER BEDEUTUNG UND AUFGABE 



EINER 



PHILOSOPHIE DEß MTÜRWISSENSCHÄFT. 



\* 



Es giebt sogenannte Philosophen, welche, ihrer Zahl nach 
glücklicherweise gering, die Naturwissenschaften*) wie eine Art 
Ballast betrachten, der dem Luftschiff ihrer Speculationen b^m 
Aufsteigen in die Sphäre des reinen Gedankens nur hinderlich 
und deshalb auszuwerfen sei. Es giebt andererseits sogenannte 
Empiriker, welche, ihrer Zahl nach leider sehr gross, die Philosophie 
als blauen Dunst verachten und ihren Gedankengang für einen 
höchst thörichten, überflüssigen, ja genickbrechenden Ikarusflug 
erklären. Diese Empiriker haben Recht in Bezug auf eine von 
ihnen allein gesehene philosophische Afterweisheit ; sie haben 
Unrecht, weil sie eine bestimmte Art der Philosophie für die 
Philosophie halten — jene Philosophen haben in jeder Beziehung 
nur Unrecht. So besteht thatsächlich noch heute zwischen Philo- 
sophie und Naturwissenschaft ein Misstrauen, das, so sehr es auch 
möglich sein mag, es zu beseitigen, und so sehr es bei vielen 
Parteigängern der einen wie der anderen Seite auch schon be- 
seitigt ist, es doch immer noch als ein gewagtes Unternehmen 
erscheinen lässt, einen Bund zwischen Philosophie und Natur- 
wissenschaft herstellen und daraus eine «Philosophie der Natur- 
wissenschaft» entspringen lassen zu wollen. 



♦) Verf. beschäftigt sich mit der Ausarbeitung einer „Philosophie der Natur- 
wissenschaft" und legt in diesem Vortrage in der Kürze gleichsam das Programm 
derselben dar. 



— 6 — 

Das Misstrauen ist um so grösser, als es verhältnissmässig 
noch sehr jung und daher jugendlich fanatisch ist. Denn noch 
bis in das vorige Jahrhundert hinein existirte eine solche Kluft 
zwischen Philosophie und Naturwissenschaft nicht, vielmehr ein 
inniger Bund, den zu beanstanden keinem der beiden Verbündeten 
in den Sinn kam. Namen wie Kant, Leibniz, Descartes glänzen 
gleichzeitig hell auf den Gebieten der Philosophie, Mathematik 
und* Naturwissenschaft , und wenn auch ein Newton der Physik 
zurief: «Hüte dich vor der Metaphysik!» — so war damit nicht 
eine Scheidung von der Philosophie überhaupt, sondern nur von 
der oben bezeichneten falschen Philosophie gefordert, und er selbst 
bekannte sich als den Philosophen einer wahren neuen Philosophie 
schon durch den Titel seines gewaltigen Werkes : Die mathe- 
mathischen Principien der Naturphilosophie. Mit jenem «Hüte 
dich!» stimmte Newton nur ein in den allgemeinen Chor der 
englischen Philosophen, die seit Bacon's Zeiten dasselbe Warnungs- 
signal gaben, und deren Philosophie keine anderen als naturwissen- 
schaftliche Grundlagen kannte, während gerade Physik und Chemie 
ihre Grundlage, auf der sie sich bis heute weiter entwickelt und 
ihre Triumphe gefeiert haben, nämlich die Atomentheorie vor- 
zugsweise durch Gassendi's Vermittlung wiederum von Seiten der 
Philosophie, hier der antiken Philosophen erhalten hatten, a) Dass 
im Alterthum weder Trennung noch Misstrauen zwischen Philosophie 
und Naturwissenschaften, vielmehr die engste Vereinigung bestand, 
geht schon daraus hervor, dass die Philosophie alle Wissenschaften 
in sich befasste und an eine principielle Scheidung, wie sie in unsern 
Tagen herbeigeführt ist, selbst in der letzteren Zeit des Alterthums 
noch gar nicht gedacht wurde, wo doch die Theilung der Arbeit auch 
schon auf wissenschaftlichem Gebiete anfing sich geltend zu machen. 

Warum aber trennten sich denn Philosophie und Natur- 
wissenschaft in der neuesten Zeit, also etwa in und seit dem ersten 



*) Lange, Gesch. d. Materialismus I, . 234. 



drittel dieses Jahrhunderts ? Warum musste Schiller's an die 

^^^^aturforscher und Transscendentalphilosophen gerichteter Macht- 

^^pruch : «Feindschaft sei zwischen euch I » so gründlich befolgt 

^^and die darin liegende Prophezeiung zur Wahrheit werden? Die 

'XJrsachen dieser Erscheinung liegen einerseits in dem grossartigen 

^Entwicklungsgang, den in neuester Zeit die Naturwissenschaften 

^■lahmen, andererseits in der Verbildung und rückläufigen Be- 

^wegung, welcher die Philosophie nach Kant anheim fiel. 

Die Naturwissenschaft, bis in's i6. Jahrhundert hinein eigent- 
lich nichts als ein auf Aristoteles sich gründendes Gemisch von 
geglaubten Fabeln, das den stolzen Namen nicht verdient, ver- 
^Vandelte sich in dem Grade und wuchs in dem Maasse, als der 
iT^enschliche Geist sich mehr und mehr von der Herrschaft der 
-^\.utorität befreite, und die Natur, statt durch das Medium alter 
^^iücher und unarftastbarer Ueberlieferungen, vermittelst der eigenen 
^^inne und neu geschaffener Hülfsmittel und Methoden beobachtete. 
-^\ber trotz der gewaltigen bahnbrechenden Leistungen eines 
i<^opemikus, Galilei, Kepler, Newton auf dem Gebiete der Astro- 
^Ä:>omie und Mathematik blieb die übrige Naturwissenschaft doch 
^Ä:^och ein sö enges und beschränktes Gebiet, dass noch der eine 
XLinne das ganze System der Natur oder die drei Reiche umfassen 
\<onnte, und die Zeit liegt noch gar nicht so weit hinter uns, wo 
^uf unseren Universitäten ein Professor in den drei Reichen und 
daneben ' noch einigen andern Disciplinen monarchisch herrschte. 
^ie aber hat sich das im Laufe dieses Jahrhunderts geändert ! 
Aus den drei kleinen Stämmen sind drei riesige Wälder, aus der 
^Naturwissenschaft ist eine silva silvarum geworden,, von deren 
Umfang Bacon, so hellseherisch er sonst war, sich nichts hatte 
träumen lassen. Die empirischen wie die mathematischen wie die 
Wissenschaften überhaupt, haben alle insgesammt sich so ungeheuer 
erweitert und ausgedehnt, dass schon ein kleines Stück einer der- 
selben gründlich zu bearbeiten die ganze Lebensthätigkeit eines 
Menschen erfordert. Die Wissenschaften, die Kinder der Philo- 



— 8 — . 

Sophie, wuchsen schnell heran zu kräftigen Männern, die sich von 
der Mutter trennten, auf eigenen Füssen in's weite Leben hin- 
ausstürmten und ihrer Mutter endlich ganz vergassen — eine Ver- 
gesslichkeit freilich, die sich rächen sollte — oder ohne Bild zu reden, 
je mehr sich die Wissenschaften erweiterten, je spedeller die 
empirischen Forschungen wurden, je mehr das Bedürfniss wuchs, 
das Einzelne in seiner Vereinzelung kennen zu lernen, um so 
weniger hatte man Zeit, das Ganze zu überblicken, den allgemeinen 
Zusammenhang hervorzuheben, zu höheren allgemeineren, um- 
fassenderen Principien aufzusteigen d. h. philosophischen Forschungen 
sich hinzugeben. So brachte die gewaltige Entwicklung der 
Naturwissenschaft eine Trennung von der Philosophie naturgemäss 
mit sich. 

Und die Philosophie that nichts, um dieser Trennung vor- 
zubeugen — im Gegentheil, durch ihr unüberlegtes, in's Blaue 
hinein phantasirendes , trotz aller Hohlheit prahlerisches und an- 

• 

massendes Gebahren stiess sie die gründliche, auf festem Barren- 
vorrath im Keller sich stützende Naturwissenschaft mehr und mehr 
von sich, und kein solides Geschäftshaus wollte mehr ihre 
Schwindelpapiere zu irgend einem Curse nehmen. Nachdem nämlich 
der gründliche Kant in der deutschen Philosophie so bahnbrechende 
Erfolge errungen und damit eine Anregung gegeben hatte, die 
um so gewaltigere Mengen an lebendiger Kraft auslöste, als die 
bis dahin in Deutschland herrschende geringe philosophische Thätigkeit 
die philosophischen Spannkräfte hatte ruhen lassen — so glaubte 
man nun, die ungeübten Augen geblendet von dem Glanz des 
reinen Denkens, durch dieses allein in blosser enthusiastischer 
Intuition wie durch eine neue innere Offenbarung das Welträthsel 
mit einem Schlage lösen zu können. Den wahren Kern der 
Philosophie Kant's, die jede die Grenzen der Erfahrung über- 
schreitende Speculation kritisch als völlig unfruchtbar erwiesen 
hatte; ihren Grundsatz «Alles Erkenntniss von Dingen aus blossem 
reinen Verstände oder reiner Vernunft ist nichts als lauter Schein 



— 9 — 

und nur in der Erfahrung ist Wahrheit» ^) , kannte und erkannte 
man nicht. 

Wie man immer nur das zu begreifen vermag, wofür man in 
sich selbst schon Anknüpfungspunkte findet, so sahen die npch 
ganz im philosophischen Dogmatismus vergrabenen Zeitgenossen 
an Kant's Philosophie nur deren rudimentäre Organe d. h. die 
ihr vom Dogmatismus her noch verbliebenen dogmatischen An- 
hängsel ; diese begriffen sie, diese hielten sie für die Hauptsache, 
an diese knüpften sie ihre Speculationen, während ihnen der wahre 
Kriticismus Kant's völlig verschlossen blieb. Diese dürftigsten von 
Kant's Erkenntnissbaum abgepflückten Früchte waren aber nicht 
im Stande, den Fieberdurst der nach schleunigster Erledigung des 
Weltgeheimnisses verlangenden Geister zu stillen — auf Flügeln 
der eigenen Fantasie erhob man sich, verächtlich blickte man auf 
den .pedantisch vorsichtigen , an der Erde haftenden Kant hinab 
— Geist und Natur waren in ihrem innersten Wesen im Hand- 
umdrehen erklärt und aus blossem Denken die Gesetze des Seins 
durchschaut. Nur Schade, dass diese erhabenen Offenbarungen 
der Philosophie der Natur gar nicht stimmten mit den in sorg- 
fältigen Mühen errungenen Entdeckungen der Wissenschaft der 
Natur — Schade auch, dass die Anhänger der letzteren den 
Verfechtern der ersteren es nicht glauben wollten, dass, wenn 
zwischen Natur und System ein Widerspruch sich zeige, dies ein 
Fehler der Natur, und nicht des Systems sei. Schade, dass die 
Philosophen sich durch die Thatsachen nicht bekehren wollten und 
dadurch endlich den nüchternen Empirikern unsterblich lächerlich 
erscheinen mussten. Kein Wunder auch, dass diese jene ihnen 
zunächst stehenden Philosophastereien mit der Philosophie über- 
haupt verwechselten, mit jenen alle Philosophie überhaupt als 
schädliche Narrheit verwarfen und so nun freilich das Kind mit 
dem Bade ausschütteten. Es hilft heutzutage nichts mehr, dieses 



<) Prolegomena. Ausgabe Hart. Bd. IV, S, 122, 



— 10 — 

I 

Gründerthum der Philosophie im ersten Drittel dieses Jahrhunderts 
bemänteln zu wollen — und eine ehrliche' Aussöhnung wird nur 
dann statt finden, Vertrauen auf Seiten der empirischen Wissen- 
schaften nur dann erweckt werden können, wenn von Seiten der 
Philosophie rückhaltslos das Vergehen zugestanden wird. Sie kann 
dies um so eher thun, als ja nicht die Philosophie überhaupt 
ihrem inneren Wesen nach, sondern nur der Missbrauch derselben, 
eine sich mit . ihrem Namen breitmachende Scheinweisheit den 
Uebelstand herbeigeführt hat 

Sowohl in der ungeheuren Entfaltung der empirischen Wissen- 
Schäften als auch in der vorschnellen Leichtfertigkeit des philo- 
sophischen Epigonenthums lag also die Trennung der empirischen 
Wissenschaft von der Philosophie begründet. Wie erging es 
nun aber den Empirikern, nachdem sie den Jahrtausende alten 
Ehebund mit der Philosophie gelöst hatten, und mit Verachtung 
von der früheren Genossin abgewandt, in eine Art Junggesellen- 
stand übergetreten waren? Sie verschmähten jede Philosophie, 
d. h. alle zusammenfassenden allgemeinen Gesichtspunkte und 
vertieften sich mit um so grösserem Eifer und unermüdlicher 
Sorgfalt in das Besondere und Einzelne. Unbekümmert um alles 
Andere in der Wdt sah der Botaniker nur noch Pflanzen, der 
Zoologe nur noch Thiere, der Chemiker nur noch Stoflfe, ja der 
einzelne Botaniker nur noch eine bestimmte kleine Pflanzen-, 
der Zoologe nur eine bestimmte kleine Thiergruppe, und ebenso 
machten es die übrigen Wissenschaften. Es wurde und wird noch 
heute als rühmlich angesehen, im Grossen unwissend zu sein, wenn 
man nur ein kleinstes Gebiet haarklein zerfasert. Vielseitigkeit 
heisst Ungründlichkeit — der Philologe ist der rechte, der nur 
den Thucydides versteht ; dass er Juvenal nur eben dem Namen 
nach kennt, entschuldigt sich dann ; d e r Historiker ist der gefeierte, 
der sich nur um den 30jährigen Krieg gekümmert hat, und um 
sich Philosoph nennen zu dürfen, genügt es, die Partikeln im 
Aristoteles gelernt zu haben. Dass diese kritische Selbstbescheidung 



— 11 — 

auf eine ganz kleine Specialität. die nach so redlicher, bürgerlich 
ruhiger Bescheidenheit aussieht, bei den meisten mit einem hoch- 
müthigen Pharisäerthum , auf ihrem Specialgebiet nun die unfehl- 
bare Autorität zu sein, verbunden ist; dass dieses Sichbrüsten 
mit der ärgsten Unwissenheit auf allen seitab liegenden Gebieten 
für die meisten nichts als eine Bemäntelung ihres engen Philister- 
geistes und seiner Trägheit ist, wollen wir nur beiläufig erwähnen, 
und jetzt nur die unleugbaren Vorzüge dieses Verfahrens 
hervorheben. Denn erstens diente es dazu, den in den philoso- 
phischen Bacchanalien berauschten Geist wieder zu ernüchtern, 
auf das Thatsächliche , Wirkliche, sinnlich Fassbare, empirischer 
Beobachtung . Zugängliche , also auf die wahre Grundlage aller. 
Wissenschaft, mithin auch der Philosophie, wieder hinzulenken und 
ihn dadurch für wirkliches Philosophiren wieder zu befähigen ; 
zweitens wurde dadurch die Kenntniss um ein Ungeheures erweitert, 
bis dahin ganz unbekannte Gebiete entdeckt und erschlossen und 
somit ein Material von Thatsachen beschafft, wodurch unsere 
Weltanschauung eine ganz neue Gestalt gewinnen und Theorie 
wie Praxis sich allmählich völlig verändern wird. Aber von diesen 
beiden Vortheilen erfuhren jene Specialisten selbst vorläufig nichts 
— auf sie passte vielmehr völlig das Wort : 

Dann hat er die Theile in seiner Hand, 
Fthlt leider ! nur das geistige Band. 

Denn was thaten sie? Sie* entdeckten, sammelten und 
beschrieben Das blosse Sammeln und Beschreiben giebt 
wohl Wissen, aber keine Wissenschaft; denn diese erklärt. 
Wie aber kann man in einer Wissenschaft allein erklären? 

Alle Wissenschaften bilden sozusagen einen Organismus, 
^11 dem jede einzelne Wissenschaft nur ein besonderes Glied ist. 
iCeine steht isolirt für sich, denn sie sind alle entsprungen aus 
ciem einen Menschengeiste, durch die Befruchtung von Seiten 
^iner und derselben umgebenden Welt. So verschieden die 
^VL erkennenden Einzelobjecte, also demgemäss die verschiedecve^ 



— 12 — 

Wissenschaften sind, so einheitlich ist doch das erkennende Subjekt, 
so einheitlich daher auch sein Gesammtobjekt , die Welt, sodass 
also auch alle einzelnen Wissenschaften nur Theile der einen 
Gesammtwissenschaft von der Welt sind. 

Will ich nun z. B.. die menschliche Hand erklären, wie 
allein kann ich das? Beschreiben kann ich sie in ihrem Bau 
rein für sich; ohne Rücksicht auf den übrigen Körper kann ich 
ihre Nerven, Muskeln, Knochen u. s. w. aufzählen und schildern. 
Will ich sie aber wirklich erklären, d. h. ihre lebendigen 
mannichfachen Bewegungen und Handlungen verstehen lernen, 
indem ich ihr functionelles Wesen aus seinen Ursachen ableite, 
^o bleibt nichts Anderes übrig, als auf den anatomischen Bau und 
die physiologische Beschaffenheit des ganzen Körpers, ja auf die 
Entwicklung der gesammten Thierwelt zurückzugehen. Genau so 
verhält es sich mit jeder einzelnen Wissenschaft. Keine genügt 
sich selbst rein in und durch sich. Nicht einmal beschreiben 
kann eine Wissenschaft ihre Objecte ohne Zuhülfenahme einer 
anderen, geschweige denn erklären, jede bedarf einer anderen, 
ja im Grunde, bedarf jede jeder. So- ist eine auch nur relative 
Erklärung einer Erscheinungsreihe d. h. eine Wissenschaft nur im 
Zusammenhange mit andern Wissenschaften möglich, also kann 
die volle Erklärung, soweit dieselbe überhaupt denkbar ist, nur 
aus dem Zusammenhang aller d. h. aus dem durch philosophisches 
Forschen aus allen Einzelnen zu gewinnenden Allgemeinen, 
welches ja der bloss sinnlichen Wahrnehmung und Beobachtung 
nie zugänglich ist, gegeben werden. Jene Specialisten, von denen 
jeder, nur in einer Furche des Feldes sitzend, weit entfernt war, 
das ganze Feld mit allen seinen Aehren zu überschauen, konnten 
daher wohl beschreiben, aber nicht erklären — da ihnen wohl 
Einzelnes gegenwärtig war, das geistige Band des Zusammenhanges 
aber fehlte. So hatten sie denn in Wahrheit nur Wissen, keine 
Wissenschaft; sie trugen Steine zusammen, aber bauten kein 
Haus. 



— 13 — 

Nun ist aber aus hier nicht näher zu erörternden Ursachen 
das Bedürfniss zu erklären, d. h. die Dinge in einem ursäch- 
lichen Zusammenhang zu bringen, dem Menschen eigen. Also 
auch jene Specialisten wollten erklären ; ihre Erklärungsprincipien 
konnten sie aber nur aus ihrem engen Gesichtskreise herausnehmen ; 
ihre Principien mussten also, und damit ihre Erklärungen, selbst- 
verständlich zu eng, also falsch sein ^). So bauten sie engbrüstige 
Hypothesen auf, die manchmal früher schon dagewesen und früher 
schon überwunden, aus geschichtlicher Unkenntniss für neu gehalten 
wurden und dadurch, dass sie nun erst von neuem überwunden 
werden mussten, die Zeit für fruchtbarere Forschungen verschlangefi, 
oder Hypothesen, die neu waren, aber ohne Rücksicht auf andere 
Gebiete in ihrer Einseitigkeit ebenso abenteuerlich und unkritisch 
ausfallen mussten, wie nur eine Speculation früherer berüchtigter 
Naturphilosophie, die aber trotzdem fanatisch vertheidigt wurden. 
Natürlich, denn diese Specialisten, die gründlich zu nennen inso--* 
fem falsch ist, als sie den Dingen am wenigsten auf den Grund 
sahen , konnten ja nichts Anderes als bomirt sein ; waren sie es 
nicht von Geburt, so musste nichts als Mikroskopiren oder nichts 
als Handschriften-CoUationiren sie nothwendig dazu machen ; Bomirt- 
heit erzeugt aber unfehlbar den Dogmatismus, dessen Signatur 
der Fanatismus ist. 

Sehen wir aber von diesem, aus dem zu engen Gesichtskreis 
ihrer Urheber sich ergebenden, mangelhaften Inhalt solcher be- 
schränkten Erklärungsversuche ab, und fassen wir nur die Form 
derselben in's Auge, so rächte auch an dieser die Vernachlässigung 
des philosophischen Denkens sich bitter. Das blosse empirische 
Beobachten vermittelst der Sinne, sei es nun mit Hülfe von 
Secirmessem oder Mikroskopen oder anderen Instrumenten, 
schärft die Sinne für die betreffenden Gegenstände in einem 



•) Vgl. Zöllner's hierher gehörige Betrachtungen in seinem Werke „Ueber die 
Theorie der Kometen". 



— 14 — 

unglaublichen Maasse. Aber dieses Beobachten macht noch lang 
liicht den wirklichen Forscher, vielmehr zeigt dieser seine Gros 
darin, dass er durch einen erklärenden Gedanken grosse Reihe 
von Erscheinungen in Zusammenhang zu setzen weiss, die vorhe 
ganz unvermittelt neben einander standen. Etwas beobachte 
und das Beobachtete erklären ist also zweierlei — ersteres forde 
gesunde Sinne und Geduld, letzteres Geist — ersteres betreib 
mit grossem Geschick der wissenschaftliche Handwerker, letztere 
kennzeichnet den Forscher, der also vor allem ein Denker ist 
also im Denken, im Combiniren, Schliessen und Folgern vöUi 
geübt sein muss. Wie will aber der, dessen ganze Thätigkeit i 
sinnlicher Beobachtung aufgeht, der seine Sinne trefflich übt, abe 
die Gymnastik des Denkens vergisst — wie will er im Denken 
Leistungen aufweisen oder gar ein Meister werden ? Es ist lächer- 
lich zu sehen, wie ein solcher Indianer der Wissenschaft anfängt 
schwach und confus zu werden, sobald es sich um die richtige Ab- 
grenzung eines Begriffs, um allgemeinere Schlüsse und Folgerungen, 
um die Darstellung eines allgemeineren Gedankeninhalts handelt. 
Er verschmähte alles philosophische Denken, jetzt rächt es sich 
an seinem eigenen Denken. Unlogik, fehlerhaftes Schliessen, 
geschmacklose Darstellung characterisirt in unbeschreiblicher Weise 
den mündlichen wie schriftlichen Ausdruck dieser Specialhelden. 
So lange sich ihr Denken auf ihre eigenen Steckenpferde bezieht, 
corrigirt die Beobachtung leicht wieder ihre falschen Schlüsse, und 
hier tritt die Sünde nicht so grell hervor — sobald sie aber ihr 
Gebiet verlassen und auf irgend etwas Anderes hinüberschweifen, 
erfährt man mit Schrecken, dass man es zwar mit einem bedeu- 
tenden Mikroskopiker, aber mit einem in wissenschaftlichem Denken 
ungebildeten Menschen zu thun hat, der, da er in seinem Fache 
sich Autorität dünkt, in seiner Bornirtheit nun über alles Mög- 
liche die unsinnigsten Urtheile abzugeben sich umsomehr berufen 
fühlt, je weniger er davon versteht. 

Wirklich bedeutende Naturforscher haben bereits angefangen 




-st 





— 15 — 

mit Entsetzen zu erkennen, welche trübseligen Erscheinungen in 
ihren eigenen Gebieten diese Vernachlässigung des philosophischen 
D^ikens erzeugt, wie diese einseitige Ausbildung sinnlicher Beob- 
achtung in letzter Instanz eine völlige Verödung und Vernichtung 
wirklicher erklärender Wissenschaft zur Folge haben würde, und 
Männer wie Helmholtz, Zöllner, Fick, Haeckel, Wundt, Dubois- 
Reymond, Huxley u. a. haben mit Nachdruck auf die Wichtigkeit der 
Philosophie für die Naturwissenschaften hingewiesen, umsomehr, 
als sie in ihrem Forschen, je mehr sie sich vertieften, selbst überall 
wieder auf philosophische Probleme stiessen und somit selbst 
nothwendig zur Philosophie zurückgeführt wurden. Solange zwar 
die Naturwissenschaften sich auf der Oberfläche der Erscheinungen 
halten und mit der blossen Sammlung und Beschreibung sich 
begnügen, bedürfen sie der Philosophie nicht — sobald sie aber 
wirklich erklären wollen, und zwar nicht einmal aus absolut 
letzten Gründen, sondern nur aus den bloss relativ letzten Gründen 
einer jeden besonderen Naturwissenschaft, so stösst eine jede von 
ihnen unvermeidlich auf philosophische Probleme. — Denn diese 
ihre ersten Grundsätze, worauf eine jede Special Wissenschaft ihre 
Erklärungen und Beweise stützt, worauf stützen sie sich denn? 
Hier sind zwei Fälle möglich: Diese ersten Grundsätze werden 
entweder unbewiesen als Axiome angenommen, also geglaubt — 
dann stützt sich die besondere Wissenschaft auf einen blossen 
Glauben, ist also zweifelhaft — oder aber sie werden selbst sicher 
gestellt aus allgemeineren Principien — dann ist die Begründung 
eine philosophische. Da die wenigsten Naturforscher sich klar 
machen, dass in der That eine jede Wissenschaft zwischen dieses 
Dilemma gestellt ist : entweder in letzter Instanz ein unbewiesener 
Glaube oder ein philosophisch begründetes Wissen zu sein, so 
wird es nicht unnütz sein, an einer Reihe von empirischen Wissen- 
schaften beispielsweise den Punkt aufzudecken, wo sie nothwendig 
ihre Rechtfertigung entweder im Glauben oder in der Philosophie 
suchen müssen. 



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tzteren auf psychologische Erklärungen, in beiden Fällen auf 

"philosophische Voraussetzungen. So verschieden auch die einzelnen 

Wissenschaften sind, darin stimmen sie doch alle überein, dass sie 

„Wissenschaften sein, d.h. wissenschaftlich denken wollen, 

I aber hört das unwissenschaftliche Denken auf und beginnt 

wissenschaftliche? wodurch wird ersteres zu letzterem? wer 

giebt mir das Kriterium des wahrhaft wissenschaftlichen Erkennens? 

X>ieses hängt ab, ausser von den zu erkennenden Objecten, von 

rier Beschaffenheit Jenes Erkenntnissinstrumentes, das wir mit einem 

allgemeinen Ausdruck Geist nermen? was lehrt mich die eigen- 

tJiiimliche Natur dieses Instrumentes kennen, dass ich es richtig 

hinzuwenden und all den täuschenden Schein, der aus seinerNatur sich 

umvillkürlich in die Betrachtung der Dinge mischt, richtig auszu- 

'*^^rzen verstehe, um eine wirklich objective Erkenntniss zu 

^^"^vinnen? Hier kann nur die philosophische Erkenntniss theo rie 

^^'^-h.rhaft Hülfe leisten, und wir Jjehauptcn külin, all der dogmatische 

^^"^^inn in den verschiedensten Wissenschaften führt sich in letzter 

"^^"fc^inz auf die Vernachlässigung der Erkenntnisstheorie zurück; 

^^^^*t bloss der Dogmatismus der theoretischen Wissenschaften, 

'^■^«dem auch der des praktischen Lebens in Religion und Moral 

*t all seinen weitgreifenden Consequenzen , die einer wahrhaft 

^*^innigen, geistigen und socialen Höherentwicklung der Mensch- 

^*t bleiern und zäh im Wege stehen. 

So münden also theoretische wie practische Wissenschaften in 

""^■»1 Grundproblemen allemal wieder m die Philosophie ein. 

'^llen sie ihre Aufgabe wirklich zu gründlichem Abschluss bringen, 

liommen sie um die Philosophie in keiner Weise herum, und 

^"leswegs büssen sie damit ihren wissenschaftlichen Char acter 

^''*. vielmehr bekommen sie ihn erst dadurch. Es ist sehr richtig, 

*s Avenarius mit epigrammatischer Schärfe ausspricht : ') der 




I) Vgl. VlettelJEihrsschrift für ( 
Jahrg. i, S. 1 ff. 



schafll, Philosophie. HerniisgeEcben 





— 18 — 

Frage: wie ist Philosophie als Wissenschaft möglich? steht mL 
völlig gleichem Rechte die Frage gegenüber : wie ist Wissen 
Schaft möglich, wenn nicht durch Philosophie, ja mehr nocl 
wenn nicht als Philosophie? 

Wenn die empirischen Wissenschaften durch den Fortganj 
ihrer eigenen Probleme von selbst wieder in die Philosophie hinei 
gefiihrt wurden, so wurde nun andrerseits aber auch die Philosophie-^^ 
nachdem sie sich aus dem oben geschilderten Rausch ernüchtei 
hatte, wieder zu den empirischen Wissenschaften zurückgeführt, 
deren absolute Unentbehrlichkeit ftir ihre eigene Existenz — wem 
sie berechtigt und gesund sein sollte — sie täglich um so gründ- 
licher begriff, je mehr ihre windigen Speculationen in's Nicht 
versanken. Denn wenn die empirischen Wissenschaften wahr« 
Wissenschaft nicht haben können ohne Philosophie, so kann ebenso 
wenig die Philosophie eine Wissenschaft sein ohne die Grundlage 
jener empirischen Disciplinen. Hier ist der Punkt, wo sich der 
Begriff von dem, was wir allein Philosophie nennen dürfen, scharf ^^ 
unterscheidet von all dem, was sich etwa mit diesem Namen 
schmückt wie mit einem fälschlich erworbenen Doctordiplom. 
Wissenschaftliche Philosophie ist nur diejenige, welche im engsten 
unlöslichen Zusammenhang mit den empirischen Wissenschaften, 
auf Grund derselben, deren allgemeine Ergebnisse nach kritisch- 
empirischer Methode vergleicht und daraus neue allgemeinere 
Resultate ableitet, deren Inbegriff und Ziel eine der Veränderung 
und Verbesserung nach Maassgabe des Fortschrittes der empirischen 
Wissenschaften stets offene, nie dogmatisch erstarrende, stets im 
lebendigen Flusse bleibende einheitliche Weltauffassung 
ist, deren Consequenzen für Theorie und Praxis sie zu entwickeln 
und nach denen sie das menschliche Leben in all seinen Beziehungen 
zu gestalten hat, indem sie nichts anerkennt als das positiv Be- 
wiesene, gegen alles andere sich mit Weisheit negativ verhält. 
Was sich Philosophie nennt und diesen Forderungen nicht ent- 
spricht, mag im Sinne vergangener Zeiten diesen Namen ver- 



— 19 — 

dienen, nicht aber im Sinne moijerner Wissenschaft. Wenn jemand 
meint , Philosophie durch reines Denken oder durch ahnendes 
Schauen in den Tiefen des Geistes zu Stande bringen zu können, 
der mag für sich und seine Gesinnungsgenossen gewisslich Fan- 
tasie- und Gemüthsbedürfnisse befriedigende Dichtungen erzeugen, 
aber Wissenschaft bringt er nicht zu Stande, und das Bedürfniss 
nach klarer Wahrheit befriedigt er nicht. Eine andere Richtschnur 
als die Wahrheit darf aber die Philosophie sowenig wie irgend 
eine andere Wissenschaft kennen. Philosophie und die übrigen 
Wissenschaften sind weder dasselbe, noch sind sie sich aus- 
schliessende Gegensätze, vielmehr noth wendig zu einander gehörende 
Ergänzungen. Wahre philosophische Wissenschaft macht, es um 
das Baconische Bild hier zu gebrauchea, weder wie die rohen 
Empiriker, die da zusammentragen wie die Ameisen, noch wie 
die Metaphysiker, die da den Spinnen gleich alle Fäden aus sich 
selbst ziehen, sondern wie die Bienen, die den Blumenstaub von 
überall her sammeln und ihn zu Wachs und Honig verarbeiten. 
Oder um Kant reden zu lassen : «die blosse Polyhistorie ist eine 
cyclopische Gelehrsamkeit, der ein Auge fehlt — das Auge 
der Philosophie ; und ein Cyclop von Mathematiker , Historiker, 
Naturbeschreiber , Philolog und Sprachkundiger ist ein Gelehrter, 
der gross in allen diesen Stücken ist, aber alle Philosophie darüber 
für entbehrlich hält » (Kant's Logik, Ausg. Hart. VIII. 46). 

Nachdem wir das nothwendige Verhältniss der empirischen 
Wissenschaften zur Philosophie erwogen haben, drängt sich uns 
nun die Frage auf: Worin besteht denn der Theil der Philosophie, 
den wir hier als «Philosophie der Naturwissenschaft» bezeichnen 
und erörtern wollen? Wir können wenigstens im Allgemeinen 
einige characteristische Merkmale angeben. Die «Philosophie der 
Naturwissenschaft», wie wir sie meinen, soll keine Naturphilosophie 
im Sinne Schelling*s und Hegel's sein, die aus blossem Denken ohne 
empirische Grundlagen das Bild der Welt zu construiren strebt; 
sie ist aber auch keine Naturphilosophie im moA^xTvfctv^vwcÄ.^N^N"^ 









— 20 — 

1er Darwinistischen Entwicklungstlieoric, also eine Natiirphllosaphie, 
ie sie als ein Versuch, auf Grund empirischer Forschungen ein 
allgemeines Bild der Welt zu entwerfen , wissenschaftlich allein 
■berechtigt wäre. Wir fordern hier überhaupt keine Naturphilo- 
sophie, sondern nicht mehr und nicht minder als genau eine 
'«Philosophie der Naturwissenschaft.» Zergliedern wir, 
um unsere Absicht dem Verständniss näher zu bringen, den Begriff 
der Naturwissenschaft, so bedeutet er, einfach zerlegt, aWissen- 
schaft von der Natur». Die n Wissenschaft» ist nur möglich durch 
ein «wissendes Subject» — Die «Naturo bedeutet die "gewussten 
Objecte». Also be- und entsteht die n Naturwissenschaft« aus 
den zwei Factoren, dem Wissen der Objecte und den Objectcn 
des Wissens. Die Natunvissenschaften legen den Nachdruck ihrer 
Betrachtung auf die Objecte des Wissens, auf den objectiven 

■■actor — wir dagegen hier auf das Wissen der Objecte, auf 
l^en subjectiven Factor — So wenig Naturwissenschaft zu 
Stande kommt ohne den objectiven Factor, ebenso wenig ohne 
den subjectiven. Wie ein Spiegelbild in seiner Form bedingt 
ist sowohl durch die Form des gespiegelten Gegenstandes, als 
auch durch die Form des Spiegels, und das Bild, wenn auch der 
Gegenstand derselbe bleibt, ein anderes ist, je nachdem der Spiegel 
incav, convex oder eben geschliffen ist ^ so ist das Bild der 
atur (der Inhalt der Naturwissenschaft) bedingt objectiv durtäi 
die eigenthümliche Beschaffenheit der Naturkörper, subjectiv durch 
das eigenthümliche Wesen des Erkenntnissinstruments, des mensch- 
lichen Geistes. So wie es für den Mikroskopiker nöthig ist, genau 
sein Glas zu kennen, damit er die eigenthümlichen Beschaffen- • 
heiten in dem mikroskopischen Bilde, die aus dem besonderen Bau 
seines Instrumentes entspringen, nicht für Merkmale des unter 
dem Mikroskop befindlichen Objectes selbst halte — so ist es im 
unvergleichlich höheren Grade für den Forscher über die Natur 
nothwendig , die Eigenthümlichkeiten seines geistigen Forsch- 
ipstrumentes genau zu kennen, weil nur, indem er genau weig. 




— 21 - 

dem ihm erscheinenden Weltbilde ans der Beschaffenheit des Instru- 
mentes folgt, also subjektiv ist, er nach Abzug dieses Subjecüvcn den 
obj'ectiven Bestand sicher stellen kann. Der gewöhnliche Empiriker hat 
keineAhnung von den eigenthümü eben Täuschungen, in denen ersieh 
id bewegt, weil er dies Verhaltniss zwischen dem erkennenden 
und den Objeeten des Erkennens nie erkannt hat — 
und aller Dogmatismus in allen Wissenschaften wie in der Praxis 
entspringt aus den dadurch entstehenden Selbsttäuschungen. Wir 
fordern also jetzt nicht unmittelbar eine Theorie der Natur 
iin gewöhnlichen Sinne des Worts, sondern eine Theorie des 
^(Vissens von der Natur oder eine Erkenntnisstheorie. 
"Wie verschieden auch die Gegenstände des Wissens sind, das 
~^Viss-en in seinen subjectiven Factoren ist stets dasselbe. Da 
»nun die Erkenntnisstheorie sich auf das allem besonderen Wissen 
^=Lu Grunde hegende Wissen überhaupt bezieht, so ist es klar, dass 
^ie Erkenntnisstheorie für jede Wissenschaft von gleich hoher 
deutung, ja für wirkliche Wissenschaft durchaus unentbehrlich 
Sie allein lehrt uns genau das wissenschaftliche Denken vom 
■imwissenschaftlichen abzugrenzen, sie allein -enthüllt uns die 
zarten Grenzen zwischen wahrem Wissen und Scheinwissen. Da- 
durch aber erst macht sie es möglich, kritisch genau festzustellen, 
'Was wir denn Objectives von aller Natur und wie wir es wissen 
innen. So ermöglicht also erst die Theorie des Wi^ens ein 
kritisches Wissen von der Natur, die Erkonntnisstheorie eine wahre 
Naturtheorie, die Philosophie der Naturwissenschaft eine wahre 
Naturphilosophie Philosophie der Naturwissenschaft verhält sich 
aber zur Naturphilosophie wie Ausgangspunkt und Ziel. Die 
Philosophie der Naturwissenschaft ist die Einleitung in die mathe- 
Ltisch - empirischen oder die Naturwissenschaften , das letzte 
llgemeinste Ergebniss dieser Naturwissenschaften hinwiederum ist 
(fc Naturphilosophie. Die Naturwissenschaften liegen zwischen 
und inmitten der «Philosophie der Naturwissenschaft» und der 
iNaturphilosophie«.. Die P hilosophie der Naturwissenschaft ste ckt 




— 22 — 

genau die erkenntnisstheoretischen Grenzen ab und 
bestimmt exact das Gebiet ein er wahrhaft kritischen 
Naturtheorie. Insofern aber giebt sie selbst den Anfang und 
die Grundlagen zu aller Naturtheorie, und insofern ist die Theorie 
des Naturwissens oder die Erkenntnisstheorie auch der allgemeine, 
einleitende Anfang jeder Naturtheorie d. h. selbst ein Stück 
Naturtheorie. Die engste Zusammengehörigkeit der «Philosophie 
der Naturwissenschaft», der «Naturwissenschaften» und der «Natur- 
philosophie» , und der continuirliche Uebergang der einen in die 
anderen erhellt aus dem Gess^en zur Genüge. 

Das Wesen der Philosophie der Naturwissenschaft wird noch 
heller in's Licht treten, wenn wir gleich hier ihr hauptsächlichstes 
Problem, das A und O, um das sich alles in ihr dreht, deutlich 
hervorheben. Wie schon oben bemerkt, ist auf dem Gebiete des 
Wissens genau zu unterscheiden zwischen Beschreibung und 
Erklärung; erstere giebt nur Kenntniss, letztere erst Er- 
kenntnis s. Jene schafft blosses Wissen, diese erst die 
Wissenschaft; jene hat es bloss mit den Thatsachen zu 
thun, diese geht auf die Ursachen. Erst durch die Hinzuftigung 
der Ursachen also zu den Thatsachen wird aus dem Wissen die 
Wissenschaft. In allen besonderen Wissenschaften handelt 
es sich nun um die besonderen Ursachen der die Specialwissen- 
schaft erfüllenden Erscheinungsreihen. So in der Botanik sozuss^en 
um botanische, in der Physik um physikalische, in der Mathe- 
matik um mathematische Ursachen. In allen Wissenschaften 
handelt es sich also im Grunde um ein und dasselbe Problem, 
nämlich den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, oder um 
die Ursächlichkeit oder Causalität Was ist also Ursäch- 
lichkeit überhaupt, ganz abgesehen von den besonderen Ursachen 
einer besonderen Wissenschaft? Diese für alle Wissenschaften gleich 
wichtige Frage kann keine der besonderen Naturwissenschaften 
lösen; hier tritt also die Philosophie der Naturwissenschaft ihr 
Amt an. Ist es denn aber überhaupt von Interesse, sich mit 



— 23 — 

dieser Frage zu beschäftigen ? Weiss denn nicht jedermann, was 
Ursache und Wirkung ist? Sehe ich nicht den Zusammenhang 
der beiden deutlich mit Augen überall ? Zu seinem eigenen Schaden 
weiss der gewöhnliche Empiriker nicht, welch eine Fülle von 
Schwierigkeiten in jener einfachen Frage enthalten ist Aber er 
habe doch die Güte , die Antworten zu geben ! Was ist eine 
Ursache, eine Wirkung? Was Grund und Folge? Was eine 
Bedingung? Sachgrund und Erkenntnissgrund? Mathematischer 
und physikalischer Grund? u. s. w. u. s. w. Sowie er eine Er- 
klärung versucht, wird er einsehen, welch gordische Verwickelungen 
sich in diesen Begriffen finden, die er doch täglich so glatt und 
fliessend im Munde führt. 

Alle Wissenschaften haben zu ihrer ersten Grundlage und 
Hauptvoraussetzung den Satz ; Alles muss seine Ursache 
haben. Wo bliebe die Wissenschaft, wenn dieser Satz je eine 
Ausnahme erleiden, wenn je in der Welt etwas ohne Ursache 
geschehen könnte! Wir sprechen mit unumstösslicher "Ueber- 
zeugungskraft den Satz als etwas ganz Selbstverständliches aus. 
Ist er denn so selbstverständlich? Woher wissen wir denn, dass 
alles seine Ursache hat? Kann ich es beweisen? Kennt irgend 
ein Mensch «alles»? Der Grundsatz also, auf den alle Wissen- 
schaft sich stützt wie 'auf das Sicherste, das es giebt, ist ein 
unbewiesener Satz, eine zweifelhafte Annahme, ein blosser 
Glaube. Wo bleibt also die Sicherheit der Wissenschaft? Ist es 
also überflüssig, das Fundament der Wissenschaft zu untersuchen, 
wenn die Gefahr vorhanden ist, dass die Fluth des Zweifels das 
ganze Gebäude zu Falle bringt? 

Das Hauptziel der Erkenntnisstheorie oder der Philosophie 
der Naturwissenschaft ist also die Einsicht in das Wesen der 
Ursächlichkeit. Das Wesen der Causalität und aller darin ent- 
haltenen Probleme soll erkannt werden. Wirklich erkannt ist nur 
das aus unbezweifelbaren Gründen Abgeleitete und Bewiesene. Also 
kann die wissenschaftliche Erkenntnisstheorie mexw^is» d-as» \i^^- 




Zw 



— 24 

iesene bejahen Die Bejahung unbewiesener Lehren bildet das 
'esen des Dogmatismus. Die Erkenntnisstheorie als Phiio- 

ihie der Naturwissenschaft darf also nicht dogmatisch, noch 

etwas sein, was aus dem Dogmatismus folgt. Jeder Dog- 

itismus, ob in der Religion oder in der Wissenschaft, behauptet 

le stichhaltigen Beweis. Das Behauptete ist also unbewiesen, 
mithin unsicher, und demnach zweifelhaft. So gebiert jeder 
Dogmatismus am Ende nothwendig den Skepticismus. Der 
Zweifel ist segensreich als Durchgangspunkt, unentbehrlich als 
[ülfsmittel zur Entdeckung der Wahrheit. Zum einzig gültigen 
■stem erhoben, wird aber der Skepticismus selbst zum Dogma- 
tismus. Denn er behauptet: alles ist zweifelhaft. Beweisen kann 
er diesen Satz nicht, denn weder kennt er alles noch sind, seiner 
eigenen Aussage nach. Beweise stichhaltig, da ja alles, mithin auch 
Beweise zweifelhaft sind. «Alles ist zweifelhaft", dieser Satz 
ist wahr, also nicht zweifelhaft, mithin nicht aües zweifelhaft. 
Also ist der Grundsatz des Skepticismus ' weder bewiesen noch 
ausnahmslos allgemeingültig und widerspruchsfrei — demnach nichts 
als eine dogmatische Behauptung. Will also der Skepticismus 
consequent sein, so muss er sich selbst bezweifeln, also sein aalles 
ist zweifelhaft!! verwandeln in den Satz: »Nichts ist wahr, nichts 
hat Gültigkeit». So wird er zum Nihilismus, der aber einmal 
sich selbst widerspricht, weil er sich für wahr hält, also seine all- 
gemein gelten sollende Behauptung, dass nichts wahr ist, nicht 
allgemein gilt ; zweitens dogmatisch ist , da er seine Behauptung 
nicht beweisen kann. Im Nihilismus wird aus dem Zweifel die 
Verzweiflung — es giebt weder auf theoretischem noch auf 
practischerti Gebiete irgend etwas, woran man sich halten 
könnte. Tödtlicher Hunger ohne Stillung, geistige, sittliche, leib- 
liche Entnervung sind die Folgen ; in dieser Verzweiflung an allem 
und sich selbst ist aber der Mensch reif für den Rückfall in den 
rückhaltlosesten Dogmatismus. Wenn auf natürliche Weise 
etwas zu erkennen unmöglich ist, so bleibt nur noch die Hoüö 




auf eine übernatürliche Erleuchtung und Offenbarung, die, 
sich der Schwäche des Menschen erbarmend, ihm einen Strahl der 
Gnade sendet. Der Mysticismus ist der letzte unvermeidliche 
Nothhafen des Nihilismus. Skepticismus , Nihilismus, Mysticismus 
sind also nur Formen des Dogmatismus. Solange daher das 
menschliche Denken im Dogmatismus hängen bleibt, pendelt es 
gleichmässig durch jene genannten Unterformen desselben immer und 
immer wieder hindurch. Daher zeigt die ganze Geschichte der 
IPhilosophie uns gar kein anderes Schauspiel, als dass, welches 
^uch die Objecte seien, über die man philosophirt, die Methoden 
edes Philosophirens der Reihe nach sind : Dogmatismus , Skepti- 
^^ismus, Nihilismus, Mysticismus, Dogmatismus u. s. f Dieser Kreis- 
lauf setzt sich ununterbrochen so lange fort, als nicht eine kritische 
lErkenntnisstheorie ihn ein- für allemal abschliesst und authebt. Unsere 
lErkenntnisstheorie darf nicht Dogmatismus, also auch nicht Skepti- 
ismus, Nihilismus, Mysticismus sein. Was bleibt? Es niuss hier 
ünächst genügen, das Wort für die Sache zu geben, da diese 
rst ihr volles Wesen im Verlauf einer Darstellung der Philosophie 
Naturwissenschaft enthüllen kann. Die Erkenntnisstheorie darf 
ur wissenschaftlich Bewiesenes bejahen. Der wissen- 
chaftliche Beweis ist nur möglich durch allseitige Kritik. 
as Gegentheil alles Dogmatismus ist mithin der Kriticismus. 
"XVahre Beweise können sich nur auf wirklich Erkennbares, d. h. 
~mjnserer Natur nach, mithin natürlich Erkennbares stützen. 
It^atürlich Erkennbares kann nur durch die natürlichen Mittel des 
rkennens d. h. durch erfahrungsmässige (empirische) Beobachtung 
estgestellt werden. Also ist das Wesen und der Inhalt unserer 
rkenntnisstheorie allseitige Kritik auf Grund natürlicher Empirie 
^iDder um es kurz zu sagen : der kritische Empirismus. 
ein eigenthümliches Wesen also hat die Philosophie der Natur- 
r-vissenschaft zu entwickeln und darzustellen. Diese Aufgabe hat 
ine negative und eine positive Seite. In negativer Be- 
iehung ist alles Dogmatische in unserem (vermeintlichen'^ Etketvwsjcv 



als solches kritisch aufzuweisen und zu beseitigen — in positiver 
Hinsicht ist das kritisch Begründete als solches aufzustellen. 

In welcher Form wird sich die gestellte Aufgabe am zweck- 
niässigsten behandeln lassen? Nicht in der Form eines künst- 
lichen Systems. Denn ein solches ist allemal auch ein gekünsteltes, 
da das Princip der Eintheüung und Vertheilung des Stoffes darin 
nicht aus der innersten Natur des behandelten fregenstandes selbst 
geschöpft, sondern in Absicht auf irgend einen Zweck von aussen 
dem Stoffe aufgelegt wird. Das künstliche System zerreisst und 
verrenkt den natürlichen Zusammenhang der Dinge vermittelst 
des- Fallbeils der logischen Schablone ; es giebt keine sichere 
Büi^schafl dafür, dass der Gegenstand vollständig in allen 
seinen Theilen behandelt ist, da alle Theile eines Objectes sich 
nur aus seiner natürlichen Entwicklungsgeschichte erkennen lassen, 
während es andrerseits der Architektonik des Systems zu Liebe 
dem Gegenstande manchmal Theile andichtet, die derselbe in 
natura gar nicht besitzt. Wir müssen demnach womöglich unsere 
Aufgabe im Sinne des natürlichen Systems behandeln. Was 
onatürliches System« heisst, kann z, B. jede Pflanze uns lehren. 
Wollen wir wissenschaftlich genau sagen, was eine Eiche ist, so 
wäre es von geringem Werth, ein künstliches System ihrer Eigen- 
schaften aufzufuhren etwa in Gestalt einer logischen Definition. 
Wir müssten vielmehr genau die Entwicklung der Eiche aus ihrem 
Keime durch alle ihre Entwicklungsstufen hindurch verfolgen — 
nur so lernten wir alle ihre Eigenschaften und zwar in ihrem 
natürlichen Zusammenhange kennen; nur so gewönnen wir 
die der Wirklichkeit entsprechende Zusammenstellung d. h. das 
wahre atnJi^/ia ihrer Beschaffenheiten. Das natürliche System 
kann in jedem Falle nur aus der Entwicklungsgeschichte eines 
Objectes erkannt werden. Auch die Erkenntnisstheorie muss daher 
entwicklungsgeschichtlich zu Werke gehen ; sie muss uns die Ent- 
wicklungsgeschichte dessen, was wir Causalität genannt haben, die 
allmähliche Ausbildung dieser Vorstellung im Menschen nach den 



— 27 — 

verschiedensten Richtungen hin und durch all ihre Verzweigungen 
in die verschiedensten Wissenschaften hinein vorfuhren. Erkenntniss- 
theorie kann nichts anderes sein als die Entwicklungsgeschichte 
derCausalvorstellung, dieseaber ist dieaPhilosophie der Natur- 
wissenschaft», welche uns noth thut: sie lehrt den Dogmatismus 
überwinden, wo. immer und wie immer er sich zeige, und durch 
die Einführung des wahren kritischen Empirismus in alle Gebiete 
macht sie die Naturwissenschaften im besten Sinne des Wortes 
philosophisch und die Philosophie im strengsten Sinne der Empirie 
wissenschaftlich. 



Iieipzig 

Druck von Fischer & Wittig. 



Neue 



pMlosopMscIie M saMswcMtMe Werte 

aus dem Verlage von 

Hermann Dufft in Jena. 



Die Knnstlehre des Aristoteles. 

Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie 

von 
Dr. A. Döring 

Director des Gymnagiums und der Realschule I. Ordnung in Dortmund. 

1876. VIIL 441. gr. 80. brock. Preis 6 M. 



Ueber den Werth der Geschichte der Philosophie. 

Academische Antrittsrede 

von 

Dr. R. Eücken 

Ord. Prof. d. Philosophie a. d. Universität Jena. 

1874. 23. gr. 8«. broch. Preis 1 M. 20 Pf. 



Acht psychologische Vorträge 

von 

I>r. O. Fortlag-e 

Professor in Jena. 

1872. VI. 331. gr. 8«. Preis 5 M., eleg. geb. 6 M. 



Sechs philosophische Vorträge 



von 



I>r. O. Fortlag-e 

Professor in .Jena. 

1872. VI. 238. gr. 8«. brocb. Preis 4 M., eleg. geb. 5 M. 

Vier psychologische Vorträge 

von 

I>r. O. Fortlage 

Professor in Jena. 

1874. VI. 136. gr. 8». broch. Preis 3 M., eleg. geb. 4 M. 



Descartes' 

Lehre Yon den angeborenen Ideen. 

Von 

Dr. Ed. Grimm. 
1873. IV. 77. gr. 8». broch. Preis l M. 50 Pf. 



Arnold Genlinx' 

Erkenntnisstheorie und Occasionalismus 

von 

Dr. ^b. <$rimm. 

1875. VIII. 71. gr. 8". broch. Preis 1 M. 50 Pf. 



Ziele und Wege 

der 

hentigen Entwickelungsgeschichte. 

Von 

Ernst Haeckel. 

1875. gr. 80. broch. Preis 2 M. 40 Pf. 



Die 

Weltanschauung des Naturforschers. 

Von 

Dr. Ernst Hallier. 

1875. XIII. 249. gr. S». broch. Preis 4 M., eleg. geb. 5 M. 



Mtnrwissensctiaft, Religion nnd Erzielinng 



von 



Dr. (ttMt i^allter. 

1875. VII. 272. gr. 8». broch. Preis 4 M. 



Die 

Grundlagen der Psychophysik, 

Eine kritische Untersuchung 



von 



P. Langer. 

1876. VL 86. gr. S». broch. Preis 2 M. 40 Pf. 

Heber das Urogenitalsystem 

des Ampliioxuö und der Gyclostornen 

von 

W. Müller. 
Mit 2 Tafeln. 1875. 38. gr. 8». broch. Preis 2 M. 



Die Blutkry stalle. 

üntergnehnngen 



von 



"VT. Preyer. 

Mit 3 farbigen Tafeln. 1871. VIII. 263. gr. 8«. broch. Preis 8 M. 



Uibi; dli E;fofsebu&g dis Libi&s 



von 



W. Preyer. 

1873. VII. 69. 80. brocb. Preis 1 M 80 Pf. 



Das myophysisclie Gesetz. 

Ueber elektrische Muskelreizung. 

Von 

M). IBreijer. 

1874. IX. 144. 12. gr. 8. broch. Preis 6 M. 



Ueber die Aufgabe der Naturwissenschaft. 

Ein Vortrag 

von 

"VT. Preyer. 

1876. 45. gr. 8. broch. Preis 1 M. 80 Pf. 



Handbuch 

der 

vergleichenden Anatomie 

von 

E. O. S c li m i d t. ' 

Leitfaden bei zoologischen und zootomischen Vorlesungen. 

8ieb«Dte, röllig omgearbeitete Anflsgc. 
1876. VI. 402. gr. 80. broch. Preis 6 M. 



Herbert Spencer's 

Erziehunofslelire. 



Mit des Verfassers Bewilligung in deutscher Uebersetzung herausgegeben 

von 

Dr. Fritz Schultze. 
1874. VI. gr. 80. broch. Preis 4 M., eleg. geb. 5 M. 



Geschichte der Philosophie der Renaissance 

von 
r>r. Frit« ScHultze. 

Erster Band. 

Georgios Gemistos Piethon und seine reformatorisehen BestrebnngeD. 

1874. XII. 320. gr. 8«. broch. Preis M. 



Kant nnd Darwin. 

Ein Beitrag zur Qeschichte der Entwickelimgslehre 



von 



Dr. Fritz Schultze. 
1875. 278. gr. 8». broch. Preis 4 M., eleg. geb. 5 M. 



Ueber die Bedeutung 

phylogenetiseher Methoden für die Erfomhnng lebender Wesen 



von 



Dr. Ed. Strasbnrger. 

Rede gehalten beim Eintritt in die philos. Facultät der Universität Jena 

am 2. August 1873. 

1874. 30. Lex. -80. broch. Preis 1 M. 20 Pt. 



Studien über Protoplasma 

von 
Dr. Ed. Strasburger. 

vMit 2 Tafeln. 1876. 86. gr. 8». broch. Preis 2 M. 40 Pf. 



Die Lehre 

Yon der 

liral[tisclieii Vernnult in der griecbiscliBn FMlosopMe. 

Von 
Dr. «Julius "VTalter 

Prof. d. Phil. a. d. Univ. Königsberg. 

1874. XVIII. 573. gr. 80. broch. Preis 11 M. 



A^'A U 



STUDIEN 



ÜBER 



P ROTOPLASMA. 



Von 



D«- EDUARD ^TRASBVRGER. i^ 



§'/'/ - 



EUBZü 8 TAniK. 



« _ 



JENA, 

Verlag von Hermann Dufft. 

1876. 



Die folgende Abhandlang beschäftigt sich mit am 
lebenden Protoplasma beobachteten Structurerscheinungen, 
mit der Deutung der Hautschicht, mit einigen unmittel- 
baren Differenzirungsproducten des Protoplasma und mit 
[Hypothesen Aber den molecularen Bau desselben. Ein- 
geschoben in den Text sind Untersuchungen über pflanz- 
liche Sf^ermatozoiden und am Schlüsse angehängt Be- 
obachtungen über die Bildung der Cellulosemembran. 

Dieses sei zur vorläufigen Orientirung über den 
Inhalt vorausgeschickt. 




Meine Arbeiten Über ZelUheilung bei Spirogyra ortbospira 

ilaBSten midi, auch die WachsthnmByorgänge bei dieser Alge 

ler in's Auge za fassen. Es fiel mir besonders auf, dass die 

ProtopIasmatiBche Hantsebicht an raeeb wacbsenden Stellen der 

Zelle eine radiale Streifung zeigt. Vornehmlich an kurz zuvor 

'*efreiten Endflächen aus dem Verbände getretener Zellen des 

Badens war diese Structur leicht zu sehen. Die Hantschicht 

^"■Schien hier etwas stärker als an anderen Stellen derselben Zelle 

^itwickelt und wie aus radial gestellten Stäbchen aul'gebant, 

^ieae Structur schwand bei künstlichem Eingriffe in das Präparat. 

Auf dei- Innenseite der Hautschieht fuhren, wie ich das schon 

'^'öher beschrieben, zahlreiche Ströme des Körnerplasma kleine 

**tärkek8mer an jene Orte starken Wachsthums hin, wo dieselben 

^*^ Bildung der Cellulose verwerthet werden. ') 

Fflr die Pollenkörner der Coniferen schilderte Tschistiakoff 
^>Oen ähnlichen Bau. Ihr „Primordialschlauch" soll aus dicht- 
sCdrängten, glänzenden, radial angeordneten Prismen bestehen. *) 
Aus den Angaben von Sachs war andererseits bekannt, dass 
^''Jeh die Hautschieht der Schwärmsporen von Vaucheria eine 
^^«iiale Streifung zeigt: dieses konnte ich ebenfalls bestätigen. 
I^^i Einwirkung concentrirter Essigsäure auf eben austretende 
^^twärmsporen zeigte sich mir deren aufquellende Bantschicht 
^i© aus rechteckigen Kammern gebildet. Die radialen Wände 
"*e8cr Kammern waren es, die am lebenden Objecto die Er- 
?plieinung der stark licbtbrechenden Stäbchen hervorgerufen hatten. 
*^e Ciüen schienen mir aus jenen Stäbchen zu eutspringen. 



') Zellbildung und ZelUheilung, II. Auft., p. 6 



r 



6 Ednaril Straaburgnr, 

So weit reichten meine früheren Beobachtungen ^): i^ e|, 
wünschte nun noch genauere Data 'diesen Gegenständen ab a_ Mq. 
gewinnen. Die Erfahrungen die ich mit ÜBmiumBäure inzwisd^^eo 
gemacht hatte, liesBen mich hoffen, dass es mit derer Holfe ^^e- 
Ungen werde die Structur der Hautschieht und auch die Cili * 
die sie trägt, dauernd zu fixiren. Dies gelang denn in der TiDst, 
and bewährte sieb die Osmiumsäure hier von Neuem in vor- 
ziigliehster Weise. Mit absolutem Alkohol gelang es mir iwa.< } 
die Structur der Haul^chicht, doch nicht die Cilien zn erhalten i" 
in l^o Chromaäure litt auch der Bau der Hautsehicht; nur di^ 
Oemiumsäure fixirte das Objeet ao momentan, dass selbst di^ 
Cilien meist vollständig unverändert blieben. Die Osmiamsänre * 
warde hierbei in dem erfahrnngsmäBHig beliebten Coucentrations- 
grade, nämlich einprocentig, gebraucht. Ich liese dieselbe nur '*■■ 
wenige Minuten einwirlten, worauf das Präparat, ohne weitere ^ 
weseutliche Veränderung, in mit Alkohol verdünntem Glycerin -C« 
aufbewahrt werden konnte. Einige der fixirten Objecto wurden -CK 
noch mit Glycerin und alkoholhaltiger Carminltisung behandelt,«^, 
um einige StructuiTerhällaisse, bei ungleich erfolgender Färbung,^ -^^ 
deutlicher hervortreten zu lassen. Ich habe die Schwärmsporeic»"^ 
meist im Augenblicke ihres Austritts aus dem Sporangium mi~.£-^j 
Osmiumsäure Übergossen, doch auch manche vergleichsweise ers^^ ■•i 
auf späteren Stadien des Sehwärmena. Als üiili iiiiii liiin^iiiii ili ij i nf 
diente mir nunmehr die echte Vancheria sessilis, dp w. in 
Schwärmsporen viel länger in Bewegung bleiben, als die d^mmr 
früher von mir unteranchten, der V. sessilis übrigens sehr oalH^e 
verwandten V. ornithocephala Hassal. 

Die Structur der HautBchicht und der Cilien wird uns h*. e;r 
in vollkommenster Weise durch das Osmiumsäure-Präparat Fig— 3 
vorgeführt. Wir sehen an diesem unzweifelhaft, dass die Ha-« 
Schicht von dichteren Stäbchen durchsetzt wird. Diese Stäbdmc 
stehen in relativ weiten Abständen seitlich von einander; dd 
Interstitien zwischen denselben müssen im frischen Znstande i 
sehr wasserreichem Plasma erfüllt sein, da sie in dem fixirte " 
Präparate nur sehr apäriiehen, feiokümigen Inhalt fuhren. L - 
frischem Zustande bricht nichts desto weniger auch das zwiBcfiK -* 
den Stäbchen befindliche Plasma das Licht stark genug, um de- J" 
Hantschicht das Aussehen einer continuirlichen, nur eben radix. J 
geBtreiften Substanz zu verleihen. Die Stäbchen setzen, wie da^ 

^^LTergl, Zellbildung und Zelltlieilnng, II. ÄuS., p. ; 





Studiea über das Protoplasma. 7 

Oom illliifiHarc-Präparat zeigt, oben und anten aa eiue äusserst 
zajte, continuirliche Plasmascbicht au. An der Innenseite ist 
dielte Schicht übrigens nicht scharf gegen das Chlorophyllkömer 
fllhrende Körnerp lasma abzugrenzen. An schon erwäboten 
Osmirnn-Carmin-Präparaten (Fig. 4) erschienen die Hantschicht- 
Stäbchen in mittlerer Hohe etwas aufgequollen, dort dann auch 
ana stärksten gefärbt, so dass die Hantschicht nunmehr, bei erster 
A.nsicht, wie vou einer mittleren Lage rother EUgelchen durch- 
setzt erschien. 

Das Alkohol -Präparat Fig. 5a zeigt den Bau der Haat- 
Bchicht fast eben eo vollkommen wie am Oamiuutsäure-Präparat 
erhallen. In der Oberääcbenanssicht des gleichen Präparats 
(Fig. 5b) war die gegenseitige Vertheilung der Stäbchen am 
besten en eehen. 

Das Osmiumsäure-Präparat Fig. 3 lehrt ana nun auch auf 

du* Bestimmteste, data die Cilien der Vaueheria-Schwärmapore 

den dichteren Stellen der Hautscbieht entspringen. Jedes Stäb- 

uhea scheint einer Cilie zur Stütze zu dienen. Die Cilieu sind 

, dfimier als die Stäbchen und an den Osmium-Präparaten etwa 

^ 3 Hai länger wie diese. 

! Aaf verschiedenen EntwickelungszuetUnden fixirte Sporangien 

lehrten mich, daas die Structur der Hautschicht gleichzeitig mit 

, deren messbarer Ausbildung kenntlich wird. Diese Ausbildung 

\ l>egiimt aber am vorderen Ende der Scliwärmspore und schreitet 

j TOD hiernach rückwärts (ort. Die Hautscbieht wird sehlieüslich auch 

Ui vorderen Ende etwa doppelt so stark als am hinteren Ende 

, entwickelt ; sie nimmt gleichmäSBig von vorne nach hinten zu ab. 

! Um mich über die Entstehungsweise der Cilien zu orientiren, 

^ff ich auf frische Objecte zuriick, und zwar, weil ea mir da 

beliebig leicht gelang, die Hautschicht vou der Sporangiumwand 

Enrflcktreten zu lasBen. Ich schnitt das Ende eines Vaucheria- 

Soblauches, welcher mir ein Sporangium in erwünschtem Ent- 

oickelongszustande za tragen schien, mit einer scharfen Scheere 

•b, brachte das betreflende Stück, für sich allein, in Waaser 

[ Unter ein feines Deckglas, stellte das Object bei starker Ver- 

I Äusserung ein, und begann nun mit Flie^spapier am Rande des 

Deckglases Wasser zu entziehen. Bald wurde unter dem Drucke 

I deg Deckglaees dae Sporangium abgeflacht, dann nnter der Span- 

' »nng des Sporaogiuminhaltes die Querwand an der Basis des 

SpDiangium, seltener, und zwar meist nur bei relativ älteren 

l^^igien, der Scheitel desselben durchbrochen. Ich konnte 



Eduard Strxsbargcr, 

nna nacfa Belieben mehr oder weniger tnha,lt aus dem Sport 
gium aostretcD lagHen, da mit der EDtfemnng des FliesBpapll 
sofort die Entleerung aufhörte; auch konnte ich bei Änwendoi 
entsprechend breiter Fliesspapierstreifen den Ausiiiiss regoli 
dass er nicht zu BtUrmisch erfolge. VAirde nun bei entspreclH 
der Ahflachung und theilweiser Entleerung eines Sporangii 
etwas Wasser dem Präparate vorsichtig zugefügt, so konnte 
meist in dem zu seiner ureprlinglichen Gestalt annähernd znrIU 
kehrenden Sporaogium die Hautschicht der Schwärmspore, 
vielen Orten noch nnveraehrt, von der Wand des Sporanginm 
rUcktreten sehen. Solche Objecte auf verschiedenen Znstänii 
um] bei unzählige Male wiederholter, entsprechender Behaadll 
untersucht, lehrten mich, dass die Bildung der Cilien der Dil 
renzirung der Hautschicht anf dem Schritte folgt und nicht w( 
an die Bildung der „Pseudopodien" erinnert. Erst kurz vor 
vollen Reife der Schwärmspore sind die Cilien völlig i 
gebildet; sie liegen, wohl stets nach vorn gerichtet, der Ol 
fläche der Hautschicht dicht an und erheben sich zu sofortig 
Schwingen, wenn die Hautschicht von der Sporangienwand zurtl 
getreten ist. Auf etwas jüngeren Zuständen findet man I 
Cilien kürzer und an der Spitze mit kleiner, knopffSrmiger 
Schwellung versehen. Das Kntipfchen erscheint im VerhältB 
grösser, je kürzer die Cilien sind. In erster Anlage stellea 
Cilien endlich nur kleine, den inneren Stäbchen in ihrer Stelli 
cutsprechende Höcker an der Hautschicht dar. 

Der Rückzug der Hautschicht von der Sporangienwand 
anlasst für alle Fälle die rasche Ausbildung der angelegt 
Cilien, indem die Knöpichen sich zu dem noch fehlenden Cilii 
stücke strecken. Daher das eigenthümliche Schauspiel das 1 
solchen Umständen die znriickweichende Hautschicht gevfi 
zunächst dicht an ihrer Oberfläche kleine, kurz gestielte Tri! 
chen, die immer kleiner und zugleich länger gestielt w< 
und alle nach Verlauf weniger Minuteu schwinden. Die 
bildnug der Cilien wurde um so rascher vollendet, je vi 
Bchrittener man deren Anlage vorfand, das heisst, je kleiner 
Knöpfehen und je länger ihre Stiele waren. Bei relativ ji 
Schwärmsporen, kuri nach Differenzining ihrer Hautschiebt, z«j 
die Cilien auch nach voller, künstlich hervorgerufener Ausbilä) 
nicht die Länge, die sie sonst bei normaler Ausbildung emi 
hätten ; auch werden sie meist nur in geringer Zahl ausgebili 

Ich verglich vorhin die Entwiekelung der Cilien, wie sie 



Studien über das Fretoplasma. 9 

liMerans der Beobachtung ergiebt, mit der Bildung der „Pseudo- 
podien", nnd zwar weil letztere bei Rhizopoden in manchem Sinne 
ähnlich fortschreitet. Auch dort zeigen die sich verlängernden 
Pseudopodien ein kolbeniTSrmig angeschwollenes Ende. '} Das 
Gleiche fand ich übrigens auch im Innern der Spirogyra-Zellen, 
wenn freie ProtoplaBmaatrÖme in das Zelllumen entsendet wurden. 
Die terminale Anschwellung lieferte hier angenscheinlich das 
Material zur unmittelbaren Verlängernng des Stromes, ä) 

Die l'ür Anlage und Wachsthum der Citien an den Vancheria- 
SchwärmBporen gewonneneD Daten werden wohl auch in gleichem 
Maasse für die Cilien der Oedogonium-Schwärmspore gelten, 
wenigstens lassen sich diese Daten mit meinen früher an den 
Oedogonium-Scltwärmsporen gemachten Beobachtungen sehr wohl 
TereinigeD.äJ 

So lange die Vaneheria-Schwärmspore der Sporangium-Wan- 
dUDg' dicht anliegt, kann man von ihren zarten, der Hatitschicbt 
Ugedrückten Cilien nichts bemerken, und selbst in flachgedrückten 
Spor&ngien sind dann höchstens feine Punkte an der äusseren 
CoBtour der Hantschicht zu erkennen. 

An reil'en Schwärmsporen fangen die Cilien beim Zurllck- 
tfeten der Hantechicht sofort im ganzen Umfang des Körpers und 
»War so rasch zu schwingen an, dasa sie unsichtbar werden. Die 
BOch in Ausbildung begriffenen Cilien beginnen meist ebenfalls 
sich zu bewegen, doch nm so langsamer und unvollkommener, 
je mehr sie in ihrer Entwickelnng zurückstehen. 

Nach kürzerem oder längerem Schwingen werden die Cilien 
in ähnlicher Weise eingezogen, wie sie gebildet wurden. Mau 
>ielit an der Spitze der Cilien ein Enöpfchen auftreten, das an 
Grüsee znnimmt in dem Maasse als sieh die Cilie verkürat, und 
^n schlieaslich In die Hautgchicbt aufgenommen wird. 

Da es mir fraglieh erscheinen konnte, ob der Vorgang an 
^Bnmlicb von der Sporangiumwand entfernten ScbwSrnisporen ein 
Utmaler sei, so fasste ich den Entschluss, ihn auch an uatUr- 
licli befreiten Schwärmeporen zu verfolgen. Um nicht auf die 
j«toinalige Entleerung einzelner Sporangien warten zu müssen, 
^H ich schwärmende Sporen aus einem grossen Gefässe auf. 

*) Hai ScIiuJtzc, das Protoplasma der Bbizopoden lind der Fflaneenzellen 
'% p. 34. 

*> Deber Zellbilduag und Zelltheilung, IL Aufl., p. 41-49. 
~1»Ddaa., p. 171. 



MO 



£i1du<1 StfuboTßtiT, 



Die Schwänn::pore wurdu erst mit der Loupe aiifgesuclit und da^^^g 
mit einem kleinen elfenbeinernen Ohrlöffel aus dem Gefösse ^-e- 
hoben. Eb geÜDgt das leicht wenn man den Ll3S'el gans nnt^r- 
tancht und ihn dann iu horizootaler Lage langsam emporhe^r. 
Man bekommt so die Schwärmspore meist völlig unversehrt curf 
kann sie leicht in den Tropfen auf dem Objectträger bringen. 

Die Sehwärmsporen wnrden hier ao lange iu ihrer Bewegnag 
verfolgt, bis sie zur Ruhe kamen. Ihre Cilien blieben dann plötz- 
lich stehen, um nach einer Weile eingezogen zu werden, 
ich weiter zeigen will, hat die Schwärmspore schon während ' 
ihrer Bewegung eine äusserst zarte Cellulose-Membran gebildflt*« 
in welcher jedenfalls, den Insertionsstellen der Cilien entsprecheni^ 
feine Oeffnungen zurilckgebliehen sind ^); durch diese nun werdet 
die Cilien eingezogen. Ihr Einziehen ist mit einer Contractio» 
der Hautflchicht verbunden, welche in jenem Augenblick ihr ein* 
gefaltete Oberääcbe gibt; einige Secunden später ist ihre Ober ' 
öäche wieder völlig glatt geworden. Man sieht alle diese Err 
scheinnngen am leichtesten, wenn es gelungen ist die Schwäi 
Spore durch sehr leisen Deckglasdruck festzuhalten. Ihre Cilie^^n 
bewegen sieh noch Itlr eine kurze Zeit, welche meist genUgt, uw _d3 
sie mit starker Vergrösserung einzustellen. 

Aehnliche Faltungen beim Fiu7.iehen der Cilien konnte i— ch 
auch hin und wieder an der Hautschicht der kUnstlich von ^Her , 
Sporangiumwand entfernten Schwärmspore sehen. 

Bei den Schwärmsporen von Oedogonium hess die sog. Mu-»jrf. 
Btelle, welche aus Hantscbicht gebildet vrird und deren Hinterr^urf 
die Cilien trägt, keine der Hautsehicht der Vaneheria-Schwä.-rflj. 
Sporen ähnliche Strnctur erkennen, *) 

An der Hautschicht der Ulothrix-Schwärmspore ist i 
deren Ende nur eine kleine, knotenförmige Verdickung za sehen, 
der die vier langen Cilien entspringen. ^) 

Somit ergibt sich die geschilderte Structur der Hautscfiiclit 
and ihr Verhältniss zu den Cilien bei den Vaueheria-SchwärmsporeD 
'bIs eine besondere Anpassung, wenn auch das Vorkommen radiärer 
■Streiinng in der Hautschicht auch an anderen Orten die VermuthuDg j 



') Wie solche für den Durchgang der Ciliea bei den Volvocioen ^ 1 
Lftehen. 

*) Ueber Zellbüdung und Zelltheilung, IL Aufl., p. 171. 
*) Ebendae., p. ise, 



Stuiiien über das Protoplaama. 11 

'Nnrectt, dasE das Auftreten derselben durch die Molecularstrnctur 
ÖM Haatschicht im Ällgemeiuen begünstigt werde. 

Der Körper der Spermatozoiden bei Farnen und Eqniseten, 
den ieh wohl mit den stärksten und besten jetzt vorhandenen 
Li QBen Systemen prüfen konnte, lässt weder besondere Structur noch 
besondere Einrichtungen für die Insertion der Ciiien auffinden. 
Ich QDtersnohte die Prothallien mehrerer Adiautum-, Aspleninm- 
nnd Pterie-Arten und Dank der Gefälligkeit des Herrn Prof. 
Sadebeek auch die ProthaUien von Equisetum arvense. Um die 
Spermatotoiden eingehend studiren zn können, ßxirte ich de mit 
J% Oaminrnsänre, was in der vorzüglichsten Weise, mit voil- 
BtÜndigster Erhaltung des Körpers und der Ciiien gelingt. Ab- 
ee«ebett nun von der verschiedenen Zahl, der verschiedenen Weite 
und Steilheit der Windungen, der wechselnden Dicke des Körpers 
bei den verschiedenen Spermatozoideo, fand ich letztere stets von 
einem in seiner ganzen Masse homogenen, stark lichtbrechenden 
Bande gebildet. Dieses Band ist nirgends hohl und zeigt an 
jedem Punkte seines Verlaufes einen annähernd elliptischen Qner- 
Mlnitt. Die Ciiien werden nnr von der vordersten Windung des 
Bindes getragen; sie entspringen ihr unmittelbar, ohne besonders 
markirte Anheftungsstellen. Die Spermatozoiden der Farne tragpn 
iwiKchen den hinteren Windungen ihres Körpers eine Blase, von 
der ich früher zu zeigen versuchte '), dass sie der mittleren, von 
oiner Plasmahöhle umgebenen Vacnole entspricht, welche nach 
AQflösong des Zellkernes und Ansammlung des Protoplasma an 
der Wand der Mutteraelle, in deren Innerem auftritt. Um diese 
VacDole hat sich das Spermatozoid gebildet, und es nimmt die- 
lelbe nach Befreiung aus der Mutterzellhaut mit auf den Weg. 
Ieh halte diese Bla,'e nun nicht für den integrirendeo Thoil des 
Spermatozoiden % wie ja das die oft genug bestätigte Thatsache 
lehrt, dass die Blase sich vom Spermatozoiden loslösen kann und 
keinesfalls bei der Befruchtung mit zur Verwendung kommt. 
Somit, da diese Blase allein körnige Bildungen enthält, bleibt für 
"W Begriff des Spermatozoiden hier nur das aus homogenem, 
•'irklichtbrechendem Plasma gebildete, solide, mit Ciiien am 
orderen Ende versehene Baud zurück. Ich hebe das ausdrttck- 
»cb hervor, weil in der letzten Zeit wiederholt von Zoologen an 



'J Jshrb. f. wiBB. Bot., VU, p. 39t. 
'So auch Sachs, Lehrbuch, IV. Aufl., 



^^^fio auc 



W: 



Y 



{2 Eduard .Strasburger, 

mich die Frage gerichtet wurde, ob denn die Spermatozoidffii fa 
Pflanzenreiche nicht nothwendig anch einen Zellkern aafznwüsen 
hätten. Es hängt diese Frage mit der Bedeutung zusammen 
welche jüngst der Zellkern bei der Befrachtung gewonnen, lok 
bin nan der Meinung, dass diese nach Auflösung des Zellkeratt 
der Mutterzelle gebildeten Spermatozoiden in der That die 1 
mente des Zellkernes in sich aufnehmen, daas es aber beider 
Befruchtung auf Kernsubstanz, nicht auf den morphologisch all 
solchen differenzirten Zellkern, ankomme. 

Bei den Spermatozoideo von Equisetum ist bekanntlich der 
hintere Theil des Körpers sehr dick im Verhältniss znm vorderto 
und seine Windung sehr steil; im Uebrigen ist auch hier der KörpM 
bandförmig, von annähernd elliptischem Querschnitt in seinn 
ganzen Verlauf; an der vorderen Windung mit langen Cilien bi 
setzt. Der Innenseite des steilen, hinteren Eöiperabschnitti 
klebt die Blase an, welcher auch hier die gleiche morphologiBcb 
Bedeutung wie bei den Famen znkommt. Auch hier ist es diM 
Blase allein, welche kömige Bildungen, wie bei den Farnen, vop 
nehmlich Stärkeköraer, einsehliesst, und halten sich ihre Koro« 
besonders an der dem Spermatozoiden-Bande zugekehrten Seite 
der Blase auf Das Band selbst wird in seiner ganzen ABB- 
dehnung von homogenem, stark liehthrechendem Plasma, obufl 
innere Höhlungen, gebildet. Es endet gewöhnlich stampf (Fig. 7, 
9, 14), seltener verjüngt (Fig. 8, 10). Die Blase haftet meist der 
Innenseite des Bandes an und wird bei Streckung desselben mit 
in die Länge gedehnt. Daher Bilder wie die von mir in Fig. 7, 
8 und 10 abgebildeten. Aehnliche Bilder mögen Hofmeister i 
der Annahme geführt haben, das wimperlose Hinterende I 
bei den Spermatozoiden der Equisetaeeen an der InnenkatfB 
seiner Schraubenwindung deutlich zu einem häutigen, 
liehen Anhängsel verbreitet, welches während der VorwSlta" 
bewegung in schneller Ondulation sich befindet. ') Was HoftneiBft 
zu dem weiteren Ausspruch veranlasste: „bei den Spermatosoidd 
der Farnkräuter findet muthmasslicb dasselbe Verhältniss statt x 
ist mir unbekannt. 

In manchen Fällen kann sich die Blase gegen die stfl 
Innenfläche der Spermatozoiden abrunden und sich von derselt 
mehr oder weniger ablösen; man findet sie manchmal anch ij 



1) ZnletEt in: Lehre von der Fäsnzeiizelle 1367, 




fflfflreii, engl 



Studium über da« Frotoptas 



|i«nmsii, engen Windungen anhaftend (Fig. 12). >) In anderen 
FaUen hat das Spennatozoid dieselbe ganz abgeworfen (Fig. 14). 
Dann wird das Spermatozoid nur noch von dem stark licht- 
brechenden Bande gebildet, dem an der Innenseite noch einige 
ESrnehen anhaften können (Fi^'. 9). Gegen das Ende der Schwärm- 
aeil erscheint die Blase an den Sperniatozoiden sowohl bei Famen 
aU bei Equiseten durch Wasseraufnahme oft um das Vielfache 
ibres arsprünglichen Volumens ausgedehnt. 

Ich erlaube mir in den Figuren 7—14 eine Anzahl Abbildungen 
der Spermatozoiden von Equisetnm arvense zu geben und zwar 
nach Präparaten die ich dnveh Uebergiessen eben ausgeschwärmter 
Spermatozoiden mit l"/o Osmiunisäure gewann. ^) 

Wenn nun die Frage aufgeworfen würde: ob die Sperma- 
lotoiden der Gefässkryptogamen, da sie im obigen Sinne nur aus 
einem homogenen Bande mit Cilien bestehen, dennoch als Zellen 
*afznfassen seien? — so möchte ich die Frage bejahen. 

Verfolgt man nämlich die Spermatozoiden nach rückwärts bis 
in die Algen hinein, so kommt man zu der Ueberzeugung, dasa 
8ie den dort vorkommenden'Spermatozoiden, deren Zellnatur gar 
Dicht angezweifelt werden darf, homolog sind. Man kann sich 
ToretcUen, dasa sie durch Modification solcher Spermatozoiden, wie 
etwa derjenigen von Oedogoninm, langsam entstanden sind, und 
dann läset sich ihre Bildung aus dem Inhalte der Mutterzelle 
nüt AuBschluas der centralen Blase, als eine Art freier Zellbildung 
«nffassen. ') 

Ein radiärer Üau, der vielleicht Äehnlichkeit mit dem bei 
Spirogyra und \'aucheria geschilderten besitzt, wird von Ed. van 
Beseden fUr die Hautschicht der Eier der Seesteme angegeben. 
»Die HautBchicht," schreibt er, „ist heiler und weniger kbrnig 
ili die innere Masse, sie zeigt ausserdem eine zarte, radiale 
Streifnng, die der inneren Masse zu fehlen scheint." Ed. van 
Beueden gibt die Stärke dieser Hantschicht auf beiläufig ein 
Drittel des Radius des Dotters an. *) 

') Vergl. auch Schacht, die Spermatozoiden im FSanzonreiche, 1864, p. 10, 
fj AUe SpermatozoidcD von Bquisetuoi arveoae erschienen mir in gleicher 
fiiobtUDg geviinden Die umgekehrte Richtung in Fig. U rührt daher, daai 
ätM» Spermatoioid mit seiner Spitze nach unten liegt. 

') Vergl. Zellbildui^g und Zelltheilung, 11. AuS., p. 192. 
') Contributiona b l'hiataire de la v^sicule germina^ve et du ptemier 
DOfBa embrjotinaiiie. Bulletins de l'Acadämie royale de BelgicjUe, S^mt S6i. 
T. LSI, Nr. 1, Jaovier lä76. Des Separatabdruckea, p. 33, 



14 Bduartl Slfasburger, 

Mehrere Beispiele einer Streifuog der Hautschicht lies 
eich noch der thierischen Histologie eDtnehmeD, doch aiad 
bezflglichen Angaben metet nicht der Art, dass wir aie hier dii 
verwerthen könnten. 

Sehr nahe lag es hingegen, an einen Vergleich der in ' 
Hautschicht verschiedener Infusorien beobachteten Stäbchen, 
sog. Trichocysteu , mit den Stäbchen in der HantBchicht 
Vaueheria-Sporen zu denken. Ein Bild, wie es Paramecinm auri 
an seiner Peripherie bietet, iat in der That nicht unähnlich dei 
jenigen der Peripherie einer Vaucheria ■ Schwärmspore, M| 
hätte meinen mögen, dass auch bei den Infusorien die StKbcl 
als Stutze der Cilien dienen ; vorhandene Angaben, namentlich 
von Wrzesniowslii '), beweisen aber sicher, dass jene Stäbchi 
in keinem Verhältnies zu den Cilien stehen, vielmehr nnter ÜB 
ständen ausgestossen werden können und wohl als Wftffi 
dienen. 

Auch an der Hantschicht der Plasmodien bei den TAysoiaJy 
ceten hat Hofmeister eine bestimmte Structur beobachtet. „Hänfig^ 
schreibt er, „tritt eine radiale, auf den Flächen senkrechte Streifai 
hervor, wenn das Mikroskop auf den optischen Durchschnitt df 
selben eingestellt wird : eine Streifung, die auf der Nebeneinandt 
lagerung stärker und schwächer licbthrechender, dichterer n 
minder dichter, weniger und mehr Wasser haltender, zur FlSo 
der Membran vertical gestellter Theilchen beruht. Seltener i 
eine Zusammensetzung aus der Fläche der Hautschicht parallelei 
abwechselnd stärker und schwächer lichtbrechenden Lamellen I 
erkennen, doch kommt sie bisweilen neben jener radialen Streil^ 
oder aneh ohne dieselbe vor." Am deutlichsten will HoftneiB 
diese Verhältnisse an im Einziehen begrüTenen dUnnen Aefl 
der Plasmodien von Aethalium septicum gesehen haben; auch | 
er an ^), ähnliche Erscheinungen habe de Bary unter gleia 
Verhältnissen an den Plasmodienästen von Didyminm serpula ' 
von Aethalium beobachtet. De Bary schreibt an der von I 
meister citirten Stelle: „Wo ein Zweig eingezogen wird, da nehi 
die centripetalen Strömungen an Energie stetig zu, die sei 
fngalen ab, und in gleichem Maasse verschmälert und verki 

■) Archiv f. mikr. Anat., Bd. V, ISGQ, p. II. 

*) Lehre von der Pflanienzelle, 1867, p. 24 und Fig. ö, p. 25. 

") 1. c, p. 94 Anm. 



Studien über iloa Protoplasma, 



15 



neh der Zweig. Bei Äethalium und Didjmiam aerpnla sah ich 
oft, wie jede nene in einen Zweig laufende, centriftig&le Strömung 
intmer weiter von dem Zweigende aufhörte, dem Zweige alao 
immer weniger and zuletzt gar keine Körner mehr zugeführt 
wurden, während die Grondsabstanz sich änsBcrst langsam zu- 
Biumneuzog. Der zuletzt ganz küruerfreie Ast nimmt dabei oft 
eine eigenthUmlicfae Beschaffenheit an. Seine Peripherie wird von 
«ner dicken, glänzenden Lage von Grundsabstauz gebildet, an 
welcher die Randschicht nicht mehr kenntlich ist, welche dagegen 
«nf ihrer ganzen Anssenfläche mit spitzen, abstehenden Fort- 
sätzen, wie mit feinen Stacheln dicht bedeckt ist. Zuweilen hat 
ea den Anschein, als sei die ganze eben erwähnt« Lage der Grund- 
Bnbgtauz aus dicht gedrängten, zur Oberääcbe senkrechten Stäb- 
dieQ zusammengefügt, deren äussere Enden die stacheläbnlichen 
'farlafi tze bilden, doch konnte ich dies nicht bestimmt er- 

■'") 

16 von de ßary gegebene Schilderung der Randdifferen- 
iRcheint mit derjenigen übereinzustimmen, welche Hofmeister 
rerer Einwirkung concentrirter Lösungen von Zucker, 
Kalisalpeter oder Kochsalz auf Plasmodien beschreibt*), 
Lyaliner Saum sich dann mit stacheligen, dicht stehenden 
bedeckt. Die am weitesten von'agenden Stellen der 
iitche sollen dann diejenigen grösster, die am tiefsten ein> 
in diejenigen geringster Dehnbarkeit sein. 
ie gleichen Erscheinungen hatte auch schon Kühne unter 
len Einflüssen, vornebmlicb aber bei Einwirkung einpro- 
Rhodan-Kalium-Lösnng beobachtet. Dabei wurden die 
Stämme der Plasmodien iu Kugeln verwandet, deren 
Saum sich dann zerklüftete. „Zuerst zeigte sich eine 
Menge feiner, radiärer Sfreifnngen,... an der äussersten 
ie bildeten sich schöne, stachelige Fortsätze, mit denen 
ise dicht besetzt erschien, und die Basis des Saumes zog 
zu einer schmäleren, glasglänzenden Schichte zusammen." 
nUiü brauchte die Salzlösung nur durch destillirtea Wasser zu 
TMdÄagen, nm sämmtliche stachelige Fortsätze in die Kugeln 
tartlckzntreiben. Der glatte, hyaline Saum bildete sich zuerst 
*ied«r, verschmälerte sich später, wurde unregelmäsaig nach inueo 
"nd aussen und die Contractionen mit der davon abhängigen 



') Tut Mjcetozoen, II. AnQ. 1S64, p. 46. 
^ K e Lehrtf »on der PflaMcmelle, p. a7. 



Fl6 



Eduard Struborger, 



E&rnclienströmnDg begannen von Neuem. IndesBen daaei 
Alles nicht lange, »ondern unter ÄUBtritt von schleimigen, zittern 
den ElUmpclien ging das Protoplasma zu Grunde." ') 

Meine eigeaeo Untersncbungen bezogen sich romehmlich as 
die Plasmodien von Aelhaliam septieum, die ich in unzäbligei 
Exemplaren stadirt habe. Zum Zweck der Herstelinng von PrS 
paraten, die numittelbar auch bei stärkster VergrösBernng zu be 
obachten vrären, liese ich die Plasmodien von der Gerberlohe M 
vertical aufgestellte Objeetträger kriechen, über deren eine FlSchi 
ein äusserst schwacher W'asserstrom mit lltllfe eines SaagapparuU 
einfachster Art, der aus einem Fliesspapieratreit'en bestand, ge 
leitet wurde. In halber Länge der benetzten Fläche, ob dirrf 
auf dem Objeetträger, ob durch zarte Schntzleisten von demeelba 
getrennt, war ,je ein dünnes Deckglas angebracht. Das Gin» 
setzte ich in einen dunklen Kasten, um die BewegungsrichCimg 
der Plasmodien der BeeintiuesuDg durch das Licht zu entzidiei.' 
Alle die reich verzweigten Plasmodien, die ich zur Untersnciimy 
wählte, bewegten sich nun fast vertical aufwärts an den befeucif' 
teten Glasflächen und es geschah hättüg, dass sie das Deckgl 
erreichend, mit mehreren Zweigen nnter dasselbe krochen, ja selL 
da, wu das Deckglas, ohne Subntzleisten, direct an dem fenclila 
Objeetträger haftete. In den letzten Fällen bekam ich besondd 
zarte Ströme, die vorzüglich für die Beobachtung geeignet 
Wenn ich während der Untersuchung einen continuirlicben Waeee* 
Strom unter dem Deckglas durchleitete und das Object gegen Dmd 
gesichert war, so konnte es sich nach öberwundener , enti 
Störung normal weiter bewegen. Wurde das Präparat durch dl 
Dockglas wenn auch noch so schwach gedrückt, oder stieg dnn 
fortgesetzte Verdanstung des zageflihrten BmnnenwasserB 4 
Salzgehalt desselben, so pflegte das bekannte langsame Kinzieb( 
der Zweige des Plasmodiums zu beginnen. 

Da beobachtete ich nun Erscheinungen, welche sich dnroba 
an die von de Dary geschilderten at^chlossen. Sehr häufig g 
sohah OB, dass die Enden der in Einziehung begriffenen Zwei] 
solche Bilder, wie die in Fig. 16, Taf. II oder Fig. 11 und 
T«f. III, I. 0. bei de Bary abgebildeten zeigten. Dagegen w( 
OS tuir leider nicht gelingen, einen Zustand zu finden, welcher dl 



') Üitt#r«iicltuaK«n übor diu Protopluma und die Contracülitit Ü 




Studien über iSna PrutopUsiiiu. 17 

r (I. c, p. yö) ilarjceslellten Figur entsprochen hätte, 
tngeaohtet letztn'e auch von Aethalium septicum entetammen »idII. 
De Bary will die stachelige Differenzining der Peripherie bei 
den in EinziehuDg begrißenen Zweigen erst gesehen haben, wenn 
die Grundauhstanz derselben ganz von Körnchen entleert war; 
icli beobachtete sie au Zweigen noch vor deren Entleerung und 
kann aut das Bestitnniteste behaupten, dasa die auftretenden 
Fortsätze nicht der Grundanbstanz des Ktirnerplasma, sondern der 
Haatschicht des Plasmodium angehören. Meine Figuren J5— :19 
leigen dies deutlich. Icli habe manchmal wie in Fig. 15 die 
Fortsätze schon sehr frühzeitig, gleich beim Beginn der Einziehung, 
sttftreteu sehen. Bei starker Vergrösserung war es leicht zu ver- 
folgen, wie beim Zurückweichen einzelne Stellen der Hautschicht 
hJDter den anderen zurückblieben, so zu feinen, stacbelartigon Ge- 
bilden werdend. 

Es ist wohl denkbar, daes die zurückbleibenden Stellen den- 
jenigeu grösserer Dichtigkeit, die zurückweichenden denjenigen 
geängerer Dichtigkeit in der Hautschicht entsprechen. Die Re- 
terdirung wird nicht etwa durch ein stärkeres Anhaften der zurück- 
bleibenden Stellen au der Unterlage bedingt, da die Fortsätze 
im ganzen Umfange des Zweigendes gleichmässig erzeugt werden. 
ßiMe Fortsätze können oft eine bedeutende Länge erreichen, 
ixoa sieht das Zweigende wie mit langen Wimpern besetzt 
BBg (Fig. 19). Sehr eigeuthümlich machten sich die Fortsätze an 
, SUDchen Verbindungszweigen , die in zwei entgegengesetzten 
Biehtnngen eingezogen wurden. Solche Zweige werden dann in 
den von ihren Ansatzstellen gleich entfernten Orten immer dünner 
und bestehen dort schliesslicll nur aus Hautschicht; gleichzeitig 
ancheinen sie dann mit kürzeren oder längeren Stacheln besetzt, 
welche der Richtung der rückläufigen Ströme entgegen gerichtet 
^d und somit au den beiden Hallten des Verbindungszweiges 
imgekehrte Orientirnng zeigen (Fig. 20). 

Bei beginnendem Rückzug eines Zweiges kann die Hautschicht 
Mch unregelmässige, wulstige Anftreibungen bilden (Fig. 21). 
Sftnfig folgt letzteren alsbald die Bildung der stacheligen Fort- 
Utile. Oefters entstehen derartige wulstige Auftreibungen auch 
tiefer an einem Zweige, welcher an seiner Spitze die stacheligen 
fortflätze ei-zeugt (Fig. 18 u. 19). Gewöhnlich deutet dann dieser 
Ort den nitchsten Punkt an, bia auf welchen der Zweig eingezogen 
»erden wird (Fig. lö). 

Wenn ein Zweig bc»n fitiffiktng die stacheligen Fortsätze 



■^7- 



18 



Eduard Strasburger, 



gebildet hat, heim Eintritt giiiiKtiger Umstände aber von Neuen 
vorzuschreiten beginnt, so werden die Fortsötze in die vordringend 
Hautschicht wieder aufgenommen, Sind die Fortsätze kura ctti 
gebildet worden, so erfolgt ihre Aufnahme sehr leicht; ist ilil 
llildung etwas älteren DattiniB, so scheint ihre Anfnahme in d 
llautschicht mit Schwierigkeiten verbunden zu sein. Da sah a 
den Zweig an seinem Knde oft erst bedeutend anschwellen ai 
dann die mit Fortsätzen besetzte Stelle mit einem Kuck s 
werden; neue Hantachicht drang an solchen Orten hervor, alsba 
von dem Kßrnerpiasiiia gefolgt; die stacheligen Fortsätze kann 
dann zu den beiden Seiten des nenea Zweiges zu stehen. Eil 
Abgrenzung der sie tragenden Hautschicht gegen die nen vfl 
gedrungene war übrigens bald nicht mehr zu sehen. 

Die geringfUgigsten Differenzen, in ihrem Vorhandensein ksu 
festzustellen, beeinflussen die Gestalt der vordringenden Zweij 
enden: bald sind letztere gleichmüssig abgerundet, bald verschied! 
ansgebuchtet, theils mit zugespitzten, theils mit rundlichen Tu 
, Sprüngen (Fig. 22). Solche Erscheinungen und Differenzen treft 
auch bei spontanem Einziehen einzelner Zweige auf. Muifl 
mal siebt man dann Bilder, welche an die Stachelbildung: t 
innem, nur dass die einzelnen Stacheln in ihrer ganzen I 
viel breiter sind, als wären sie aus der Verschmelzung je mehrer 
hervorgegangen; die Zweigspitze erscheint dann wie gesäbi 
Zwischen solchen gezähnten Rändern und den nnregelmässig 9 
buchteten finden sich Uehergänge. 

Ich fixirte eine Anzahl Plasmodien mit 1 % OsmiainBftni 
was ebenfalls in der vorzüglichsten Weise gelingt. Fig. 23 Mi 
einen im Vorschreiten begriffenen Zweig, der auf diese Weise ll 
handelt wurde und den ich nun erstarrt in Glycerin anfbenall 

Die merkwürdigsten Bilder bekam ich bei Fixirung der PIi 
modien mit 1 "/o Chromsäure. Wie Fig. 24 nämlich zeigt, fl 
unter dem Eintluss dieses Geagcns au den Zweigendeo oft i 
Umgekehrte von dem, was wir bisher gesehen, eingetreten. I 
Hautschioht zeigte sich da nämlich in einzelne Stäbchen anfgell 
die aber nicht der gemeinsamen Unterlage eingefügt waren, ' 
mehr von einer gemeinsamen Hüllhaut an iliren Spitzen verbünd 
an ihrer Basis hingegen zuna grossen Theile frei und so nnmit 
bar auf die Substanz des KBrnerplasma stossend. Es mag dn 
die Chromsäure im ersten Augenblick nur die Peripherie ) 
Plasmodium fixirt werden und die sich eine Weile noch : 
ziehende Inncnmasse solche Erscheinungen veranlassen. 



Studien über dus Protoplasma. i 9 

i|' <leh behandelte danii anch ein im stärksten Rückzug befind- 
iche«, stark mit freien, Stäbchen ähnlichen Fortsätzen bedecktes 
llaBmodiutn mit i"/'o Chromsäure. Die Stachel wurden erhUten, 
loci erschienen sie häufig an ihrer Spitze kegelförmig an- 
^hwollen und ausgehöhlt; bei manchen geschah Letzteres in 
der ganzen Höhe , sie erechienen dami beuteiförmig. Es hatten 
hier eben Vacuolen in den Fortsätzen vor deren schliess- 
Mer Fixirung sieb bilden können (Fig. 25 und 26), An den 
gleictien Präparaten war die Hautsehicbt oft membranartig nieder- 
geacblagen worden und das E&rnerplasma hatte eich dann von 
ihr an manchen Orten zurückgezogen, so daas nur noch feine 
lüden, ans Grundsubstanz des Körnerplasma gebilflet, beide ver- 
banden (Fig. 'iC), Solehe Figuren erinnern an Bilder, wie sie 
bei der Ausbildung mancher Fruchtkörper der Myxomycefen zn 
Kheo sind. 1) 

Ich habe mich im Vorhergehenden auf die Schilderung der 
SlrBmung selbst, als so oft schon gegeben, nicht eingelassen und 
Öhre hier nur zum Schlüsse die Figur '27 noch vor, welche ein 
Uteres Stammstlick aus dem Inneren des Äethalium-PIasmodiums 
«igt. Das Küruerplasma war hier in Strömung, so weit es die 
jnien im Inneren andeuten. Das Veihältniss des Körnei-plasma 
itr Hautschicht ist in der Abbildung streng eingehalten; ausser- 
lem ist das StammetUck von einer Gallertseheide, de ßary's Hülle, 
ind von den, derselben ein- oder meist aufgelagerten Körpern 
imgeben, die ich sammt der Hülle für Ausscheidungen : für Ex- 
remente halte. 

I Im Innern der Uautschicht habe ich hier keine Structur be- 
^Ecblen können, weder an frischen noch an künstlich bebandelten 
Dbjecten ; nichtsdestoweniger möchte ich in der so constanten 
^dang feiner Fortsätze au den im Rückzug begriffenen Zweig- 
(nden, mit Hofmeister, den Ausdruck von Dichtigkeitsunterschieden 
Etblioken, welche in der Moleculär-Structur dieser Hautschicht 
Qire Begründung finden. 

Vm haben in letzter Zeit Heitzmann -) und Frommann ') darauf 
bi^ewiesen, dass die Grundsuhstanz des Kömerplasma oft einen 



') Veigleiche Taf. VUI der bereits ersehieneiieD polnischen Ausgabe der 
IjoetoEoeo von Eostafinski. 

•ji Siteber. d. W. Ak. d, Wias. von April bis Juiii, 1373. 
''^"'" " " "^tsübr. f. Nuturw., IX. Bd. 1«I^B|^ 



JO 



Eiluarii Stfasburger, 



netzförmigen Bau zeige. Ich selbst beolaclitcte einen snl( 
Bau in den Kieta der Couifcren und Gnetaccen und wiea dai 
hin, -wie man zwischen Vacnolen und Kammern im Körnerpl 
unterscheiden mllsse. ') Vaeuolen sind Tropfen einer wälssed 
I'^lttSBigkcit im Plasma, die Kammern dagegen werden gebi) 
wenn das Plasma in dUnneu, netzförmig verbundenen Platten 
Zclläüsaigkeit durchsetzt. 

Von derartigen Frotoplasmakammeru wird auch der vord 
helle Kaum im Inneren der Vaucheria-Schwärmsporen meist i 
Rländig darchsetzt (Fig. 2). ^) Stellt man auf denselben scbi 
ein, 80 kann man leicht bemerken, wie die Eamniern langi 
ilire Gestalt verändern. 

Eine ähnliche, kämmerige Anordnung des zum grossen T 
mit Clilorophyllkclrpern beladeueu Körnerplasma zeigen die 2e 
der Cladopliora. 

Andererseits hat Veiten auch eine entsprechende Verthffll 
lies Küruerplasma in Pöanzenhaaren beschrieben. „Für einü 
Fälle ist CH erwiesen," schreibt er hieranf^), „dass da 
plasma ciu K^alsystem ist. Die Plaamakörnehen bewegen i 
in oder an den Wänden der wässerige Lösungen einechliessäi 
Kammern; niemals sieht man eine köntchenhaltige Flllseigkeii 
dem Protoplasma strömen; ea sind nicht in sich zurücklaufe 
Kanäleben vorhanden, sondern dieselben sind vielfach unterbroc 
durch Querwände, Die Configuration der Kammern wird ill 
die Bewegung der plaaroatischeu Wände fortwährend veränth 
eine kürzere Zeit kann eine Form eingehalten werden." 



') ZellbilduDg uud ZeUtlieilung, II. Aufl., p. 20. 

') Ich meinte früher, ihese Kammern sliesaeii ia der Mitte de» 
in einer gleiobmäasig-feinkörmgen FUsnjumaBse zusammen, der icli sogar gt 
war, eine pentrale ÄCtion zuzuschreiben. Jetzt konnte ich mich an dtn 
reich untersuchten Schwärmaporeu, die mir hin und nieder, oamentlk 
Iciseui Drucke, völligen Einblick in ihr Inneres geetHtteti^, sicher iiberae 
dass dieser Raum von Zellfliiasigkelt erfüllt ist. Meist ist diese ZellSüsa 
von den Frotoplasmakammeru völlig durchsetzt, in uiiinchen Fallen bleu 
Mitte der Flüssigkeit von denselben frei. Ich habe aIbo wohl, als il 
Verhalten dieses hellen Kaumes Stützen für dessen centrale Thatigk^ Dl 
wollte, Ursache und Wirliung verwechselt, indem Verhalten uafl ^lä 
dieses Baumes vou der Uautschicht auu iiestimmt werden dürfte. (Zelltnl 
und Zelltheilung, p. 186.) Hin und wieder findet man auch in den Sch« 
sporea mehrere mit Zelläüssigkeit erfüllte Lumir 
holt suh ich kloine Krystalle, wohl von oxiilsaurem Kalk, in der Zcllfll 
kdt liegen, 
L *) Flora 1873, p. |-.a. 



Studien über das Protoplasma. 21 

lu. Sehr verbreifet innerhalb mancher jangen und der meisten 
Heren Pflanzenzellen ißt die bekannte Anordnung des Körner- 
ilasma zu einer dünneren oder dickeren Lage anf der Inneneeite 
ler HantscMcht, so dass beide zusanuneo einen Beleg von wech- 
lelnder Mächtigkeit an der Wand der Zelle bilden. Wenn unter 
»Iclien Verhältnissen die KömerBchicht eine grössere Stärke er- 
feieht, lassen sich oft gewisse Difl'erenzen in dem Verhalten ihrer 
toggeren, an die Hantschieht grenzenden und ihrer inneren, an 
äie ZelläUssigkeit anstossenden Lagen erkennen, welche auf eine 
ttiras grössere Dichte der äusseren La^en gegen die inneren hin- 
»öBen. Dieses kann sich in der Verschiedenheit der körnigen 
Enschiflsse äussern, auch wohl darin, dass die inneren Lagen des 
EBmerplasma sich in Bewegung befinden, wo die äusseren ruhen. ') 

In rielen Fällen durchziehen, tou dem Wandbelege ausgehend, 
»iilreiche bewegliche Fäden des Körnerplasma das mit Flüssig- 
feit erMlte Zelllumen. 

fiei Äethalium septicum iHsst die Grundmasse des Eörner- 
^Uema keinerlei Scliichtnngen erkennen, sie führt gleichmässig 
üräieiUen, kfirnigen Inhalt, sehr vereinzelt auch contraetile Vacuolen. 
I Eine leicht sichtbare, radiäre Anordnung nimmt das Körner- 
dasma in sich theilenden, thierisehen Zellen, doch nicht proprio 
Mtn, sondern unter dem Einflüsse des in Theilung eintretenden 
itlikemes au. Um dessen Pole erscheint die Grandsubatanz des 
iCBrnerplasma strahlig vertheilt, ausserdem bis zu einer gewissen 
Entfernung körnerlos, da ihre Körner von den Eerupolen ab- 
{«lossen werden. — Die Strahlen setzen bei ihrer Bildung au 
Ü6 Kerupole an und wachsen an ihren Enden. Die kömerlosen 
itellen umgebend , erscheinen sie mit diesen wie zwei helle 
iuiien in den sich theilenden Zellen. — Auch bei freier Zell- 
Mdang zeigt, in besonders durchsichtigen Fällen, das Kömer- 
[llBg&ia radiäre Anordnnng um die neuentatandenen Kerne. 

Eine ganz bestimmte Differenzirung erfährt das Kömerplasroa 
kl Fflanzenzelle bei der Bildung der Chlorophyllkörper. Diese 
Wtei], wie bekannt, bei höhereu Pflanzen in Körnerform, bei den 
U^n aber auch in Leisten- Band- oder Stern -Form anf. — 
lus diese grUngefarbten Körper wirklich dem Körnerplasma an- 
^ttren, das zeigen die Fälle wo, wie bei manchen niedersten 
Igea, das gesammte Körnerplasma grUn gefärbt erscheint und 
W die Hautschicht farblos ist. Dasselbe folgt überall ans der 



Eduard Strasbiirger, 

Eotwicklungsgeschichte, und zwar : da,sa die Chlorophyllkörper ani 
der homogeiiea Grundsubstanz dcB Etirnerplasma beirorgebeä 
Sie sind gegen daa umgebeade, nngefärbte Körnerplasma Bchaif 
abgegrenzt nnd zeigen sich an ihrer Oberfläche etwas dichter als 
im Inneren. Nicht immer ist Hbrigens diese Verdichtung optisch 
nachweisbar und nnr aus dem Verhalten der Körner bei Qudlaog 
zu erschliessen. 

Eine weitergeliende DifTerenzirnng des Kömerplasina als inner- 
halb der PÜanzenzellen hat bei vielen Rhizopoden stattgel'nndcn. 
So wird im Körper der Ileliozoeu, den ich als seiner ganzco 
Maspe nach aus KiJi nerplasma bestehend betrachten möchte, eine 
Mark- und Rindeneub^tauz, ein Endo&ark nud Ektosark beschriebeu. 
Beide Schichten gehen unmerlüich in einander über, künnen aber 
auch scharf abgegrenzt sein; doch ist es in allen Fälleo Dar die 
VerBchtedeuheit des ProtD|>lagma, keine besondere Membiaa, 
welche die Deutlichkeit der Contonr bedingt, ') Im Endossdt 
liegt stets der Kern oder die Kerne, das Ektosark ist cliaraktt^ 
risirt durch den Besitz der contractilen Vacuolen. — „Bei Ai 
fiphaerinm unterscheidet sich die Mark- von der Rindensutet 
im Wesentlichen durch ihre gröbere Körnelung und die dadt 
bedingte beträchtliche Undurchsichtigkeit. Ferner ist dt( 
vorwiegend, wenn nicht ausschliesslich, der Sitz der Verdani 
Das vollkommene Gegentheil ist bei den Heliozoa Skeh 
der Fall. Hier ist die zahlreiche gröbere und feinere KfincI 
enthaltende Rinde allein der die Nahrnngsanruahme und Aselt 
lation voreehende Theü, während niemals die NahrungsklSrper 
in die centralen Partieen des Körpers hineingelaniren- Dil 
bildet in Folge dessen eine feinkörnige oder bomogeue Masee 
mattgrauhläuliclicm Glanz, welclie mit einer deutlichen Linie gl 
die Bindensubstanz sich absetzt. '^) 

Manche Heliozoen zeigen auch innerhalb der von ihrer Ol 
fläche strahlig entspringenden Pseudopodien eine Dijlerensirai 
in einen „Axenfaden" und die „Rindensehicbt". Bei Acti' 
sphaerium ist diese Sonderling am deutlichsten. Die „Rini 
Schicht" der Pseudopodien wird vom Körnerplasma des Ectosi 
der „Axentäden" aus einer homogenen in Essigsäure sieh ll 
den Substanz, „vielleicht aue einer Verdichtung des Protopl 



') E. Hartwig u. E, Leeser, Archiv f, 
») Ebendas., p. l«0. 



äkr. Anat.. BJ. X, Siipp)., p. lad 



Studien über lUs Protoplas 



23 



gebildet ') und lässt sich durch das EctoBark bis in die Obei'ääche 
des Endoeark verfolgeQ. ^) 

Bei Monothalaniiea komnien noch andere Sondernngen des 
Kömerplasma ror. 

Englypha alveolata Dujardin und Ihr verwandte Formen 
laesen z. B. im Frotoplasmakörper eine hintere, fast hyaline 
MasRe, ipit grossem, wasserhellem, kugeligem Kerne, eine mittlere 
grob- nnd dnnkelkörnige Parlie , durch etwa aufgenommene 
Kabmngsmittel getrübt, meist ganz undurchsichtig, nnd einen 
vorderen Abschnitt, mit geringer, feinkörniger Trübung, welcher 
meist ein oder mehr pnlsiruude Vacuolen und häufig auch noch 
Hahrongsmittel enthält, unterscheiden. *) 



Wir wollen es nunmehr versuehen, das Verhältniss des 
Bantplasma zu dem Körnerplasma näher zu beleuchten. 13o- 
kumtlich unterschied Pringsheim sueret zwischen Hautschichl und 
Kernerschicht des Protoplasma und zwar hezeichuete er auch diis 
Eünierplasma als „Schicht", weil er dasselbe zunächst au den 
ait Zellumcn yersehcucn Plianzenzellen studirte, wo das Prolo- 
pluma nur einen stärkereu oder schwächeren Beleg an der 
Cellnlosewand bildete. ') Beide Bezeichnungen wurden dann auch 
ProtoptatamamasBcn ohne Lumen übertragen und ich zog es 
itracht letzterer Fälle vor, die IJezeichung Körnerplasma 
iBmerBchicht des Protoplasma zu brauchen. ^) 
Hautschicht gilt den meisten heutigen Forschem als die 
freie Grundsubstanz des Protoplasma. ") Hotmeister sucht 
Dichte gegen die innere Masse durch die „allgemeine 
ihaft tropfbarflüssiger Körper einer die innere Masse weit 
fender Dichtigkeit ihrer Oberfläche" zu erklären.') 
idererseits spricht neuerdings Pfeffer die Ansiebt aus, der 



JndAB., p. 1G2. 
ranz £älliitrd Schulze, Arch. f. mikr. Anät., Bd. X, p. 3S9. 
Kodaa., Bd. XI. p. 10U a. 101. 
Interguchungen über den Bau und die Bildung der P&anzenzeüe, 



Bellbildmig und Zelltheilang, IL Aufl., p. SB6. 
Ißachi, Lebthuch tler Botanik, IV, Aufl,, 1S7(, p. 11. 

der Pflaanenzelle, p. a. Pringsheim hielt noch (Pflanjen- 
EB) die Komerscliiulit für dicliler uls die [luutschiciit, 





|'24 Eduard Straaburger, 

FrimordialgcUaacb sei eine NiedcrBchlagsmembran. ') „Das I 
plasma umkleidet eich," sehreibt er, „mit reinem Wasser c 
mit wässerigen Lösungen in Berührung [i^'"'3't''^*: ; allseitig i 
einer zarten Niederschlagsuiembran, dem sogenannten Pnmordia ] 
echlaucL, welcher sich übrigens anch bei Beachtnng bestimmte^'" 
Vorsiehtamasaregeln um beliebige nicht lebensfähige Ballen y* ti 
Protoplasma bildet. ") Pfefl'er versteht hierbei jedenfalls unlt^^t 
Frimordialsehlaucb das, was wir als Hautschicht bczeichnete^Eii, 
nicht den Primordialsehlauch im Sinne Hngo v. Mobl'B, wo de^w- 
selbe nicht auBBchliessüch die Hautschicht, sondern auch das gan^i^e 
Wand plasma bedeuten kann. 

Zunächst steht fest, dasa die Hautschicht nicht scharf geg^^n 
das Körnerpla^ma abgegrenzt ist und somit nach der Defioiticz^o, 
welche von Mohl für die „Pelicuia" an Chlorophyllköroern gi~fcl. 
auch nicht als , .Membran" zu bezeichnen wäre. Der Name Ha.~w](-j 
schiebt i'ilr dieselbe ist Jedenfalls sehr glücklich gewählt.^) D^^H 
die Hautschieht nicht seharf gegen das Kömerplasma abH&U^| 
vielmehr in dasselbe übergeht, das zeigt hinlänglich der an PlaijH 
modien zu beobaclitende ümbtand, dass Kfirnchcn des K{>m«<- T 
plasmas durch Ströme herangedrängt in die homugene Bavt- u 
Schicht zeitweise eintreten kßnueu. — Auch bei Bildung der t 
Auszweignugen an Plasmodien crgiesst sich plötzlich das E9r- ftr^, 
nerpiasma in die vorgedrungene homogene Hautschichtinuu^ Ine 
ohne irgendwie bestimmbare Grenzen gegen dieselbe einM- mai 
halten. Ausserdem sieht man an denselben Plasmodiea die Isd 
Hantschicht, Je nach Umständen ihre Stärke verändern, als wenn Im 
die Körnchen näher zur Oberfläche vorgedrungen oder von der- Ml 

') In der Sitzung der niederrlieinischen Gesellschiifl für Naturwiss. imi'^H 
I Iltilkuude EU Bonn am :i. .Tuli ISTä (vergl. Bot. Zeit. IhiV.'i. p. 6üo). ^M 

I ') Auf letztere Erscheinung ist schon frülier von W. Kulme hingeiU(Ul>'H| 

[ worden. Unteraucliungen über das Protoplasnm. und die ContractilitSt, lt)MiH| 

p. 36 u. fr. ■ 

I ') lläckel nennt (Kalk Bchwämme, Bd 1. p, M\S) die HautEchiclit; BiDdt>*^| 

I Schicht, Exoplasaa, das innere Körperplasma: Murksubstauz, EndopliV^^| 

„So deutlich, schreibt er, Bich die beiderlei .Substanzen von einander cchd^M^H 

so eiod aie dennouh niemiils scharf getrennt, gebeu vielmehr ohne bldbeoH^H 

Grenzschicht in einaoder über, ganz ähnlich, wie die liyuliiie Rindeosabriltf^H 

und die körnige Markaubstnnz des Infusorienkörpers," Auch die fiuMB^^^I 

nnugen: Bktoaark and Endosork werden von anderen Zootogen fdr Hl^l^^H 

I schiebt und Köruerplasma gebraucht, dann aber, ebenso wie BindeDnittfl^^^J 

[ und Marksubstauz, auch zur Bezeichnung von UilTerenzen iui Köroetplttl^^H 

■ (h) X. B, bei Helioioen). ~ aH^^| 



KtufUen über daa Protoplasma. 25 

l-sich zurückgezogen hätten. Alle dieee Thatsaelien scheinen 
n in der That dafür zu sprechen, dass wir in der Hantaohicht 
r die verdichtete GraiidBubBtanz dea Protoplasma vor uns 

Ändere Gründe lassen sieh aber auch gegen diese Auffassung 
ftlhren. Zanäcfa&t solche Fälle, wie in den Zellen der Spiro- 
ra, oder an den Schwärm sporen von Vaucheria, wo die Haut- 
licht eine ganz besondere, von dem nach innen folgenden 
»merplaenia ganz verschiedene Stractur besitzt. Da lässt sie 
b doch nrnnöglich mit der Grundsubstanz der Körnermasse - 
sntificiren. 

Doch auch da , wo eine solche Stmctnr - Differenz nicht 
.iHtirt, deuten anderweitige Erscheinungen auf die Verachieden- 
dt des Uaatplasma und des Kömerplasma hin. 

Wenn eine Schwärmspore der Vancheria sessilis zur Buhe 
jdkommen ist und ihre Cilieu eingezogen hat, sehen wir die 
Jwtsehieht ihre Strnctur aufgeben. Die Chlorophyll körner rücken 
sogen die Peripherie der Schwärmepore hin nnd scheinen sie fast 
«t erreichen. Bei Anwendung schwacher Com^ression kann man 
Och aber überzeugen, dass die Hautscbicbt nicht etwa geechwan- 
fefl ist, vielmehr sich zu einer sehr dtlnnen, noch stärker als 
Mvor das Licht brechenden Schicht verdichtet hat. Wird der 
Dnick laugsam gesteigert, so platzt die mit einer feinen Cellulose- 
Wand Qtnhtillte Schwärmspore and ihr Inhalt beginnt her\'orzn- 
Iftten. Dabei kann man sehen, wie das Körnerplasma längs der 
HaDtschicht abtiiesst, während letztere unbeweglich an ihrem 
Öle beharrt; wie Vacnolen im Körnerplasma dicht au der Uaut- 
whicht auftreten, ersteres von letzteren an einzelnen Orten tren- 
'ßnd, ohne dass die stark lichtbreeheride, durch Druck breiter 
owordcne Hautschicht selber hierdurch afficirt wtlrde. Die aus- 
etretenen Ballen des Körnerplasma runden sich zu Kugeln ab 
• dem nmgebenden Wasser und wachsen durch dessen Aut- 
ihme ; auf ihrer Oberfläche hat sich alsbald eine Niederscblap- 
ctobran gebildet, Sie erscheinen nunmehr als scharf contnrirte, 
Ter Hauptmasse nach farblose und homogene Kugeln, deren 
'halt meist einseitig der Kngelwaudung anliegt Setzt man etwas 
'^ asser zu dem Präparate hinzu und hebt so den Ornck auf die 
tliwärmspore auf, so sucht sich auch diese, ihre Wunde sehliessend, 
ieder abzurunden, braucht aber dabei nicht Kugelgestalt anzu- 
Bhmen. Aehnlich dem Hauptkijrper der Schwärnispore verhalten 
Kfadann auch andere mit Hautschiebt umgebene riasmaballeu. 



w 






26 Eduard Strasbu^er, 

die es kUnBtlich gelang, 70d der Spore abzutrenoeD. Solclx 
Körper werden auch nicht von einer Niederscblag&nieinbran nm-! 
geben, scheiden vielmehr eine zarte Zellstoffhülle ans ; sie Bim 
anch zur weiteren Existenz befähigt, während die von Körnerplasni! 
allein gebildeten Kugeln alsbald zu Grunde gehen. Letztere bentei 
bei fortgesetzter Wasseraufnahme, wobei ihre zarte NiederschiagB- 
inenibran faltig zusammenfällt, ihr kürniger Inhalt, dem unmittd' 
baren Einflusae des umgebenden Wassers ausgesetzt, langsam sict 
deaorganisirt. -— Bei Mangel an hinlänglichem körnigen Inhalte 
müssen auch von Hautschicht umgebene PlaBniastlioke zu Gtwit 
gehen, die liautachicht zersetzt sich dann in der Art, ätas zi— #1 
nächst Vaeuolen in ihrem Inneren sich bilden. 

Instructiv sind wegen des Verhaltens der Hautschieht 
des Körnerplasma auch die an kllnstlich verwundeten Vaucherift- 
Schläuchen eintretenden Erscheinungen. Dieselben sind neuer- 
dinge von Haustein geschildert worden. ') Ich durchschnitt gl 
ihm mit einer scharfen Seheere die Schläuche von Vaucheria 
silis und konnte nun bei sofortiger Einstellung mit starkem In* 
mersionssystcm die ganze Erscheinung deutlich verfolgen, 
dem Inneren des Schlauches sieht man nun an der SehnittÜS^lK 
eine blasenförmige Ausetttlpung hervortreten ; sie wird aus Körner- 
plasma und Zellsaft gebildet. Rasch wachsend beginnt sie gicT 
als freie Kugel abzurunden, hinter welcher die freien Känderde 
sehr dünnen Hautschieht zusammonneigen. In dem Augenblicks; 
wo die Kugel eingeschnürt wird, haben sich auch die Hautsciidil 
Ränder erreicht, der Schtnss der Wunde durch Hautschieht is 
vollzogen. Dieser Schhiss kann in den günstigsten Fällen eil 
definitiver sein, häutiger jedoch wird er noch ein bis mehimiiJ 
durchbrochen. Dann sieht man den vorderen Rand der liaDt 
Schicht langsam vorrUcken ; die Zelle nimmt jedenfalls Wasser t 
ihr Inneres durch die Hautschieht auf und vergrösscrt so Üi 
Volumen. Plötzlich wird die Hautschieht von Neuem anfgeriBseV 
nnd es tritt eine neue blasige Ausstülpung ans dem Inneren de] 
Zelle hervor: auch diese wird als Kugel abgeschnört. SchlieHÜDl 
bilden die vereinigten Hautschichtränder einen bleibenden Vw- 
sehluBs. Die aus dem Zellinnereu ausgestossenen Kugeln waol 
bedentoud an und zeigen durchaus dasselbe Verbalten wie di( 




') SiUbor. der niedarrh. Gasellschoit fiir Natur- anil Heilkunde in B 
i TOm 4. Nov. ifiTS. FtiihOT schoD hatte Thuret dieaelbpn »erfolgt. , 
(..«fcJMl, Alt, a. äfe tMO, X. XIV, p. 6S. 



Studien über das Protoplaama. 27 

^.»38 den Schwürmsporen ausgedrückten Massen des Körnerplasma.^) 

^ie werden durchsichtig, ihr köniiger Inhalt einseitig angesammelt 

«»»id wenn sie bersten, wird eine an ihrer Oberfläche entstandene 

^t^ iederschlagamembran kenntlich. Die Hautschicht yerhäJt sich 

Efciicli hier also anders wie das Körnerplasma. An der Wand- 

S-äiche wird aus ihr eine Cellulosemembran ausgeschieden, welche, 

^ci wie es auch Hanatein angiht, an die seitlichen Cellulose- 

"VfBnde des Schlauches ansetzt. Zur Eildung der Gellnlose dient 

aneh hier Stärke*), denn man BJeht Ströme des Körnerplasma 

*^ii kleinen Stärkekörnchen beladen von allen Seiten der Haut- 

scbicht der Wundfläche zueilen. Zuletzt sammelt sich hier eine 

starke Schicht feinkörnigen Protoplasmas an, durch welches die 

CüorophjUkömer zurückgedrängt werden. So erinnert die Stelle 

Sehr an die normalen Spitzen i'ortwachsender Schläuche. 

Das Wettere über diese Vorgänge bitte ich bei Haustein 
»aehzusehen und füge hinzu, dase nach kürzlich veröffentlichten 
•Jötersnchungen von Van Tieghem die Mueorineen sich in der 
«"ähigkeit, ihre Wunden zu schlieKseo, wie Vaucheria verhalten.^) 
Wenn ich ein riasmodium von Aethalium septicum mit 
^chartern Messer senkrecht gegen dessen Oberfläche in mehrere 
Stßcke zerschnitt, zeigten sich die Schnittflächen zunächst ohne 
^ioe scharfe Begrenzung. Die Hautschicht fehlte an denselben 
lud die Korncheu reichten bis an die Peripherie hin, oft sogar 
Unregelmässige Hervorragungen an derselben bildend. An ein- 
zelnen Orten konnte ich kugelige Blasen aus dem Inneren des 
PlaSHiodinm hervortreten sehen. Oft lagen sie in grösserer Zahl 
B-neinander und erschienen mehr oder weniger vollständig mit 
einander verschmolzen. Sie wurden gebildet aus der Grnndsub- 
stanz des Körnerplasma, die meist nur wenige Körner eingestreut 
enthielt, Ihr Inhalt war sehr dünnflüssig, jedenfalls durch Wasser- 
anfnahme; die Oberfläche alsbald als Niederschlagsmembran er- 
wartet. Diese Kugeln wiederholen hier also im Allgemeinen die 
Erschein nngen, die uns für austretendes Körnerplasma schon be- 
Itannt sind. Ein Ueberzielieu der Wundfläche durch Hantachicht 
■von den intacten Kändem aus, war hier für alle diejenigen Fälle, 
Wo die Wundtiäche einige Änsdehnnng hattte, aasgeschlossen ; die 



') Vergl. Zelibildung und ZeUtheÜung, II. Aufl. 

*l AiHoeboide Belegungen habeich an denselben eben et 
'»m »Is Völlen, Flora 1ST3, p. 103. 
KÄ Ann. d. HC. nat. Botftniijup, VI. S^r, 1 T. I87.'i, p. 1 



I 



Eduard Strneburger, 

Hautseliicht wurde also, wcdh überliaupl, an der Wundflädie di 
erzengt, was in den von mir beobachteten Fällen stets eine ge 
räume Zeit in Anspruch naiim. Bei der relativ grossen Dichl^ 
keit der ganzen ProtoplasmamasBe fand auch die AnsstoBSOnj' 
der Knt^eln an den Wnndflächen nur langsam statt und konnl 
sicli lange an solchen Stellen die keine HautBcliicht gebiW 
hatten wiederholen. 

Wie Ballen ans Körnerplasma verhalten sich auch die Chlo* 
rophyllkömer, die im Wasser quellen. Wasser aufnehmend könn* 
sie in den prägnantesten Fällen schliesslich za einer Kuf^el a 
schwellen, die, von farbloser Wand umgeben und mit sonst farln 
losem Inhalt erfüllt, meist einseitig im Inneren die grUngefärblM 
Piasmatheile und deren kUrnige Einschlüsse führt. ') Aneh durdfe 
dieses Verhalten werden die Chlorophyllkörner, als zum Köm«^ 
plasma gehörig, charaktcriBirt. 

Von anders her wissen wir, dass Kömerplasma und Oial 
schiebt nicht die gleichen Beziehangeu zu den Zellkernen zeigeof 
wenn letztere in Action treten, die ursprüngliehe Holle bei d< 
Zellhildung oder Zelltheiluag sich aber bewahrt haben. ') Sl 
sehen wir bei der freien Zellhildung im Emhryosack von Ephedift 
das Körnerplasma radial um die Kerne sich gruppiren, die Hant- 
Schicht hingegen an die Peripherie der unter dem Einflüsse dö 
Kernes gebildeten Sphäre gedrängt werden. Umgekehrt flndeJ 
wir, dass die peripherisch in den thierischen Eiern bei der B*r 
friiclitung auftretenden Kerne sich von der Hautschicht 
und mehr oder weniger bis in die Mitte der Eier rücken, f 
erscheinen alsdann von Strahlen des Kömerplasma, die bis uti 
Hautschicht reichen, umgeben. 

Bei der Theilnng der pflanzlichen Zellen wird die Haatschii 
in die Aeqnatorialebene zwischen die beiden neugebildeten Zell^ 
kerne gedrängt. 

Alle diese Gründe zusammengenommen veranlassen midv' 
die llaatschicht nicht einfach für die köruchenlose GriindBobfitaift 
des Plasma zu halten, vielmehr für eine bestimmte Modificatiint 
dieser Grundsubstanz, welche, vornehmlich zum Schutz und 
Ahschlnss des Plasma nach aussen dienend, mit einer 
eigener, von der Grnndsubätanz des Kömerplasma versel 
Eigenschaften begabt ist — Hiermit ist nicht gesagt, daii 4 




'} Vcrgl. die Bilder von Naageli u. Schwendener. Mikroakop ISST, 
I^^Ibddj^^nn^ZeUlheilung, 11. Aufl. aji vcrschiedeaen 



top 188T , pi W 



Studien über ilas Protopliiamu. 29 

Haotsehicht ans der Grnndsubstaux des £ürDer])lasina iiirht er- 
zeugt werden könnte, daas beide uiubt leieht in einander iiber- 
gelien sollten, vielraelir halte ich Beides für so gut wie sicher. 
Denn wir haben ja a:e8ehen, dass an durch^chnitteuen PlaBmndieii 
des Äcthalium septicum die Wunde sich mit neueraeugter Haut- 
»«liieht Uberaiehen kann; bei freier Zellbildung findet sich Haut- 
Scliicht um die neuen Zellen ein , bei ZeUtheüung in der zu- 
künftigen Theilungsebene. 

Aus allem Diesem geht auch hervor, dass beide Substanzen 
mit einander mischbar sind; direct lässt sich dies bei Bildung 
<ler Auazweigungcn ao den Plasmodien yerlbigen. ') Daher auch 
nirgends im lebenden Plasma die Hautacliicht gegen die Körner- 
acticht scharf abgegrenzt erscheint. 

Das Angeführte ergibt aber weiter von eelbet, dass die 
-^autschicht als durch Oberflächen-Spannung entstanden nicht ge- 
dacht werden kann. Ich stelle eine solche Verdichtung der Ober- 
fläche, ein solches „OberflächenMutchen", im Sinne der Physiker, 
^m Protoplasma durchaus nicht in Abrede, behaupte aber nur, 
4aua die Uautschicht dieses Häutchen nicht sein könne. Denn 
*^ie Hautschicht ist eben keine blosse Verdichtungsschicht an der 
Oberfläche des Protoplasma, vielmehr eine aus der Differenziruug 
•leseelbcn hervorgegangene, mit besonderen Eigenschaften be- 
gabte Schicht. 

Max Scholtze und später Kähne nahmen das „Oberflächen- 
täatcheu" im richtigen Sinne für die Erklärung der am Proto- 
plasma beobachteten Erscheinungen in Anspruch und zwar um 
eine peripherische Verdichtung auch an solchen Plasma-Massen 
in erhalten, die keine Hautschicht zu besitzen scheinen. Bei 
den genannten Autoren wird dieses „Oberflächenhäutchen" com- 
binirt mit den Veränderungen, welche die Oberfläche einer Flüs- 
sigkeit erl^hrt, wenn sie längere Zeit mit Luft oder mit einer 
anderen I-'lUssigkeit, die sich nicht mit ihr mischt, in Berührung 
bleibt. '■'') Diese Betrachtungen führten Max Schnitze zu der Vor- 
stellung einer „Contactmembran", einer verschwindend feinen 

'} Bei FBlomyxa palustris Grecfi'. ist a&ah Franz EiUiard Schulze das 
„oft plötzliche Eindringeo von Vaouolen und Körnehen in eine eben vorge- 
quollene Welle des Rindenpliism»s sehr nuffallig und wohl nur aua einer schon 
von GreefT angenommenen zeitweisen Mischung oder Durchdringung beider 
Sobstonzen, der zähflüEsigen contractilen und der inneren dünndüBaigen zu er- 
— I tWi wn." Archiv f. mikr. Anat., Bd. XI, p. 343, 
" " ' t Schultie, Protojitaama, p. 5! 



P 30 Eduard Stcasbiirger, 



^^^H Haut, die er Übrigens auch nur mit Vorsiclit anf die leb« 

^^^H SabBtanz Übertragen wissen -wollte. ') 

^^H Erst Hormeister eachte die Haatschicht als rein physikalisch 

^^^H „Oberflächen baut chen" zu deuten, da letzteres aber an FltisRJ 

^^^1 keiten sicher nicht direct wabmehnibar iut, so fUgte er willkUrii 

^^^1 hinzu: dass dasselbe beim Protoplasma in anschanlichster, di 

^^^B Augen direct wahrnehmbarer Weise auftrete. 

^^^1 Meiner Auffassung nach milBsen Hantscbicht und „Oht 

^^^r flSiehenhäntchen" durchaus auseinandergehalten werden , m 

f sebliesst das Vorhandensein der ersteren nicht die Existenz di 

I letzteren an einem und demselben Gebilde ans, andererseits darf 

eaber gerade da, wo die Hautschicht fehlt, das OberflfichH 
bäutcben kaum vermisst werden. 
Diese Erörterungen ftlhren mich dabin, auch die Frage i 
der physikalischen Beschaffenheit des Protoplasma hier «ö b» 
rühren, eine Frage, die neuerdings wieder von Veiten behoniteft 
worden ist.*) 
Nach dem beutigen Stande unseres WißBcns fühle ich i 
Bedenken, die Naegeli'sche Hypothese von der MoIecularBtrnMiK 
organisirter Gebilde auch auf das Protoplasma zu Ubertragen, 
Ich sebliesse mich hiermit der Auffassung an, welche zueret T 
j, Sachs in seiner Experimental-Physiologie der Päanzen *) Tt 

' treten wurde. 

^^^H Damit wird aber nur angenommen, dass auch das Frolo- 

^^^fe plasma aus isolirten, durch mehr oder minder diche WasserhflUa 
^^^H getrennten Moleculen aufgebaut sei, ohne über die Form del 
^^^1 Molecule irgend eine Vermutbung auszusprechen. Für die Bfr 
^^^1 Stimmung der letzteren fehlt es nocb an allen Anhaltspunkten,*] 
^^^f Durch die Uebertragung der Naegeli'schen Moleculartheorii 

I auf das Protoplasma wird einerseits eine einheitliche ÄuffasBunf 

des Baues organisirter Gebilde angebahnt, andererseits ist dies! 
Hypothese aber auch in der That geeignet, die am Protoplaa 
beobachteten Erscheinungen auf eine gemeinsame Grundlage iQ' 
rflckzuftthren. Denn die bestimmte Gestalt und die activen Lebeai 
äuBserungeu des Protoplasma lassen sich auf die Thätigkeit seine 
Molecule zurückführen ; die Eigenschaften, die es mit einer Flfl£ 



') W. Kühne, ProtoplasmB, p, 35. M. Schultee, 1. c, p. 61. 

") Site. d. k. Akad. d. Wise., Bd. LXXIII, 1. Abtk, Mitri-Heft l«ä. 

') 1366, p. 4*3, 

*) Vei^l. hierüber Sachs, Ldirbuch, IV. ÄuflJ 



Studien über du Protoplasma. 31 

eigkeit gemein liat, aber aaf die die ^[olecule amgebentien Wasiier- 
hfilleD. — Auch diese Gesichtspankte sind bereits von Sachs in 
seiner Pttanzenpbyeiologie geltend gemacht worden nnd kann ich 
d&ber Veiten (I. c.) nicht beistinuneu, wenn er in allen Erschei- 
nnngen, wo eich das Protoplasma als Flüssigkeit gerirt, niole- 
Ciliare AendemngeD desselben annehmen will. Ich wSrde daher 
aocb kein« Bedenken tragen, mit Naegeli nnd Schwendener die 
BeKeicbniuig halbSiiseig ') anf die Consistenz des Protoplasma 
ansawenden, wenn ich gleichzeitig, wie ea von Naegeli nnd 
Schwendener geschehen, hinznfagen könnte, daes sich dieser Ane- 
dnick einzig nnd allein auf die Consistenz, niclit aber auf den 
inneren Ban der Plasmagcbilde bezieht. — In dem gleichen Sinne 
Uesse sich ancfa die oft gebranchte Bezeichnung festflOssig rer- 
wenden. 

Je wasserreicher das Protoplasma ist, desto ausgeprägter 
dürften die Eigenschaften anftreten, die ea mit einer Flössigkeit 
theilt, denn es wäre doch schwer in Abrede zq stellen, daas die 
Fähigkeit des Protoplasma, zu fiiessen, mehrere Plasmakörper in 
einen zu Tersehmelzen , Fortsätze einzuziehen, auf die Eigen- 
sebaften einer Flüssigkeit hindeuten. Ancb treten im lebenden 
Protoplasma normaler Weise kugelige Vacnolen anf, wenn nnr 
•lieses Prutoplasnia wasserreich genug ist nnd sonst keine anderen 
Kräfte die Gestalt der Vacnolen beeinflnssen. 

Die kngetige Abmndung freier Protoplasmamaasen i:^ in 
^er That meist an moleenlar veränderten Gebilden, unter ab- 
DOnnen Verhältnissen beobachtet worden, nichtsdestoweniger er- 
™«fen eine aolche Abmndung auch normale Eier, oder zur Rnbe 
^ozQtneQJg Schwärm ^poren, ohne dass zur gleichen Zeit ihr Zell- 
*Cm in Thädgkeit getreten wäre und anf dessen Action die ge- 
*'*oiiten Erscheiuongen sich znraekfahren liesaeD. 

In den vorwiegend eilörmigeo Gestalten der in Bewe^ng 
''^'SHffenen Scfawärmsporen möchte ich fast eine Besnltante zwi- 
^Qen den an einzelnen Orten dominirenden festen Gestaltangti- 
"^ebcn nnd dea Eigenschaften als FlOssigkeit eibliekeo. In- 
"»UctiY ist gewiss, dass eine Schwänuspore ron Vancberia die 
'^'^'kehrt eiförmige Gestalt, die sie während des Schwännens be- 
**Ät, «0 lange behält, als ihre Hantschiebt die stäbchenförmige 
'tzctor noch zeigt Diese EantecLicht ist stärker am vorderen 
-^»de der ^hwärmspore als am hinteren entwickelt, nnd damit 



Eiiuitrd Strasburger, 

mag e« aaBainiucnhängen, dass das vordere Ende 
i^puie ancL breiter ist und das Zdllumen ihm nilher liegt Sob^ 
die Hautscliiclit ilire Striiotur cinbUseend anf eine dünne Lag» 
zuaanimeDBiiikt , und die Kiii'nßrschiclit mit ihren Obloropbyft> 
köruein gleiclimilSKig der Peripherie sicli nähen, rundet gidi 
Sehwännspore unter dem nnnmelir dominirenden EiuätisBe 
wasserreichen Köruerplasiuas zu einer Kugel ab, in deren W,tlf. 
dae Lumen rückt. — Äehnlieh äeben wir die Aus einer söleldfi 
Sehwärmspore herausgedrückten Maeeen des Kürnerplasma ai'ot 
abrunden, während es mir gelang, theilweise entleerte und kflnstlicl) 
verkleinerte ächwärnisporen von HautBcLicht umgeben in den 
abeutenerlichsten Gestalten aus den Sporaugieu zu bclreieu. 
Gerade nun aber solche theilweise von KörnerplaBuia enlleerte 
ächwärmeporen hatten eine besonders dicke Hautschicht aofzo- 
weisen und strebten daher am wenigsten, Kugclform anzunehma), 
was sie Ja aber gerade in erhöhtem Ma^se thun müssten, wran ■ 
die HautBchicht ein „Obertläehenhäntchen" wäre. Ich erhielt siekel- 
förmig gekrümmte und birufürmige Körper, die dem entspreubend 
auch die sonderbarsten Bewegungen im umgebenden Wasser ans- 
fahrten, schiiesslicli aber kugelig wurden, nachdem zdtm äk 
Structur ihrer Hautschicht verschwand und das Kömerptagma Ul 
dicht an die Peripherie vorrückte. 

Je dichter das Protoplasma, um so ausscbiiegslicber konBeB 
die Eigenscbal'teu seiner Moiccule zur Geltung und um so festem 
ist dann seine Consibtenz, nm so mehr treten die Eigenscbaftni) 
der die Molecule umgebenden Waseerhüllen zurück, öo dQun^BÜg 
ist das Protoplasma wohl selten, dass es passiv die sphärische Ge- 
stalt anzunehmen bestrebt wäre, denn den an austretenden Plasmu- 
maesen beobachteten Erecheiaungen der Kugelbildnng scheint in 
der That eine Störung der mulecularen Verhältnisse vorauszugeboi. 
Man siebt nämlich dasselbe Plasma, das, aus der Zelle entleert, 
sich sphärisch abrundet, i[n Inneren der Zelie oft ganz bestinunl 
geformte, freie Plasmafäden bilden. 

Doch wenn auch durch die Wechselwirkung der Molecule 
jenes Streben zur KugeU'orm unterdrückt wird, bleibt noch in 
Folge der WasserhlUlen die leichte Verschiebbarkeit der Molacnlc 
gegen einander, welche manche Aeusserungen des Flli&sigea an 
Protoplasma zulasst. 

Bestimmt gestaltete Plasmamassen zeigen Strömang im In- 
neren, ja selbst ihrer Oberfläche; sie verschmelzen wie Flüesig- 
keitstropfen unter einander, wenn sie sieh berühren 



K'Stndien über das Protoplasma. 33 

sich fadenförmig aus, wo sie sich trennen sollen, und nehmen, 
nach erfolgter Trennung, die Fadenstückc wieder in ihr Inneres auf. 

Die vorliegenden Beobachtungen verlangen auch an der 
Oberfläche bestimmt geformter Plasmagebilde ein physitialiBcliee 
„Oberfläche nhäntchen", wie es Flüssigkeiten zeigen. Dieses 
HSntchen fehlt vielleicht nur auf der Oberfläche sehr dichter 
Piaemagebilde; ich glaube nicht dass die Existenz einer Haut- 
Schicht es fitr alle Fälle ausschliesflt, wenn auch in der That die 
Festigkeit der Hautschicht meist gross genug ist nm auch diese 
Aensserung des Flüssigen zu unterdrücken. 

Man kann sich denken, dass in Flasmamassen deren Con- 
gistenz sich mehr dem Festen nähert, die Molecule grösser sind 
oder näher aneinandergerückt, die Wasserhülleu bleiner; umgekehrt 
in wasserreicben Plasmamassen die Molecule kleiner oder mehr 
auseinandergeruckt, die Wasserhüllen grösser. Die Veränderungen 
der Consistenz aus dem Flüssigen in's Festere oder umgekehrt 
wäre dann leicht aus der Aenderung der Grösse der Molecule 
oder der Aenderungen ihrer gegenseitigen Entfernung zu be- 
greifen und müsste Wasserverlust schon allein eine Festigkeits- 
zunabme zur Folge haben, ^) — Freilich würde diese Aenderung 
der Consistenz nicht ausreichen, um sonstige am Protoplasma 
eintretende Veränderungen ku erklären, und beispielsweise haben 
wir gesehen, dass die Eigenschaften der Hautschicht sich nicht 
ans der Annahme allein erklären lassen, dass sie die verdichtete 
Grundsubstanz des Protoplasma sei. Um solche und noch weiter- 
gehende Unterschiede zu begreifen, müssen wir auch eine Ver- 
schiedenheit der das Plasma in seinen Theilen aufbauenden Mole- 
cule annehmen, eine Verschiedenheit, welche deren Eigenschaften 
nach einer gewissen Richtung beeinflusst. 

Die Hautschicht kann am Protoplasma fehlen, und da solche 
Fälle besonders instructiv sind, so will ich hier auf dieselben 
näher eingehen. 

Eine Hantschicht hat sich bis jetzt nicht nachweisen lassen 
bei der grössten Zahl der Rhizopoden, oder richtiger gesagt : bei 
allen Rhizopoden, wenn man diese Bezeichnung mit R. Hertwig 
nnd E. Leeeer auf die mit verästelten, wurzeiförmigen Pseudo- 
podien versehenen Organismen beschränken will. *) 

Wir wollen hier zunächst die typischen Formen mit leicht- 



') Vergl. hierüber auch Veiten, Siteber. 1. c, p. 9. 
P) Arch. f. mikr. Aunt., Bd. X, SuppI, 187*, p. < " 



34 EduKrd Strofburger, 

flieBHenden, körnclienieichen Pseudopodien m's Ange fasseo. 1 
Pseudopodien werden von gleicbmässigem Kümerplasma gel 
uud die Consistcnz ihrer Oberfläcbe ist eine „bo geringe, ds 
Iremde Körper, welche an dieselben anstossen, fast angenblickli 
iu dieselbe aufgenommen werden können".') Dabei streifen itt 
fliessenden Kümer dicht au die Oberfläche, ja sie springeii i 
derselben vor. Die ganze Oberfläche befindet sich mit in Itie 
sender Bewegung uud man kann sehen, dass fremde Körper' 
so dem Beobachtungswaseer zugefügte Carmin- oder Stärk* 
körner^), welche an der Pseudopodien-Obertläclie haften geblieba 
an derselben fortgeführt werden, Sie bewegen sich dabei gidcfc 
zeitig in verschiedener Richtung an demselben Pseudopodium 
Pseudopodien verschmelzen ausserordentlich leicht mit einand«.- 
Hier gibt es keine andere Iltille als das physikalische OtiM 
flächenhäutchen. Wie merkwürdig und wie bezeichnend blsi 
es hierbei, als Hinweis auf anderweitige complicirte Moleoalt 
Vorgänge im Protoplasma, dass die Pseudopodien, die bei ejoei 
und demselbeu Individuum so leicht mit einander verschm^B 
sich fliehen, wenn sie verschiedenen Individuen derselben A 
angehören.^) So ist es wenigstens in der grossen Mehraahl dl 
Fälle, während doch andererseits auch Beispiele bekanat tisu 
wo das Umgekehrte stattHudet, so bei den colonießbildeaäc 
Bhizopoden. *) 

Ganz wie die leiehtfliesßenden Pseudopodien der Rhiiopoä* 
verhalten sich die fadenförmigen Protoplasmaströme im Inncrtl 
der Fäanzenzellen, so wie sie in den Tradescantia- Haaren bekanat 
oder wie ich sie im Inneren der ^pirogyra-Zellen beobaobte 



') Max Schuttzu, Protoplasmii, p. 2S, 

«) JohanneB Müller, Äbli. d. Ak. d. Wim. ku Berlin, 1 8SS, p. 9. H»«h 
Uadioiarien lS(i2, p. DI. 

') Vergl. Max Schultee, ProtoplaBina. p. 36, 

*) FrotopIaamB, p. 23. 

^) WShreiid s. B. andere Gromien tiicb nicht vereiuigeii, beutst Gm'»' 
iocialie Carter, die Neiguog, mit anderen ihrer Art za kleineren GeseltaiiW 
EU vcTBchmelzen ; funäclist versclimelEen einzelne Feeudopodien naliegefcODHDi" 
Thiere, so daas Fadennetze enlsteben, ilureli allmäUicbes Verküneu diC* 
Fadennetzes kommen die Thiere schliesslich mit ihreu Mündungen an u' 
von der verscbmolsenen Pro Lop! aamam aase, welche zwischen den nebeoi 
gelegenen Mündungea der ao vereinten Thiere gelegen iat, strahlen daiia <* 
Pseudopodien nach allen Eichtuagen nach ausaen, (F. E. Schulze, Ar«W'' 
roikr. Anat., Bd. XI, p. 121—123.) 



Studien über daa Protoplasma. 3S I 

JftMtte. ') Auch aus diesen Strumen kann man einzelne Körner 
\ an der Peripherie vor.sprinc;en sehen und befindet sieb diese 
sripherie mit in Bewegung. Sehr schön sah ich das in halb 
iBgewachsonen TradeBcantia-Eaaren, deren Zellen, noch mit färb- 
sem Zellsaft ertllllt, zahlreiche, relatir grosse StRvkekÖmer ent- 
eilen. Diese Stärkekörner wnrden von den Strömen mitgefUhrt, 
lers war ihr Durchmesser grösser als der Durchmeeser des 
tromes, sie ragten aus demselben hervor; Letzteres geschah oft 
ich ans stärkeren Strömen. Nicht selten fiel ein Stärkekom ganz 
IS* dem Strome heraos und blieb uübewegt liegen, um nach 
Biger Zeit demselben Strome oder einem anderen wieder auzu- 
tflen und an dessen Oberfläche mit fortgeführt, ja bald auch in 
»Ben Inneres aufgenommen zu werden. Somit zeigte sich hier 
« gleiche Verhalten, das man au den Pseudopodien der Ilhizo- 
)den beobachten kann, wenn man dem Untersnchnngswasser 
lärkekörner beigemengt hat. Ich selbst sah gelegentlich die 
SrÖmung bei Oromia oviformis und wlisst« in der Tbaf nicht die 
WSmung in ihren Pseudopodien von derjenigen in den Zellen 
är Tradescantia-Haare zu unterscheiden. Somit kommt meiner 
oberzeugung nach auch den die Tradescantia-Zellen durchsetzenden 
Wmen keine andere Hülle als das rein physikalische „Ober- 
lehenbäutchen" zu, und ein solches dürfte anch hier nnd 
Jderswo nur das Wandplasma besitzen an der Fläche, mit der 
an die Zellflüssigkeit grenzt. Andererseits wird aber zum 
ntersehied von den Pseudopodien der Rhizopoden das ganze in 
Bwegung befindliche Eöinerplasma der Tradeacantia nach anssen, 
ägen die Zellwand hin, von der in Ruhe befindlichen -) differenten 
intsohicht abgegrenzt. 

Bei Spirogyra ortboapira fanden wir unter Umständen die 
hende Hautschicht aus radialen Stäbchen aufgebaut, während , 

ihrer Innenfläche das mit Stärkeköniern beladene Kömer- 
Isma sich in lebhafter Strömung bewegte. 

In den Zellen der Spirogyra orthospira sah ich anoh neue 
nmfäden, welche frei die Zellflüssigkeit durchsetzen sollten, 

*) Vergl. hierüber auch Mar Schuluie, Miiller's Arohiv 1858. p. 335 and 
eakel, Bodiolanen ISßa, p. 9S. Dubh das Protoplasma der FHaiuteazaUe 
Enn nicht identisch, ao doch in hohem Grade analog"" der thierisohen Sar- 
le sei, sprach zuerst F. Cohn ISüO aus. Nova Acta nat. cur. Vol. XXII, 
164. 

^.^lax SchulUe, PtotoplaBina, p. 4t. Veiten, Flpt» )B79,f, IQD. 



36 



Eduard Strnaburger, 



|k 



sich ganz wie die Pseudopodien der in Vergleich gezogenra 
Rhizupoden bilden. — „Verfolgt man," schreibt Max Schnltie'S 
„an einer eben auf den Objectträger gebrachten MUiolide d 
Auastrecken der Pseadopodien, so bemerkt man, dasa alle Bcimell 
und in grader Linie sieb verlängernden Fäden an dem Ende at> 
gernndet oder mit einer kolbenfUrmigen Anschwellung versehcir 
sind. „Letztere schwankt im Vorrücken wie tastend hin uud Jim; 
Im Moment der Berührung mit einem anderen Faden „zertheil 
sieh die knopffömiige Anachwellnng wie eine platzende, m 
Flüssigkeit gefiillte Blase nnd mischt ihre Substanz der des ix 
gegnenden Fadens bei, genau wie wenn ein kleiner Fetttropf« 
in einem grösseren aufgeht." — „Sehr oft begegnet es Eioei^ 
dasB, wenn man den Moment der Verschmelzung zweier einanderert 
gegenlaufenden Fäden erwartet, dieselben in verachiedeni 
übereinander hiuwegziehen. Ja die Verschmelzung scheint i 
bleiben zu können auch bei directer Berührung. Es mnss ittnii 
wahrsclieinlicb ein Act der Willkür mitwirken, oder es ist ä 
HindemisB zu überwinden , wie zwei Fetttropfen oft erst tt 
sammenfliessen, wenn sie mit einer Nadel ange.stochen werdfli.' 
Bei Spirogyra orthospira traten die Psendopodiea am mW 
reichsten aus dem den Kern umgebenden Körnerplasma wähM 
der Theilung hervor. Sie wurden als Höcker oft last körnerlo« 
Grundsnbstanz sichtbar, in welche bald neue PlaRmamasBen a. 
Körner einwanderten, Die Hiicker verwandelten sich so in fp 
Fortsätze, die frei in die Zelltiüssigkeit hineinragten. Diei 
Fortsätze waren auch hier an ihrer Spitze abgerundet, mei 
keulenförmig angesehwollen nnd führten gleichsam tastende B 
wegungen aus. Erreichten sie, länger werdend, andere Plasni 
tbeile, so sah man sie mit denselben verschmelzen, im umgekelirtl 
Falle konnten sie wieder eingezogen werden. Solche Psendopodif 
sah ich auch an den vorspringenden Innenkanten der Chlorophfl 
bänder sich bilden. Vs können auf diese Weise also freie FImö 
ströme gebildet werden, während dieselben in anderen FSlli 
wohl auch entstehen, wenn durch Auftreten von Vacuolen t 
zusammeohäDgende Plasmamasse zerklüftet wird. Meine Bei) 
achtUDgen über die Bildung der Plasmafäden bei Spiwgyi 
Bchliessen sich also an die Angaben von Heidenhein ') Haeckel 



Stadien über das Protoplasma. 37 

axid Hofmeister') an, während sie keine Stutzen fllr die Auf- 
fa.j3ßiing Hansteio's -) abgeben, der zufolge die Fäden als Heitliche 
F^fchen aus der Fläche des Wandprotoplasma hervortreten sollten; 
a-tich nicht fllr die Deutung Velten's ^), dass sie durch Anschwellen 
eixies InsnccationskanalB emporgehoben wiirden. 

Aus der Structur, wie sie hin und wieder an der Hautachicht 
beobachtet wird, und der Art, wie letztere sich bei Zelltheilungen 
m der zukünftigen Trennungsebene ansammelt, folgt schon zur 
Genüge, dass sie nicht eine Niederschlagsmembran sein kann, 
lud darf überhaupt nicht von den Niederschlagemembranen aus, 
wie sie kttnstlieh an EiweiesmaHsen erhalten werden, auf das 
Vorhandensein derselben an der Oberfläche des lebenden Proto- 
plasma geschlossen werden. Das zeigt sich am augenfälligsten 
<ti dem Verhalten der nackten, nur aus Kttrnerplasma bestehenden 
Pseudopodien vieler Rhizopoden, denn während aus dem Inneren 
der Zellen herausgetriebenes Körnerplasma sieb sofort mit einer 
Kiederachlagsmembran überzieht, lässt sich au jenen Pseudopodien 
eine solche Membran durchaus nicht nachweisen. 

Eine Niederschlagsmembran fehlt aber auch an der Peripherie 
der Hanl^chicht der zum freien Leben angepassten Plasmamassen, 
wie solche die Plasmodien oder Sehwärmsporeu bilden. Letztere 
^»edecken eich schliesslich mit einer Cellnlosemembran, die ein 
A-ugcheidungsproduct des Protoplasma, aber keine Niederschlags- 
tttembran desselben ist. 

Zeigt die Hautschicht in Pflanzenzellen gewisse Eigenschaften 
ßiiier Niederschlagsmembran, so sehe ich hierin eben nur den 
I^eweis, dass sie diese Eigenschaften mit den Niederschlagsmem- 
^fanen theilt, kann aber dem Schluss nicht beitreten, dass sie 
Selbst nur als eine solche Membran aufzufassen sei. Letztere 
öeutung wird ja wohl durch alle in diesem Aufsatze niederge* 
legten Beobachtungen und Betrachtungen von vorne herein aas- 
tÜv-X S«scblossen. 

^ K(A Eiue Niederschlagsmembran können wir eben so wenig auf der 

t Be"! Innenseite des Wandplasma wo letzteres in Pflanzenzellen an 
pTigT* Zellflüssigkeit grenzt, noch an den frei den Zellsaft; durchsetzenden 
flasmaiäden gelten lassen. 



*) Lehra von den Pfls., 
*) Siteb. d. niederrh. Gesella cb. i 
• *) Flow 1873, p, 125. 



Eduard Strasbui^cr, 

Eine andere Frage ist es, ob eine Bolche NiederHchlagBiiv 
bran auch an der Oberfläclie der im Protoplasma gebildet« 
Vacuolen fehle. An contractilcn Vacuolen ist sie sicher nid 
vorbanden, das zeigt ihr TÜtliges Schwindeu bei der Systole. 
Dei stabilen Vacuolen mag; sie Immerhin anftreten können, mand 
Fälle, die ich beobachlet habe, Bpraebcn scheinbar dafür; gewPliii 
lieh dürften aber auch solche Vacuolen nnr durch da.« phjA 
kaÜBche „Oberflächeohäotchen" abgegrenzt sein. — Ob Bich hi' 
zn dem Oberflächenbäutcheo eine anderweitige Verdichtung i 
Oberfläche im Sinne der Max Schultze'schen „Contaotmembrsi 
gesellen kann, will ich dahingeBtellt lassen. 

Es mass hier mit Brllcke und Mas Schnitze immer wiedl 
davor gewarnt werden, die an leblosea Flüssigkeiten gemauhte 
Beohaohtungeu ohne Weiteres auf eine lebende Substanz ko fi 
tragen , welche fortwährenden Veränderungen in ihrer gaiiM 
Masse ausgesetzt ist. 



I 



Wie complieirt der molecnlare Bau der protoplasmftt 
Substanz sein miisse, das lehrten uns am besten die Erscheiniugä 
die wir an den in Theilung begriffenen Zellkernen beobadiS 
haben. ^ Zunächst wird die Substanz des Zellkernes ganz kl 
mögen, dann tritt eine Sonderung in ihr ein, indem gewisse B" 
standtheile deraelben sich an zwei entgegengesetzten peripbcnMln 
Stellen des Zellkernes ansammeln. Sie bestehen ans der activf 
Kernsnbstanz und bilden die Pole. Von diesen beidra Poll 
werden andere Bestandtheile der Kernsnbstanz abgestossen n 
gammeln sich, fliehend, in der Aequatorialebene dea ZellkW 
zar Kemplatte an. Zwischen Kempolen und Kernplatte bleibi 
endlich noch Fäden einer anderweitigen Kernsubstanx znrilä 
welche beide verbindet. Auf solchem Zustande hat der K* 
meist eine spindelförmige G-estalt. Die üctive, an den Polen * 
gesammelte Kernsubstanz tritt ihrer Maase nach gegen die llbt( 
sehr zurück. In thierischen Zellen war sie als ein hesonte 
ICnöpfchen markirt, bei den Pflanzenzellen oft kaum zu mit 
scheiden. Nach den Vorgängen an Ihieriachen Eiern urthüilM 
habe ich es wahrscheinlich zu machen gesucht, dass es voroämlii 



') Bei verschiedenen lafusoricn treten an Stelle der geaohwundeoenVM 
mehrere Tropfen auf, welche lattein ander zusaniinenfliessen (Whh'p>* 
Archiv f. mikr. Anat., Bd. V, p. a*), 

-) Vergl, Zellbildiiiig und Zellllieilacg, 11, 



^^H Studien über Am Protoplasma. 39 J 

^iiaetiye Kernsubatanz ist, die bei der Befruchtung als männ- 
beB Element in das Ei eingeführt wird. Die Masse der Kern- 
itte ist in den pflanzlieben ZeUen meist relativ beträchtlich, 
irchgehend stärker als in den thieiischen Zellen, waa mit der 
jsbildang der aus der Kernplatte hervorgehenden Kernfäden 
pflanzlichen Zellen zusammenhängt Die fadenförmige Zwi- 
henmasse, welche die Pole mit der Kemplatte verbindet, ist 
Srker oder seliwäeber vertreten; meist steht sie sehr bedeutend 
irUek gegen die Masse der Kernplatte, So erscheint uns der 
sllkern ans verschiedenen Substanzen zusammengesetzt, siobei 
>ch differenter als diejenigen, die wir als Hautplasma und 
Örnerplasma unterscheiden konnten. 

Jeder der durch Theilung entstandenen oder auch in an- 
dren Fällen frei angesetzten Zellkerne ist zunächst ganz ho- 
Ogen, zeigt dann aber eine meist mit Grössenzunahme verbun- 
aie Differenzirung , die sehr häufig damit endet, dass sich am 
ällkem eine dichtere Kernhülle, ein von dieser umschlossener 
inder dichter „Kernaaft", wie ihn die Zoologen nennen, und in 
iinselben suspendirle Kernfäden nnterecheiden lassen. Bei der 
omiausbildung der Zellkerne nnd ihrer Kernkörperchen mögen 
lüh die flüssigen Eigenschaften des Protoplasma zur Geltung 
immen nnd es erklären, warum diese Gebilde so häufig kugel- 
md sind. Selbstverständlich ist der Zellkern deshalb noch nicht 
n FlUssigkeitstropfen, denn ausser den Eigenscbaften die sein 
lasma mit Flttasigkeiten gemein bat, kommen die activen Eigen- 
haften seiner Molecule hinzu, die ihn zu den complicirtcn Vor- 
Ingen befähigen, die sieh in seinem Inneren abspielen. 

Mit der Unterscheidung von Hautplasma und Körnerplasma 
iben wir eine so verbreitete Differenzirang des Protoplasma 
Ttthrt, dass eine allgemeine Behandlung derselben m&glich war. 
it Recht bemerkt wohl Mas Schnitze'), dass „eine Kinde an 
äl allen als Zellen fungirenden Protoplasmamasaen vorzukommen 
heint" — Dass aber diese Diflerenzirung keine ein für alle 
ii an die Natur des Protoplasma gebundene sei, das zeigten 
8 die Rhizopoden mit ihren von Hautschicht entblösaten, wahr- 
ft nackten Pseudopodien. 

Diese Pseudopodien, in den typischen Fällen^ aus leicht- 
'ssendcm, börnerhaltigem Plasma L,'kichmä88!g gebildet, haben 



n 



4 



I 40 Eduard Straeburgei', 

Bbrigene innerhalb der Gruppe ziemlich tiefgehende Modific^onH 
erfahren, deren Betrachtung' wohl geeignet ist, uns in weiter- 
gehende Veränderungen, welcher das Protoplasma f^hig ist, ein 
zuführen. 

„Wer viele verechiedene Arten von Rhizopodeu aafmerksai 
untersucht hat," schreibt Mas Schnitze '), „weiss sehr wohl, i 
ihre Pseudopoilieu eine sehr verschiedene Cunsietenz und demnai 
auch eine sehr verschiedene Neigung zum Zusammenfliessen hatx 
können." Unter den Gromiden, meint er, treten die Extreme ui 
schärfsten hervor bei den beiden Arten; Gromia oviformis i 
Gromia Dujanlini. Die Pseudopodien der ersten gehören zu dB 
körnerhaltigen, leicht flieBsenden, sie sind reich und maunigfsiti 
verzweigt und zeigen viele AnastomoBen; die Pseudopodien de 
letzteren hingegen sind völlig hyalin, äusaerat träge in ihre 
Bewegungen, so starr und fest, das» sie keine Neigung zam Zil 
sanimenüiessen haben, auch wenn sie sich beriÜiren, und w 
zweigen sich kaum. 

„Die Pseudopodien der Monothalamien," schreiben R. Hertwi] 
und E. Lesser^), „sind sehr vielgestaltig. Einerseits cylindriflehi 
stumpfe, unvcrästelte und nicht verschmelzende, kömcbeiilot 
Pseudopodien, andererseits zarte, spitz endende Fäden, welche sie 
vielfach verästeln und mit benachbarten confluiren , sowie B 
einer regen Körnchenstcömung und lebhaften Contractilität In 
gabt sind. Zwischen diesen Extremen gibt es jedoch vielfacl 
Zwischenstufen, So können die stumpfen Pseudopodien Kömche 
iu ihr Inneres aufnehmen und verschmelzen, die spitzen Wl 
wiederum körncheofrei ohne Verästelung und ohne Anastomosf 
aiii'treten." — „Die Fortsätze desselben Thieres können aogi 
unter einem vielgestaltigen Bilde erscheinen.*) Gleichwohl ku 
man im Grossen und Ganzen zwei Arten Pseudopodien, spiti 
und stumpfe, untei^cheiden und darnach die Monothalamiea eil 
theilen in Rhizopoda und Lobosa, wenn man sich dabei bewoB 
bleibt , dass die hierdurch ausgedrückten Unterschiede ke'" 
sehroffen nnd unvermittelten sind." 

') Protoplasma, p, 2S. 

=) 1. c, p. 85. 

"l Gromia granukt«, F. E. Scliulze, z. B., deren glasholle, kBnich«J< 
TadeaförniigQ, niederholt sich spitzwiiiklith theilciKle Pseudopodien leiehloc 
artig mit einander verBChmelien, »treukt niauchuial auch kleioe, luppenfilno* 
ProtopUsmafortsiitze zwischen den fadenförmigen hervor, zioht 
\ irieJei ein (Fraae Eilhard Schulze, Archiv f. mikr. Anat., Bd. 




Studien über (Jus Fratoplaemn. 41 

Unter den den MonotLalamien nächst verwandten Ileiiozoen 
erfahren dann die Pseudopodien die schon l'niher erwähnte Diffe- 
renzirung in einen festen, homogenen Axenfaden und flüssigeren, 
liörnchenhaltigen üeberzug. 

Bei den Monothalamia Lobosa andererseits wird eine Diffe- 
renzining im Prütoplasma der Pseudopodien kenntlich, die zu 
dessen beliebter Sonderung in änssere Hautschicht und inneres 
Körnerplasma führt. Während das Protoplasma der Pseudopodien 
bei allen Ärcellen und dem grössten Theile der Difflugien durch- 
weg homogen ist, fliessen bei einem kleineren Theile der letzteren 
die feinsten Körnchen der Körpersnbstanz in die centralen Partien 
der Pseudopodien hinein. ^) 

Die echten Ämoeben zeigen an ihrem ganzen Körper oft be- 
Senders scharf die Sonderung in Hautschicht und Körnerplasma 
durchgeführt. Diese Amoebeu sind wiederum leichter oder schwerer 
lilssig, und es ist zur weiteren Beleuchtung der moleculären Struc- 
turverhältnisse des Protoplasma von grossem Interesse, zu ver- 
folgen, in welcher Beziehung ihre Consistenz zu ihrer Kilrperform 
steht. Die leichtfliessenden Amoeben kommen der Tropfenform 
am nächsten, wenn selbst auch bei diesen die Action innerer 
K.Täfte sich fortwährend geltend macht und in mannigfachem 
^Vechsel der Gestalt dieses Streben zur Tropfenform Überwindet, 
Siokt die Thätigkeit der Körpermoleculc, kommt die Amoebe zur 
Ruhe, so rundet sie sich kugelig ab. — Die schwerflüssigen 
Ainoeben haben andererseits die bestimmtesten und stabilsten 
Pormeo aufzuweisen, wie sie uns beispielsweise die bekannte 
**iorgensternförrüige Amoeba radiosa Ehrenberg's zeigt. ^) Das 
Formbestimmende scheint hier bei weitem vorwiegend die Haut- 
Schicht zu sein. 



, p. !)3. Vergl. imuli Fr. E. Schulze, 

^1 Id dieser Form, sclireibt L. Äaerbach (Zeitscbrift f. wiss. 7,oo\. 1856, 
"(l. VII, p. 402], verliarren die Amoeben oft sehr lange starr und regungaloB. 
^Qdere Male aber sieht man sie einzelne ihrer Fortsätze tasterartig bewegen 
'^nd selbst kaiefürmig beugen und strecken; oller eB fängt nach einiger Zeit 
^Bi Thier an unter dem Anscheine des ZerfliesBena sich auszubreiten und 
^DD herumzukriechen. Viele Individuen trillt man andererseits eu Anfang 
der Untersuchung kugelig an, weiche alsbald Fortaätze lieiben und die 
Morgensternforni annehmen oder auch zu kriechen anfangen. — Es ist iTohl 
denkbar, dass Wasserabnabme oder Wasserzu nähme im Körper unmittelbar 
geachildertea Verhalten beeinflussen. 



^ 



43 Ediinrd Strasbarger, 

Franz Eilbard Schulze beobai;btete neuerdings eine guu 
■uerkwüi-dige Amoebe : die MaBtigamoeba aspera , wdche du 
hyaline, zähMseige Hautschicb't ntul von dieser nmgcbloBBentt 
düunflilHsigeB Etirnerplasraa zeigend, vorwiegend bilateral ent- 
wickelte dicke Psendopodiea nod vorn ansserdem eine Gelisel 
aufzuweisen hatte. ') 

lüne eigene DifFerenzirung und FortngeBtaltung zeigt i 
Hautschicht an den Geisselzellen der Schwämme, wie das vo 
James Clark, Carter und vornehmlich von Haeckel -) beschriebe]! 
wurde. An den übrigen Flächen nur als dünne Schiebt di 
Kömerplasma tiberziehend, schwillt sie nämlich an der Endflücbfl 
der Geisselzelle zu besonderer Stärke an. Sie bildet hier eine» 
hyalinen, cylindriscben Hals, der aus seinem Mittelpunkte e 
lauge, dünne, bewegliche Geissei bervorsendet, an seinen Räadem 
aber zu einem dünnen Trichter sich ausbildet, der kragenOiTmig 
die Geissei nmgibt. Die Geisselbewegung kann in amoebüdfl 
Bewegung verwandelt werden entweder im normalen Verianfe is 
späteren Entwickelung oder nnter besonderen physiologischen Vi 
hältuissen, oder aneb bei künstlicher Zerinpi'ung des Endodemi! 
Dann wird nicht nur die Geissei, sondern auch Kragen und Hill 
der Geisselzelle in die glciebmässig sich nm die Zelle vertheilenA 
Hautsehicht eingezogen. Die längliche, cylindrisch-koniscboGi 
stalt der Geisselzelle geht in eine rundliche oder snbßpbäriwä ^^ 
über und nun beginnen überall auf der Oberfläche der HautsoKdll 
feine, langsam sieb bewegende Fortsätze aufzutreten, welche it 
Grösse, Gestalt und Zahl langsam ändern.') 

Die autonomen Formgestaltungen der Plaamakörper, die m 
an den angeführten Beispielen in so anschaulicber WeiM M 
gegentreten, gestatten uns auch eine Vorstellung von den maiüS 
fachen Vorgängen, wie sie bei den StructnrdifFerenziniDgea «^ 
thierischen Körpern sich abspielen müssen. Denn die StruotW 
differeuzirung der Tbiere ist vomämlich durch eine bleibende G* 
staltung ihrer constituirenden Plaamamassen bedingt. — Bei < 
Pflanzen sind es hingegen mehr Aussonderungsproducte des F 
toplasma, an welche aufrälHgere Structurdifferenzen geknüpft toA 
während das Protoplasma selbst in ziemlich unveränderter Fof 
ans hier fast überall entgegentritt. Nur in den GeschlechtBpW 




') Archiv für mjkr. AnuL Bd. XI, p. 583. ^^ 

») Die KaikBchwÄmme 1878. Bd. I, p. 140 u. il'.^Vorgl. dorl ilie tiiW»"" 
■j So Haeckel i. c, p. 408 und 409. 



— : — ' ¥- 

Studien aber daa Protoplasrnn. 43 

V finden wir auch bei den PflanzeE uutnittelbare Erzeugnisse 
>8 Protoplasma, die den entsprechenden nnd anderen Gebilden 
» Thierreielis sieb zur Seite stellen lassen. — Die Protisten ver- 
Jten sich in einzelnen ihrer Grappea sehr verschieden und bald 
igt ihr protoplasmatiseher Körper kaum eine sichtbare Sonde- 
ig, bald erreicht hier diese Snndemng die allerhöchaten Maasse. 
InstToll differenzii-te Aussondern Dgsprodncte begleiten manchmal 
n mehr oder weniger zusammengesetzten, oft aber gerade den 
ifachsteu Pro to plasmaleib. 

Abgesehen von seinen inneren Stmcturverhältnissen ist aber 
9 Protoplasma im ganzen, organisirten Reiche, ob unmittelbar 
5r mittelbar, als der Träger der Gestaltung anzusehen. 

Wenn wir auch, wie erwähut, die inneren Structnrverhältnisse 
r Pflanzen fast ausnahmslos an Anssonderungsproducte des Pro- 
ilitsma geblinden findeo, bleibt die Ml'glichkeit doch offen, dass 
I Protoplasma auch hier einmal unmittelbar in complioirte 
adernngsverhältnisse eintrete, Dabei gebt es hier aber als 
■ende Substanz unter, während es bei den meisten seiner Dift'e- 
isiirungeu in thierischen Körpern, so wie ganz im Allgemeinen 
. seiner Umbildung in Geschlecbtsprodncte, innerhalb der lebens- 
ligen Modifieationen verbleibt. Eine Grenze zwischen lebenden 
S-leblosen Produeten des Protoplasma wird übrigens an vielen 
ten nicht scharf zu ziehen sein. 

Der Fall, um den es sich hier handelt, tritt uns bei relativ 
sh organisirten Pflanzen und zwar in den Sporangien der 
"dropterideen (Rhizokarpeen) entgegen. 

Meine diesbezüglichen Angaben ftlr Azolla') fanden ihre Stütze 
3en gleichzeitig erschienenen entwickelungsgesehichtlichen Unter- 
shungen von Bussow über Marsilia-), bald in ähnliehen Unter- 
shungen Jnranyi's über Salvluia^). Aus den letztgenannten 
beiten gebt unzweifelhaft hervor, dass das eomplicirt gebaute 
jsporium an den Makrosporen, sowie die Zwlscbenmasse, welche 
I Mikrosporen der Hydropterideen verbindet, ein unmittelbares 
Serenzirungsproduct des umgebenden Protoplasma ist. 



') Ueber AmIIs, 1873, p. 62 u. 71. 

*) Histologie und Entwicklungsgcscliichte der Sporeofntcht vdd Mar«il>ii 
'I und Vergleichende UateTBatihaDgen, Mem. de l'Ac. iiiip. d. at^. de St. 
tersböurg, Vlb""' Sa^ie, Tome XIX, p. S2 u. ff. 1872. 

*) Ueber die Entwicklung der Sporangien uud Sporen der Salviiiia 
Ulis, tS73. 



i 



^ 



44 Eduard Slrasburger, 

Die jange Makrospore von MarsUia wird von einer aas da 
Specialmutterhilutea hervorgegangenen, dtlnnällesigeii Hülle i 
faset, um welche sieh alsbald feinkörniges, bräunlich tingiittf 
Protoplasma zu einer Blase ansammelt. ') Die Protaplasmablasa 
nimmt Ellipsoidforoi an. Fast an ihrer ganzen, inneren Periphedt 
tritt nun plötzlich eine in zwei Schichten differenzirte, verhältDi» 
massig äusserst dicke, hellbraun tiogirte^) Haut auf. Von da 
beiiien Schichten ist die innere structurios und von geringe 
Mächtigkeit, die äussere aus sechaeckigeu, radialgestellten, c 
wandigen und mit granulirter Flüssigkeit eritlllten Prismen n 
sammengesetzte, von einer Dicke, welche dem dritten Theile dff 
definitiven Mächtigkeit dieser Schicht gleichkommt. In T 
jetzt gebracht, werden nach einigen Minuten sämmtlicbe Contoatei 
der Haut undeutlich und alsbald in eine farblose, vacuolige Pro» 
plasmamasse verwandelt. — Diese Haut wird also unzweifelh^ 
aus dem Protoplasma selbst gebildet. Hat sie die halbe Mächüff 
keit des definitiven Zustandes erreicht, so wird sie von WsiX 
nicht mehr angegriffen. Das die Haut umgebende ProtopUanil 
bildet noch eine hyaline, dilnne Schicht an ihrer OberflS«!* 
Dann schwindet die die Spore umgebende FIttssigkeit und i 
Membran legt sieh der aus Protoplasma gebildeten Haut: de» 
Episporium, an, um mit ihm fest zu verwachsen. — Bei da" 
Keife wird der Inhalt der Prismen des Episporiums durch Luft 
ersetzt. 

Bei Salvinia sieht man die junge Makrospore ebenfalls von 
einer protoplasmatischen Substanz umgeben, welche, wie JnrMjl 
zeigt ^), aus den zerfallenen Mantelzellen des Sporangium nod di 
übrigen Sporen stammt. In dieser Plasmaniasse beginnt die A 
fiuitive Differenzirung mit der Vermehrung der Vacuolen, weicht 
schliesslich an allen Orten aneinanderstossen und das schäm 
artige Episporium bilden. Bei Salvinia ist dieses Episporinnl 
wie wir sehen, viel einfacher gebaut als bei Marsilia, auch ^ 
letzterer tritt es aber an Verwickelung des Baues noch weit hinB 
dasjenige der Azollen zurück. 

Bei letzteren besteht das Episporium, welches die Makrospoi 
amgibt, aus zwei verschiedenen Theilen: einer unteren mehr eäl 
weniger kunstvoll gebauten Haut und einem oberen, massig^ 



') Riuflow, »ergl. Uutera., p. 53 u 
•) Ebendaa., p. 53 u. ff. 
') 1. c, p. U u. ff; 




^^H Studien über das Frotoplaflma. 

Srper, den ich als Sehwimniapparat bezeiclinet habe, weil em 
i Spore später schwimmend auf der Oberfläche des Wasserq 
lält. Figur 28, ans meiner Abhandlung über Azolla entuommenJ 
gt eine solche Makrospore von A. fillculoides Lam. in dem Sornl 
igeechloesen, den sie nach Resorbtion aller gleichzeitig mit ihil 
2f€legten Sporen und selbst des Sporangiums, vollständig er-^ 
lt. Der Schwimmapparat besteht hier aus drei annähernd 
afSrmigen Körpern von schaumiger, derjenigen des Episporium 
X Salvinia entsprechender Substanz. (Fig. 29.) ') An einzelnen 
'Uen tinden sich in dieser Substanz Concremente. (Fig. 30.) Am 
beitel der birnl'ormigen Körper geht die schaumartige Substanz 

feine Fasern über. (Fig, 2Ö.) — Der Bau der Haut an der 
teren Hälfte des Episporium von AzoUa filienloides soll durch 
Bere Fig. 31 nnd 32 vergegenwärtigt werden, und zwar bei 32 
Cberflächenansicht, bei 31 im Längsschnitt. Diese Haut grenzt 

die radial gestreifte, bräunlich-gelbe Membran der Spore unA 
det warzenförmige Vorsprünge, die theils einzeln irei stehei^ 
iils zn zwei verschmolzen sind. An die Membran der Spore grenzt ' 
le bräunliche, schaumartig differencirte Substanz, die auch die 
arzen ausfüllt. Die Einsenkungen zwischen denselben sind von 
ler soliden, stark lichtbrechenden, gelblichen Substanz ausge- 
eidet. Die Oberfläche der Warzen wird von eljier grumoesen 
aase bedeckt; endlich entspringen von den Rändern der Warzen 
nge, peitsehenförmige, farblose und homogene, äusserst 
äden. 

Bei jeder Speciea der AzoUen ist nun der Bau dieser Hanl 
iTSchieden. 

Bei Azolla caroliniana (Fig. 33) folgt auf die SporenmembraiB 
ne feinfaserige Zwischenmasse und auf diese eine starke, mip^ 
iregelmässigen, knotigen VorsprUngen besetzte Haut; von den 
orsprUngen gehen feine, peitsehenförmige Fäden aus. 

Bei Azolla pinnata R. Br. (Fig. 34) folgt auf die Sporenhaut 
De starke Faserschicht und auf diese eine dicke, aus radial- 
istellten Prismen gebildete Haut. An einzelnen Stellen ver- 
aehsen benachbarte Prismen zu einem starken, knotigen, vor- 
ringeoden Höcker. 

AzoUia niotica de Caisne (Fig. 35) endlich zeigt in der untere 
älfte ihres Episporiums einen der A. pinnata ähnlichen Bau, i 



*) Die meiat«n der folgenden Figuren nochmals nach der Natur gej 



I 

I 

I 



46 Eduard Strasbui^er, 

ist liier im ■yerhiiltniss die faserige Zwischeninaasc »ehr redncil^ 
die Prismen regelmÜBsi^er ausgebildet und breiter, die TorepriD 
genden Höcker kleiuer. 

Im tJebrigen muse ich liier auf meine Abhandlung über 
und die dort gegebenen Abbildungen yerweiseu. 

Die Mikrosporen von Salvinia sind in eine schaumige Sb! 
stanz eingebettet, die durchaus derjenigen des Episporinms äa 
selben Pdanze auch der birnförmigen Körper der Azollen nnd dl 
Zwiachensubstan/. bei Azolla üticuloides entspricht. Juran^H hl 
auch hier gezeigt, dass diese Substanz dem sich difTerenzirendeii 
Protoplasma der zerfallenen Mantelzellen des Sporangimn ejll- 
stammt. ') Bei Äzolla ist nun das Merkwürdige, äas» dien 
schaumige Substanz, in der die Mikrosporen eingebettet liegen, 
nicht einen Körper wie bei SaMnia, sondern stets mehrert 
Köi'per in jedem Sporangium bildet. Ansserdeni zeigen Ufi' 
diese s, g, Massulae oft sehr eigenthllmliche Fortsätze an ihwf 
Peripherie. In meiner Abhandlung Über AzoUa nahm ich ai^ 
dass die schanmartige Substanz der Masgulae von einer besonderet 
Haut umgeben sei. Ich muss das jetzt nach besserer EiosicH 
zurücknehmen; diese Haut ist in der That nichts als die Ab- 
grenzung der peripherisch gelegenen Bläschen nach aussen. 

Die Fortsätze der Massulae treten uns in dem einfachstf» 
Falle als direete, um^egelmässige Vorsprffnge der schanmigw 
Hubstanz entgegen, so wie wir es etwa in Fig. 37 für ÄwB* 
pinnata sehen können. 

Bei AzoUa ülicnloidea und caroHniana sind es hingegen hw^ 
artige Gebilde, die s. g. Gloehiden, welche nur der Peripherie det 
schaumigen Substanz aufsitzen. Fig. 38 zeigt eine ganze Massai* 
von Azolla hliculoides mit den ihr aufsitzenden Gloehiden. Fig.38* 
und 40 eine solelie Glochide in der Front und der Seitenangielit 
Ich hatte früher einige Bedenken, diese Gloehiden, ihres taeJ^. 
würdigen Baues wegen, auch weil sie ausgehiidet noch eine* 
selbständigen Wachsthums fähig sind, für unmittelbare DifferW 
zirungsprodncte des Protoplasma zu halten ; jetzt sind diese B6" 
denken bei mir völlig geschwunden, wo ich weiss, dass bei M»^ 
silia die aus dem Protoplasma differenzirle Prismenschicht 
noch wachsen kann, und ich mir vergegenwärtigte, daas aicW 
minder eigenthümliche unmittelbare DifferenzirangsprodHCte de* 
Protoplasma bei den Myxomjceten vorliegen. Gegen die ZeJlw 




c, p. le. 



^^ueser 



Stadisn über das Protoplasmn. 47 

tun dieser Gebilde sprach auch früher schon ihre Ineertinn an 
r Peripherie der Massulae, der Mangel der Zellkerne und auch 
fliehen Inhaltes in den Hohlräumen ihres Körpers,, ihre inner- 
Ib dieser Hohlräume sehr häutig unvollständigen Scheidewände. ') 
1 nahm früher auch Anstand diese Glochiden mit den Fortsätzen 
) den MasBulae der Azolla pinnata und nilotica zu vergleichen; 
amehr neige ich aach zu dieser Zueammenstcllung, nachdem 
die Fortsätze bei Azolla pinnata einer nochmaligen, eingehen- 
1 Beobachtung unterzog. In der That fand ich nämlich (Vergl. 
;. .B7), dasB diese Fortsätze sich in mancher Beziehung den Glo- 
den nähern, langgestreckte Formen wie diese annehmen (Fig. 37 
ibts] und sogar auch annähernd äbaliche Kammern in ihrem 
leren zeigen können, Die Glochiden bleiben immerhin noch 
1 extremsten, sehr hoch ausgebildete Formen dieser Fortsätze. 

Alle nun diese Episporien und Massulae aufbauenden, aus 
>topIaBmatischen änbstanxen direet erzeugten Gebilde zeichnen 
h im fertigen Zustande durch ihre ausserordentliche Resistenz- 
ligkeit gegen coneentrirte Säuren und Alealien aus, so wie 
rch ihr gleichgültiges Verhalten gegentiber gewohnten mikro- 
smischen Reagentien. Nur dass ihre Brannfärbnng mit Jod 
lingt, nicht anders übrigens als cnticularisirter Zellhäute. 

Die Fruchtkörper der Myxomyceten, die wir sicher ebenfalls 

unmittelbare Producte des Protoplasma aufzufassen haben, 
rhalten sich auch in miki'ochemiscber Beziehung Jenen Gebilden 
r Hydropteriden gleich. Auf die entwickelungsgeschichtliche 
Iinlichkeit, welche zwischen diesen Gebilden besteht, hat auch 
'Stafinski -) in seiner Inaugural-Disaertation hingewiesen. 

Beispielweise soll hier noch der Angaben von Oscar Schmidt ') 
dacht werden, dass auch die so resistenten Fasern der Horn- 
DDgien einer unmittelbaren Umwandlnng des Protoplasma ihre 
itstehung verdanken. 



Der Zweck aller dieser Schilderungen war der, in uns die 
Sberzengung zu erwecken, dass das Protoplasma als ein sehr 
mplioirt gebauter Körper anfgefasst werden müsse. 

Diese Ueber;eeugung muss uns leiten, wenn wir uns das 



') Das Näliere vergl. in meiner Abhandlung, 

^ Versuch eines BjateaiB der M^cetozoen 1873, p. 

■plement der Spungieu de« Adriat. Meeres^ Leip^JS64j p. 7 n. a. 



I 

p 



48 Eduard Stmaborger, 

Protoplannia eines Eies als Träger der speeiflflchöi Eigensthnftl 
des gaozea zukünftigen Organiamiis Vürstellen solleo. 

Zu dieser Vorstellung kann nns die Betrachtung einfachere 
Verhältnisse bei den niederen Organismen verhelfen. 

Bei Mysomyceten finden wir als Vorstnfe der oft so complicii 
gebauten Fruehlkörper nur Protoplasma als Plasmodium vor. 
diesem Protoplasma werden die Fruchtkörper unmittelbar dtf 
gestellt. 

So gering im Verhältniss die Verschiedenlieiten in den Plal 
modien der einzelnen Arten sind, so bedeutend könneu die Fmcht 
körper derselben differiren. Unter den sichtbar gleichförmigen 
Eigenschaften der Plasmodien mllssen also Verschiedenheiten v» 
borgen sein, die sieh jeder directen Wahrnehmung entziehen. 

Diese Verschiedenheiten können weder durch die weehselnÄ' 
Grösse der hypothetischen Plasmamolecule, noch durch die wech- 
selnde Grösse ihrer Wasserhilllen, noch durch die einfache Steige: 
mng oder Verringerung der Action der Moleeule bedingt seia^ 
denn diese Diß'erenzen äussern sich ja, wie wir annehmen n 
in den sichtbar werdenden Consistenzunterechieden, die in keinen 
Verhältnisse zu späteren Structurrerhältuissen der Fruchtkörpffl 
stehen ; auch haben wir ja gesehen, dass nicht einmal die Eigen- 
schaften der Hautschicht sich, als solche, aus Consistenzdifferenzen 

Protoplasma allein erklären lassen. Andererseits würde dec 
Wechsel dieser Verhältnisse nicht den nöthigen Specialranm biet« 
für die Erklärung der grossen Manigfaltigkeit der Erscheinttug« 
am Protoplasma. 

So milBsen wir wohl die Molecnle selbst als Träger der spi 
cißschen Eigenschaften uns denken. Diese Molecnle wären daS 
aber, wie von verschiedenen Seiten bereits angedeutet warde, J 
Einheiten von sehr zusammengesetztem Bau aufzufassen. 

Als active Plasmacentren sind dieselben neuerdings v 
Eisberg') und HaeckeP) „Plaatidnle" benannt worden. 

Dass diese Plasttdulen die Träger der specifischen Eig( 
Schäften des Plasma sind, das zeigt schon der Umstand, da 
aus einem Plasmodium eine unbestimmte Zahl Fruchtkörper l 
gelegt werden kann. Jedes Stück eines künstlich zertheilti 
Plasmodiums ist befähigt, einen Frachtkörper zu erzeugen, 

') Froceed. of the Americaa Association, üartford ISTI. 
'j Die Perigenesia der Plaflädule 1876. 



■w : : — r 

Stuiliea Öhpr lias Froloplnäma. 49 

ei'rinr die auBieichende Masse hierzn besitzt. Jedes Stück eiues 
Plasmodinms hat also die EigensctiafteD des Gänsen. 

Ebenso konnte eine Vancheria - Schwärmspore künstlich in 
nielirere zerlegt werden, welche sich nur in ihrer Grösse von der 
arsprönglichen nnterschieden. 

So auch kann selbst bei böhei'en Organismen das Protoplasma 
einer einzelnen Zelle befähigt sein den ganzen Organismus zu 
wiederholen. Beispielsweise werden hei gesteckten Begoniahlätlern 
neue Pflanzen aus einzelnen Epidermiszellen erzeugt nnd kann 
fast jede peripherische Zelle eines Laubmooses zu Protonema 
aufiwachsen nnd somit durch Vermittelung des letzteren ueaen 
Pflanzen den Ursprung gehen. 

Besonders zur Wiederholung des Organismus angepasste Zellen 
sind aber die Sporen und Eier. 

Erstere recapitnliren die Entwickelung unmittelbar, letztere 
nachdem ihr Protoplasma erst mit dem Protoplasma einer anderen 
Zelle sich vereinigt hat. 

Wodurch aber die Erscheinung bedingt wird, die wir bei 
den Organismen Entwickelung nennen, darüber lässt sieh nach 
dem Stande unseres Wissens nicht einmal eine Hypothese aul- 
stellen. Es sind da jedenfalls molecidare Vorgänge im Spiele, 
die sich jeder physikalischen Behandlung bis jetzt entziehen. 

Ebenso wenig als Über die Mechanik der Entwickelung können 
wir uns Über die Mechanik der Vererbung eine Vorstellong machen. 
Wir constatiren nnr die Thatsache, dass die Art der Entwickelung 
dnrch die Vererbung bestimmt wird. 

Wir nehmen weiter an, dass äussere Ursachen im Allgemeinen 
das Auftreten neuer Eigenschaften an den Organismen, als soge- 
nannter Anpassuugserscheinungen, veranlassen. 

Mit welch molecularcr That aber ein Organismus auf einen 
änsseren Einfluss reagiit, ist unbekannt. 

Es besteht hier kein directes Verhältniss zwischen derAction 
nnd der Reaction , daher man wohl anch so häufig die äaasere 
Action bei Veränderungen der Organismen in Abrede gestellt hat. 

Vererbt werden aber nur solche Veränderungen, welche ent- 
weder das ganze Protoplasma des Organismus, oder doch zum 
Mindesten, auf directe oder iudireete Weise, das Protoplasma 
seiner ungeschlechtlich oder geschlechtlich erzeugten Vermehrungs- 
I Organe beeinflussen. 

, Verändernngen, welche nicht das ganze Protoplasma bcein- 

I üuBs en oder doch nicht eukhe Theile, welche ihrerseits einen Ein- 

H. ,_ " 



no 



Eduard Strasbuiger, 






fluBS auf die Vermebrimgfgorgaiie Üben, werden nicht vererbt, 
die Varietäten, die wohl durch Stecklinge sich Tenrielf^ltigen laseei^ 
nicht aber durch Samen. 

Die gegenseitige BeeinäusBung der ProtoplasmamasBen eine 
Organismus bei eingetretenen Veränderungen mag die Corre 
latioDserscheinungcn znr Folge haben. 

Nehmen wir aber auch an, dass äussere Ursachen in 
phylogenetischen Entwicklung das Auftreten neuer EigenschafteQ 
veranlasst haben, mag ihre Aufeinanderfolge in der phylogene^ 
tischen Entwickeiung auch ihre Aufeinanderfolge in der onto-, 
genetischen Entwickeiung bestimmen, so viel ist sicher, dass die 
ontogenetische Entwickeiung nun unabhängig von den frliherea 
Einflüssen vor sich geht. 

Die äusseren Ursachen sind es hier nicht mehr welche t 
\ Aufeinanderfolge der Entwickehingszustände veranlassen, dieet 

" gehen vielmehr selbständig aus einander hervor. 

Es giebt also eine Mechanik der Entwickeiung, wo jede 
I Zustand, unter eouBt in gewissen Grenzen sieb gleich bleibende! 

Verhältnissen, einen nächstfolgenden mit Nothwendigkeit setzt. 
I Die Mannigfaltigkeit der Entwickeiung scheint durch di( 

Eigenschaften des Protoplasma in gewisse Schränken gebannt z\ 

I sein, das glaube ich wenigstens aus der Thatsacbe Ibigera i 

I müssen, dass so häufig analoge Erscheinungen in der Entwicka 

I lung wiederkehren, auch wo eine Homologie nicht anzunehmen ü 

L Trotzdem halte ich es nicbt für wahischeinlich, denn darauf 

I beruht ja die relativ so grosse Stabilität der Arten -Charakter^ 

^^^^ dass das Protoplasma ohne äussere Veraolassung neue Eigen 
^^^L Schäften annehmen sollte. Wird aber unter dem Einflüsse einet 
^^^J^usseren , kräftig genug wirkenden Reizes einer der bisherigei 
^^^Vcharaktere des Proloplasma verändert oder das Auftreten eic 
neuen Charakters veranlasst, so scheint dies nur innerhalb l 
j stimmter Bahnen erfolgen zu können. 

i Wir dürfen nicht annehmen, dass im Protoplasma des Eie) 

[ alle Theile des Organismus ihre „Keimchen" hätten. Diese Vor* 

1 Stellung ist unverträghch mit den heutigen Anschaunngen der 

Histologie; ausserdem müKstc ja bei solchen Organismen, wo dai 
Protoplasma einzelner, abgeleiteter Zellen den ganzen OrgaDlBlsal 
wiederholen kann, angenommen werden, dasä auch jede beliebigf 
Zelle die Eeimchen zu allen Theilen des Organismus in siel 
Bchliesst. Das würde uns nur zu der Annahme zurflekfuhren, dasi 
^ch hier um die Eigenschaften des Oesammtplasma d^ 





Studien über <iaE trotopluismu. 51 

ganisnitis, so weit dieses nicht etwa spociellen Functionen ange- 
passt und in besondere Structnr eingetreten ist, handle. 

Eben so gat als wir gezwungen sind, bei den Myxomyceten, 
deren Fruchtkörper unmittelbar aus dem Protoplasma der Plas- 
modien hervorgehen, so viel verschiedene Plasmodien anzunelinien, 
als es verschiedene Arten Fruebtkörper gibt, sind wir auch ge- 
zwungen, so viel Protoplasma-Arten anzunehmen, als überhaupt 
verscbiedene Arten von OrganismcD existiren. 

Man mnss sich daher das Ei einer Organismen-Art als von 
den Eiern aller anderen Organismen-Arten different denken, wie 
ja das auch schon aus dem Umstände folgt, dass ein bestimmtes 
Ei nur eben diesen, aber keinen anderen Organismus hervor- 
bringeu kann. 

Die Aehnlicbkeit zwischen den Eiern und den sich ent- 
sprechenden Entwickelungsznständen verschiedener Arten von 
Organismen sehen wir aber- ajs die Folge ihrer Homologie, d, b. 
Blntverwandtschaft an, so weit nicht etwa blosse Analogien vor- 
liegen, welche eine Folge der gleichen Eigenschaften des Substrats 
sind, aus dem die Organismen sich entwickelt haben, 

Dass aber trotz der nothwendig anzunehmenden Verschieden- 
heit des Protoplasma der Eier solche Aehnlichkciten in der Ent- 
wickelung zwischen ihren Entwickelungs ■ Produeten besteben 
bleiben, lässt sich nur begreifen, wenn wir weiter annehmen, dass 
jeder Charakter so lange innerhalb der molecnlaren Sphäre ver- 
borgen bleibt, bis nicht im Gange der Entwickelung derjenige 
Zustand erreicht worden ist, an dem er sieh frei manifestiren kann. 

Von diesem Standpunkte aus lässt sich nur die Tbataache 
der Vererbung in correspondirendem Alter begreifen, anf welcher 
überhaupt die Möglichkeit einer Wiederholung der phylogene- 
tischen Entwickelung durch die ontogenetische basirt. 

Tritt im Gange der Entwickelung derjenige Zusand nicht ein, 
an dem sich ein folgender änsserii kann, oder wird der letztere 
in seiner Manifestation verhindert, so bleibt es immerhin möglich, 
dass er als molecuiarc Eigenschaft des Protoplasma auf die Nach- 
kommen vererbt werde und sich dann unter günstigen Umständen 
bei diesen als Atavismus äussere. 

Diese Betrachtungen wurden durch ähnliche Untersuchungen 

von Charles Darwin, Eisberg und Haeckel angeregt; sie liessen 

sich natnrgemäss einem Aut^atze über Protoplasma anschliessen. 

Ich lege sie hier in rein hypothetischer Form nieder, als einem 

^^uiteren Versuch den Erscheinungen des Lebens nä-liftt t-m. \s' 



1 



b-J 



Biluaril StMsljurger, 



i 



In aeiueii beriilimt gcwordouen „miki'oebftptschen Üni 
Buchungen" ') dachte sich Schwann die Entstehung eioär 
gleicliBam durch KryatalliBation , also ahnÜeh deijeuigen eii 
Krystalls, nnd führte hierauf eine Parallele zwischen Zelle ii 
Krystall durch, indem er die Unterschiede, die zwischen hcid 
bestehen, ans der Natur der Stoffe «n erklären suchte, die 
Krystall für Flltsaigkeiten nndnrehdringlich, bei der Zelle durc 
dringlich seien. 

Nach den neuerdings an Zellen gemachten Untersaehnn^ 
dürfte kaum noch die Bildnng derselben mit einem Krystallisation 
Vorgänge sich vergleichen lassen, und wo anders die Zelle nocb n 
einem Krystall verglichen wird, so geschieht dieses wohl nur, i 
man beide für gleichwerthige morphologische Individualitäten hä 

Anci dieses lässt sich aber nur von einem ganz abstntcK 
Standpunkte aus thun, etwa von der Ansicht auegehend 
^elle spiele eine ähnliche Rolle in der belebten, als der Eiyeli 
in der leblosen Natur. Thatsächlicb entsprechen sieb aber Kry 
stall und Zelle oicbt, denn auch das Protoplasma kann krystäl 
lisiren ; wo es dies aber thnt, stehen seine Eryetalle in keiiiei 
Verhältniss zu den Zellen. 

Die Protoplasmakrystalle beweisen andererseits, dass aaa 
imbibitionsiahige Substanzen zum Krystallisiren befähigt i 
Ja diese Krystalle bleiben selbst imbibitionsfahig und sind jfin 
Winkel ausserdem etwas inconstant, was Naegeli hewog, sie a 
„ Krystalloide" zu bezeichnen. 

Sie werden in EndoBpermsellen als ReservestoÖe angetroff^ 
Man findet sie hier in Klebermeblkörnchen eingeschlossen I 
werden sie samnit jenen hei der Keimung gelöst, um zur Prote 
plasmalildnng innerhalb der jungen Pflanze vei-werlhet zu werdei 

In anderen Geweben der Pflanze sind die Krystalloide selteo! 
ihr merkwürdigstes Vurkommen ist dasjenige in den Zellkeraffl 
bei Lathraea sguamaria. Man beobachtet sie dort, wie zaen 
Radlkofer zeigte-), in den Oberilächeuzellen der Samenknusp 
und aller mr Zeit der Sanienreife noeb vorhandenen BlttÜieo 
theile^) und zwar in Gestalt dünner, quadratischer oder reota 
gnlärer Plättchen zu Agregaten vereinigt. (Fig. 41 u. 4^-) 

') Mikrosk. Untere uiihungeo über ^lie Uebereinstiinmutig in. der Stni< 
und dem Wacbatbum der Thiere und Fflanzea, 1839. 

*) Uebor Kristalle pro tein artiger Körper pdanzliclieu und tbieiiac 
Ursprung«, iSSti. 



^^^^iSiekryst« 



Studien über ilaa Protoplas 



53 



Krystalloide reagiren weBentüeli so wie das Protoplasma 
und konnte ich in Krfahrnng bringen, daas anch dieOBDiiumaäure 
gaüT. in derselben Weise aal' sie einwirkt. Ich balie mir mit 
ZnLiirenabme derselben sehr scbüne Präparate aus dem Eudospeim 
von BerthoIIotia excelsa Iiergesteilt und auch Präparate der so 
empfindlichen im Wasser schon zerfiiebsenden Krystalloide der 
Lathraea squaniarla. (Fig. 41 und 42). Die letzteren taibtcn 
sieb dann auch mit Beale'schem Carmin schün roth in ihrer 



Van Tiegbem hat neuerdings aaf die grosse Verbreitung der 
Krystalloide bei den Mueorineen hingewiesen; dort sind sie eine 
ausgeschiedene Substanz. Sie werden aus dem Protoplasma be- 
seitigt, bevor es in das Sporanginm oder in die Copulationszelle 
tliesst, und grenzen sieb gegen dasselbe dann durch eine Mem- 
^^^ran ab. ^) 

^^^P Zum Schlüsse milchte leb hier noch einige Kemerkuugen an- 
^ttnupt'en über die Bildung der Cellulose- Membran an den Sebwärm- 
sporen der Vancberia sessilis. 

Ich hatte bereits Gelegenheit zu erwähnen, dass die Bildung 
dieser noch während des Schwärmens beginnt. Ich möcbte dies 
för die Ursache des Autliörens der Bewegung ansehen. Mit Hüi'e 
des früher beschriebenen Compressiousvert'abrens war ich in der 
Lage mich von dem Vorhandensein auch der zartesten Membran 
zu Uber/.engen. Wurde nämlich die Schwärmspore behutsam bis 
zum Platzen zusammengedruckt und setzte man nun, nachdem 
ein Tbeil des Inhaltes aus derselben herausgetreten war, ein 
wenig Wasser hinzu, so konnte man stets die Hautachicht 
von der oft unendlich zarten Membran zurücktreten geben. Auf 
solchem Zustande ist die Membran noch durch keinerlei Reagens 
nachzuweisen. Die Hautschicht ist stets vorhanden und schält 
sich gleichsam vun der Membran ab, welche sich unregelmässig 
faltet. Eine solche Membran konnte ich an den Sehwärmsporen 
schon kurze Zeit, nachdem sie ihr Sporangium verlassen hatten, 
nachweisen. Sie schwärmen trotzdem noch fort und ziehen, zur 
Knhe gekommen, ihre Cilien wohl durch in der Cellulose-Membran 
zurückgebliebene feine Oeö'nungen ein. 

Um Plasmaballen die nur von der Grandsnbstanz des KtJmer- 
plasma gebildet werden, wird keine Cellalose-Membran erzenst, 



i 

ge 

P 

■ V.!. 

i 



EJunril Striflliurger, 

«lil aber um hinreichend grosse , mit IlautgcUfcht ttm^reni 
Itiicke, ineofern es au der Innenseite der HautBcIiicht nicAt 
Vaterial zur Bildung der Zellhaut feblt. 

Ich habe folgende Versuche angestellt: eine eben zur Rnliß 

gekommene SchwUrmapore wurde in der wiederholt geselitlderten 

Weise eines Theiles ihres Inhaltes beraubt, dann Wasser zugesetzt 

md die Hautschicht so znm Zurückweichen von der zarten Cellu- 

)Se-Membran veranlasst. Nun wurde wieder mit Fliess-Papier 

Wasser entzogen und die Schwärmspore abgeflacht, doch nicht 

zum früberen Umfang, also niebt bis an die verlassene 

CelluloBe-Wand heran. In einer feucbten Kammer wnrde der so 

:e Zustand stabilisirt und nach 15 Minuten abermals Wasser 

:zngesetzt. Die sich abrundende Schwärmepore zog sich auch 

idieses Mal von einer äusserst zarten Cellulose-Membran znrfick 

CFig. 6). leb hatte somit die Bildung einer zweiten Cellnlose- 

^embrau um die Schwärmspore veranlasst. Es gelang mir in 

einem Falle, drei in einander gescbachtelte, mehr oder weniger 

vollständige Membranen auf diese Weise zu erhalten. 

Auch innerhalb eines ziemlich reifen Sporaugiuma erhiell 
die Schwärmspore, die ich in ähnlicher Weise von der Sporangiam- 
Wand zurücktreten Hess, eine zarte Zellhaut. Hier wurde sie 
.bcr viel langsamer erzeugt. 

Die Bildung der Membran geht sonst äusserst rasch von 
itatten, wie man sieb hiervon unter günstigen Bedingungen leicht 
iberzeugen kann. 

Auch an künstlichen Wuudstellen der Vaucheria-Schläuclie 
lassen sich die geschilderten Vorgänge heobaehteu. üin die 
herausgelrelenen Kugeln von Grundsubstanz des Kürnerplasma 
sieht man auch hier nie eine Cellulose-Membran auftreten, nicht 
etwa, weil das Material zu ihrer Bildung fehlt, sondern weil, wie 
ich meine, die Uautsehicbt allein befähigt ist die Cellulose-Meui- 
bran an ihrer Oberdäehe zu erzeugen Aus der Hautschicht hin- 
gegen,' sobald es ihr gelungen die Wundr. zu scbliesaen, wird 
auch hier sehr rasch eine zarte Cellulosc - Memhran ausge- 
schieden, die mit ihrem Rande an die Seitenwände aus CeUulose ' 
isetzt. 



Studien über das Protoplasma. 55 



Fi^renerklärung« 



Taf. I. 



Fig. 1—6. Vaucheria sessilis. 

Fig. 1. Sporangium mit fast reifer Schwärmspore. Alkohol -Präparat. 
Vergr. 240. 

Fig. 2. Vordertheil einer Schwärmspore noch im Sporangium. Nach dem 
lebenden Objecte entworfen. Vergr. 600. 

Fig. 3. Ein Theil der Hautschicht mit Cilien. Osmiumsäure-Präparat. 
Vergr. 600. 

Fig. 4. Ein ebensolcher Theii. Osmiumsäure-Präparat mit ßeale'soll^ 
Carmin behandelt.- Vergr. 600. 

Fig. 5. Ein ebensolches Object mit absolutem Alkohol behandelt. Bei a im 
optischen Durchschnitt, bei b von oben gesehen. Vergr. 600. 

Fig. 6. Theil einer Schwärmspore, die zur wiederholten Membranbildung 
veranlasst worden war. Die Schwärmspore trat von der zuerst er- 
zeugten Cellulose-Haut zurück und bildete eine zweite, die man 
auch theilweise verlassen sieht. Nach dem lebenden Objecte ent- 
worfen. Vergr. 600. 

Fig. 7—14. Equisetum arvense. 

Fig. 7—14. Spermatozoiden dieser Pflanze in verschiedener Lage. Fig. 7. 
horizontal gelegen von der Seite gesehen. Fig. 8, 9, 10 mit etwas 
gegen den Beobachter gehobenem Vorderende. Fig. 14 mit ge- 
senktem Vorderende. Fig. 11 und 12 Bauchansicht. Fig. 13. Rücken- 
ansicht. Fig. 7, 8, 10, 11, 12 mit Blase. Fig. 9 u. 14 ohne Blase. 
Die Blase der Innenfläche der hinteren Windung anhaftend, mit 
Ausnahme der Fig. 12, wo sie den vorderen Windungen anfiängt. 
Vergr. 900. 

Fig. 15—27. Aethalium septicum. 

Fig. 15—27. Plasmodienzweige dieses Myxomyceten. Fig. 15-21 im Ein- 
ziehen begriffen. Fig. 22 im Fortschreiten. Diese Figuren sowie 
Fig. 27, welche den inneren Theil eines Zweiges mit lebhafter 
Strömung (innerhalb der Linien) und von Schleimscheide umgeben, 
vorführt, nach lebenden Objecten entworfen. Fig. 2 ein im Fort- 
schreiten begriffen gewesener Zweig mit Osmiumsäure und Carmin 
behandelt. Fig. 24— 26 im Einziehen begriffen gewesene Zweige mit 
Chromsäure fixirt, Vergr. 600. 



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56 Eduard Strasburger, Studien über das Protoplasma. 



Taf. U. 

Fig. 28—40. Azo'lla. 

Fig. 28. Makrospore Yon A. filiculoides im Indusium eingeschlossen. Vergr. 100. 
Fig. 29. Scheitel eines Schwimmkörpers von der Makrospore derselben Pflanze. 

Längsschnitt. Vergr. 600. 
Fig. 30. Aus der Basis eines ebensolchen Schwimmkörpen. Längsschnitt. 

Vergr. 600. 
Fig. 31 u. 32. Aus dem unteren Theile des Episporiums derselben Pflanze. 

Fig. 31 im Längsschnitt, Fig. 32 von oben gesehen. Vergr. 600. 
Fig. 33. Unteres Episporium von A. caroliniana, im Längsschnitt. Vergr. 520. 
Fig. 34. Unteres Episporium von A. pinnata, im Längsschnitt. Vergr. 600. 
Fig. 35. Unteres Episporium von A. nilotica, im Längsschnitt. Vergr. 600. 
Fig. 36. Obere Ansicht des Massula-Schaumes von A. filiculoides. Vergr. 600. 
Fig. 37. Unteres Stück einer Massula von A. pinnata. Vergr. 600. 
Fig. 38. Eine ganze Massula von A. filiculoides. Vergr. 240. 
Fig. 39 u. 40. Glochide von A. filiculoides von vorne und von der Seite ge- 

sehen. Vergr. 520. 

Fig. 41 u. 42. Lathraea squamaria. 
Fig. 41 u. 42. Zellen von der Oberfläche der Samenanlagen. Verg. 240.